G. Einecke: Beurteilung von Unterricht
In
die Kriterien für die Beurteilung von Unterricht geht immer auch das Bild von
gutem Unterricht ein, das die Ausbildenden haben. In Auseinandersetzung mit der
aktuellen Unterrichtsforschung[1] und den Zielsetzungen des Landes NRW besteht am
Studienseminar Jülich folgender Konsens:
Im
Mittelpunkt der Beurteilung steht die Qualität des Unterrichts. Der Unterricht
gilt als Kern der schulischen Arbeit.[2] So stehen von den Lehrerfunktionen „Unterrichten -
Erziehen - Beurteilen - Beraten - Organisieren/Verwalten - Innovieren“ bei der
Beobachtung von Unterrichtsstunden vor allem die Leistungen im Unterrichten
und Innovieren im Vordergrund, die im Reihenkonzept und in den
pädagogisch-didaktischen Entscheidungen um die Elemente Erziehen und Beurteilen
erweitert erscheinen, während Beraten
und Organisieren/Verwalten in der
weiträumigen Tätigkeit der Referendarinnen und Referendare eine Rolle spielen.
Das
Lernen im Fachunterricht nimmt die zentrale Stellung ein und ist zugleich
Grundlage für fachübergreifende / fächerverbindende
Aktivitäten. Die fachspezifische Wissensbasis ist ein vernetztes Fakten‑,
Konzept‑, Theorie‑, Methoden- und Prozesswissen. Die Progression
von Vorwissen und Wissenserweiterung (kumulatives Lernen) bestimmt effektive
Lernwege, in denen der Kompetenzzuwachs für die Schülerinnen und Schüler
erfahrbar werden muss.
Unterricht
ist effizient, wenn die beiden folgenden Lernformen
genutzt werden, wenn sie gezielt geplant, intensiv vorbereitet und im Wechsel
wie mit Bezug auf einander eingesetzt werden:
▪
Formen des
sachsystematischen, inhaltsbezogenen, die Gegenstände vernetzenden, Vorwissen
nutzenden und erweiternden sowie angeleiteten Lernens
▪
Formen des
lebensnah situierten, kontext- und problemorientierten, anwendungsbezogenen
sowie stärker selbstregulierten Lernens, zunehmend
auch interdisziplinär.
Die
Vermittlung von Schlüsselqualifikationen, formalen Kompetenzen und Formen des
Lernens von Lernen ergänzt diese Lernformen; sie erfolgt implizit über die
ausgewiesenen Ziele und Methoden des fachlichen und interdisziplinären Lernens.
Die
didaktisch-methodische Gestaltung
des Lernens ist von einem begründeten funktionalen und ergebnis- sowie
erfolgsorientierten Wechsel bestimmt:
▪
der
anspruchsvolle lehrergesteuerte, störungspräventive, aufgabenorientierte und
klar strukturierte Unterricht, in dem die verfügbare Zeit intensiv für
Aufgaben genutzt wird, das Interaktionstempo aber so weit gemäßigt bleibt, dass
Schülerinnen und Schüler Zeit zum Nachdenken und Spielraum für die Entwicklung
eines eigenen Gedankenganges finden
▪
der kooperative,
in komplexen Problemsituationen großen kognitiven Operationsraum für divergente
Lösungsvarianten bietende Unterricht, der Eigenaktivitäten der Schülerinnen und
Schüler eröffnet und zugleich klare Strukturierungshilfen für die offene
Lernumgebung durch die Lehrperson bietet.
Die
Vereinseitigung auf eine dieser Positionen hin ist
unangebracht und übersieht sowohl die erwiesene Leistung aller Formen in ihrem
Zusammenspiel als auch die Notwendigkeit des funktionalen, zielabhängigen
Wechsels zwischen ihnen.
Das
Studienseminar Jülich hat als ein Seminar der Sekundarstufe II mit gymnasialem
Schwerpunkt (einschließlich Sekundarstufe I) zudem auf eine deutliche
Einhaltung der stufen- und schulformspezifischen Anforderungen im Unterricht zu
achten. Die eigene Fach- und Methodenkompetenz der Referendarinnen und
Referendare muss so weit entwickelt sein, dass sie die Anforderungen der Richtlinien und Lehrpläne ihrer Fächer vermitteln
können. Sie müssen diese inhaltlichen und methodischen Anforderungen also mit
Überblick verarbeiten und überschreiten können, damit für die Schülerinnen und
Schüler ein stufengemäßes Lernniveau mit stufengemäßen
Unterrichtsmethoden hergestellt werden kann.
