Kritisches
Denken und Web-basierte Lernumgebungen (WBL)
In: Hermann
Astleitner: Qualität des Lernens im Internet
Virtuelle
Schulen und Universitäten auf dem Prüfstand
Unveröffentlichtes Buchmanuskript
Copyright by Hermann Astleitner, 2002
[…]
4.1. ff. "Kritisches
Denken" als höherer Denk- und Lernprozess
Im
Zeitalter des Internets und der Informationsgesellschaft wird "kritisch
denken" können als zentrale Basisqualifikation angesehen. Gilster (1997,
S. 87) sieht "kritisches Denken" als die "wichtigste
Kompetenz" im Umgang mit dem Internet an, weil sich viele dort angebotene
Informationen als sachlich falsch, nicht umfassend, nicht aktuell, usw.
herausstellen. Reinmann-Rothmeier und Mandl (1998, S. 33) wiesen in einer
Delphi-Studie nach, dass "kritisches Denken" von Experten aus Bildung
und Wirtschaft als die wichtigste Teilkompetenz eines Informations- bzw.
Wissensmanagements angesehen wird. Kraak (2000, S. 51) spricht vom
"kritischen Denken" als "eine wichtige, vielleicht die wichtigste
Bildungsaufgabe der Gegenwart". In diesen Superlativen ist der (nicht neue)
Appell an die Schulen versteckt, "kritische Lernende" heranzubilden
(Lang, McBeath & Hebert, 1995). Damit die Schulen solche Lernenden auch tatsächlich
heranbilden können, ist massive Unterstützung durch einschlägige
erziehungswissenschaftliche Theorie bzw. Forschung notwendig.
Diese
hat zunächst nachgewiesen, dass "kritisches Denken" zwar in
Lehrzieltaxonomien auf abstraktem Niveau prominent verankert ist, aber im
konkreten Unterricht nicht systematisch gefördert wird (vgl. Patry, 1996, S.
63). Der Hauptgrund für diesen Mangel liegt vor allem darin, dass derzeit keine
geeigneten deutschsprachigen Unterrichtshilfen für Lehrer zur Verfügung stehen
(vgl. Astleitner, 1998, 2000b; Petri, 2000). Dieses Versäumnis des
deutschsprachigen Kulturraumes fällt schwer ins Gewicht, weil "kritisches
Denken" bedeutsam mit Lernleistungen von Schülern korreliert. Frisby
(1992) berichtet über Korrelationen (r) von durchschnittlich .40 mit dem
zentralen US-amerikanischen Schulleistungstest (SAT). Auch Yeh und Wu (1992)
fanden Korrelationskoeffizienten mit anderen standardisierten
Schulleistungstests und Schulnoten in der Höhe von durchschnittlich .40.
Besonders hoch liegen die Korrelationen im naturwissenschaftlichen Unterricht, nämlich
zwischen .45 und .47 bzw. bei bedeutsamen Effektstärken (ES) über 1. Diese
Korrelationen sind zu beachten, auch wenn sie an der Wirksamkeit der gemeinsamen
Hintergrundvariablen Intelligenz zu relativieren sind. In aktuellen Reaktionen
auf den TIMSS (Third International Mathematics and Science Study)-Schock wurde
dieser Sachverhalt bis jetzt aber noch nicht berücksichtigt (vgl. z.B. das
DFG-Schwerpunktprogramm "Qualität von Schule").
Dieser
Mangel an Beachtung - trotz Lernwirksamkeit - besteht, obwohl entsprechende
theoretische Ansätze entwickelt wurden. Viel beachtete theoretische Klärungsversuche,
was die zentralen Bestandteile von "kritischem Denken" sind, liefern
in der älteren und neueren erziehungswissenschaftlichen Literatur Ennis (1962)
mit 12 spezifischen "Aspekten"; Beyer (1990) mit 6 allgemeinen
"Elementen"; Paul, Binker, Jensen und Kreklau (1990) mit 35
"Dimensionen"; Clark und Biddle (1993) mit 4 "Prozessen" und
schließlich Jonassen (1996) mit 15 "Teilfertigkeiten". Derzeit liegt
kein theoretischer Ansatz vor, der vorhandene theoretische Entwicklungen auch
nur annähernd integriert oder deren Relevanz für den Schulalltag gewichtet.
Auch gibt es keinen Ansatz, der "kritisches Denken" erfolgreich von ähnlichen
verwandten höheren Denkprozessen, wie "kreativem Denken",
"Problemlösen", "Entscheidungsfindung", usw. abgrenzen
kann.
Auch,
wenn eine Integration der vorliegenden theoretischen Ansätze derzeit noch
fehlt, so ist es doch möglich zu beschreiben, was Lernende (und natürlich auch
Lehrer) können sollten, wenn sie erfolgreich im kritischen Denken sein wollen.
