Analyseverfahren im Deutschunterricht G. Einecke
Textimmanente Verfahren:
Die Beobachtung eines Textes in verschiedenen Ebenen - mit verschiedenen
Zugriffen - zur Ermittlung und Beschreibung der Auffälligkeiten - in
textangemessener Kombination - die Schülerinnen und Schüler müssen explizit in
verschiedene Methoden eingeführt werden (s. Lehrplan Sek.II NRW)
1.) Inhaltsanalyse
(nicht: Inhaltsangabe!): Informationseinheiten,
Folge der Informationen; Aussagen, Thema und Teilthemen, Probleme, Wirklichkeitsausschnitte,
Sachverhalte, Personenkonstellation und Sachinventar; Handlung, Ereignis;
Passagen der Schilderung, Beschreibung, des Berichts ...; Zeitbezüge, Raumbezüge;
historische und epochale Bezüge („historische Differenz“ zum Leser) ...
2.) Strukturanalyse: Gesamtkomposition, Aufbauprinzipien, Textgliederung
etc.: z.B. chronologische, kausale, finale Entwicklung; lineare, reihende,
zyklische, symmetrische, axiale Anlage; assoziativ, konstruiert,
perspektivisch, mehrschichtig; Zeitebenen; Erzählhaltungen; Bewusstseinsstrom;
Rahmung (Sprecherereignis - Erzählereignis), Kontrast, dramatische Steigerung:
Spannung - Entspannung/Lösung; Zweier-/Dreier-Gruppierung; offene -
geschlossene Form, analytische - synthetische Form; Collage, Ring, Spiegelungen;
Stationen, Akte, Szenen, Bilder; Schnitttechnik - Collage; Fragment;
Textstruktur nach den Prinzipien von Äquivalenz und Opposition (Äquivalenzen =
Übereinstimmungen: z.B. bedeutungsverwandte Wörter in einem semantischen Feld
„Armut“ wie Elend, hungernd und frierend, Hütte... oder in einem semantischen
Feld „Reichtum“ wie Glanz, warm, zufrieden, voll gedeckter Tisch... / Opposition = Gegensätze: z.B. zwischen den beiden
genannten semantischen Feldern); ...
3.) Semantische
Analyse: Wortbedeutungen,
Wortwahl, Wortschatz: Wortfelder, Wortfamilien; semantische Felder;
Schlüsselwörter; Stereotypen, Klischees, Neubildungen; Denotation -
Konnotation; Assoziationen; lexikalische - aktuelle - kontextuelle Bedeutung;
Bedeutungshorizont, historische Bedeutung, Bedeutungsverschiebungen,
Etymologie; Oberbegriffe - Unterbegriffe; Homonyme, Synonyme; Wörter - Gegenwörter,
...
4.) Stilanalyse
- rhetorische Analyse:
lexikalische Register: für etwas typischer Wortschatz (z.B. Dialekt, Jargon,
Fachsprache); Syntax: auffällige Satzglieder, Stellung der Satzglieder, Nutzung
der Satzbaupläne (HS-GS); Sprachebenen; auffälliger Gebrauch des Tempus und
Modus; rhetorische Mittel: Klimax, Parallelismus, Variation, Wiederholung,
Hyperbel...; Bildsprache; Redestrategien: Aufwertung, Abwertung, Beschönigung,
Desinformation, Verharmlosung, Angriff und Gegenangriff ...
5.) Argumentationsanalyse: Aufbau des Gedankengangs; Art und Abfolge der
Einzelargumente; Situations- und Adressatenorientierung, Verhältnis von Thesen,
Begründungen, Belegen, Beispiel, Zitat, Behauptung etc., Beweisverfahren:
Schlussfolgerung, Analogiebildung, Erfahrungsbezug etc.; Schlüssigkeit der
Argumentation, Vertrauens- und Glaubwürdigkeit, Formen der Manipulation;
Intention der Information: Überredung, Überzeugung; appellative Elemente;
6.) Kommunikationsanalyse: Kommunikationsfaktoren nach dem klassischen
Kommunikationsmodell: Bezug zwischen Sender - Empfänger, Produzent -
Rezipient, Vermittler, gewähltes Medium (Kanal); Faktoren nach dem
kommunikationspsychologischen Modell: Inhalts- und Beziehungsaspekt (Watzlawik)
bzw. Dimensionen eines Redebeitrags: Sachinhalt - Beziehung - Selbstoffenbarung
- Appell (von Thun); Kommunikationsanalyse
(Einecke 1993): Zusammenhang von Situationsanalyse, Handlungsanalyse und
Rede-/Gesprächsanalyse; Sprachhandlungen in Redesequenzen,
Kommunikationsverläufe; Kommunikationsstörungen, Konflikte; Rollen der
Sprecher; Hierarchie - Symmetrie; Sprechpläne; Redeinitiativen, Dominanz im
Gespräch, Sprecherintention und Partnererwartung ...
In Ergänzung zu den Analysemethoden sind
die Interpretationsmethoden zu sehen:
Ist
die Analyse vorrangig
mit der Beobachtung,
Beschreibung und Erklärung
der wesentlichen
Textkonstituenten, der Kontextbedingungen und ihres Zusammenspiels beschäftigt, so geht es bei der
Interpretation um eine Sinndeutung auf dieser
Grundlage, die geprägt ist von einem (subjektiven) Erkenntnisinteresse.
Zu
unterscheiden sind hierbei
▪
der biographische
Ansatz,
▪
der ideen-, geistes- oder mentalitätsgeschichtliche Ansatz,
▪
der historisch-kritische Ansatz,
▪
der soziologisch-pluralistische Ansatz,
▪
der existenziell-philosophische Ansatz,
▪
der theologische
Ansatz,
▪
der psychologische
Ansatz,
▪
der komparatistische und kulturvergleichende Ansatz,
▪
der feministische Ansatz,
▪
der marxistische
Ansatz,
etc.
Textübersteigende Verfahren:
Wenn diese Interpretationsansätze genutzt
werden, entsteht automatisch der Zugzwang, entsprechende textübersteigende
Analysen zu betreiben:
▪
Analyse des
historischen, epochalen, biographischen Kontextes
▪
Analyse der
Produktionsbedingungen
▪
Analyse der
Rezeptionsbedingungen
▪
Analyse der
Theorieeinflüsse (psychologisch, theologisch, philosophisch...)
▪ Analyse der Motiv- und
Gattungstraditionen
etc.
Die Schülerinnen und Schüler benötigen
dazu Hintergrundinformationen, Internetrecherche und i.d.R. gezielte Lektüre von
Sachtexten. Sie werden hier nur beispielhaft den Verstehensansatz und die Methodengrenzen
kennen lernen und sich in ihrem eigenen Wahrnehmungsverhalten sowie
Erkenntnisinteresse Texten gegenüber einschätzen lernen.
s. auch: Zugriffe auf Texte
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