Analyse einer politischen Rede

 

Situationsanalyse - Argumentationsanalyse - rhetorische Analyse - Analyse der Redestrategien - semantische Analyse

 

 

Strukturierung der Analyse

1. Beschreibung

 

     Historische und kommunikative Situation: historisch-politische Bedingungen - Formen der Inszenierung - Nutzung von Medien

 

     Rollenverteilung: Sprecher und Zuhörer - beteiligte Gruppen und Adressaten - Dritte

 

     Redeanlass: aktuelle Problemlage, Neuausrichtung der Politik, ritualisierter Termin...

 

     Textsorte: Programmrede, Gedenkrede, Eröffnungsrede, Parteitagsrede...

 

     Redeintention: Botschaft der Rede, Absicht des Redners, angestrebte Wirkung - (Hypothese)

 

     Sachinhalte: Informationen - Wirklichkeitsbezüge - Inhaltsgliederung

 

     Strategien: Aufwertung - Abwertung - Beschwichtigung - Kon­sensfindung - Kampfansage - ... s.u.

 

     Argumentation: Thesen, Antithesen - Behauptungen - Begründungen (Normen, Autoritäten, logische Beweise, Konsequenzen, Vor- und Nachteile...) - Beispiele - Analogien (vergleichbarer Sachverhalt) - Zitate - Forderungen - Appelle; Argumente: zur Sache, mit Blick auf die Erwartungen der Zuhörer, mit Blick auf ihre Gefühle (wie Mitleid, Hass...), mit Blick auf die Mehrheitsverhältnisse, mit Blick auf den Gegner ...

 

     Sprache / Wortwahl (Semantik): sachliche (aktuelle) Schlüsselwörter - politisch-ideologische (parteigebundene) Leitbegriffe - Schlagwörter und Klischees - Assoziationskerne - ... s.u.

 

     Stil: Umgangssprache, Hochsprache, Standardsprache - Fachsprache - Höflichkeit und Verbindlichkeit - Kampfsprache - Flüssigkeit und Verständlichkeit (Satzbau) - im Ton: feierlich, sachlich, freundlich, aggressiv, kämpferisch, ermutigend...

 

     rhetorische Mittel: Metaphern, Euphemismen, Zweier- und Dreierfiguren, Kli­max, Antithetik, Parallelismus, Chiasmus, Hyperbel, Ironie, Ellipse, Anakoluth, Akkumula­tion, Alliteration, Anapher, Metaphern, Anspielungen...

 

2. Interpretation

 

     emotionale und konkrete Wirkungen: vermutlich auf die Zeitgenossen - nach­weisbar aus Quellen und Reaktionen - auf heutige Leser

 

     Kritisches Lesen / Hinterfragen der Ideologie: Grundeinstellung des Redners - Weltanschauung - offene oder verdeckte Einflussnahme aus einem parteilichen Standpunkt heraus - Umgang mit politischer, sozialer, wirtschaftlicher Macht

 

     Funktion der Rhetorik: unmittelbar in der Situation - im Text - zur Selbstinszenierung des Redners

 

3. Bewertung

 

     aus einer Perspektive: die eigene Sicht gegen die des Redners - im Bewusstsein der „historischen Differenz“: aus heutiger oder zeitgenössischer Sicht - im Vergleich mit Parallelinformationen - im Vergleich mit der historischen Entwicklung und den Folgen -...

 

ggf. Quellenkritik: zur Quellenüberlieferung - zur Autorschaft - zur medialen Vermittlung

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Traditionell steht die Argumentationsanalyse und die rhetorische Analyse im Mittelpunkt der Redeanalyse.

Hinzukommen sollte die Analyse der Redestrategien. Sie wurden mit „Aufwertung - Abwertung - Beschwichtigung“ bereits von Zimmermann (1971) angesprochen.

Strategien sind über die einzelnen Sätze, Argumente und rhetorischen Mittel hinausgreifende, weit reichende und absichtsvolle Maßnahmen, mit denen in einer konkreten Situation eine Beeinflussung anderer erreicht werden soll; dabei werden in Reden besonders psychologische Methoden der Einflussnahme eingesetzt. Eine Strategie ist erst wählbar, wenn der Redner sein Ziel, seine Intention und Absicht festgelegt hat.

 

Redestrategien

                                                                

   Abwertung der Gegner

   Angebot

   Angstverbreitung

   Anklage

   Aufwertung der Wir-Gruppe

   Begründung, rational

   Beruhigung

   Beschwichtigung

   Bestätigung

   Brückenbauen

   Dank

   Desinformation

   Diffamierung

   Drohung

   Emotionalisierung

   Entschuldigung

   Ermutigung

   Gedenken

   Ideologisierung

   Information

   Kritik

   Lob

   Mahnung

   Nachdenken, explizit

   Offenlegung der Ziele

   Offenlegung von Maßstäben

   Parzellierung der Gegner

   Polarisierung durch Freund- und Feindbilder

   Rat

   Schuldzuweisung

   Selbstkritik

   Suggestion

   Sündenbock-Methode

   Tabubruch

   Übernahme von Verantwortung

   Überredung

   Umdeutung

   Unterstützung

   Verharmlosung

   Vermittlung

   Verzerrung anderer Positionen

 

 

Semantische Analyse

 

politische Leitwörter - ideologische

Polysemie

ideologisch besetzte Begriffe - Polyseme (mehrdeutige Begriffe, Leerformeln): soziale Gerechtigkeit, Vaterland, Demokratie, Freiheit, Marktwirtschaft, Solidarität, Reform, ...