Dick (1991) hat versucht, aus einer Vielzahl von Ergebnissen empirischer
Untersuchungen herauszuarbeiten, was unter kritischem Denken zu verstehen ist.
Er hat, diese Ergebnisse nutzend, eine Taxonomie kritischen Denkens aufgestellt
(vgl. Abbildung 1), die eine Zusammenfassung der Forschungsbemühungen der
letzten 40 Jahre bietet. Nach dieser Taxonomie besteht kritisches Denken zunächst
darin, dass die Bestandteile von Diskussionen oder eines Arguments identifiziert
werden. Diese Bestandteile sind: aufgegriffene Themen, gezogene Schlüsse, Begründungen
für die Schlüsse und Art bzw. Organisation einer Berichtspräsentation.
Kritisches Denken beinhaltet auch die Analyse von Argumenten, d.h. die
Offenlegung ihrer zugrundeliegenden (impliziten) Annahmen, von vorhandenen
Unklarheiten oder Auslassungen, die durch die Heranziehung zusätzlicher
Informationen geklärt werden müssen. Bei allen Phasen kritischen Denkens müssen
äußere Einflüsse berücksichtigt werden. Diese betreffen Auswirkungen von
Wertvorstellungen, von Einflussnahmen von Autoritäten (übergeordneten Personen
oder Institutionen) oder eines emotionalen Sprachgebrauchs. Werte umfassen
Auffassungen über Handlungen oder Einstellungen in Bezug auf Menschen, Dinge
oder Ziele. Kritisches Denken basiert auch auf wissenschaftlich-analytischem
Schlussfolgern. Es beinhaltet das Erforschen von Kausalitäten (ursächlichen
Zusammenhängen), das Beurteilen von Daten auf der Basis statistischer Überprüfungen
und das Berücksichtigen, ob vorliegende Beobachtungen bzw. Daten repräsentativ
(typisch) für Phänomene sind, die mit Argumenten beschrieben werden. Schließlich
besteht kritisches Denken aus mehr oder minder logischem Schlussfolgern, bei dem
der Nutzung von Analogien (zum Vergleichen von Argumenten), vor allem aber
deduktiven Schlüssen (vom Allgemeinen zum Besonderen) und induktiven Schlüssen
(vom Besonderen zum Allgemeinen) eine besondere Bedeutung zukommt. Deduktives
Denken setzt zunächst voraus, dass die sprachlichen Bestandteile von
Argumenten, z.B. Aussagen, Propositionen, Verneinungen, Verknüpfungen,
Bedingungen, etc. identifiziert werden können. Wichtig ist auch, dass die
Gleichheit und Verschiedenheit von Aussagen und ihre logischen Implikationen
abgeschätzt werden können. Außerdem sollen Prämissen (z.B. Ursachen) und
Konklusionen (z.B. Auswirkungen) in Aussagen erkannt werden können, wobei
implizite Annahmen oder Hintergrundannahmen, fehlende Argumentteile u.Ä.
herauszuarbeiten bzw. zu ergänzen sind. Lernende müssen schließlich auch in
der Lage sein, die Zuverlässigkeit von Argumenten beurteilen bzw. Fehler in
Argumentketten (z.B. Zirkelschlüsse, falsche Annahmen, unklare Sprache,
unfaires Argumentieren, etc.) entdecken können. Induktives Denken betrifft
Schlussfolgerungen, die Annahmen unter der Bedingung von Risiko und Unsicherheit
stützen. Insbesondere müssen die Erklärungskraft von induktiven
Schlussfolgerungen (Hypothesen) anhand einer Reihe von Kriterien (z.B.
Genauigkeit, Konsistenz, Relevanz und Vollständigkeit) bewertet und etwaige
Fehler (z.B. unterdrückte Evidenz, Übersehen von Ursachen, Verwechslung von
kausalen und nicht kausalen Bedingungen, usw.) identifiziert werden.
Abbildung
1. Eine empirische Taxonomie kritischen Denkens (Dick, 1991, S. 84)
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Kritisches
Denken ist damit eng verknüpft mit "informeller Logik", d.h.
logischem Schlussfolgern auf der Basis von Alltagssprache (vgl. Walton, 1989).
In Abgrenzung zu vorhandenen Denktrainings und ihren Grundlagen (vgl. Mandl
& Friedrich, 1992; Klauer, 1993; oder Hager, 1995), zielt kritisches Denken
a) primär auf eine allgemeine fachübergreifende Kompetenz ab, die im
jeweiligen Fachkontext ("kontextualisiert") geübt und vertieft wird;
b) auf viele unterschiedliche Teilfertigkeiten ab, die in ihrer Gesamtheit
beachtet werden; c) auch auf intuitive Schlussfolgerungen in komplexen
Problemsituationen ab und d) auf, in der Regel, in Denktrainings übersehene
Entwicklungen in der wissenschaftlichen Logik ab (z.B. monotones vs. nicht
monotones Schließen, abduktives Schließen, Äquivokation, Bewertung von
Argumentationsstrategien, etc.).
