Unterrichtsentwurf - Carmen Heitzer
1. Datenvorspann
Name:
Datum:
Schule:
Klasse: 6
2. Didaktische
Schwerpunktsetzung
2.1 Thematik
Thema der
Unterrichtsreihe:
Ein Jugendbuch in Auszügen
lesen - Christine Nöstlingers Roman Das Austauschkind
Thema der Stunde:
Thema der
vorangegangenen Stunde:
Jaspers Sehnsucht nach Rom: Wiedersehen mit Mary?
Thema der
nachfolgenden Stunde:
Jasper im Glück
Hausaufgabe zur
heutigen Stunde:
Lesen eines Textblatts und Visualisierung des Inhalts
2.2 Didaktische und
methodische Überlegungen
Der bisherige Verlauf der Unterrichtsreihe zu Nöstlingers erfolgreichem Roman Das Austauschkind hat deutlich gemacht, dass das ausschnittsweise gemeinsame Lesen eines Jugendbuchs die Schülerinnen und Schüler der Klasse 6d in hohem Maße anspricht. Dies liegt sicherlich an der dargestellten Problematik, die für die Schülerinnen und Schüler dieser Altersklasse ohne Zweifel von großer Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung ist, auch wenn ihnen ein Schicksal, wie es der Hauptfigur Jasper widerfährt, hoffentlich erspart bleibt. Das Interesse der Kinder am Unterrichtsgegenstand ist um so erfreulicher, als eine anfängliche Umfrage zum Leseverhalten der Schülerinnen und Schüler (s. Plakate im Klassenzimmer) vor allem auf Seiten der Mädchen eher Grund zur Skepsis bot. Oberstes Ziel der Reihe war und ist es daher, "Lesefreude und -spaß"[1] zu vermitteln und die Schülerinnen und Schüler zur Literatur zu erziehen[2].
Der didaktische Schwerpunkt der heutigen Stunde liegt auf der produktionsorientierten und textimmanenten Erarbeitung der tiefen Verzweiflung Jaspers, die aus der jäh zerstörten Hoffnung erwächst, seine geliebte Stiefmutter Mary wiedersehen zu dürfen. Um keine alten Wunden aufzureißen und dem sechs Jahre zurückliegenden Gerichtsurteil gemäß, lehnt Mary ein Treffen mit Jasper, das dieser so sehr herbeisehnte, ab. Die Zerstörung des Hotelzimmers ist nur eine erste Reaktion auf diese herbe seelische Enttäuschung. Sie gipfelt wenig später in der im Abschiedsbrief an Familie Mittermeier niedergeschriebenen Selbstmorddrohung.
Bereits in der Hausaufgabe zur heutigen Stunde sollten sich die Schülerinnen und Schüler intensiv mit Jaspers Reaktion auf die Absage auseinander setzen, indem sie das Resultat seines Wutanfalls im Bild festhalten. Die Einstiegsphase soll insofern nicht nur die innere Beteiligung der Lerngruppe gewährleisten, sondern auch auf das Thema der heutigen Stunde einstimmen: Wie geht Jasper mit dieser Enttäuschung um?
Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass die Schülerinnen und Schüler zwar sehr gerne selber vorlesen, aber auch nicht weniger aufmerksam meinen zusammenfassenden Berichten, die bei der ausschnittsweisen Lektüre notwendig sind, oder von mir vorgelesenen Textpassagen folgen. Aus diesem Grund kommen heute beide Vortragsarten zum Einsatz. Die zum Abschiedsbrief überleitende kurze Textpassage wird von mir vorgetragen, nicht zuletzt um den Spannungsbogen erhöhen zu können. Dies sollte der motivierten Arbeit in der produktionsorientierten Erarbeitungsphase zugute kommen. Da die Schülerinnen und Schüler ihre Ideen und Erwartungen erfahrungsgemäß nicht für sich behalten können, erhalten sie unmittelbar nach dem Vortrag kurz Gelegenheit, sich spontan zum Gehörten zu äußern. Aus demselben Grund wurde für das Verfassen des Briefes die Sozialform der Partnerarbeit gewählt: Die Kinder können ihre Ideen und Meinungen mit ihrem Nachbarn austauschen. Während über den, Gefühlszustand Jaspers vermutlich Einigkeit herrschen wird - seine Verzweiflung hat sich auch am nächsten Morgen keineswegs relativiert - , könnten über sein tatsächliches Handeln Diskussionen entstehen., An! dieser Stelle wird darauf zu achten sein, dass die Kinder angemessen mit der vorgegebenen Zeit umgehen. Bevor die Schülerinnen und Schüler den tatsächlichen Abschiedsbrief Jaspers kennen lernen, findet durch die Identifikation mit der Hauptfigur in der produktionsorientierten Erarbeitung eine Bewusstmachung der Gemütslage Jaspers statt, die das Verstehen seiner Selbstmordankündigung im tatsächlichen Abschiedsbrief vorbereitet. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass sich die Schülerinnen und Schüler beim Vorlesen der eigenen Briefe dazu äußern, inwiefern der Brief Jaspers Situation und Verfassung gerecht wird.
Die zweite Erarbeitung findet im Unterrichtsgespräch statt: Lese- und Gesprächsphasen wechseln sich ab. Dieses Vorgehen hat sich im bisherigen Verlauf der Reihe durchaus bewährt. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf Jaspers 'tatsächlichen Brief - ein Abschiedsbrief im engeren Sinne - und die Reaktionen der Mitglieder der Familie Mittermeier gelegt werden. Der Kreis zu Jaspers seelischem Zustand schließt sich, wenn die Schülerinnen und Schüler abschließend von Billes Deutung des angekündigten Selbstmords als Hilferuf Jaspers ausgehend erkennen, - was Jaspers Brief zum Ausdruck bringen soll: Er will nicht sterben, sondern leben. Lebenswert ist ein Leben aber nur, wenn man Freunde hat, die einen unterstützen und lieben. Diese Liebe und Hilfe fordert Jasper durch den Brief gleichsam ein.
In der Hausaufgabe sollen die Schülerinnen und Schüler der Frage nachgehen, ob diese eingeforderte und zweifellos vorhandene Liebe in einer Verlobung ihren einstweiligen Abschluss finden soll oder ob dies "zu viel verlangt' ist.
3. Lernziele
Stundenziel
Die Schülerinnen und Schüler sollen die Konsequenzen
der zerstörten Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Stiefmutter Mary für Jasper und
Familie Mittermeier erarbeiten, indem sie aus Jaspers Sicht einen Brief
verfassen, ihre Erwartungen mit Jaspers Brief vergleichen und die Intention des
tatsächlichen Abschiedsbriefs erkennen.
Die Schüler und Schülerinnen
sollen ...
1. ihr inhaltliches Vorwissen aktivieren, indem sie sich von ihren Bildern ausgehend zu Jaspers Wutanfall und seinen Ursachen äußern. (z. B.: „Jasper zerstört das Hotelzimmer." "Er wirft mit Steinen um sich, weil er enttäuscht ist. Er hätte Mary so gerne getroffen.")
2. ihre spontanen Reaktionen auf das Gehörte verbalisieren, indem sie beispielsweise Jaspers mutmaßlichen Aufenthaltsort benennen. (z. B.: „Jasper ist bestimmt trotzdem auf dem Weg nach Rom." "Vielleicht ist er im Vergnügungspark um sich abzulenken.")
3. ihr Verständnis der Gemütslage Jaspers dokumentieren, indem sie in Partnerarbeit Jaspers Abschiedsbrief verfassen. (z. B.: "Liebe Bille, lieber Ewald, liebe Frau Mittermeier, lieber Herr Mittermeier! Ich will mich für alles bedanken. Die Sache mit dem Hotelzimmer tut mir Leid. Aber ich konnte nicht anders. Ich bin sehr unglücklich: Mary liebt mich nicht. Keiner liebt mich! Was soll ich nun machen? Ich muss versuchen, Mary in Rom zu finden. Sie muss mich mit nach Amerika nehmen. Ich hoffe, wir werden uns wiedersehen. Euer Jasper.“)
4. Stellung dazu nehmen, inwiefern die vorgelesenen Briefe Jaspers Gemütszustand und seiner Situation gerecht werden. (z. B.: "Ich glaube nicht, dass Jasper zu Mary gehen wird. Er hat die Hoffnung aufgegeben.")
