Ist das noch Deutsch?
Tendenzen
der Gegenwartssprache
http://www.deutsch-forum-klett.de/sprachkritik/
"Denglisch", die
Vermischung des Deutschen mit englischen oder auch nur englisch klingenden
Vokabeln, wie z. B. "Handy", "Talkmaster" oder "Wellness", erobern die Alltagssprache immer mehr. Ein
Ortsgespräch heißt inzwischen "Citycall",
die Bäckerei ist über Nacht zum "Brot-Shop" mutiert,
"Seilspringen" ist nur "hype",
wenn es als "Rope-Skipping" daherkommt, und
wenn die "Handouts" vom letzten "Meeting" im
"Backoffice" verschwinden, fällt es manchem schwer, noch
"cool" zu bleiben. Andererseits sind viele dieser englischen Begriffe
- in den Medien stets gern als "Neudeutsch" bezeichnet - oft auch
völlig selbstverständlich Teil der deutschen Umgangssprache geworden, wie z. B.
der Pullover, die Jeans, das Make-up, das Spray, die Software und der Workshop.
Oder auch das französische Portemonnaie und die Cousine.
Ebenso sind auch die aktuellen
öffentlichen Äußerungen zum Sprachwandel, vom Leserbrief über die Glosse bis
zur Stellungnahme von Institutionen, keinesfalls einheitlich: So kritisierte
Walter Krämer, Vorsitzender des Vereins für Deutsche Sprache e. V., Münster,
Anfang August die vermehrte Aufnahme von Anglizismen wie "chatten", "downloaden", "Smiley" und "Trash"
in den neuen "Duden": Diese hätten in deutschen Wörterbüchern nichts
zu suchen. Zur gleichen Zeit äußerte der Wörterbuch-Experte Ulrich Heid auf dem
internationalen Lexikografen-Kongress "Euralex"
in Stuttgart die Ansicht, dass die vielen englischen Vokabeln, die verstärkt in
unsere Sprache strömten, nicht an deren Grundfesten rüttelten: "Der Stamm
der Sprache bleibt fest und bestehen", so Heid am 8. August in
"Spiegel online".
Im Fokus: Sprachwandel in
Schule und Unterricht
Unter besonderer Einbeziehung
des Sprachwandels in Schule und Unterricht befasst sich nun der Ernst Klett
Verlag mit diesem Thema. Unter dem Motto "Ist das noch Deutsch? Tendenzen
der Gegenwartssprache" veranstaltet der Programmbereich Deutsch im Herbst
2000 eine Veranstaltungsreihe, die das Thema "Gegenwartssprache" ins
Zentrum rückt und in vier großen Veranstaltungen Fragen des öffentlichen
Sprachgebrauchs nachgeht: Ausgewiesene Vertreter der Sprachkultur,
Wissenschaftler, Journalisten, Schüler und Lehrer sind aufgerufen, ihre Meinungen
und Fragen zum Thema zu äußern.
Folgende Fragen sollen auf dem
"Klett Forum Deutsch" diskutiert werden: Wie äußert sich der
feststellbare "lexikalische Wandel" in der Schulöffentlichkeit? Gibt
es "vorbildliche" Normen für den Sprachgebrauch, bzw. sollte es solche
Nomen geben und wer bestimmt, welche Normen dies sind? Was kann und sollte der
Deutschunterricht dazu beitragen, dass gegenwärtiger Sprachgebrauch angemessen
zu Sprache kommt? Wie verarbeitet man in anderen Ländern, z. B. in den USA,
Schweden oder Frankreich, sprachliche Globalisierungstendenzen in der Schule?
zu „Denglisch“ s. auch (G.E.): http://vds-ev.de/literatur/texte/index.php
Deutsch
und Englisch
In der Öffentlichkeit werden zur
Zeit drei Sprachthemen besonders wichtig genommen:
Die Gesellschaft für
deutsche Sprache hat sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder mit dem
fremdsprachigen Einfluss und auch mit den Anglizismen befasst: in Artikeln im
Sprachdienst und in der Muttersprache, in Vorträgen und auf Tagungen, durch
Empfehlungen und vor allem in der täglichen Sprachberatung. Wir werden uns auch
weiterhin mit diesem Thema beschäftigen, vor allem auch in der Aktion »Besseres
Deutsch«. Im Folgenden machen wir mit der Stellungnahme bekannt, welche die GfdS am 17. Dezember 1999 in einer Pressekonferenz in
Wiesbaden abgegeben hat.
