
Die
Richtlinien fast aller Bundesländer legen den Grammatikunterricht seit den
90er-Jahren als „integrierten Grammatikunterricht“ an: z.B. „Kernlehrplan
Deutsch NRW Sek. I Gymnasium/Gesamtschule 2004“ – „KMK
Bildungsstandards im Fach Deutsch der Sekundarstufe I für den Mittleren
Schulabschluss 2003“ – etc. –
Dabei
meint „Integration“, dass die Gegenstände und
Operationen im Bereich „Reflexion über Sprache/Grammatikunterricht“ dort
aufgesucht werden, wo Sprache originär benutzt wird und wo sprachliche
Phänomene „in Funktion“ beobachtet werden können, d.h. in der Schule: in den
Lernbereichen „Umgang mit Texten“ und „Textproduktion/Aufsatz“.
Grammatikunterricht wird also in die anderen Lernbereiche der Sekundarstufe I
integriert; - in einzelnen Phasen in Unterrichtssequenzen, die aus den anderen
Lernbereichen stammen, oder in eigenständigen Reihen, in denen der Umgang mit
Texten und die Textproduktion zum Ausgangspunkt für die Arbeit an der Sprache
genommen werden und dann zu weiteren Anwendungssituationen führen.
Dies
veränderte die Unterrichtstradition im
Bereich Reflexion über Sprache und bedeutete eine Abkehr vom systematischen
Grammatikunterricht, der nur das Sprachsystem abbilden und die grammatischen
Begriffe vermitteln wollte, aber die Reflexion über die tatsächliche,
authentische Sprachverwendung zu kurz kommen ließ und meist nur von
paradigmatischen Sätzen statt von Texten und Kontexten ausging; es veränderte
jedoch auch die Versuche mit der neuen Idee einer „Grammatik in Situationen“
(Boettcher/Sitta 1978 u. 1979), die nur wenig planbar und unzusammenhängend
„grammatikträchtige Situationen“ aufgreifen wollte.
Neben
den Richtlinien spiegelt die fachdidaktische Literatur diesen Diskussionsstand
bereits seit den 80er-Jahren: z.B. Winrich de Schmidt und Siefer
in DU 3/1982, Einecke in DD 65/1982, Boueke 1985
u.a.m.; zum Beispiel:
„Ein
formaler Grammatikunterricht motiviert weder Schüler noch Lehrer und wird als Erwerb
nutzlosen, toten Wissens empfunden, als eine vom Lehrplan auferlegte Pflicht.
Die Besseres versprechende Alternative ist eine funktionale Sprachbetrachtung,
bei der nicht die Form, sondern die Bedeutung sprachlicher Erscheinungen
(Grammatik möglichst nie ohne Semantik!), ihre Leistung und Funktion im Kontext
und in Sprachverwendungssituationen im Vordergrund der Betrachtung stehen: Wann
und zu welchem Zweck verwendet man den jeweiligen sprachlichen Ausdruck? Was
will man mit ihm im Unterschied zu anderen Formulierungen zum Ausdruck bringen?
Wie wirkt er auf Hörer oder Leser?“ (W. Ulrich: Grammatikunterricht: funktional
und lernfeldübergreifend. IPTS-Vortrag. Flensburg:
Mskr. 1988, S. 8)
Die Konzepte des
„verbundenen Deutschunterrichts“, der „Konzentration im Deutschunterricht', des
„ganzheitlichen Deutschunterrichts“ und des lernbereichsübergreifenden
Deutschunterrichts“ sind mit dem Ansatz der Integration verwandt.
Vertreter
des systematischen Grammatikunterrichts haben sich z.T. zumindest von der
präskriptiven zur funktionalen Grammatik gewandt (s. Sandfuchs 1984). Es fehlte
nur noch der Schritt, dass die grammatischen Phänomene auch dort aufgesucht
werden, wo sie funktional sind: in den sprachlichen Verwendungszusammenhängen,
die im Unterricht beim Umgang mit Texten und Sprechsituationen sowie bei der
eigenen Textproduktion bereitgestellt werden.
In neuerer Zeit finden
sich Überlegungen zum „integrierten Grammatikunterricht“ – auch mit z.T.
anderen Bezeichnungen dafür, doch im Prinzip verwandtem Ansatz bei:
Abraham, Ulf: Den
Blickwechsel üben. In: Mittlgg. d. Dt. Germanistenverbandes
1/2001, 30 ff.
Einecke, Günther:
Fokussieren - auf die sprachliche Ebene lenken. Gesprächssteuerung im
integrierten Grammatikunterricht. In: DU 6 / 1996, 10 - 25
Ders.: Auf die sprachliche Ebene lenken. Gesprächssteuerung,
Erkenntniswege und Übungen im integrierten Grammatikunterricht. In: Albert Bremerich-Vos (Hrsg.): Zur Praxis des Grammatikunterrichts.