5. ihre Lesefähigkeit schulen, indem sie den Text sinngerecht vorlesen.
6. ihr Text- und Figurenverständnis dokumentieren, indem sie sich im Unterrichtsgespräch zu Jaspers Abschiedsbrief und den Reaktionen der Familienmitglieder äußern. (z. B.: „Jasper fühlt sich ungeliebt und will nicht mehr leben." "Er hat Angst, dass Bille, Ewald und ihre Eltern ihn nun auch nicht mehr mögen." - "Herr und Frau Mittermeier zittern vor Angst. Frau Mittermeier vergisst vor Aufregung ihr Portmonee." „Jasper ist nervös, er kann sich nicht konzentrieren." "Sie tun alles, was sie können.")
7.
ihr Verständnis
vertiefen, indem sie sich mit Billes Deutung der Selbstmordankündigung als
Hilferuf auseinander setzen.
Eventualziel: ihre Erwartungshaltungen verbalisieren, indem sie über den weiteren Handlungsverlauf spekulieren.
4.
Verlaufsplanung
Phase / Zeit Unterrichtsinhalte
Unterrichtsform Medien
Lernziel
Einstieg Einige Schüler
präsentieren ihre Bilder zum Textblatt 12 (Haus- Schülerbeiträge Bilder
ca. 5' TZ 1 aufgabe zur heutigen Stunde). Von den
Bildern ausgehend fassen Textblatt
12
sie
den Inhalt des Textes zusammen. Zudem erläutern. sie den
Grund für
Jaspers Wutanfall.
Textpräsentation I Die StRef' fasst den
weiteren Handlungsverlauf (sofortige Ab- Lehrervortrag Buch
ca. 4' TZ 2 reise, Rückfahrt nach Wien) kurz
zusammen. Anschließend liest Schülerbeiträge
sie einen
kurzen Auszug (Warten auf Jaspers Erwachen am
nächsten
Morgen, Entdeckung von Jaspers Verschwinden) vor.
Die
Schüler äußern sich spontan zum Gehörten.
Erarbeitung 1 Die Schüler erfinden
in Partnerarbeit Jaspers Brief. PA Arbeitsblatt
ca. 1
l' TZ 3
Auswertung
I Einige Schüler präsentieren ihre
Briefe. Die anderen Schüler Schülervorträge
ca.
6' TZ 4 kommentieren. Schülerbeiträge
Textpräsentation
II Die Schüler erhalten ein weiteres Textblatt.
Mehrere Schüler Schülervorträge
Textblatt 13
+ Erarbeitung II lesen den Text - abschnittsweise - laut
vor. UG
ca. 16' TZ 5 Themeninseln:
TZ 6 - Jaspers
Abschiedsbrief
TZ 7
- Reaktion der Familie Mittermeier
- Billes Deutung des
Geschehens
Eventualphase Die Schüler
spekulieren über den weiteren Fortgang der Hand- Schülerbeiträge
EZ
lung.
Hausaufgabe Die StRef' resümiert
kurz die wichtigsten Ereignisse der folgen- Lehrervortrag Buch
ca.
3' den Tage (Jasper
wird verwöhnt Gespräch zwischen Mutter
Mittermeier
und Jasper) und leitet so zu Jaspers Wunsch über: Er
will sich
mit Bille verloben. Der entsprechende Textauszug wird
vorgelesen.
Hausaufgabe:
Welchen
Rat würdet ihr Bille geben? Begründet! evtl.:
Blatt
(Bei
Zeitmangel erhalten die Schüler den entsprechenden Text- (Textauszug
auszug
und die Ausgabenstellung in schriftlicher Form.) und Auf-
gabenstellung)
5.