Am 3./4. Juni dieses Jahres hat der Deutsche
Germanistenverband zusammen mit der Evangelischen Akademie Tutzing Thesen
erarbeitet, die dazu beitragen sollen, die Sprachenvielfalt auf unserem
Kontinent zu sichern. Es ist das Ziel, eine europäische Sprachenkonferenz
einzuberufen und dort eine Sprachencharta zu erarbeiten.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache
unterstützt die »Tutzinger Thesen« und hat das durch Unterschrift ihres
Vorsitzenden bestätigt. Auch diesen Text drucken wir hier ab.
(Rudolf Hoberg)
Stellungnahme der Gesellschaft für deutsche Sprache zum englischen Einfluss auf die deutsche Gegenwartssprache
Fremdwörter - und das heißt heute fast ausschließlich Wörter aus dem Englischen (Anglizismen) - sind für viele Menschen ein Ärgernis, und sie sollten für alle, die an der weiteren Entwicklung der deutschen Sprache interessiert sind, ein Gegenstand des Nachdenkens sein. Daher hat die Gesellschaft für deutsche Sprache eine Kommission gebildet, die sich mit dieser Frage befasst und der Öffentlichkeit folgende Stellungnahme vorlegt.
A. Was ist zu bedenken?
Die Bewertung des gegenwärtigen Einflusses des
Englischen auf das Deutsche sollte von folgenden Überlegungen ausgehen:
1. Das Deutsche war nie eine »reine« Sprache, sondern hat im Laufe seiner Geschichte Wörter aus zahlreichen Sprachen übernommen, vor allem aus dem Lateinischen, Griechischen, Französischen und Englischen. Quantitativ spielen die Fremdwörter eine große Rolle in der heutigen Sprache: Bei der Auszählung von Zeitungstexten kam man auf einen Fremdwortanteil von 8 bis 9 %. Berücksichtigt man nur die Hauptwortarten (Substantive, Adjektive, Verben), so sind es sogar 16 bis 17 %, wobei sich unter den Substantiven die meisten Fremdwörter finden. Es gibt auch Schätzungen, die davon ausgehen, dass - unter Einbeziehung der Fachsprachen - ein Viertel des Wortschatzes fremden Ursprungs ist. Allerdings scheint, wie etwa Wörterbuchvergleiche zeigen können, der Fremdwortanteil in den letzten hundert Jahren nicht wesentlich zugenommen zu haben, da zwar immer neue Fremdwörter aufgenommen werden, aber fast ebenso viele nach relativ kurzer Zeit wieder verschwinden. Die Zahl der Wörter aus dem Englischen hat zwar in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen, ist aber im Vergleich zu anderen Fremdwörtern noch gering.
Fremdwörter gibt es natürlich nicht nur im Deutschen, sie finden sich auch in anderen Sprachen. Und das Deutsche hat nicht nur Wörter fremden Ursprungs aufgenommen, sondern war selbst auch »Wortspender« für andere Sprachen. Fremdwörter gibt es in allen Sprachschichten, besonders groß ist jedoch ihr Anteil in den Fachsprachen, deren Termini häufig aus Fremdwörtern bestehen; allerdings unterscheiden sich die einzelnen Fachsprachen in dieser Hinsicht erheblich.