Freiburg: Fillibach 1999, 125-191 [Erweiterung
des Vorigen]
Steets, Angelika: Lernbereich Sprache in der Sekundarstufe
I. In: Kämper-van den Boogaart,
Michael (Hrsg.): Deutsch-Didaktik. Leitfaden für die Sekundarstufe I und II.
Berlin 2003, S. 210-231
Ulrich, Winfried: Wie
und wozu Grammatikunterricht. In: Deutschunterricht 1/2001, 4 ff.
Dies alles natürlich
neben Strömungen, die ein Zurück zum systematischen Grammatikunterricht fordern
oder solchen, die mit einer „Sprachwerkstatt“ – auf der Welle der
handlungsorientierten Werkstatt-Idee – die Rolle der Sprachforscher nachstellen
lassen wollen.
Der integrative Ansatz
hat sich auch in neuen Schulbüchern durchgesetzt, z.B. in „Deutschbuch Bd. 5-10
– Cornelsen Verlag 1997-2000“ und in der neue Fassung „Deutschbuch Neue Ausgabe
Bd. 5 ff.- Cornelsen Verlag 2004 ff.“, aber auch in anderen Lehrwerken der
Sekundarstufe I.
Die Entscheidung für
die funktionale
Grammatik in einem integrierten Grammatikunterricht lässt sich unter
folgenden didaktischen Aspekten nachvollziehen:
Aspekt der Motivation: Die Schüler der Sekundarstufe I lassen sich nur schwer
in einem isolierten Grammatikunterricht zur Reflexion über Sprache motivieren.
Zwar gelingt bei kurzen systematischen Lehrgängen immerhin eine kurz dauernde
sekundäre Motivation, vor allem in unteren Klassen, wenn die Schüler schnelle
Rückmeldung über ihren Lernfortschritt beim Auswendiglernen von Tabellen oder
in Form von Testergebnissen, Grammatiknoten etc. erhalten.
Beispiel: „Heute befassen wir uns mit dem Kausalsatz“ - und kurz danach die
befriedigte Feststellung der Schüler: „Wir haben den Kausalsatz gelernt.“ Die
Motivation, nun neben der Begriffsvermittlung noch über Kausalsätze und ihre
Rolle beim Sprechen, Lesen und Schreiben zu reflektieren, bleibt aus. Schon wegen
der meist mit dem isolierten, systematischen Grammatikunterricht gegebenen
Stofffülle kommt man über die „Einführungsstunden“ und kurze Anwendungsübungen
nicht hinaus.
Für die Schüler müsste
deutlich werden, dass eine genauere Auseinandersetzung mit einem sprachlichen
Gegenstand einen übertragbaren Nutzen hat. Diese Transfererwartung ist bei den
Schülern sehr stark und sollte als Chance genutzt werden. Den Nutzen der Arbeit
an der Sprache können die Schüler auf zweierlei Wegen erfahren: Zum einen
können sie synchron merken, dass das
Kennen und Beherrschen grammatischer Elemente eine Funktion beim Umgang mit
Texten und bei der Interpretation, beim Schreiben und in der mündlichen
Kommunikation haben: Die „Pronominalverknüpfung“ benötigt man z. B. beim
Schreiben von Texten.
Zum anderen können sie
diachron erleben, dass die
Erarbeitung grammatischer Phänomene eine Funktion in ihrer Schullaufbahn
besitzt, wenn sie in einem Spiralcurriculum der Sekundarstufe 1 in höheren
Jahrgangsstufen wieder aufgegriffen und erweiternd behandelt werden: Die Aktionsform
„Passiv“ wird z. B. in Jg. 7 bei Experimentalbeschreibungen und in Jg. 9 bei
Nachrichtentexten aufgegriffen.
Aspekt der Komplexität sprachlicher Phänomene: Will man die
Besonderheit grammatischer Phänomene (z. B. Wort, Satz, Text, zugehöriger
Formenbestand, grammatische Verfahren wie Flexion oder Kongruenz etc.)
erfassen, dann ist nach ihrer Leistung und Funktion im Kontext größerer
grammatischer Strukturen, Aussagen und Texte zu fragen. Die besondere Art und
Funktion lässt sich im Unterricht nicht ohne den Zusammenhang mit rezipierten
Texten (Literatur) oder produzierten Texten (Aufsätze) erarbeiten.
Beispiel: Der Kausalsatz wird in seiner Leistung nur im Zusammenhang eines
vollständigen Satzes verständlich, der wieder mit anderen Sätzen zusammen einen
Text bildet. Die Betrachtung der Form „Kausalsatz“ wird verbunden mit Überlegungen
zum Inhalt, d. h. zum Anteil des Kausalsatzes an einer über ihn selbst hinausgehenden
Aussage. So lässt sich z. B. sagen, dass der Kausalsatz eine Begründung für die
im Hauptsatz stehende Aussage oder Forderung leistet. Er hat eine bestimmte
Funktion im Satzgefüge und im Kontext. Die sprachlichen Elemente finden sich
also jeweils in übergeordneten größeren sprachlichen Komplexen. Daher ist in
einer didaktischen Reduktion das Bezugsfeld „Element - Komplex“ für die Schüler
überschaubar zu machen: durch Elementarisierung, Vereinfachung,
Veranschaulichung etc.
