Heinrich
Winter: Text- oder Handlungsorientierung? ... - In: nm 3/99, 179 ff.
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4 Prozessorientierung
Neuere
biogenetische, neurophysiologische und kognitionspsychologische Erkenntnisse
erhellen im Kern die Struktur des menschlichen Gehirns und die darin ablaufenden
Verarbeitungsprozesse. Nach Multhaup (1995: 216f.; 1997:78) sind - im Längsschnitt betrachtet -dem dreistöckigen Aufbau des Gehirns verschiedene
Funktionen zugeordnet: a) das Stammhirn mit der Regelung vegetativer
Funktionen, b) das limbische System „für die Regelung
emotionaler Bedürfnisse“ und schließlich die beiden Hälften des Neocortex „für die gesamten höheren kognitiven Funktionen“.
Interessant in unserem Zusammenhang ist gerade die Vernetzung einzelner
Regionen des Neocortex
untereinander, vor allem aber auch durch die über Nervenbotenstoffe zustande
kommenden Erregungsleitungen, die vom limbischen
System zum Neocortex verlaufen. Durch das limbische System nämlich kommt es zur Aufmerksamkeitssteuerung,
und wegen der neurophysiologischen Verknüpfung von limbischem
System und Neocortex sind „rationale und emotionale
Aspekte von Handlungsentscheidungen schwer voneinander zu trennen“ (Multhaup, 1997: 78).
Eine
akzentuierende Trennung in rationales und emotionales Handeln mag zum Zwecke
der Untersuchung involvierter Teilprozesse
gerechtfertigt erscheinen. Im literaturdidaktischen Kontext jedoch
textorientierte, analytische Verfahren als emotionslos oder die verschiedene
Sinne der Schüler ansprechenden Maßnahmen der Handlungsorientierung bar jeder
rationalen Verarbeitung zu betrachten, entbehrt von kognitionspsychologischer
Warte jeglicher Grundlage. Ohne aufmerksamkeitssteuernde
Botenstoffe des limbischen Systems werden nämlich
rationale Operationen im Neocortex nicht stattfinden
können, und die emotionsstärkenden Verfahren handlungsorientierter
Provenienz kommen ohne Formen der Wissensverarbeitung im Neocortex
nicht aus, wenn Schüler im Englischunterricht weiterhin effektiv lernen sollen.
Das
Lernen ergibt sich aus Diskrepanzen
zwischen dem, was man schon weiß, und dem, was einem ... an neuen Formen begegnet,
wenn sie mit den mental schon repräsentierten Kategorien des Sprach- und
Weltwissens noch nicht befriedigend interpretiert werden können ... Das aber
setzt den Willen zum Verstehen und
Lernen voraus und verlangt die Aktivierung von kognitiven Kriterien für die
Verarbeitungsprozesse. (Multhaup, 1995: 258-259)
Zum
Lernen bedarf es nämlich der durch Aufmerksamkeit aktivierten Areale des
Langzeitgedächtnisses. Die vom Individuum als wichtig erachteten Aspekte aus
der Vielzahl der Sinneseindrücke können dann im Langzeitgedächtnis
abgespeichert werden.
Für
literaturdidaktische Betrachtungen aufschlussreich ist hier die Erkenntnis,
dass diese Aspekte „zum einen geprägt (werden) von der Gestalt und den
Eigenschaften der wahrgenommenen Objekte und Ereignisse der externen Welt, zum
anderen aber auch von den individuell verfügbaren Deutungsmustern, die intern
schon verfügbar waren und für das Verstehen des Erlebten aktiviert wurden.“ (Multhaup, 1997: 79) Dieses Wechselspiel von Objektgestalt
und Wahrnehmung unterstreicht die aus der hermeneutischen Literaturdidaktik
(vgl. Bredella, 1992; 1995) bekannte Überzeugung,
dass ein Text im Kopf des Lesers erst geschaffen werde, allerdings nicht gänzlich
frei, weder was die erfahrungsgeleiteten zielsprachlichen
Leseprozesse des Einzelnen noch was die textuell
vorgegebenen Informationen betrifft.
In
diesem Sinne hat schulischer Umgang mit Texten zuerst von konkret ablaufenden
Rezeptionsprozessen auszugehen (vgl. Schier, 1989: 216; Wolff, 1994: 420). Zielsprachlicher Literaturunterricht kann dabei allerdings
nicht stehen bleiben, sondern hat diese Prozesse beispielsweise durch
transparente Rückbindung an die Textgestalt fremdsprachlich vermittelbar zu
machen, z. B. im Rezeptionsgespräch. Da diese Rezeptionsgespräche auch zugleich
Gespräche in der Zielsprache und über sie sind, ergeben sich vielschichtige
Ebenen für „Lerngespräche“ (Nissen, 1992: 164; Nissen, 1998). Der Bedeutungs-
und Fruchtlosigkeit analytischer Tätigkeit, die zum Selbstzweck erhoben wird,
ließe sich so genauso begegnen wie der Bedeutungs- und Folgenlosigkeit einer
handlungsorientierten Textverarbeitung, die nur von methodischen Versatzstücken
ohne konkrete Ziele der sinnstiftenden Rückbindung an die Ursprungstexte lebt.