2. Das Besondere der Wörter aus dem Englischen ist,
B. Was ist zu tun?
Ganz gleich, wie man die Dominanz des
Englischen beurteilt, sie wird, so weit wir das heute übersehen können, nur
schwer einzuschränken sein und wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten noch
zunehmen. Das bedeutet:
1. Englisch wird überall dort, wo es nicht als Muttersprache gesprochen wird, immer mehr zur »Zweitsprache« werden, also auch im deutschen Sprachgebiet. Diese Entwicklung sollte von allen Verantwortlichen, besonders in den Schulen und in der Erwachsenenbildung, gefördert werden, denn eine Welt, die auf allen Gebieten - politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich, kulturell - auf Zusammenarbeit angewiesen ist, braucht ein geeignetes Mittel für die überregionale und internationale Verständigung. Dies darf aber keinesfalls dazu führen, dass die Zweitsprache die Erstsprachen immer mehr verdrängt. Alle Menschen und besonders die politisch Verantwortlichen müssen sich Tendenzen zu einer Einheitssprache widersetzen. In dieser Welt und vor allem in Europa muss die sprachliche Vielfalt erhalten bleiben, und in der europäischen Union kommt dem Deutschen schon deswegen ein besonderes Gewicht zu, weil die Deutschsprechenden hier die größte Sprachgemeinschaft bilden.
2.
Die Dominanz des Englischen hat dazu geführt und wird weiter dazu führen, dass
diese Sprache das Deutsche - wie auch andere Sprachen - beeinflusst. Wie weit
dieser Einfluss geht, entscheiden die Deutschsprechenden selbst.
Anglizismen sind keine bösen Bazillen, die in
die gute deutsche Sprache eindringen und sie krank machen oder gar zerstören,
und die Deutschen werden nicht von Amerikanern sprachlich »kolonisiert«. Es
hängt von der Sprachgemeinschaft - von uns - ab, welche Fremdwörter wir im
Deutschen heimisch werden lassen. Wir selbst sind für die Entwicklung unserer
Muttersprache verantwortlich.
Diese Verantwortung sollten wir ernst nehmen und alles tun, um das Besondere unserer Sprache zu erhalten, nicht aus nationalistischen oder gar chauvinistischen Erwägungen, auch nicht in erster Linie aus kommunikativen Gründen, sondern weil es in Zukunft darauf ankommt, bei aller Globalisierung und bei aller Notwendigkeit des Englischen das Eigengepräge der Einzelsprachen zu erhalten. Denn Sprache, Denken und Wahrnehmung stehen in einem engen Zusammenhang, und die einzelnen Sprachen beeinflussen unser Denken und unsere Wahrnehmung in unterschiedlicher Weise. Verschiedene Sprachen ermöglichen uns verschiedene Zugänge zur »Welt«, sie bieten uns verschiedene Perspektiven, verschiedene »Brillen« an, und diese Vielfalt sollte nicht verloren gehen.
Das heißt zunächst, dass jeder Einzelne verantwortlich entscheiden muss, wie er mit Fremdwörtern umgeht. Zwar gibt es vor allem in der fachbezogenen Kommunikation einen gewissen Zwang zur Fremdwortverwendung, aber in den meisten Fällen steht uns die Entscheidung frei.
Der Einzelne braucht aber Argumentationshilfen von kompetenten Personen und Institutionen. Hierzu gehören natürlich Germanisten, Sprachwissenschaftler, Sprachdidaktiker, Schulen und Universitäten, die sich keineswegs, wie oft behauptet wird, dieser Aufgabe entziehen, deren Einfluss in der Öffentlichkeit aber offensichtlich nicht allzu groß ist. Daher kommt Institutionen wie der Gesellschaft für deutsche Sprache eine besondere Bedeutung zu. Sie wird zusammen mit der Dudenredaktion Bewertungskriterien für »Besseres Deutsch« erarbeiten, bei denen es - neben vielen anderen Sprachfragen - auch um Anglizismen geht, vor allem darum, ob sie der Bereicherung und Differenzierung der eigenen Sprache dienen, in welchen Textsorten (z. B. Mediensprache, Werbesprache, Jugendsprache) sie vorkommen und warum und wie sie sich lautlich, orthographisch und grammatisch integrieren lassen.