Unterrichtliche
Anwendungsgebiete ergeben sich im Religionsunterricht, Ethikunterricht,
Philosophieunterricht, im Rahmen Politischer Bildung, im Geschichtsunterricht,
im Deutschunterricht etc. (vgl.
Martens, 2000). Darüber hinaus ist kritisches Denken überall dort gefragt, wo
logisches Schlussfolgern eine wichtige allgemeine Kompetenz darstellt, speziell
im Mathematikunterricht und im naturwissenschaftlich-technischen Unterricht
(Biologie, Physik, Chemie, Informatik, etc.).
Es
scheint einigermaßen klar zu sein, was kritisches Denken ausmacht, aber auch
wie entsprechende Unterrichtsprogramme auszusehen haben. Halpern (1998) fasst
die Quintessenz dieser Programme in einem eigenen "Vier-Komponenten-Modell
zur Förderung kritischen Denkens" zusammen. Es berücksichtigt vergangene
Forschungsbemühungen aus dem Bereich der kognitiven bzw. pädagogischen
Psychologie und nimmt vier Bestandteile an, die für die Förderung des
kritischen Denkens als unumgänglich gelten: a) eine Disposition bzw. eine
Einstellung zum kritischen Denken; b) Unterricht in spezifischen Fertigkeiten
des kritischen Denkens; c) Struktur-Trainings, die den Wissenstransfer in
unterschiedlichen (fachspezifischen) Kontexten sicherstellen sollen; und d)
metakognitive Fertigkeiten, die den (selbstregulativen) Prozess des kritischen
Denkens steuern und bewerten.
Diese
Programme zur Förderung des kritischen Denkens sind allerdings nicht
ausreichend wirksam. In einem Literaturreview kommen Nickerson, Perkins und
Smith (1985) zur Ansicht, dass die überwiegende Mehrheit der Förderprogramme
zum kritischen Denken keine bedeutsamen Effekte zeigen. Zu einem ähnlichen
Schluss kommen auch McMillan (1987), Pascarella und Terenzini (1991) und
neuerdings bestätigend auch van Gelder (2000a) in ihren umfassenden
Literaturaufarbeitungen. In neuerer Zeit wurde aufgrund dieses Umstandes eine
Delphi-Studie durchgeführt, in der 46 Experten aus dem Bereich der
Denkforschung "kritisches Denken" aufgrund der Wirkungslosigkeit
vergangener Unterrichtsprogramme neu zu definieren hatten (APA, 1990). Auf der
Basis dieser Definition und um entsprechende empirische Forschungsbemühungen
voranzutreiben, wurden drei Messinstrumente entwickelt und validiert, nämlich
der "California Critical Thinking Skills Test (CCTST)" zur Messung von
spezifischen kognitiven Fertigkeiten (Facione & Facione, 1992), das "California
Critical Thinking Dispositions Inventory (CCTDI)" zur Messung von
relevanten Einstellungen bzw. Dispositionen (Facione, Facione & Giancarlo,
1992) und das "Holistic Critical Thinking Scoring Rubrib (HCTSR)" (Facione
& Facione, 1994) zur Berücksichtigung des fachspezifischen Kontextes, in
dem kritisches Denken angewandt wird. Ob diese Kanalisierung der Forschungsbemühungen
allerdings von der Scientific Community akzeptiert wird, wird sich erst zeigen.
Neuere wissenschaftlich fundierte Arbeiten deuten allerdings nicht darauf hin
(vgl. Sa, West & Stanovich, 1999).
Es
stellt sich die berechtigte Frage, wenn traditioneller Schulunterricht bzw.
entsprechende Förderprogramme kritisches Denken nicht effektiv fördern können,
ob das mit dem Einsatz neuer Lernmedien verbessert werden kann. Neue Lernmedien
könnten den Lehrer durch qualitativ-hochwertige Lehrangebote unterstützen oder
ihn überhaupt entlasten, in dem der Lehrer bestimmte Aufgaben des Unterrichtens
an das Lernmedium delegiert. Ob das allerdings bei kritischem Denken möglich
ist, ist derzeit noch unklar. Diese offene Frage soll in einem Review
vorliegender Forschungsergebnisse beantwortet werden. Vorliegende Reviews, die
die Effekte und Lernbedingungen beim Einsatz von neuen Lernmedien (d.s. CD-ROM-
und/oder WBL) betreffen, sind alle ohne Bezug zu kritischem Denken (vgl.