Eine genauere Betrachtung der im Gehirn ablaufenden Verarbeitungsprozesse
unterstreicht nämlich die Vernetzung derselben und die zielsprachliche
Literaturrezeption als Sonderfall allgemeiner Lernstrategien, wie Multhaup (1997: 8()) anschaulich belegt.
Dieses
Modell ist kompatibel mit gängigen lerntheoretischen Erkenntnissen wie
praktischen Erfahrungen und zugleich umfassend, da es den Lerner ganzheitlich,
fachspezifisch, d. h. in all seinen Kompetenzbereichen erfasst. Es vermag aus literaturdidaktischer
Sicht genauso selektive Leseprozesse der Schüler zu erklären (siehe:
Assimilation), wie es beispielsweise auch erhellt, warum Lesarten von
Schülerinnen und Schülern verschieden sind und z. T. vom Lehrer als wenig
befriedigend empfunden werden (siehe: top-down-Prozesse).
Es zeigt, um einen weiteren Aspekt zu nennen, dass Zielorientierung notwendig
ist: sowohl für das Individuum, das so z. B. Bedeutungsvolles von Belanglosem
unterscheiden lernt, als auch für Schule, deren Aufgabe es bleibt, Lernprozesse
im Schüler anzuregen.
Dem
Lehrer seinerseits kommt zum einen die Aufgabe zu, die Lernumgebung zu
schaffen, in der die Schüler die ihnen angemessensten
Strategien erkennen und erproben können. Zum anderen hat er alternative
Strategien anzubieten und die Lerner zur Reflexion über den eigenen Lernprozess
anzuregen. Er wächst damit in die Rolle eines Lernhelfers bzw. -beraters
hinein. (Tönshoff, 1995: 243)
Als
Grundtypen von Lernprozessen werden aus prozessorientierter Perspektive accretion- (Anreichern des Wissens), restructuring- (Neuorganisation des Wissens) und tuning- (Geläufigmachen des Wissens)
Prozesse unterschieden, wobei gerade die Letzteren theoretisch die
Notwendigkeit für Festigungs- und Wiederholungsphasen im Sprachunterricht
unterstreichen.
Was
das Wissen angeht, wird prozessorientiert zwischen dem Weltwissen des Schülers
auf der einen und seinem Sprachwissen auf der anderen Seite differenziert.
Beide Bereiche des Wissens wiederum lassen sich kategorial unter den Aspekten deklarativ bzw. prozedural
betrachten: So gehören beispielsweise Regelwissen und Vokabelkenntnisse zum deklarativen Sprachwissen, während Sprachkönnen, auch im
Sinne von strategischem Wissen zur Aneignung und Reaktivierung von deklarativem Wissen, zum prozeduralen
Wissen zählt. Analog verhält es sich mit dem Weltwissen.
Die
Anwendung von Wissensschemata aus Bereichen des Weltwissens und Sprachwissens
ist Grundvoraussetzung auch für die Literaturbehandlung im Englischunterricht
und zugleich Ziel für intendierte Lernprozesse an nützlichen Texten unter sie
begünstigenden Rahmenbedingungen. Aus ökonomischer Perspektive können die
anzubahnenden Prozesse jedoch nicht dem Zufall überlassen bleiben. Von daher
sind klare Zielsetzungen, die auf Lernen im Bereich des Weltwissens wie des
Sprachwissens, sei es deklarativ oder prozedural, gerichtet sind, für schulischen
Literaturunterricht als besonderem Erfahrungsraum weiterhin konstitutiv.
Methodisch bedeutet dies, dass neben Wegen, die verstärkt individuelle
Verarbeitungsprozesse fördern, auch solche besondere Berücksichtigung finden
müssen, die als restructuring- oder tuning-Prozesse auf sinnvolle und nützliche
Veränderungen im Umgang mit Texten und Sprache zielen.