Aber auch der beste Richtlinienkatalog kann nicht mechanisch angewandt werden, sondern lediglich Entscheidungshilfen liefern. Deshalb wird die Gesellschaft für deutsche Sprache - ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Dudenredaktion - in Zukunft auch verstärkt Empfehlungen für die Bewertung und den Gebrauch einzelner Wörter und Wendungen geben.
Tutzinger Thesen zur
Sprachenpolitik in Europa
»Unter Bekräftigung des Grundsatzes der Gleichrangigkeit aller Sprachen der Union (soll) über Instrumente nachgedacht werden, mit deren Hilfe sich der Unterricht und der Gebrauch dieser Sprachen verbessern lassen, so daß jedem Bürger der Zugang zu dem in der sprachlichen Vielfalt wurzelnden kulturellen Reichtum der Union möglich wird.«
(Ministerratsentschließung der
Europäischen Union vom 31. März 1995)
1. Lingua franca und Sprachenvielfalt
Die gegenwärtige Diskussion um die europäische
Sprachenpraxis wird nahezu ausschließlich von den Kriterien der Effizienz und
der Praktikabilität bestimmt. Die Praxis und die sie begleitende theoretische
Argumentation zielen auf die möglichst weit greifende Durchsetzung einer
»Lingua franca«, auf die Durchsetzung des Englischen. Die Ausbreitung des
Englischen unterliegt einer erheblichen Eigendynamik, die durch den
Vereinheitlichungsdruck im Gefolge der Währungsunion noch verschärft wird. Es
liegt aber im besonderen Verantwortungsbereich der Philologen, das Neben- und
Miteinander der europäischen Sprachen richtig auszubalancieren und für den
»kulturellen Reichtum« (s. o.), den die Sprachenvielfalt bietet, Verständnis zu
wecken. Die europäische Sprachenvielfalt ist eine der wichtigsten Ressourcen
des Kontinents und keineswegs eine »babylonische Sprachverwirrung«. Das
Bewusstsein für die Möglichkeiten, dieses Potential auszuschöpfen, ist bisher
wenig entwickelt. Hier besteht ein großer Nachholbedarf.
2. Europäische Sprachenkonferenz
Die Verwendung der »Lingua franca« hat Grenzen.
Sie sollte als Verständigungsmittel hilfreich sein, nicht aber die
Sprachlandschaften flächendeckend überbetonieren. Es
ist erforderlich, die Grenzen ihrer Brauchbarkeit zu bestimmen. Es ist
erforderlich, eine Struktur sprachlicher Verständigung auszuarbeiten, worin die
Sprachenvielfalt als produktiver Faktor, nicht als Störfaktor wirken kann.
Vorgeschlagen wird die Einrichtung einer langfristig arbeitenden europäischen
Sprachenkonferenz, die aus Politikern sowie Sprach- und
Literaturwissenschaftlern zusammengesetzt ist. Sie hätte einen Problemkatalog
zu erstellen und Handlungsmodelle zu entwickeln, die sich in der Kulturpolitik
der einzelnen Länder umsetzen lassen (Schul- und Hochschulunterricht,
wissenschaftliche Kommunikation, Alltagskommunikation, Themenfelder der sog.
sprachgebundenen Kulturleistungen und der sprachkulturellen Identität). Die
Arbeitsgrundsätze der Konferenz wären in einer Sprachencharta festzulegen.
3. Demokratieprinzip
Das Nebeneinander von Englisch und
Landessprache darf das Demokratieprinzip nicht verletzen. Alle Bürger müssen
sich über sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens in ihrer Muttersprache
informieren, müssen diskutieren und entscheiden können. Es wird voraussichtlich
stets nur einer kleinen Funktionselite gelingen, Englisch ebenso perfekt zu
beherrschen wie die eigene Muttersprache. Gerade im Zuge der zunehmenden
Kompetenzerweiterung der EU-Behörden wäre es fatal, die Möglichkeiten zur
Partizipation auf eine kleine Kaste von Sprachbeherrschern der »Lingua franca«
zu beschränken. Es wäre fatal, wenn etwa die ca. 90 Millionen Bewohner der
deutschsprachigen Regionen sich nur »auf Englisch« als »Europäer« verstehen und
verständigen könnten. Europa bliebe für sie etwas Fremdes. Neuen Ressentiments,
neuen Nationalismen und Separatismen wäre der Boden bereitet.
