Didaktik zum Umgang mit Sachtexten in der Sekundarstufe II

 

Unterrichtliche Orte der Rezeption und Bearbeitung:

 

    Außerfachliche Sachtexte zur Fundierung fachübersteigender Erörterungen: Alltags-, Lebens- und Zukunftsproblemen (s. Lehrplan: Schlüsselprobleme)

 

    problemorientierter Umgang mit literarischen Gegenständen: Begleitung mit entsprechenden Sach- und Fachtexte

 

    kontextorientierte, textüberschreitende Zugriffe auf eine Ganzschrift: literatursoziologischer, histor.-polit.-ökonom. Kontext; biographischer, mentalitätsgeschichtlicher, gattungsgeschichtlicher Ansatz etc.

 

    Reihe mit fachspezifische Sachtexten, z.B. zur „politischen Rede“, zu „Sprache und Erfahrung“ etc.

 

    theoretische Auseinandersetzung mit literatur- / medientheoretischen, ästhetischen, linguistischen  Modellen

 

    fachinterne und fachübergreifende Projekte zu „Schlüsselproblemen“

 

    Einführung in „wissenschaftliche Prosa“ und Fachsprache - s. Sequenzmaterial zu Alexander von Humboldt

 

    Klausurarten: „Analyse eines Sachtextes mit weiterführendem Schreibauftrag“, „Argumentative Entfaltung eines fachspezifischen Sachverhalts...im Anschluss an eine Textvorlage“

 

    Anfertigung von Referaten, der Facharbeit ...

 

    Anfertigung anspruchsvoller Sachtextsorten: s. Reisebericht - Kommentar…

 

 

Zentrale Ziele der Auseinandersetzung mit Sachtexten: 

 

 Wissenserweiterung

 Unterscheidung von faktischen, überprüfbaren, umfassenden Informationen gegenüber subjektiv selektierten Informationen, Kommentaren, Urteilen, Wertungen, Meinungsäußerungen

 Wahrnehmung der Perspektivität von Sachtexten

 Auseinandersetzung mit Fremdpositionen

 Vorgänge der Popularisierung / Verbreitung von Wissen (rezipierend und produzierend)

 Anwendungsorientierung – Nutzen – Gebrauch

 

Arbeitsphasen:

 

I) Erarbeitung einzelner Sachtexte im

gelenkten Unterricht

II) Sachtexte als

Elemente in problemorientierten Projekten

III) Sachtexte als Ergänzung im

Literaturunterricht

IV) Sachtexte zur selbständigen

Erarbeitung - z.B. in HA, im Lernzirkel…

 

 

A) Informationsaufnahme

Lesen des Textes - als Hausaufgabe, im Unterricht, Vorlesen,  als  Stillarbeit, mit Markierungen am Text, mit  einem  Arbeitsauftrag -  Klärung unbekannter Begriffe und schwieriger Fakten - mit  dem Lexikon  neben dem Text, aus dem Kontext, mit  Hintergrundliteratur, durch Einhilfe des Lehrers - Einbringen der Textkenntnis in den Unterricht - durch  Sammeln, durch Einzelvortrag, durch Unterrichtsgespräch -  Verfahrensorientierung schon für den Leseakt durch eine  fach- und textspezifische Filterung (s.u.) - Instruktionsverständnis: besondere Aufmerksamkeit einer Aufgabenstellung gegenüber (s. Operationsverben: „erkläre, skizziere, untersuche, beschreibe, vergleiche, beurteile, deute, verknüpfe...“)

 

Verfahrensorientierung schon für den Leseakt durch eine fach- und textspezifische Filterung mit der groben Ausrichtung „erweiternd-ausarbeitende Verfahren“ oder „zusammenfassend-kürzende Verfahren“ (Rudolf Steffens und in Forum Schule);

 

im Einzelnen:

-     Informationen eines Textes erfassen:

-     skimming: orientierendes Lesen: einen groben Überblick gewinnen

-     scanning: suchendes Lesen, auf bestimmte Informationen zielen

-     kursorisches Lesen: Textinhalt unter einem Aspekt grob erfassen

-     analytisches Lesen: sich Zusammenhänge und Strukturen bewusst machen

-     argumentatives Lesen: sich mit Inhalt und Positionen auseinander setzen

-     einzelne Begriffe genauer klären: a) die kontextuelle Bedeutung,  b) die lexikalische Bedeutung,

-     Vorwissen anbringen: a) in der Sache, b) im Thema c) in der Sprache, z.B. Internationalismen

-     die Thematik erfassen

-     die Textintention global erfassen

-     Textsorte und Sprachfunktionen erkennen (informierend/darstellend – argumentierend/erörternd – instruierend/regulierend)

-     ein Resümee ziehen/erstellen

-     Texte kürzen - Précis

-     schwierige Textstellen oder Texte paraphrasieren

-     Texte erweitern (Zusatzinformationen, Erklärungen,...)

