Antizipation
des Unterrichts aus dem Sach- und Schülerhorizont
Wenn es im erarbeitenden Unterricht um einen zielorientierten Lernvorgang der Schülerinnen und Schüler in Bindung an einen Sachgegenstand / Lernstoff geht, der u.a. nach der Obligatorik des Lehrplans und aus der Bedarfslage der Klasse/des Kurses gewählt ist, dann ist die „Antizipation“ ein Kernstück der Unterrichtsplanung. - In der Planung des Fachunterrichts werden die Gegenstandsorientierung und die Schülerorientierung zusammengeführt und zu einer Ergebnisorientierung gebracht.
Zunächst muss die Lehrperson ein eigenes Arbeitsergebnis zum Unterrichtsgegenstand erstellen, d.h. eine Sachanalyse:
Literatur: z.B. Analyseergebnisse – literarischer Kontext – Lebensbezug; Polyvalenz des Textes, Themen und Gestaltungsmittel in Funktion für die Textaussage, historische Differenz in der Rezeption und Wirkung – eigene Interpretation…
Textproduktion: Schreibsituation; Thema und Grundformen thematischer Entfaltung (deskriptiv, narrativ, explikativ, argumentativ); verlangte Textsorte; Textfunktionen (Information, Appell, Obligation, Kontakt, Deklaration, Unterhaltung / ästhetische Funktion); Schreibmuster, Textkriterien…; inhaltlicher Kontext; Formulierungsverhalten; Spracharbeit; Selbstversuch für die anstehende Schreibaufgabe ...
Sprachreflexion: die sprachliche Äußerung in Verwendungszusammenhängen und kommunikativen Situationen; das sprachliche Phänomen als Element eines Teilsystems; grammatische Formen und ihre Varianten in den Ebenen von Syntax, Semantik und Pragmatik; Reflexion über die Funktionen der sprachlichen Mittel (kommunikative, kontextuelle, stilistische, rhetorische Funktionen) …
Schlüsselprobleme: (s. Richtlinien: z.B. Selbstbestimmung - Mitverantwortung - kulturelles Leben - historische Entwicklung - fremde Kulturen [RLL S II] --- Frieden - natürliche Lebensgrundlagen - Minderheitenprobleme - Selbstbestimmungsrecht der Völker - kulturelle Identität - Humanisierung der Arbeitswelt - Partizipation - Rollenverteilung - Menschenrechte - naturwissenschaftlich-technische Entscheidungssituationen... [RLL S I] > Problemanalyse, Relevanz des Gegenstandes als Repräsentant eines Problemzusammenhangs und eigener Bezug dazu ...
Methoden: vom Gegenstand her sinnvolle Arbeitsmethoden; analytische, produktive, mediale...
Begriffe: allgemeinverständliche zur Wortschatzerweiterung, historisch-veraltete, fachsprachliche, kategoriale, ...
Nun soll - aus dem Vollen der eigenen Sachanalyse schöpfend - in der didaktischen Reduktion und Schwerpunktsetzung das in dieser Klasse in 45 Minuten Machbare entschieden werden; und es müssen Methodenentscheidungen getroffen werden, wie das Angestrebte erreicht werden kann.
Basis hierfür ist eine Bedingungsanalyse, mit der man sich die Klasse plastisch vor Augen führen muss: konkrete Lernvoraussetzungen der Stunde; Vorwissen zum Unterrichtsgegenstand und eingespielte Fertigkeiten; Position des Sachgegenstandes im Reihenzusammenhang - Position des Sachgegenstandes in der Lernlaufbahn der Klasse/des Kurses; Information über die Interessen und Neigungen der Schüler; gruppendynamisches Zusammenspiel, einflussnehmende Rolle einzelner Schülerinnen und Schüler; äußere Umstände etc.
Aus dieser Kenntnis des Schülerhorizonts und der Sachanalyse heraus erfolgt die Planung der Lernziele und des Stundenverlaufs.
Dabei müssen Vorgänge der ANTIZIPATION erfolgen: Mit didaktischer und methodischer Phantasie muss die Lehrperson konkretisieren, wie sich die Planungsentscheidungen auswirken werden und sollen.
Antizipation der Motivation durch Thema, Text, Medium, Material…
Ist eine explizite
Motivation zu inszenieren, am Stundenbeginn, zwischendurch; oder ermöglicht der
ausgewählte Gegenstand eine intrinsische Motivation; welche Prä-Formen sind
dem Gegenstand angemessen und führen funktional und rasch zum Gegenstand
selbst: pre-reading activities, Vorgespräch, brainstorming, Bildimpuls,
Sachgegenstand, eigenes erlebnishaltiges Erzählen, Medienimpuls...; sind sie
wirklich nötig (!) oder ist der Text gut, auf das Material Verlass, die Aufgabe
in einem Projekt gut aufgehoben?