Phrase - Topos –

Stereotyp

festgelegte Wortgruppen und Bilder, schematisch benutzt: nichts für ungut; der kleine Mann; die Verbraucher; der Mittelstand;

Sprachebenen

Hochsprache - Standardsprache - Umgangssprache - Jargon: exquisit, schön, dufte, echt geil

Soziolekt

Gruppensprache (Manager, Verwaltung), z.B. eine Verfügung erlassen

Fachsprache

politische, ökonomische...: Hammelsprung, Gewinnwarnung, ...

Denotation -

Konno­tation -

Assoziation

lexikalische Bedeutung - kulturell tradierte, mitgedachte Bedeu­tung - subjektiv spontan hinzugefügte Vorstellung: Schlange = Reptil - Verführerin (biblische Tradition) - Ekel, Gift, Biss, Tod, Spinnen ...

kontextuelle

Bedeutung

Bedeutung im Textzusammenhang: „Fenster“ - in einem Text über Architek­tur oder über Computer

Verschlüsselungen

übertragene Bedeutung - bildlicher Gebrauch: Vergleich, Metapher, Symbol; Personifizierung; Allegorie; Chiffre...: BSE-Krise, Schweineberg, ...

Euphemismus

Beschönigung, Banalisierung, Herunterspielen: Müllverbrennung als thermische Entsorgung

Hyperbel

Übertreibung: Die benehmen sich immer wahnsinnig daneben.

Dramatisierung

sprachliche Verschärfung einer Situation: Es ist jetzt fünf Minuten vor zwölf!

Personalisierung

ein Problem an einer Person festmachen: Der Oppositionsführer schafft es nicht, ...

Emotionalisierung - Rationalisierung

mit Gefühlen zudecken: Das sollte euch aber zu Herzen gehen! - Gefühle ausklammern: Wieso Angst? Da muss man einfach handeln!

Polarisierung

Zwiespalt (zwischen Gruppen) herstellen: Die Alten verbrauchen die Zukunft der Jungen.

Eingreifende Sprachhandlungen

Vorwurf, Rechtfertigung: Das solltest du doch vermeiden! - Unterstellung, Beschuldigung: Ihr hattet ja wieder nichts besseres zu tun, als ... 

fragwürdige

Argumentation

falsche Verallgemeinerung: Alle Männer wollen nur das eine. - unbewiesene Behauptung: Kernkraftwerke sind sicher. - unzulässige Schlussfolgerung: Da ihr keine Hausaufgaben ge­macht habt, gehe ich davon aus, dass euch der Text nicht gefallen hat. - ...

Auf- / Abwertung

Die Mannschaft war in Top-Form. - Die Mannschaft spielte völlig unter Niveau.

Beschwichtigung

Konfliktminderung durch Verharmlosung: Das kann ja wohl jedem unterlaufen.

Lüge, Täuschung

Behauptung wider besseres Wissen: Wir haben das Problem der Arbeitslosigkeit im Griff.

 

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Die Analyse kann in einer Feststellung der Merkmale der Propagandasprache (z.T. nach Uta Wernicke: Sprachwissen. Hamburg: Handwerk und Technik [1974]  1978, 168) münden:

     hohe Emotionalität der Sprache (Pathos, Steigerungen durch Superlative, Wiederholungen und häufige Reihung von Einzelwörtern und Sätzen, rhetorische Figuren)

     starke Wertungen (zahlreiche Wertbegriffe und wertende Adjektive), besonders zur Diffamierung des Gegners

     Vorliebe für religiöse, kämpferische, nationalistische und militärische Begriffe

     Imperativischer Stil (Vorliebe für das Modalverb „müssen“, imperativische Anweisungen)

     Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit der Begriffe (Polysemie: „Freiheit“) und allgemeine Verschwommenheit des Ausdrucks, asso­ziationsreiche Begriffe (Konnotationen: das zum Wort Hinzugedachte)

     formalisierte Sprache (Schlagwörter, Slogans, stereotype Wendungen, feste Adjektiv-Nomen‑Koppelungen)

     niedrige Stilebene

     Scheinlogik (scheinlogische Satzverflechtung)

     Meinungssätze als Tatsachensätze ausgegeben

     mit Killer-Phrasen Gegner als Unterlegene behandeln: Sie werden zugeben, dass ...; Ihre Worte zeigen...; Sie werden nicht darum herumkommen... ; Bekanntlich ist es so, dass...; Dazu fehlt Ihnen die Erfahrung...; Sie können sich doch nicht der Logik verschließen...; Wissenschaftliche Ergebnisse haben gezeigt, dass...; Das ist grundsätzlich richtig, aber...;  etc.                      

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s. auch: Sprachaufmerksamkeit - Sprachkritik auf der Hauptseite: Sprachdidaktik

und: Analyse eines Sachtextes

und: Argumentationstechniken

und: Phraseologie

und: zur Argumentationsanalyse auf der Hauptseite: Methodenblätter Textproduktion

und:

 

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