Literatur
Fritzsche,
Joachim: Zur Didaktik und Methodik des Deutschunterrichts. Band 3: Umgang mit
Literatur. Stuttgart 1994
Nöstlinger,
Christine: Das Austauschkind. Weinheim / Basel 1995
Richtlinien
und Lehrpläne für das Gymnasium - Sekundarstufe 1 - in Nordrhein-Westfalen. Deutsch.
Hg. vom Ministerium für Schule und Weiterbildung
des Landes Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 1993
6.Anhang
1.)
Textblatt (Hausaufgabe zur heutigen Stunde)
2.)
Arbeitsblatt
3.)
Textblatt
4.)
Blatt mit Textauszug und
Aufgabenstellung der Hausaufgabe
Gerade als die
Mama sagte, Jasper müsse das Telefongespräch längst beendet haben und wir
sollten uns um ihn kümmern, kam durch die Wand, von unserem Zimmer her, schrecklicher
Lärm. Wie ein *wilder Stier brülle jemand, und da nur. Jasper im Zimmer nebenan
war, musste Jasper der Stier sein. Andere, sehr laute Geräusche waren auch zu
hören. Geschepper und Gepumper. Und Dröhnen.
Wir liefen ins
Nachbarzimmer. Auch der Papa, im Pyjama, kam hinter uns her. Wir rissen die
Zimmertür auf. Jasper saß auf dem Boden und brüllte. Ohrenbetäubend! Neben ihm
war der offene Stein-Koffer. Jasper warf die Steine aus dem Koffer. In weitem
Bogen. Andere Sachen musste er auch schon geschleudert haben. Meine Jeans
nämlich, die hingen jetzt von der Deckenlampe, und Billes Umhängetasche
baumelte verkehrt herum an der offenen Schranktür. Alle Sachen, die vorher in
der Tasche gewesen waren, lagen verstreut im Zimmer. Und ein Jasper-Stein hatte
einen Sprung in den Spiegel an der Schranktür gemacht. Die Mama lief auf Jasper
zu, ein. Stein traf sie dabei am Schienbein. Sie nahm Jasper den Koffer weg.
Jasper, der Munition beraubt, trommelte auf den Boden. Und brüllte weiter. Bei
der Zimmertür stand jetzt auch ein Stubenmädchen und schaute ratlos. Und ein
schwarzbefrackter Kellner. Der tippte sich gegen die Stirn. Und zwei Hotelgäste, die schauten
hochinteressiert. Der Papa packte Jasper. »Jasper, shut up!« rief er. Und:
»Jasper, hör auf! Sofort, hör auf i« Die Mama rieb sich das Schienbein und
sagte: »Bille, vielleicht kannst du ihn beruhigen, auf dich hört er am
ehesten!«
Der Papa trug den zappelnden,
brüllenden, strampelnden Jasper zum Ehebett und legte ihn darauf und drückte
ihn nieder. Bille kam zögernd zum Bett. Sie beugte sich zu Jasper und wollte
ihm leise was sagen. Doch Jasper hatte gerade einen Arm von Papas Griff
freibekommen und schlug aus. Eine richtige Ohrfeige bekam Bille von ihm. Aber
nicht absichtlich. Bille nahm sie ohne Muckser hin, »Lass ihn doch los«, sagte
sie zum Papa. Die Mama schloss die Zimmertür vor den neugierigen Zuschauern,
und der ;Papa, ließ Jasper los. Jasper schlug noch ein paar Mal um sich und
boxte in die Luft, dann drehte er sich auf den Bauch und steckte den Kopf in
den Kopfpolster.
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Arbeitsblatt
Das Austauschkind
Aufgabe:
Ewald findet in Jaspers Zimmer
einen Abschiedsbrief von Jasper.
Schreibt diesen Brief.