Astleitner, 2000c; Saba 2000). Hier werden nicht nur Lernergebnisse in WBL
beachtet, sondern generell auch CD-ROM-basierte Lernumgebungen, da die auch in
WBL implementiert werden können.
4.2. Kann
kritisches Denken mit neuen Lernmedien gefördert werden?
Grundsätzlich
muss zunächst unterschieden werden, welche Art von Lehrfunktion (Aufmerksamkeit
fördern, Lehrziele präsentieren, motivieren, etc.) von den neuen Lernmedien übernommen
werden kann. Dabei können drei Arten unterschieden werden: a) "Neue
Lernmedien ohne Lehrfunktion": hier dient das Medium als Lehrstoff oder als
Hilfsmittel zur Erledigung von Lernaufgaben; ein Lehrer oder Tutor bleibt
zentrale Lehrperson; b) "neue Lernmedien mit indirekter Lehrfunktion":
in diesem Fall kann das Medium Lehrfunktionen teilweise übernehmen, der Lerner
und der Lehrer oder Tutor sind aber wesentlich in der Steuerung und Bewertung
des Lernprozesses; und c) "neue Lernmedien mit direkter Lehrfunktion":
hier kann das Medium viele Lehrfunktionen übernehmen und auch den Lernprozess
weitgehend selbständig steuern.
4.2.1. Neue
Lernmedien ohne Lehrfunktion: Gegenstand oder Werkzeug kritischen
Denkens
Jonassen
(1996) geht davon aus, dass neue Lernmedien ideal als Gegenstand (Unterricht über
neue Lernmedien) oder als Werkzeug (als unterrichtliches Hilfsmittel) zur Förderung
kritischen Denkens geeignet sind. Voraussetzung dafür ist ein menschlicher
Tutor, der den Lernprozess steuert bzw. relevante Lehrfunktionen realisiert.
Duffelmeyer (2000) sieht hier eine allgemeine "Technologiekritik" als
Basis dafür, kritisches Denken fördern zu können. Verankert sind diese Ansätze
meist im Forschungsparadigma der "kritischen Theorie" oder der
"qualitativen Sozialforschung", was dazu führt, dass in der Regel
keine empirischen Daten berichtet werden, die in dieser Literaturaufarbeitung
berücksichtigt werden könnten (vgl. z.B. URL http://www.criticalthinking.org).
Wenn es einen gewissen Anknüpfungspunkt an diese Forschungstradition gibt, dann
den, dass grundsätzlich eine Vielzahl von Einschätzungsskalen zur Bewertung
der Informationsqualität von Internet-Seiten vorliegen, die zwar nicht von
Forschern dieser Paradigmen entwickelt wurden, die ihnen aber hilfreiche
Anregungen geben könnten (vgl. z.B. Wilkinson, Bennett & Oliver, 1997).
Empirische Studien, die belegen, dass der Einsatz solcher Bewertungsinstrumente
systematisch die Entwicklung kritischen Denkens fördert, stehen allerdings noch
aus.
Über
eine wenig empirisch gestützte Technologiekritik oder Kritik an neuen
Lernmedien als Methode zur Anregung kritischen Denkens hinaus gehen Reimann und
Bosnjak (1998). Sie setzten die Gestaltung von Hypertexten als Methode bzw.
Werkzeug zur Förderung kritischen Denkens ein. In ihrer Studie mussten die
Teilnehmer ein Argument kritisieren und erweitern, wobei dazu Knoten
(Hypertextseiten) und Knotenverbindungen (Hypertextverknüpfungen) zur anfänglichen
Argumentstruktur ergänzt werden mussten. Hintergrundinformation zur Erledigung
dieser Aufgabe lieferte ein frei zugänglicher Hypertext oder eine vorgegebene
Sequenz von Informationsseiten (einer korrespondierenden anderen Person). Der
Zugang zum Hypertext hatte sich - wider Erwarten - als nicht leistungsförderlich
herausgestellt. Diese sehr sorgfältig konzipierte Studie lässt den Schluss zu,
dass computergestützte Werkzeuge kritisches Denken nicht fördern können, wenn
sie nicht gezielt Lehrfunktionen ausüben oder mit solchen kombiniert werden.
Dies bestätigt auch eine Studie von Glebas (1997), der ein
Tabellenkalkulationsprogramm, ohne diese Lehrfunktion, zur Förderung von mit
kritischem Denken eng verwandten Denkfertigkeiten im Mathematikunterricht ohne
Erfolg einsetzte. Auch in einer Arbeit von Scarce (1997) zur Förderung
kritischen Denkens wurde E-mail, ein weiteres unterrichtliches Werkzeug, zur Förderung
der Kommunikation von Lernergruppen und zur Versendung von Hausaufgaben
verwendet; nach Selbsteinschätzung der Lernenden allerdings ohne erkennbaren
Effekt. Auch eine Studie von Santos und DeOliveira (1999), in der das Internet
bzw. E-mail einzig als Kommunikationswerkzeug - ohne jegliche andere Funktion -
eingesetzt wurde, zeigte keine Verbesserung im kritischen Denken in Vergleich zu
herkömmlichem Unterricht.
