"Jeder, der sich einem Dialog aussetzt und der kritisch zu vergleichen im Stande ist, kann nicht voraussagen, ob er als der selbe aus dieser Konfrontation herausgeht oder ob ihm durch sprachliche Vermittlung neue Sinnzusammenhänge bewußt werden."
Franz Deubzer Die hermeneutische Methode
Als wesentliche Charakteristikum der sprachisolierenden Sprachkritik hat sich
ergeben: Sprache wird ohne Rekurs weder auf die Sache noch auf ihre
Aktualisierung, ihr Funktionieren in einem bestimmten situativen oder
historischen Kontext. also ohne Berücksichtigung dessen, was 'jeweils' gesagt
sei, kritisiert. Maßgebend sind Kriterien wie 'reines, gutes', bzw. 'besseres'
oder gar 'moralisches' Deutsch. Kriterien wie Folgerungen dieser Sprachkritik
sind unhaltbar. Jene Sprachkritik hingegen, die Sprache nicht isoliert und
nicht normiert, legitimiert sich aus einem Sprachverständnis, das in dem bisher
Besprochenen zwar durchwegs angedeutet, aber noch nicht näher ausgeführt worden
ist.
Dieses Sprachverständnis geht davon aus, daß es Sprache ohne Sprecher, ohne
besprochene, nicht-sprach-liche Realität, unabhängig von bestimmten
Sprechbedingungen nicht geben kann, und daß das Kritische der Sprache nur über
die Erhellung jener Faktoren feststellbar ist. Unmittelbare Einsichten in diese
Faktoren sind dem Sprachkritiker aber in der Regel kaum möglich: er kennt den
Sprecher nur mehr oder weniger (1), er ist über die Situation, d.h. über die
Sache, um die es geht, meist aber nur ungefähr unterrichtet, auch die
Sprechbedingungen lassen sich höchstens pauschal und entsprechend ungenau
eingrenzen (Tageszeitung, Fernsehen; bestimmte Rubriken, bestimmtes Publikum).
Da er bei seiner Beurteilung auch nicht auf ein idealtypisches Sprachmuster
zurückgreifen kann, bleibt als einzige Möglichkeit, bei einer Kritik möglichst
nahe am Text zu bleiben. Dieser Vorgang stellt sich jedoch wiederum nicht so
einfach dar, daß "Sprachkritik ... nicht von dogmatischen Urteilssätzen
ausgehen (kann), sondern daß der Text sich als ein Urteil seiner selbst zu erweisen
vermag". Die Widersprüchlichkeit einer solchen textimmanenten Kritik
belegt ARNTZEN gleich selbst, als er an Hand eines theologischen, eines
literaturwissenschaftlichen, eines psychologischen und eines juristischen
Textes eine konkrete Probe von Sprachkritik liefert.
Das Resultat: die beiden erstgenannten Texte verstellten sprachlich einen
Sachverhalt. Im ersten Fall werde also eine Sache anders erfaßt, als sie sich
in Wirklichkeit verhält, im zweiten Fall werde sie adäquat erfasst. Beide Male
aber entdecke die Sprache selbst die Ungereimtheiten, dort an der Sprache, hier
an der Sache. Die Möglichkeit, zu klären, ob es an der Sprache oder an der
Sache liegt, wenn die Vermittlung problematisch ist, kann aber nicht der Text
als solcher eröffnen, sondern sie beruht auf der 'kritischen Kompetenz' des
Sprachkritikers.
ARNTZENs Unterscheidung zwischen der Sprache und der Sache, die für die
sprachisolierende Sprachkritik charakteristisch ist, führt zu diesem
Widerspruch. Dementgegen muß wieder betont werden, daß es die Sache als solche
wie die Sprache als solche nicht gibt. Eine Sache existiert erst dann wirklich,
wenn sie von dern Sprache be-deutet wird, Sprache erst dann, wenn sie von der
Sache getragen wird. Diese duale Einheit herzustellen, d.h. zu sprechen, ebenso
wie sie zu überprüfen, d.h. Sprachkritik zu treiben, ist erst dann möglich,
wenn über beide etwas gewußt wird.
Sprache setzt Wirklichkeit um in einen abstrakten linearen Ablauf. Wenn wir -
über unsere Sprache - der sprachgebundenen Wirklichkeit unsere eigene
entgegensetzen können, haben wir die Möglichkeit, zu sagen, wo jene
Wirklichkeit reduziert, wo sie übertrieben, verzerrt oder verkehrt dargestellt
worden ist. Wir stellen fest, wo etwas fehlt, das das Wirklichkeitsbild
beeinflussen würde, wenn es vorkäme; wir registrieren, wo etwas dazugetan
worden ist, dessen Anspruch auf Wirklichkeit wir nicht anerkennen (= negative
Kritik). Dieser Widerspruch bedeutet die Möglichkeit, uns einer Sprach-/
Wirklichkeitsmanipulation zu entziehen.