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Freitag, den 21. August |
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Das Austauschkind
- Textblatt
Freitag, 21. August
Ich ging in Jaspers Zimmer und
machte die Tür auf. Das Zimmer war leer. Kein Jasper war da! Auf dem blaugestrichenen
Tisch lagen etliche Blatt Papier, eng beschrieben. Einwandfrei ein
Abschiedsbrief war das. Er war aus englischen Sätzen und deutschen Sätzen
zusammengestoppelt, und manche Zeilen. waren so scheußlich geschrieben, dass
man sie gar nicht lesen konnte. Vor allem deshalb, weil er dünnes Konzeptpapier
beidseitig beschrieben hatte. Die Buchstaben von der Hinterseite schimmerten
auf die Vorderseite durch und machten alles noch weniger lesbar.
Ziemlich klar war nur: Jasper
meinte, die Mary mochte ihn nicht mehr. Die Gründe, die sie ihm am Telefon fürs
Nicht-Sehen-Können angegeben hatte, fand er dumm und lächerlich. Und wir,. meinte
er, wir würden ihn nun auch nicht mehr mögen, weil er sich so aufgeführt hatte.
Und er lege, schrieb er, auch überhaupt keinen Wert mehr darauf, dass ihn irgendwer mag.
Die Steinsammlung, schrieb er, vermache er der Bille. Und seine Kleider
vermache er mir. Er gehe jetzt weg, schrieb er, und gehe zum Bahnhof. Den Weg
dorthin werde er schon finden. Dort werde er sein Geld, sein englisches, gegen
österreichisches Geld umtauschen und sich um das Geld eine Bahnkarte kaufen.
Eine für einen ganz schnellen Zug. Wenn man aus einem ganz schnellen Zug
springt, schrieb er, ist man mit Sicherheit ganz schnell tot. Gift habe er
leider keines. Und das sei auch zu unsicher. Und wenn er ins Wasser springt,
dann schwimmt er sicher ans Ufer. Er kann sich nicht vorstellen, dass ein so
guter Schwimmer wie er ertrinken kann. Zum Schluss schrieb er noch, dass er uns
alle mag und Bille liebt.
Der Papa und die
Mama waren ganz zittrig, nachdem sie den Abschiedsbrief gelesen hatten. Und der
Papa verfluchte sich laut, weil er nämlich, als wir alle noch schliefen und er
zeitunglesend im Wohnzimmer gesessen hat, ein Türgeräusch gehört hatte. Aber er
hatte das für einen Irrtum gehalten. »Ich blöder Hund«, rief der Papa, »wär ich
doch nur nachschauen gegangen! Ich Trottel, ich!«
Die Mama zog sich an und sagte
dem Papa, Selbstanklagen hätten jetzt wirklich keinen Sinn. »Zieht euch sofort
an«, sagte sie zu Bille und mir. Dem Papa warf sie die Autoschlüssel zu. »Du
fährst mit Ewald auf den Südbahnhof.«, sagte sie. »Und ich ruf ein Taxi an und
fahr mit der Bille auf den Westbahnhof!«
Die Mama rief die
Funktaxizentrale an. Am Freitagnachmittag ist dort viel Betrieb. Mir kam es
ewig vor, bis sie endlich sagte: »Der Wagen kommt in drei Minuten! «
Ich wollte schon mit dem Papa zur
Wohnung hinaus, da rief die Mama: »Halt! Blödsinn! Einer muss hier bleiben, als
Verbindungsmann! Beim Telefon!«
»Und wer?« fragte Bille. Ich
meldete mich freiwillig für diesen Job.
Papa, Mama und Bille rannten aus
der Wohnung, die Mama keuchte noch einmal zurück. Sie hatte ihre Geldbörse
vergessen. »Keine Angst, Ewald«, sagte sie zu mir, bevor sie die Wohnung wieder
verließ, »wir finden ihn schon! Ich bin sicher!«
Ich setzte mich auf den Hocker
neben dem Telefon und versuchte, in der Zeitung zu lesen. Es gelang mir nicht.