4. Sprachkulturelle Identität
Die europäischen Nationen beziehen einen
wesentlichen Teil ihres Selbstverständnisses aus ihren Sprachen. Es sind
durchweg alte Kultursprachen mit einem reichen Bestand an Schriftzeugnissen.
Ihre nationale Eigenart zeigt sich in ihrer sprachbildenden
Kraft. Der permanente sprachkulturelle Austausch zwischen den einzelnen Regionen,
die produktive Rezeption von literarischen, geistlichen, philosophischen,
rechts- und naturkundlichen Texten, Handelsdokumenten etc. dürfte wesentlich
den »kulturellen Reichtum« hervorgebracht haben, den die Sprachgemeinschaften
in je verschiedenen Ausprägungen nun vorweisen können. Die Kultur der
sprachlichen Differenz, die Vielfalt der Gedanken- und Ausdruckspotentiale ist
eine wichtige Ressource, vielleicht die wichtigste des an Rohstoffen sonst
nicht sonderlich reichen Kontinents.
5. Sprachnachbarschaften
In den Grenz- und Übergangszonen zweier
Sprachräume hat schon immer die jeweilige Nachbarsprache den privilegierten
Status der wichtigsten, weil nächstgelegenen Fremdsprache gehabt. Es wäre
wahrscheinlich weder für die Menschen noch für ihre Kultur gut, wollte man etwa
im Oberrheingraben die Deutsch- und die Französischsprachigen dazu
konditionieren, künftig vorrangig oder gar ausschließlich auf Englisch
miteinander zu kommunizieren. Eine Option wäre die Erlernung der Nachbarsprache
als erster und des Englischen als zweiter Fremdsprache.
6. Wissenschaftssprache
Die meisten europäischen Sprachen sind
leistungsfähige Wissenschaftssprachen mit einer ausgebauten Terminologie und
unterschiedlichsten sprachlichen Ausdrucksformen. Würde die wissenschaftliche
Verständigung, wie jetzt in Deutschland massiv propagiert, aufs Englische
festgelegt, dann ließe die Leistungsfähigkeit der anderen Sprachen nach.
Riesige Bestände nichtenglischer Fachliteratur kämen weitgehend außer Gebrauch
und näherten sich der Museumsreife, die die lateinischen Buchbestände schon
lange haben. Wissenschaftssprache als Erkennungspotential würde entwertet.
Gerade in den Geisteswissenschaften spielt für die angemessene Darstellung
eines Gegenstands auch die Beherrschung stilistischer Nuancen eine
entscheidende Rolle. Der Vorrat an Sprachbildern, geflügelten Worten,
literarischen Anspielungen, über den die Wissenschaftler in ihrer
Herkunftssprache verfügen und damit Sprachatmosphäre schaffen können, ließe
sich schwerlich ins Englische adäquat hinübernehmen. Das gilt erst recht für
die Stilmittel der Ironie und der Parodie.
7. Gestufte Sprachkenntnisse
Nicht Perfektion in einer Fremdsprache, sondern
weniger perfekte Mehrsprachigkeit sollte Leitziel einer europäischen
Sprachenkompetenz sein. Jeder soll sich in seiner Sprache mitteilen können, und
jeder andere soll die Möglichkeit haben, ihn zu verstehen. Das Prinzip des
Sprachenlernens sollte nicht auf die möglichst perfekte Beherrschung einer Koiné, des Englischen, angelegt werden, sondern auf die
leichter erwerbbare Fähigkeit, möglichst viele Sprachen wenigstens passiv zu
können. Aktive Sprachkompetenz wäre v. a. durch Auslandsaufenthalte zu fördern.
8.