Er bedeutet aber auch umgekehrt die Möglichkeit, daß unsere eigene Wirklichkeit
durch die Erfahrungen und Erkenntnisse Anderer, die uns von ihnen sprachlich -
je anschaulicher, desto wirkungsvoller - vermittelt werden, revidiert oder
zumindest auf Stichhaltigkeit überprüft wird. Jeder, der sich einem Dialog
aussetzt und der kritisch zu vergleichen im Stande ist, kann nicht voraussagen,
ob er als der selbe aus dieser Konfrontation herausgeht oder ob ihm durch
sprachliche Vermittlung neue Sinnzusammenhänge bewußt werden (=positive
Kritik). (2)
Die 'kritische Kompetenz' des Sprachkritikers bedarf noch einer Erläuterung.
Soweit sie sprachwissenschaftlich begründet ist, bedeutet sie weniger Ausweis
linguistischen als vielmehr philologischen Wissens, wobei die Philologie hier
als historische Wissenschaft oder als "hermeneutische Wissenschaft par
excellence" verstanden wird, welche ein Vorverständnis über die Sachen,
die in der Sprache zu ihrem Ausdruck kommen, erfordert.
So ist auch die "critische richtung des grammatischen Studiums"
(JACOB GRIMM) ein Gegenstand der Philologie, und unter ihre Ägide fällt auch,
was nach BETZ der Germanist "für eine vernünftige Sprachlenkung" tun
kann: "Bereitstellung des geschichtlichen Reichtums der deutschen Sprache,
Erforschung ihres Baues und ihrer Lebensgesetze, ihrer
Wirkungsmöglichkeiten".
Die 'kritische Kompetenz' kann aber nicht allein sprachwissenschaftlich
begründet werden, sondern sie findet sich als der kritische Ausdruck der
"bildsamkeit und verfeinerung der sprache" mit dem "geistesfortschritt"
(JACOB GRIMM) von selbst ein. Sie befähigt den einzelnen Sprecher dazu, auf
Grund seiner erworbenen Kenntnis der Wörter und Sachen jeweils von den einen
auf die andern zu schließen, ohne daß er deren vorgefundene gegenseitig
Abhängigkeit dabei als ausschließlich konventionell (d.h. als beliebig veränderbar)
noch als ausschließlich naturgesetzlich (d.h. unwandelbar) begreifen muß. Denn
einerseits wandelt sich das Verhältnis zwischen Wörtern und Sachen mit der
Zeit, andererseits geschieht das niemals zufällig, sondern immer mit Grund (die
grund-losen, nämlich willkürlichen Veränderungen - vgl. die ideologische
Sprachkritik sind darum nie von Dauer.)
Die Unterschiede zwischen den sprachkritischen Urteilen der Individuen
entspringen dann deren unterschiedlichen Reaktionen auf sprachlich vermittelte
Wirklichkeit; die empfindlichern Reaktionen wiederum rühren daher, daß
"durch das reichere Wissen oder die regere Einbildungskraft des Einen ein
viel tieferer Gehalt in die durch das Wort wachgerufene Vorstellung
hineingelegt wird, als ein Anderer darin zu finden vermag".
Objekt und Subjekt der Sprachkritik sind damit wesentlich präzisiert worden:
der 'Zustand' der Kritik ist Sprache vor dem Hintergrund der Sache, die
'Zuständigkeit' hängt ab vom Grad der Fähigkeit, undeutliche oder gebrochene
Beziehungen bestätigen bzw. herstellen zu können. Darum ist es verkehrt, als
Voraussetzung für Sprachkritik eine sprachliche 'tabula rasa' zu verlangen (wie
es z.B. eine nach etymologischen Kriterien urteilende Sprachkritik tut), damit
die Befangenheit durch das Vorwissenn aufgelöst werde.
Das hermeneutische Verstehen darf nicht als Mangel, sondern muß als notwendige
Bedingung der Sprachkritik begriffen werden. Ohne Vorwissen wäre jede
Irritation und damit der erste sprachkritische Anhaltspunkt ausgeschlossen. Die
nicht-normative Sprachkritik bezweckt deshalb anstelle von
Sprachsensibilisierung, zugleich aber auch eine Sensibilisierung gegenüber der
Sache, gegenüber der Wirklichkeit.
Die kritische Kompetenz ist also Ausweis des Subjekts, eines Subjekts jedoch,
das ebenfalls einer Erläuterung bedarf, da Mißverständnisse in diesem Punkt an
der Tagesordnung sind. Ursprung des Mißtrauens gegen subjektive Erkenntnis (die
gewöhnlich als subjektivistisch denunziert wird) ist die Erfahrung des Verlusts
eines geschlossenen Weltbildes bzw. des Verlusts von Autoritäten, die ein
solches Weltbild zu ihrer eigenen Legitimation je und je propagierten. Bei dem,
der den Wert solcher Autoritäten über ihren Unwert stellt, führt diese Erfahrung
nämlich dazu, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, sondern höchstens zur
resignativen Einsicht, daß alles relativ sei.