Antizipation der Schülerreaktionen
erwartbare Reaktionen in ihrer Vielfalt; Konsens und Abweichungen; zu nutzen in
einer gezielten Spontanphase, aus der dann die Problemeröffnung und die Planung
des Arbeitsvorhabens abgeleitet wird; wie wird die Klasse auf Präsentationen
und Beiträge von Mitschülern reagieren?
Antizipation der Nutzung von Vorwissen
worauf kann man bauen; welche Umwege lassen sich also vermeiden; wie lassen sich
die Schülerinnen und Schüler einbeziehen; gibt es Vorwissen aus anderen
Unterrichtssequenzen / Jahren im Fach; Vorwissen aus anderen Fächern; gibt es
verbreitetes Weltwissen zum Gegenstand; wie lassen sich Dopplungen und
überflüssige Wiederholungen vermeiden; wie sind die Hausaufgaben
einzubeziehen?
Antizipation der Phasenentwicklung
wie werden die geplanten Phasen gelingen: wie wird die Eröffnung funktionieren
(Begegnung mit dem Gegenstand, Problemeröffnung, Arbeitsansatz,
Lernperspektive) - wie wird die Erarbeitung funktionieren (an Text/ Material/ Schreibaufgabe/
Reflexionsaufgabe; analytisch, produktiv oder diskursiv; unter Einsatz
bestimmter Methoden, mit Vorbereitung einer Ergebnissicherung) - wie werden die Ergebnissicherung
und die Vertiefung funktionieren
(verbal, medial, durch Präsentationen, im verarbeitenden Gespräch zu
abgeleiteten, festgelegten oder vereinbarten Teilthemen
["Themeninseln"]; durch Integration verschiedener Teilergebnisse; mit
Transfer auf folgenden Unterricht, auf eigene Lebensbezüge etc.); welchen
Arbeitsanteil übernehmen dabei Schüler und Lehrer; gibt es einen
vom Lerngegenstand bestimmten Ablauf, einen von der zentralen Methode
bestimmten, einen lernpsychologisch angelegten...? - s. Phasen im
Literaturunterricht (Zugriffe,
Methodenvarianten,
didaktische
Varianten), im Sprachunterricht,
im Schreibprozess
Antizipation des erwarteten Arbeitsverhaltens bei
bestimmten Methoden
welche von der Sache her geeigneten Fachmethoden (der Textanalyse, der
Textproduktion, der Sprachreflexion...) werden der Klasse leicht fallen;
welche sind am Gegenstand neu einzuführen; welchen weichen die
Schülerinnen und Schüler gerne aus; wie lassen sie sich dennoch dafür
gewinnen; welche Methoden müssen als generelle Lern- und Arbeitsstrategien
explizit und in einer Methodenreflexion thematisiert werden; welche Sozialformen
und Medien werden sich günstig auswirken; wie werden sich die Eigenaktivitäten der Schülerinnen
und Schüler entwickeln; wohin werden sie zielen; wie werden sie wieder mit dem
Stundenziel zu verknüpfen sein? - s. Unterrichtsmethoden,
Analyseverfahren, produktionsorientierte
Verfahren
Antizipation der erwarteten Ergebnisse (s. Lernziele),
das Neue)
wenn das neue Wissen und
Können in Lernportionen zerlegt gedacht werden kann, zu welchen
Zwischenergebnissen können die Schülerinnen und Schüler gelangen; welche
Zwischenergebnisse sind zu fixieren; wie kann man von einem Zwischenergebnis
einen nächsten Arbeitsschritt aufbauen; wie kann man von vorläufigen
Ergebnissen in einer Bilanz oder Integration zu einem Gesamtergebnis /
Stundenergebnis kommen; wo im Phasenverlauf sind diese Fixierungen angebracht;
wer hält Ergebnisse fest, in welcher Form?
Antizipation eines Tafelbildes, einer Ergebnisfolie, einer
Visualisierung...
wann und wie wird das geplante Tafelbild/
die Folie / die Visualisierung
entstehen; wie halte ich die Menge in einem sammelnden Tafelbild reduziert; was soll als exemplarisch aufgenommen werden;
wie sollen die Teilergebnisse in einem
fortschreitenden Tafelbild begleitend festgehalten werden; oder sollen sie in
einer Strukturgrafik auf die Tafel oder auf Folie gebracht werden; wer soll die
grafische Struktur herstellen, latent die Lehrperson oder explizit die Schüler;
aus welchen Varianten der Visualisierung wähle ich; wie und wann kommen
Ergebnisfolien zustande...?
Antizipation des Zeitvolumens
ist das Geplante, das Neue, das Problem, der Text, das Material in einer Stunde
(Doppelstunde) umsetzbar; wo wird die Klasse viel Zeit benötigen; wo kann man
beschleunigen; wo besteht die Gefahr, Zeit zu vertändeln; wie ist ein gestuftes
Ende der Stunde einzurichten; wie hüte ich mich vor einem Zerdehnen im ersten
Drittel der Stunde; wie kann ich es bei Gruppenarbeit mit fünf Gruppen
erreichen, dass nur z.B. zwei mit ihren Ergebnissen für alle stehen können?