Das
bedeutet für den Unterricht in der Sekundarstufe I:
Planung: Unter- und Mittelstufenanspruch - Nutzung der
primären Motivation, lebensnahe Problemorientierung, Aufbau einer
konzentrierten Arbeitshaltung, Solidität und klare Arbeitsvorhaben,
Übersichtlichkeit, Anschaulichkeit,
Elementarisierung und Dekomplexierung,
Förderung und Hilfen, Differenzierung, Einplanung der Lernzielkontrolle,
kürzere Phasen, Übung und Schriftlichkeit, praktikable Materialien, Verfahren
zur Entwicklung der Eigenaktivitäten der Schülerinnen und Schüler
Durchführung: Unter- und Mittelstufenbezug - Klarheit, Deutlichkeit
und Anschaulichkeit in der Sprache, der Darstellung und Vermittlung, Führung
und Unterstützung, Motivation und Aktivierung, Entwicklung der
Gesprächsfähigkeit, stärkere Hilfen, klarer Phasenwechsel, Schreibphasen,
Ergebnisfixierung, häufigerer Methodenwechsel, Interesse an den Frage- und
Problemstellungen der Schülerinnen und Schüler, flexible Einbeziehung der
Schülerbeiträge, Zuhören können und prägnante Zielführung bei den
Eigenaktivitäten der Schülerinnen und Schüler
Das
bedeutet für den Unterricht in der gymnasialen Oberstufe:
Planung: Oberstufenanspruch - Aufbau der wissenschaftsorientierten
Motivation, Einbeziehung des Vorwissens, fachliche und kognitive Ziele,
Progression, Komplexität, Schüler- und Methodenorientierung, Einplanung der
Eigenaktivitäten und der Lernerautonomie der Schülerinnen und Schüler,
fächerübergreifende Aspektuierung, Varianten des
Lernwegs, Weiträumigkeit der Planung mit Blick auf die Qualifikationsphase und
die Abituranforderungen
Durchführung: Oberstufenanspruch - fachliche Prägnanz, Hilfen bei
Zielaufbau und Problemeröffnung, forschendes und problemlösendes Arbeiten,
Phase(n) für Lernerautonomie und Weiträumigkeit in der Gestaltung des
Lernwegs, bei kommunikativem Lernen Fähigkeit zur Moderation, zum Zuhören,
Vermitteln und zur Impulssetzung sowie zum Einsatz verschiedener
Gesprächsformen statt eng fragend-entwickelnd / abfragend (kein
„Ping-Pong-Stil“), Zurückhaltung zur Unterstützung der Eigenaktivitäten der
Schülerinnen und Schüler, Ergebnisorientierung, Methodenreflexion und
Kompetenzaufbau, fachliche Progression, Verstehenstiefe und Durchdringung des
Unterrichtsgegenstandes, kompetenter Umgang mit Lösungsvarianten der
Schülerinnen und Schüler
Gegenstände
der Beurteilung
Unterrichtsbesuche
dienen der Anleitung, Beratung und Unterstützung der Referendarinnen und Referendare;
sie sind auch Grundlage der Langzeitbeobachtung,
d.h. der Abschlussbeurteilung. Bei der Abschlussbeurteilung
beurteilen die Fachleiterinnen und Fachleiter die Eignung und Leistung
der Referendarinnen und Referendare. (OVP 11.3, 17)
In
den Unterrichtsbesuchen sollen die
verschiedenen Arbeits- oder Teilbereiche eines Faches sowie die
verschiedenen Schulstufen und Kursniveaus vertreten sein. Drei der
mindestens fünf Unterrichtsbesuche sollten in der Oberstufe erfolgen. Selbständiger Unterricht ist
einzubeziehen.
Gegenstand
der Beurteilung ist die Leistung der Referendarinnen und Referendare, nicht die
der Schülerinnen und Schüler. Insofern ist für Unterrichtsbesuche darauf zu
achten, dass auch bei offenen
Unterrichtsformen mit hoher Eigenaktivität der Schülerinnen und Schüler
die Aktivitäten der Lehrperson im Fokus der Beobachtung stehen; d.h.
nur das Initiieren einer 40-minütigen Gruppenarbeit wäre nicht sinnvoll. Ebenso
hat sich bewährt, bei produktionsorientiertem
Unterricht eine Produktion der Schülerinnen und Schüler, die über 10-15
Minuten hinaus dauert, in die Hausaufgabe oder die Stunde vor oder nach dem
Unterrichtsbesuch zu verlagern, damit die Lehrerleistung bei der Vorbereitung oder der Verarbeitung der Schülerproduktion ins
Zentrum kommt.[3]
© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de
(zugleich: Vereinbarung der Fachleiterinnen und Fachleiter
am Studienseminar Jülich)
[1]
s. Baumert-Expertise „Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen
Unterrichts“
- 1997 von einer Expertengruppe mit 18 Mitgliedern unter Vorsitz von Prof. Baumert, Berlin, verfasst für die Bund-Länder-Kommission
„Innovation im Bildungswesen“
s. Franz E. Weinert: Lernkultur im Wandel -
Chancen und Grenzen gymnasialen Lernens. In: Mitt.
der Landeselternschaft der Gymnasien in NW Nr. 165, Mönchengladbach August 1998
[2] Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung: RdErl. „Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung...“ vom 9.12.1998 - 832.30-40/47-263/98
[3] dazu: Rolf
Dürr: Beratung und Beurteilung von Unterricht mit „neuen Unterrichtsformen“.
In: Seminar 2/1999, 106 ff.