Diese Einsicht hat wiederum zwei komplementäre Reaktionen zur Folge: da sie
sich selbst aller Erkenntnismöglichkeit beraubt, indem jede Regung des eigenen
Verstandes mit Vorbehalt beobachtet wird und so ihre eigene Negation schon in
sich trägt, reagiert man auf jeden Erkenntnisanspruch eines ' Einzelnen '
skeptisch oder gleich zynisch. Dort hingegen, wo sich ein Erkenntnisanspruch
als objektiver, d.h. auf objektiven Tatsachen beruhend, ausgibt, also besonders
gegenüber den etablierten Wissenschaften, reagiert man dumpf und demmütig, weil
man im Bewußtsein fremder Überlegenheit und persönlicher Inkompetenz die
Möglichkeit eines Widerstands gar nicht erst in Betracht zieht und so einer Art
höherer Dummheit verfällt, der "eigentlichen Bildungskrankheit",
welche sich als "Unbildung, Fehlbildung, falsch zustande gekommene
Bildung, Mißverhältnis zwischen Stoff und Kraft der Bildung" äußert.
Die Welt der sprachlichen Erscheinungen, also die Welt der sich sprachlich
vermittelnden Individuen, fällt also auseinander in eine, die ernst, und eine,
die weniger ernst zu nehmen ist, in eine, die größeren, und eine, die
geringeren Wahrheitswert beansprucht. Der Grad von Wahrheit ist dabei umgekehrt
proportional zum Grad subjektiver Verantwortlichkeit: je weniger ein Einzelner
und je mehr eine von der Majorität beglaubigte Erkenntnis zur Sprache kommt,
desto authentischer scheint sich die Sache zu vermitteln.
Literatur: Franz Deubzer, Methoden der Sprachkritik, Münchner Germanistische
Beiträge,
München 1980
Anmerkungen:
(1)
Vgl. die Sprachkritik des HORAZ; sie beruht auf dem Mißverhältnis zwischen der
Person, der Wirklichkeit des Sprechers und dem Gesprochenen:
"Denn
Natur stimmt zuvor unser Inneres ja nach der Art des Erlebten: freudig
erhebend, Zorn aufwühlend; niederdrückend durch Kummerlast, herzbeklemmend
durch Ängste; darauf trägt sie die Schwingungen der Seele nach außen, und
Dolmetsch ist die Zunge. Steht das Gesprochene in Mißklang mit den Erlebnissen
des Sprechers, so wird das versammelte Rom, Ritter und Gemeine, in
Hohngelächter ausbrechen.
Heute
wie eh und je ist an öffentlichem Sprechen festzuststellen, wenn der Sprecher
mit sich nicht im Reinen war. Dieses persönliche Problem äußert sich
insbesondere bei denen, die schreiben müssen, ohne es eigentlich zu wollen, die
reden, ohne etwas zu sagen zu haben: "Man könnte die Geistlosigkeit und
Langweiligkeit der Schriften der Alltagsköpfe sogar daraus ableiten, daß sie
immer nur mit halbem Bewußtsein reden, nämlich den Sinn ihrer eigenen Worte
nicht selbst eigentlich verstehn, da solche bei ihnen ein Erlerntes und fertig
Aufgenommenes sind; daher sie mehr die ganzen Phrasen als die Worte zusammengefügt
haben." (SCHOPENHAUER)
(2) Das bedeutet, daß dort, wo keine Sprachkritik in diesem Sinn möglich ist,
der Sprache tatsächlich energetische Qualität zukommen kann. Sprachkritik ist
dann nicht möglich, wenn der Einzelne der Wirklichkeit, wie sie ihm sprachlich
vermittelt wird, keine eigene Wirklichkeit entgegenzusetzen hat. Wenn über
etwas gesprochen oder geurteilt wird, das völlig außerhalb meiner Erfahrung
liegt kann ich dem nichts entgegenhalten.
Wenn außerdem die Möglichkeit untersagt wird, in eigenem Interesse das
Besprochene an der Wirklichkeit zu überprüfen, wenn also Widerspruch
unterbunden wird, dann wächst die Gefahr, daß sprachliche Informationen für
bare Münze genommen werden. Wird dem Einzelnen Eigenerfahrung oder -erkenntnis
verweigert bzw. verzichtet er aus Desinteresse, Furcht oder Scham auf
Vergewisserung, so kann er sich einer Information nur entweder ganz entziehen,
indem er sich nicht 'betroffen fühlt, oder er akzeptiert sie und verwendet sie
ungeprüft weiter.
® mauthner - gesellschaft / verein der sprachkritiker /
18.4.98