Neue
Lernmedien ohne (implementierte oder von einem menschlichen Tutor vermittelte)
Lehrfunktionen scheinen also, aufgrund der aktuellen Befundlage, nicht geeignet
zu sein, kritisches Denken im schulischen Unterricht fördern zu können.
4.2.2. Neue
Lernmedien mit indirekter Lehrfunktion: Kollaboratives Lernen und kritisches
Denken
In
traditionellen Lernumgebungen ist der positive Effekt von kollaborativem Lernen
auf kritisches Denken - entgegen vielen anderen nicht bedeutsamen Ergebnissen -
gut belegt (vgl. z.B. Gokhale, 1995). Sorgfältig konzipiertes (und damit sehr
aufwendiges) kollaboratives Lernen garantiert in der Regel eine größere Häufigkeit
von unterschiedlichen Sichtweisen, damit verbunden von Lernerfahrungen und
-hilfen. Auch für Internet-basierte Lernumgebungen liegen entsprechende
Ergebnisse vor.
Newman,
Johnson, Cochrane und Webb (1996) verglichen ein herkömmliches Seminar mit
einem Seminar, das ein Konferenzwerkzeug (ein Internet-basiertes
Diskussionsforum) nutzte. Die Ergebnisse zeigen, dass im Seminar mit dem
Konferenzwerkzeug bessere Leistungen im kritischen Denken erzielt wurden. Als
Grund dafür wird angegeben, dass die Lernenden in diesem Internet-basierten
Seminar mehr externes Informationsmaterial in die Diskussionen einbrachten und häufiger
Ideen und Lösungen aufeinander bezogen als das im herkömmlichen Seminar der
Fall war. Diese Studie zeigt, dass es beim kritischen Denken von Vorteil ist,
schnell relevante Information zu bekommen bzw. diese mit anderen Lernenden
austauschen zu können, was insgesamt die Anzahl der Lernmöglichkeiten erhöht.
Für die instruktionale Gestaltung von neuen Lernmedien für kritisches Denken
liefert diese Studie allerdings keine direkten Anhaltspunkte.
Bullen
(1998) liefert hier schon ausführlicheres Hintergrundwissen, allerdings fehlt
eine systematische Prüfung einzelner seiner Programmkomponenten. Auch er setzte
ein Konferenzwerkzeug als Ergänzung zum herkömmlichen Unterricht ein, um
kritisches Denken zu fördern. Die teilnehmenden Lerner fanden positiv, dass sie
in einem zeitlichen Rahmen, aber nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt und nicht
gestört durch dominante Diskussionsteilnehmer, Beiträge liefern konnten. Sie
fanden aber auch negativ, dass durch die zeitliche Verzögerung der Antworten -
Diskussionsforen sind asynchrone Kommunikationsmittel, d.h. es ist nicht möglich,
in Echtzeit miteinander zu kommunizieren - auf Argumente nicht sofort reagiert
werden konnte. Viele Lernende forderten deshalb und wegen der erlebten starken
Textbezogenheit des Lehrstoffes und des Lernprozesses, auch eine synchrone
Kommunikation, die über face-to-face-Kontakt oder Audio- bzw. Videoconferencing
realisiert werden kann. Als störend erlebten die Lernenden auch die
unstrukturierte Darstellung der Diskussionsbeiträge und die nicht gegebene Möglichkeit,
auf eine einfache Art und Weise, Antworten auf eigene Diskussionsbeiträge
einzusehen. Insgesamt zeigten Inhaltsanalysen von Diskussionsbeiträgen aber,
dass die Lernenden kaum kritisches Denken aufwiesen. Der Autor kommt zum
Schluss, dass kritisches Denken mit Konferenzwerkzeugen nur dann effektiv
angeregt werden kann, wenn a) die eingesetzte Technologie einfach zu bedienen
ist, synchrone und asynchrone Kommunikation möglich macht und die Erreichung
allgemeiner Lehrziele direkt unterstützt; b) ein menschlicher Tutor den
Lernprozess organisiert, die Partizipation kontrolliert und anregt und
fachbezogene Beratung gibt; und c) konkrete Lehrmethoden eingesetzt werden, die
Teilfertigkeiten kritischen Denkens trainieren. Eine empirische Prüfung seiner
Postulate liefert der Autor allerdings nicht.