Arbeitssprachen
Eine tatsächliche und effiziente
Mehrsprachenregelung, die zumindest die größten Sprachgruppen (Deutsch,
Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch) um- fasst, hätte den Vorteil,
dass es der absoluten Bevölkerungsmehrheit der EU (ca. 300 Millionen) möglich
wäre, bei den EU-Behörden direkt in ihrer Muttersprache vorstellig werden zu
können und ohne Dolmetscher verstanden zu werden.
Gerhard Stickel: Englische und andere Neuheiten im heutigen Deutsch
und was die Leute davon halten (Notizen zum Vortrag)
1) "Mit dem immer wachsenden Einfluß englischen Wesens mehren sich neuerdings in
bedenklicher Weise die aus dem Englischen stammenden Fremdwörter. Auch in
dieser Spracherscheinung treten die alten Erbfehler
des deutschen Volkes wieder hervor: Überschätzung des Fremden, Mangel an
Selbstgefühl, Mißachtung der eigenen Sprache".
(aus: Dunger1899/1909,Vorwort)
2) alte Anglizismen: Boiler, Film, Partner,
Pudding, Safe
3) veraltete Anglizismen: Luncheon,
Supper, Dinner, Grillroom, Garden-Party, Five o'clock
tea, Drawingroom, Shares; Havelock, Ulster, Ribbon Tie, Mackintosh,
Fronts, Knickerbockers, Reefer;
Dogcarts, Gig, Break, Tilbury,
Brougham; Two step, Sir
Roger, Cake walk; Hotchpotch, Mockturtelsoup.
4) ersetzte Anglizismen: back (Verteidiger), center (Mittelstürmer), drawn
(unentschieden), free-kick (Frestoß),
half-time(Halbzeit), off side
(abseits), penalty-kick (Strafstoß), score (Spielstand); Außenseiter (outsider),
Buchmacher (book-maker), Gardinenpredigt (curtain-lecture), Gemeinplatz (common
place), Hinterwäldler(backwoodsman),
Jungfernrede (maiden speech),
Rollschuh (roller-skate), Selbstverwaltung (self-government), Warenhaus (warehouse),
Wolkenkratzer (sky-scraper)
5) "Damit wir aber reine reden mögen /
sollen wir uns befleissen deme
welches wir Hochdeutsch nennen besten vermögens nach zue kommen / und nicht derer örter
sprache / wo falsch geredet wird / in unsere schrifften vermischen ... So stehet es auch zum hefftigsten unsauber / wenn allerley
Lateinische / Frantzösische / Spanische und Welsche wörter in den text unserer rede geflickt werden ..."
(Martin Opitz, Deutsche Poeterey,
1624, zit. nach Kirkness 1975, 20)
6)
(aus Stickel/Volz 1999, 21)
7) "Durch die inflationär vermehrte
Aufnahme von angloamerikanischen Wörtern und Wen-dungen
droht sich insbesondere die deutsche Sprache in einem Maße zu verändern, das
weit über das hinausgeht, was sie in ihrer Geschichte durch Übernahme z.B. aus
dem Lateinischen und Französischen erfahren hat. Darum messen wir der
Eindämmung der Sturzflut von überflüssigen Anglizismen, die über unsere Sprache
hereingebrochen ist und hereinbricht, die höchste Priorität zu" (Verein
zur Wahrung der deutschen Sprache / Verein Deutsche Sprache: Leitlinien 1998).
8) Neologismen der 90-er Jahre:
9) Sind Anglizismen gefährlich? Soll man sie bekämpfen?
Literatur
|
Das X-Mas Projekt |
"Es gibt kein
richtiges Deutsch im falschen Englisch."
Es ist in
aller Munde: Der Wortschatz der deutschen Sprache entwickele sich in Richtung
"denglishem" Sprachgebrauch, erzeugt von
zeitgeistigen Phrasendreschern in Werbeagenturen und Redaktionen, angeheizt
durch die Anglisierung der Fachsprachen und am Kochen gehalten durch deren
Abklatsch – einem Design-Deutsch – im Medien- und Computerjargon. Wer das
beklagt oder einfach albern findet, beeilt sich vorab zu sagen: Nein, hier geht
es nicht um sprachpuristische Aversionen gegen das Fremdwort. Worum aber geht
es dann?