Ich las zwar, aber ich kapierte die Sätze nicht. Die einzige Hoffnung ist,
dachte ich immer wieder, dass Jasper den Bahnhof nicht findet. Wenn er den
nämlich findet, dachte ich, ist es zu spät. Schnelle Züge fahren oft. Da muss
man nicht lange warten.
Nach einer halben Stunde rief der
Papa an. Er sagte, Jasper sei nicht am Südbahnhof. Aber die Polizei sei schon
verständigt. Die wird nach ihm suchen. Weil er vielleicht in der Stadt
herumirrt. Und eine aussichtsreiche Möglichkeit, sagte der Papa, gibt es außerdem:
Vor einer Viertelstunde sei ein sehr schneller Zug abgefahren, einer, mit dem
man telefonieren kann. Der Schaffner von diesem Zug sei bereits verständigt,
und der suche nun in allen Abteilen nach einem, der ausschaut wie Jasper. Und
das Zugpersonal von einem anderen schnellen Zug, der vor einer halben Stunde
abgefahren sei, werde im nächsten Bahnhof informiert. Dann werde es auch nach
Jasper Ausschau halten.
Kurz danach rief die Mama an. »Ewald,
mein Schatz«, sagte sie, und in ihrer Stimme war Weihnachtsglockengebimmel.
»Wir haben ihn!« Ich sagte der Mama, was der Papa bereits alles unternommen
hatte, und die ,Mama sagte, sie werde gleich die Polizei am Westbahnhof
informieren, damit der ganze Alarm, abgeblasen wird.
Eine Stunde später war unsere
Familie wieder komplett. Es herrschte eine merkwürdige Atmosphäre. Wir benah
men uns, glaube ich, ziemlich blöde. Die Mama - zum Beispiel - fragte Jasper,
ob sie ihm einen Fisch grillen soll. Man kann doch einen Menschen, der sich vor
kurzer Zeit noch aus einem schnellen Zug stürzen wollte, nicht nach gegrillten
Fischen fragen! Und der Papa las dem Jasper das Fernsehprogramm aus der Zeitung
vor und fragte ihn, ob er was davon sehen wolle!
Und ich, ich lächelte überhaupt
nur blöde in Richtung Jasper. Bloß Bille war etwas vernünftiger, denn sie tat
gar nichts. Und am Abend, beim Zähneputzen im Badezimmer, sagte sie zu mir,
dass sie um Jasper keine Angst gehabt habe. »Ich war sicher«, sagte sie, »dass
er sich nicht aus dem Zug stürzt! Er wollte uns nur darauf aufmerksam machen,
wie er leidet!«
»Das kannst du doch nicht
wissen!« sagte ich schaumspuckend.
»Doch!« sagte Bille. »Er hat es
tatsächlich nicht tun wollen. Ich hab mir den Fahrplan angesehen. Da sind schon
drei schnelle Züge abgefahren gewesen, seit er auf dem Bahnhof war. Aber er ist
nicht eingestiegen. Er hat gewartet. Auf uns hat er gewartet!«
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Das Austauschkind
- Hausaufgabe
Dienstag, 25. August
[...] „Er Liebt dich, Bille!
Sowieso!“ sagte Bille, nicht ohne Stolz.
„Nicht sowieso“, sagte die Mama, „er will sich mit dir verloben!“
„Heiliger Strohsack!“ murmelte Bille und sank auf den Mistkübel nieder und
saß dort wie auf einem sehr hohen Nachttopf. Noch nie hatte ich meine Schwester
ratloser gesehen.
Aufgabe:
Welchen Rat würdest du Bille geben: Soll sie sich mit Jasper verloben oder
nicht? Begründe.
[1] Richtlinien und Lehrpläne für
das Gymnasium ‑ Sekundarstufe 1 ‑ in Nordrhein‑Westfalen. Deutsch.
Hg. vom Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein‑Westfalen.
Düsseldorf 199.32, S. 54
[2] Vgl. Fritzsche, Joachim: Zur
Didaktik und Methodik des Deutschunterrichts. Band 3: Umgang mit Literatur.
Stuttgart 1994, S. 98