Sloffer,
Dueber und Duffy (1999) legen zwar nur eine explorative Studie vor, diese Studie
liefert aber mehr Aufschlüsse über den Einfluss eines asynchronen und
synchronen Konferenzwerkzeuges auf Teilfertigkeiten im kritischen Denken als
ihre Vorgängerstudien. Die Autoren entwickelten (mit einfachen und kostengünstigen
Mitteln) ein Werkzeug, das eine lineare Auflistung der Forenbeiträge zur
Exploration erlaubt, eine hierarchische bzw. verschachtelte Auflistung zur
Analyse der Beiträge leistet und eine synchrone Umgebung, in der zentrale
Entscheidungen positioniert und gemeinsam getroffen werden können. Zentrales
Anliegen der Studie war es, metakognitive Aktivitäten durch Visualisierungen
des kritischen Denkprozesses zu fördern. Zu diesem Zweck musste der Lerner
Nachrichten in die gegebene hierarchische Nachrichtenstruktur einordnen;
Nachrichten mit einer Bezeichnung versehen, die im kritischen Denken wichtig ist
(z.B. Bezeichnungen für "Hypothese" oder "Evidenz") und
regelmäßig Zusammenfassungen während der Explorationsphase liefern. Außerdem
konnte der Lerner nur dann andere Nachrichten lesen, wenn er eine vereinbarte
eigene Leistung erbracht hatte. Der Tutor konnte sehen, welche Nachrichten die
Lerner selbst abgeschickt und welche sie gelesen haben. Darüber hinaus war es
ihm möglich, die Erlaubnis für die Teilnahme am Lernprozess zu erteilen oder
zu entziehen, die von den Lernern verwendeten Bezeichnungen für Nachrichten zu
erstellen und die Struktur bzw. Zusammensetzung von Konferenzen festzulegen.
Eine wichtige Aufgabe des Tutors bestand auch darin, nicht direkt an einer
durchgeführten Debatte teilzunehmen, sondern sich primär auf motivierende
Aufgaben (zur Aufrechterhaltung der Lerneraktivitäten) zu beschränken. Als
Ergebnis der Studie zeigte sich, dass die Lernenden viele eigene kritische
Diskussionsbeiträge lieferten und fast alle Beiträge der anderen lasen. Sie
schätzten auch den instruktionalen Mehrwert gegenüber herkömmlichen
Internet-Umgebungen für Diskussionsforen hoch ein, weil in dem erstellten
Diskussionsforum der Prozess und die Struktur der Diskussionsbeiträge gut
ersichtlich wurde. Einen schlüssigen Nachweis, ob und welche Komponenten
kollaborativen Lernens mit neuen Lernmedien kritisches Denken fördern, liefert
aber auch diese Arbeit nicht.
DeLoach
und Greenlaw (1999) erforschten in einer inhaltsanalytischen Fallstudie den
Prozess des kritischen Denkens in elektronischen Diskussionen und fanden, dass
mit Fortdauer des Diskussionsprozesses bessere Ergebnisse im kritischen Denken
(hinsichtlich sachlicher Richtigkeit, Neuigkeitswert, Komplexität, etc.)
erzielt wurden. Dieses Ergebnis wurde in einer offenen Lernumgebung (mit z.B.
einer unspezifischen Zielvorgabe) erzielt. Als Problem für die Bewertung
kritischen Denkens stellte sich heraus, dass ein Teil der Diskussionsbeiträge
nichts mit der Themenvorgabe zu tun hatte, wobei dieses Problem nicht klar auf
lern-, motivations-, oder emotionsrelevante Ursachen zurückgeführt werden
konnte. McLoughlin und Luca (2000) gingen einen Schritt weiter und untersuchten,
welche Arten von kognitiven Interaktionen in den Nachrichten aufzufinden sind.
Sie fanden, dass Diskussionsteilnehmer in einem WebCT-basierten Diskussionsforum
primär Information austauschen, zu einer kritischen Analyse der
Diskussionsbeiträge (Prüfung, Revision, Bedeutungsverhandlungen) anderer, ist
es hingegen nur selten gekommen. Als Ursachen für fehlendes kritisches Denken
werden angesehen: a) zu geringe Lernanleitung (durch komplexe Lernaufgaben), b)
fehlender Hinweis darauf, dass die Diskussionsteilnehmer ihren Wissenszuwachs
selbst kontrollieren sollen und c) das Fehlen affektiv-emotionaler Elemente, die
den Aufbau von verantwortlichem und emotional-sensiblem zwischenmenschlichen
Umgang fördern. Auch wurde als eine zentrale Ursache für fehlendes kritisches
Denken angenommen, dass die Diskussionsteilnehmer Angst davor hatten, selbst
kritisch beurteilt zu werden oder durch eigene kritische Äußerungen andere
verletzen zu können.