Es scheint sich eher um eine Frage der
Nervenstärke zu handeln – sehen wir einmal ab von den professionellen Erkundern des Sprachwandels, den Sprachwissenschaftlern.
(Doch selbst diese ver-sammelten sich jüngst
anlässlich der diesjährigen Jahrestagung des "Instituts für Deutsche
Sprache" zum Thema: "Neues und Fremdes im deutschen Wortschatz –
Aktueller lexikalischer Wandel.") Es liegt etwas in der Luft. In Reportage
und Feature, in Hohlspiegeln und Glossen von Tageszeitungen wird zunehmend
Unmut laut über den aktuellen lexikalischen Wandel: "Was zu viel ist, ist too much".
"InTeam"
zum "Open-air-Gottesdienst"
Der
Ton der Kritik am "Anglogerman", diesem
Gemisch aus Englisch oder auch nur englisch klingenden Wörtern/Phrasen und
Deutsch (Filmtitel: "Zwei Girls in Love"; Orientierungstafel in einem
Kaufhaus: 3. Stock: "Fantasy & Sience Fiction Store"), wird
aufgebrachter, manchmal auch schrill. Dass öffentlich-rechtliche Rundfunksender
inzwischen "Jump" heißen, Sportnachrichten
"News center" und Berichte über die
Bundesliga "InTeam", das schockiert
Bundesbahn gewohnte Reisende, die sich lässig zwischen
"Ticket-Schalter", "ServicePoint"
und "fly and drive"
bewegen, nur mäßig. Wenn dann aber zum Beispiel die Jugendabteilung im Bistum
Limburg mit dem Text: "Freier Eintritt für events:
future pool…"
nachzieht und "als Highlight" den "Open air-Gottesdienst"
anpreist, dann platzt auch Gelassenen der Kragen. Im Länderreport von DeutschlandRadio Berlin konnte man verfolgen, wie dem Autor
einer Reportage über "Die Sprachhüter von Königstein. Vom Kampf gegen das
wuchernde deutsch-englisch Gemisch" nach und nach die
Ironie abhanden kommt, mit der er die in Vereinen organisierten
"Sprachpatrioten" und ihr Anliegen betrachten wollte.
Ähnlich ist es wohl zwei Lesern unseres letzten
"Doppelpunktes" (Nummer 27) ergangen. Ihre Empörung richtet sich auf
den Text des so genannten Umhefters, der das Magazin
wie ein zweiter Umschlag ummantelt. Dort steht: "Das Schülermäppchen der
Zukunft? Infotainment, Edutainment, Kindersoftware, Lernspiele, Sprachprogramme
- Lernsoftware ist auf dem Vormarsch."
An der Aussage kann man wohl ernstlich keinen
Anstoß nehmen, aber – so müssen wir uns vorwerfen und fragen lassen:
"Sicherlich ist die gewählte Sprache nicht die deutsche. [...] Halten Sie wirklich
Fremdwörter (Infotainment – wenn es denn eins ist), sich modisch gebende
Wortneubildungen (Edutainment – natürlich auch auf nicht deutscher Basis) und
Sprachgemische (Kindersoftware und Lernsoftware) für so vorbildlich, dass sie
im Unterricht verwendet werden sollten?"
Wir könnten uns nun leicht mit dem Hinweis aus
der Affäre ziehen, dass der Gebrauch wie auch immer zu bemängelnder Wörter auf
Umschlägen eines Magazins noch keinesfalls bedeutet, dass man deren Verwendung
im Unterricht als vorbildlich einschätzt. Wir wollen es aber nicht dabei
belassen, keine Fragen abweisen, sondern sie aufgreifen und ihnen auf den Grund
gehen.
Quelle
am 17.2.2003: http://www.deutsch-forum-klett.de/sprachkritik/