Antizipation erwartbarer Schwierigkeiten
äußere, technische Probleme (Raum, Geräte, Klausur vorweg...); Widerstände
aus dem Text, dem Material, dem Thema, der Aufgabe, den Zielen; Widerstände aus
der Gruppendynamik der Klasse; Schwierigkeiten in den Lernschritten, bei
Induktionsvorgängen, vor allem bei Abstraktionsvorgängen, bei der Integration
von Teilergebnissen; vermeidbare Unklarheiten in der Formulierung von
Aufträgen, Aufgabenstellungen, Gruppenarbeiten, Inszenierungen; welche Hilfen
sind nötig, wer gibt sie, wie können die Schülerinnen und Schüler selbst
Schwierigkeiten überwinden (lernen)?
Diese Antizipation schlägt sich in reduzierter Form im Stundenentwurf in konkreten Angaben nieder:
in der didaktischen Schwerpunktsetzung, die in knappster Form die zentralen, für die Stunde vorgesehenen Ergebnisse aus der ansonsten nicht notwendigerweise weiter ausformulierten eigenen Sachanalyse aufführt (auch in Spiegelstrichform),
in der Angabe des Neuen einer Stunde,
in den konkretisierten (!) Lernzielen,
in der Benennung erwartbarer Schwierigkeiten und entsprechender Hilfen,
in den Phasenentscheidungen,
in der Methodenwahl,
in konkreten inhaltlichen Angaben im Verlaufsplan, z.B. zu den Untersuchungsaspekten für die Arbeit am Text oder zu den notwendigen Teilthemen in Gesprächsphasen,
im Entwurf eines Tafelbildes, Folienergebnisses etc.
Der Stundenentwurf von 5-6 Seiten ist inhaltlich also ganz spezifisch für diese eine geplante Stunde und kein allgemeines Phasenschema, wie es für viele Stunden zu nutzen wäre.
Auch
bei offenem
Unterricht, Gruppenarbeit,
Freiarbeit, Stationenlernen
etc. ist eine Antizipation erforderlich. Sie muss sogar noch weiter gehen als in
stärker vom Lehrer strukturierten Stunden, da
die Unwägbarkeiten größer sind, weil die Schülerinnen und Schüler
selbständige Wege gehen und ihre Spielräume weiter sind: Also wären hier die
erwartbaren Varianten zu Denkwegen und Ergebnissen der Schüler einzuberechnen. Und diese Varianten der
Schülerergebnisse wären daraufhin zu prüfen, ob sie mit dem Thema der Stunde,
dem Gegenstand der Stunde und den beabsichtigten Fachmethoden in Einklang stehen. Denn
für den Fall, dass die Schülerinnen und Schüler bei offener Arbeit in weit
vom Thema abgehende oder z.B. nachweisbar nicht gegenstands- oder textadäquate
oder gar falsche Ergebnisrichtungen arbeiten, müssten Hilfen und
Beratungsvorgänge vorbereitet sein.
In dieser Antizipation geht es vor allem darum, sich die geplante Eigenaktivität der Klasse vorzustellen, damit klar ist, wie sie zu begleiten ist: Wo sind klare Auftrags- und Arbeitslagen einzurichten, wo Verabredungen, wo ergebnishaltige Vorgänge abzusichern etc. Dabei ist die Antizipation diagnostisch und evaluierend sowie stärker auf den individuellen Schüler oder einzelne Gruppen gerichtet, also komplexer.
Die Antizipation erfährt - ohne dass sie gering zu schätzen oder gar zu unterlassen wäre - ihre Vorläufigkeit mit zunehmender Selbständigkeit der Schülerinnen und Schüler, die sich in die weitere Gestaltung einer Stunde einschalten können und dürfen: Verfügen sie - etwa in der Oberstufe - über angemessene Verfahrens- und Methodenvorschläge, so können sie im Rahmen des anstehenden Themas und der ggf. transparent gemachten Ziele Teile der Antizipation überholen, indem sie Lernwege selbst in die Hand nehmen. Ohne den geplanten Gegenstand, das Thema und die Ziele aufzugeben, kann sich die Lehrperson auf die Vorschläge einlassen und den Schülern Raum geben. Dazu müssen die fachliche Ebene und der Unterrichtsgegenstand dem Lehrer aber so klar sein, dass er die anzustrebenden Teilergebnisse im Stundenablauf auch umstellen, verändern und sichern kann. Diese begrenzte Öffnung ist in einer Stunde möglich. Der Wechsel zwischen lehrergesteuertem und selbstreguliertem Lernen wäre transparent auszuhandeln, z.B. in didaktischem Sprechen wie auch in der Methodenreflexion.
Eine weitergehende Öffnung auch unter Umorganisation von Zielen und Gegenständen setzt die gemeinsame Planung einer ganzen Unterrichtssequenz mit den Schülern voraus. Hier erfolgt der Übergang zu den selbständigen Formen offenen Unterrichts. Und auch dabei wären zunächst sinnvolle einzelne Schritte zu antizipieren.
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G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de