Zusammenfassend
muss gesagt werden, dass der Erfolg der Förderung kritischen Denkens über neue
Lernmedien, die kollaborative Lernformen unterstützen, nicht hinreichend
beurteilt werden kann. Es existieren zwar einige Anhaltspunkte, wie kritisches
Denken verbessert werden könnte, deren empirischer Wirkungsnachweis steht
allerdings noch aus. Werden solche Medien zur Förderung kritischen Denkens
eingesetzt, muss man sich bewusst darüber sein, dass der Lernprozess gezielt
mit Aufgaben zum Erwerb von spezifischen Teilfertigkeiten im kritischen Denken
angereichert und entsprechend, was Zeit, Gruppenaufgaben, etc. betrifft,
organisiert werden muss. Wenn man sich den gegenwärtigen Schulalltag ansieht,
dann scheint es unrealistisch, dass kritisches Denken über neue Lernmedien mit
einer besonderen kollaborativen Lernfunktion entscheidend gefördert werden
kann, weil Aufwand und erwartbarer Effekt nicht in einem sinnvollen Verhältnis
stehen.
4.2.3. Neue
Lernmedien mit direkter Lehrfunktion: Individuelles Lernen und kritisches
Denken
Es
deutet vieles darauf hin, dass kritisches Denken mit neuen Lernmedien nur dann
bedeutsam gefördert werden kann, wenn entsprechende Lehrfunktionen aktiv vom
Medium wahrgenommen werden. Nur in diesem Fall wäre auch der Lehrer entlastet,
was auch die praktische Relevanz dieser Form der Förderung kritischen Denkens
durch neue Lernmedien augenscheinlich werden lässt. Neue Lernmedien mit
direkter Lehrfunktion betreffen einerseits Computersimulationen und andererseits
sogenannte "Logik-Software", die als Tutorials oder Drill-Programme
mit Elementen "offener Lernumgebungen" spezifische Teilfertigkeiten
kritischen Denkens trainieren.
Computersimulationen.
Obwohl beim Lernen mit Computersimulationen eine Reihe von Lern- bzw.
Denkaufgaben - z.B. das Prüfen von Hypothesen - auftreten, die eng mit
kritischem Denken verwandt sind, fehlen Studien, die Effekte von
Computersimulationen auf kritisches Denken prüfen. De Jong und van Joolingen
(1998) zeigen in ihrem umfassenden Review die personellen und situativen
Bedingungen auf, die erfüllt sein müssen, damit in Computersimulationen
erfolgreich gelernt werden kann. Demnach sollten die Lernenden z.B. Hypothesenprüfverfahren
und Suchheuristiken beherrschen; bei Bedarf Hintergrundwissen zum simulierten
Fachbereich erhalten; bei der Wissensexploration durch Vorgabe von Aufgaben
angeleitet werden; oder Variablenmodelle, die den Fachbereich der Simulation
abbilden, ersichtlich gemacht werden. Nur Rivers und Vockell (1987) und bestätigend
Faryniarz und Lockwood (1992) belegten, dass eine Computersimulation im Fach
Biologie und Ökologie kritisches Denken (gemessen mit standardisierten Tests)
bedeutsam positiv beeinflusst hat, wenn die Arbeit der Lernenden angeleitet
("guided discovery") erfolgte. Eine gezielte Beeinflussung von
kritischem Denken hat in dieser Studie nicht stattgefunden, vielmehr wurde
kritisches Denken als ein nicht näher theoretisch verankerter Bestandteil höherer
kognitiver Fertigkeiten gemessen. Ähnliches gilt auch für die Arbeit von
Gokhale (1996). Dieser Autor hat nachgewiesen, dass im Fach Elektronik, eine mit
vielen instruktionalen Komponenten ausgestattete Computersimulation bedeutsam
einige Teilfertigkeiten von kritischem Denken (nämlich Analyse, Synthese und
Evaluation) positiv beeinflusst hat, währenddessen niedrigere kognitive
Leistungen (Wissen, Verstehen, Anwenden) nicht verbessert werden konnten. Auch
Yeh und Strang (1997) bringen nur einen beschränkt gültigen Beleg dafür, dass
Computersimulationen zur Förderung von Lehrmethoden zum kritischen Denken
prinzipiell kritisches Denken fördern können. Sie wiesen nach, dass Junglehrer
nach der Arbeit mit einer Computersimulation, die den Schulalltag simuliert,
bessere Leistungen im Unterrichten von kritischem Denken brachten.