Die grammatischen Phänomene
sind also nicht aus den Zusammenhängen herauszureißen, sondern in einem
lernfeldübergreifenden Unterricht beim Umgang mit Texten sowie bei der mündlichen
oder schriftlichen Textproduktion zu behandeln.
Aspekt des Verwendungszusammenhangs: Im außerschulischen Umgang mit Sprache machen die
Schüler regelmäßig Erfahrungen auch mit grammatischen Phänomenen. An solche Verwendungssituationen,
in denen den Schülern ein grammatisches Phänomen „natürlich“ begegnet, sollte
die Reflexion über Sprache anknüpfen. Diese Situationen lassen sich im
Unterricht real erfahren (z. B. in
Projekten) oder simulieren (z. B. im
Rollenspiel) oder rekonstruieren (z. B.
aus Texten).
Beispiel: Der Kausalsatz taucht im natürlichen Verwendungszusammenhang der Argumentation
auf, z. B. zur Begründung eines Wunsches, zur Verantwortung einer Entscheidung,
zur empirischen Erklärung eines Sachvorgangs etc. Er sollte mithin nicht irgendwann,
sondern gerade im Zusammenhang solcher Situationen und Texte auch im Unterricht
reflektiert und benutzt werden. Die grammatischen Phänomene haben eine interpersonale Funktion in der
Kommunikation mit anderen Personen: Die Argumente z. B. werden anderen Menschen
gegenüber vorgebracht. Die Phänomene haben außerdem eine intrapersonale Funktion in der Kommunikation mit der eigenen
Person: Die Argumente werden zunächst im eigenen Kopf erwogen. Grammatische Phänomene
ermöglichen eine Verständigung im Zusammenhang menschlichen Handelns und Erkennens.
Gerade in der
Sekundarstufe I müssen die Schüler den „Gebrauchswert“ der Reflexion über
Sprache nachvollziehen können. Sie müssen merken, dass es ihre Interessen, ihr
Leben betrifft: Also, wie sieht das bei der Argumentation mit Kausalsätzen aus?
Geht es thematisch um die Entscheidung über die Höhe des Taschengeldes, über
die Anschaffung eines Videogerätes in der Familie, über die Dauer des Ausgangs
am Abend für die Heranwachsenden etc.? Die Lebenssituationen, in denen
argumentiert wird, sind von Bedeutung.
Bei der Konzentration
auf den Verwendungszusammenhang von Sprache muss die inhaltliche Ebene des
Unterrichts wichtig genommen werden: Der Unterricht müsste etwas mit der Vorbereitung
auf „Lebenssituationen“ (S. B. Robinsohn 1973) zu tun haben.
Aspekt der sachlogischen Differenzierung: Bei der funktionalen Betrachtung grammatischer
Phänomene fragt man zudem nach der Rolle des sprachlichen Elements auf drei
Ebenen:
Syntax: Welche Rolle spielt z. B. das Prädikat im
Satz?
Semantik: Welche Rolle spielt z. B. das Adjektiv bei
Wertungen?
Pragmatik: Welche Rolle spielt z. B. der Kausalsatz in
einer Rechtfertigungssituation?
Diese Fragen richten
sich zunächst konkret auf die gerade vorliegenden Sätze, Wertungen, Situationen.
Sie werden dann verallgemeinert: die grundsätzlichen Leistungen von Prädikaten
in der Syntax, von Adjektiven in der Konstitution von Bedeutungen, der
Kausalsätze in ihren Verwendungszusammenhängen. So findet hier - didaktisch
gesehen - ein Aufstieg vom Konkreten zum Abstrakten, vom Besonderen zum
Allgemeinen statt. Dieser Vorgang der Abstraktion
ist ein wesentlicher Ablauf der funktionalen Betrachtung. Die sprachlich-stilistische Funktion und die
kommunikative Funktion eines
sprachlichen Phänomens wären in der Planung also sachanalytisch vorzubereiten.
Das fachdidaktische Prinzip
der funktionalen Grammatik im integrierten Grammatikunterricht bedeutet für den
planenden Lehrer:
- eine Abkehr vom
isolierten, an einzelnen künstlichen Beispielsätzen durchgeführten Grammatikunterricht,
der das grammatische System möglichst vollständig abbilden will, und
- eine Hinwendung zu
einem Unterricht, in dem nicht einfach grammatische Formen gelernt werden,
sondern über die sprachlichen und kommunikativen Funktionen nachgedacht wird;
es bedeutet somit eine Hinwendung zur „Reflexion
über Sprache“.
[nach: Einecke, Günther: Unterrichtsideen
Integrierter Grammatikunterricht. Textproduktion und Grammatik. 5. - 10.
Schuljahr. (Hauptband u. Materialien). Stuttgart: Klett (1991) 51998]
© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de