Neben
dem Erhalt von Offenheit für Texte als Voraussetzung weitergehender Prozesse
überhaupt wird es um die Erfahrung und Bewusstmachung abgelaufener Prozesse wie
auch um die Anbahnung von für Schüler und Schülerinnen zumindest partiell neuen
Prozessen gehen, deren Sinnhaftigkeit in der
Erfahrung des Individuums möglichst vielfältig zu sichern und die damit in
bestehende Wissensschemata dauerhaft zu integrieren sind. Handlungsorientierung
gebührt somit ein angemessener Platz im Methodenrepertoire zielorientierten,
prozessorientierten Unterrichtens, genauso wie textanalytische Verfahren,
sinnvoll und bedarfsgerecht eingesetzt, eine Bereicherung darstellen für den
Schüler-Leser, der nach Sinn im Verstehensprozess und nach Ausdruck von Erkenntnis
sucht.
Im
Einzelnen wären methodische Maßnahmen nach Wolff (1992: 110ff., 1998: 73)
danach zu wählen, ob sie auf die Aktivierung bzw. Änderung von a)
Bereitstellungsstrategien, z. B. pre-reading activities, Erkennen von advance organizers, brain storming, Fortführung von Texten, b) Verarbeitungstrategien, z. B. skimming, scanning,
Informationsverdichtung, oder c) Erschließungsstrategien, z. B. Inferieren, Erschließen sprachlicher Defizite, zielen.
Ähnlich unterscheidet Donnerstag (1992:147) zwischen 1) rhetorischen
Strategien, die Textsortenwissen nutzen, 2) inhaltsschematischen Strategien,
die Weltwissen zur Verarbeitung der Textinformationen aktivieren, und 3)
Makrostrategien, die mit dem Ziel der Informationsverdichtung und -speicherung
eingesetzt werden. Stiefenhöfer wiederum nennt
vergleichbare Übungen, die die Lernenden Strategien vor, während und nach dem
Lesen aktivieren lassen, während des Lesens z. B. „a) Verarbeitung von Graphemkollokationen, b) Verarbeitung von Wortformen, c)
Anwendung von Bedeutungserschließungsstrategien, d) semantisch-syntaktische
Verarbeitung, e) satzübergreifende Verarbeitung (Referenz/logische
Verbindung/Textstruktur)“ (Stiefenhöfer, 1995: 247).
Ergänzend unterscheidet Vielau (1997: 260) gerade mit
Blick auf die Erwartungshaltung des Lesers und hinsichtlich dessen
prinzipieller Orientierung an der Tiefenstruktur von Texten reduktive,
evaluative und kreative Lesestrategien.
Unmittelbar
einsichtig ist auch, dass die Prozessorientierung ebenfalls den
kognitionspsychologischen Begründungszusammenhang für Übungen liefert, die
unter den Sammelbegriffen Kreativität (z. B. Weirath,
1995: 239) oder Schüleraktivierung gebündelt werden. So erläutert Otten (1992: 174 ff.) schüleraktivierende
Operationen wie Reduktion, Substitution, Rekonstruktion, Elaborieren/Inferieren, matching und media
transfer,
die ihren Bezugspunkt offenkundig noch in der Textgestalt haben, die aber mit
den oben genannten Strategien voll kompatibel sind.
5 Schlussbetrachtung
Die
im Wesentlichen empirisch gesicherte Basis eines integrativen,
prozessorientierten Englischunterrichts ermöglicht einen rational
nachvollziehbaren, ganzheitlichen Zugang zum Lernenden, ohne dass damit bereits
alle bewährten Verfahren der Praxis obsolet geworden wären.
Gerade
die integrative Kraft dieses Ansatzes erlaubt den fruchtbaren Blick über die
enge Fachgrenze hinaus (z. B. in die Allgemeine Didaktik, Psycholinguistik,
Muttersprachendidaktik). Sie birgt auch die fachdidaktische Chance, scheinbar
gegensätzliche fachspezifische Ansätze, auch des Literaturunterrichts im
Schulfach Englisch, durch Rückführung auf deren gemeinsamen Bezugspunkt - die
Lernenden und ihre Verarbeitungsprozesse - in ihren jeweiligen Akzentuierungen
zwar anzuerkennen, sie aber gleichzeitig relativierend miteinander zu
verknüpfen. Damit verkauft die Prozessorientierung keinen alten Wein in neuen
Schläuchen, sondern erhellt theoretisch überzeugend fachdidaktische
Zusammenhänge zwischen Textanalyse und handlungsorientierter Textverarbeitung
mit methodischer Konsequenz.
Die
verstärkte Umsetzung prozessorientierter Didaktik ist derzeit allerdings wohl
noch ein Desiderat. In Zukunft aber könnte so auf Schüler- wie Lehrerseite eher
Frustrationen in der Folge einseitig textorientierter, analytischer Verfahren
wirksam begegnet werden. Andererseits dürfte mit der Prozessorientierung auch
ein methodisch stringenter Bezugsrahmen gefunden sein, den handlungsorientierten
Umgang mit Literatur über den anfänglichen Motivationsschub hinaus vor
Enttäuschungen zu bewahren. [...]
Exzerpt:
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