Obwohl
es auch bei Forschungsergebnissen zu Computersimulationen an kontrollierter
Forschung mit direktem Bezug zu kritischem Denken fehlt, zeigen diese Ergebnisse
doch eine gewisse Wirksamkeit von Computersimulationen zur Förderung kritischen
Denkens auf. Beachtet werden muss allerdings, dass die kognitiven Fertigkeiten,
die bei erfolgreichem Arbeiten mit Computersimulationen zum Tragen kommen, vor
allem "induktives Denken" fördern, die anderen Teilkompetenzen von
kritischem Denken aber weitgehend unberücksichtigt lassen.
Logik-Software.
Van Gelder (2000b) prüfte den Einfluss des Software-Trainings "Reason!"
(URL http://www.goreason.com) auf "informelles Schlussfolgern".
"Informelles Schlussfolgern" ist im Gegensatz zu "formalem
Schlussfolgern" auf Sätze mit natürlicher Sprache, also
Alltagssituationen, bezogen und ist deshalb besonders relevant für kritisches
Denken. "Reason!" ist ein Selbstlernprogramm,
das ohne jegliche Tutorunterstützung auskommt und das über einen Zeitraum von
mehreren Monaten eingesetzt werden kann. Lehrinhalte werden kontextorientiert präsentiert,
graphisch veranschaulicht und bieten eine Vielzahl von Steuerungsmechanismen
(z.B. das Verfolgen einer Argumentkette) und Rückmeldungen an den Lerner. Zwei
vom Autor durchgeführte Vor-/Nachtest-Studien zeigten mittlere Effektstärken
(0.41 und 0.51), wenn man die Lerneffekte der Logik-Software herkömmlichem
Unterricht im kritischen Denken gegenüberstellt.
Van
Gelder (2000a) berichtet in seiner Forschungsübersicht noch von einer noch
nicht publizierten Studie, in der nachgewiesen wird, dass auch die Software
"Lemur" (URL http://www.wwnorton.com/lemur) erfolgreich zur Förderung
kritischen Denkens eingesetzt wurde. Auch "Lemur" betrifft informelles
Schlussfolgern. Diese Lernumgebung bietet Übungen mit Lösungshinweisen, Tests
und Lehrstoffübersichten in Form eines drill-ähnlichen Lehrprogramms an, ist
allerdings nur sinnvoll im Medienverbund mit einem Lehrbuch zu nutzen.
Ähnliche
positive Ergebnisse wurden auch in den Arbeiten von Stenning, Cox und Oberlander
(1995) bezüglich der Software "Hyperproof" und für die Arbeiten von
van der Pal und Eysink (1999) bezüglich "Tarski´s World" berichtet.
Mit dieser Software werden aber ausschließlich Fertigkeiten im formalen
logischen Schließen gefördert, die erstens nur einen Teil von Kompetenzen im
kritischen Denken ausmachen und die zweitens in der Regel keine Probleme bzw.
Aufgaben betreffen, die in Alltagskontexte eingebettet sind, sondern sehr
formale, mit Symbolen operierende Aufgabenstellungen. Ein großer Anteil an
Software zum Erlernen von logischem Schlussfolgern erfüllt somit nicht die
Bedingung, die durch das anerkannte Lehrmodell von Halpern (1998) vorgegeben
ist, nämlich, dass Fertigkeiten im kritischen Denken kontextualisiert werden müssen
(vgl. eine umfassende Übersicht über unterrichtliche Logik-Software auf URL
http://tcw2.ppsw.rug.nl/~hans/logiccourseware.hmtl). Dieser Umstand fällt um so
mehr ins Gewicht, als z.B. Cheng, Holyoak, Nisbett und Oliver (1986)
nachgewiesen haben, dass Kurse in formaler Logik keinen bedeutsamen Einfluss auf
Schlussfolgern in alltäglichen Situationen haben, da im Alltag
"pragmatische" bzw. "informelle" "Schlussschemata"
Anwendung finden. Solche Schlussschemata sind aber zentrale Bestandteile
kritischen Denkens.
In Gegensatz zu den anderen Lernmedien-Konfigurationen, mit denen versucht wurde, kritisches Denken zu fördern, zeigt "Logik-Software" zumindest Ergebnisse, die weitere Forschungsbemühungen rechtfertigen, aber auch notwendig machen. Sieht man sich die erfolgreiche Software "Reason!" und "Lemur" näher an, dann fällt auf, dass diese Software geschlossene Lehrformen, wie Tutorials und Drillprogramme, mit einem Anteil "offener Lernformen" (mit Möglichkeiten der graphischen Darstellung von Argumentketten, der Informationsbewertung, etc.) verbinden. Es muss aber auch bei dieser Art von Software bemerkt werden, dass es an kontrollierter Forschung mit entsprechenden Replikationsversuchen fehlt.
http://cbl.fh-hagenberg.at/~cbl02017/mitschriften/sem3/ler/lernpsy1/basistexte/weblernen.doc
Fachhochschule Hagenberg
Hauptstraße 117, A-4232 Hagenberg
2004