-     Texte gliedern (segmentieren)

-     Informationen aus Texten herausschreiben (exzerpieren)

-     Grafiken / Tabellen in Text übersetzen - und umgekehrt

-     den Text kritisch lesen: Informationen - Kommentierungen - Wertungen unterscheiden

-     den Gedankengang in einen grafischen „Konspekt“ umsetzen: Verlaufsdiagramm - Strukturdiagramm

-     themengeleitet lesen: ein Thema bei der Lektüre verschiedener Texte als Suchschema nutzen

-     produktiv mit Sachtexten umgehen: einen komplexen Text mit verschiedenartigen Informationen (berichtende, kommentierende, dialogische, informierende ... Teile) in Textmodule auflösen – einen Sachtext in Marginalien kommentieren - …

 

B) Informationsverarbeitung

-     Verständnissicherung im Unterricht -  durch Abrufen der Information, durch Lückentest, durch multiple choice-Test, durch Besprechung der Leseschwierigkeiten,  durch Präzisierung von ersten Verstehensäußerungen

-     Methodenorientierung  in der fachlichen Verarbeitung  -  durch expliziten Einsatz fachspezifischer Analyseverfahren:

-     lineare, chronologische Rekonstruktion des Inhalts; paraphrasierender Zugriff auf Textzentren (Focus-Methode, Grzesik);   Gliederung des Textes nach Teilthemen (Zwischentitel); Untersuchung des Aufbaus, der Textstruktur / Argumentationsanalyse: Voraussetzungen, Thesen,  Begründungen, Beispiele, Entgegensetzungen, Definitionen .. / Stil- und Sprachanalyse / etc.

-     Klärung der Perspektivität des Textes: (objektive) Informationen, Fakten, Daten; (aktuelle) Vordergrundinformationen und Hintergrundinformationen Autorposition erkennbar schon an der Auswahl von Fakten und Zitaten, an wertenden und urteilenden Wörtern und Sätzen, an Meinungsäußerungen und Kommentaren etc.

-     Integration der Teilkenntnisse, der Teilaussagen, der Einzelbeobachtungen zu einer Bilanz, Summe, Ausformulierung der  Textaussage; zu einem gegliederten Tafeltext, zu einem eigenen Resümeetext....

 

C) Einordnung der Informationen in übergreifende Zusammenhänge

-     Verknüpfung der Textinformationen mit dem  Reihenzusammenhang, mit einer Ausgangsfrage, mit Vorkenntnissen,

-     Einbau in historische, systematische oder personale Zusammenhänge

-     Anwendung der Informationen in neuen Textzusammenhängen,  Problemstellungen

-     Anwendung  der  Informationen auf die eigene Situation, den eigenen Erfahrungshorizont etc.

-     Beziehungen zwischen Informationsmodulen (verschiedenen Texten, Bildern, Tabellen) herstellen

 

D) Kritische Wertung der Informationsvorgabe

-     Textkritik - Kritik der Position und der Argumentation des Textes

-     als Leser Stellung nehmen und unter Kriterien werten: Klarheit, Glaubwürdigkeit, Realitätsbezug, Angemessenheit, ...

-     Erörterung der Wertstellungen des Textes

-     Reflexion der angewandten Verfahren

-     den Nutzen von Textinformationen einschätzen

-     Erörterung des Nutzens der Information für die weitere Arbeit, für die eigene Erkenntnis, ...

 

Anforderungsebenen:  - Grundsatz: vom geringeren zum höheren Anspruchsniveau = Progression

 

   Reproduktion: z.B. Inhaltsangabe, Text- oder Textstellenparaphrase, Um­schreiben des Textes in einen anderen Code (z.B. für jüngere Leser, für Laien etc.),

   Reorganisation: Textgliederung, Konspekt, Angabe wichtiger Textstellen und Zitate, Thesenkatalog und Argumente, Beschreibung des Ge­dankengangs als Text oder als Flussdiagramm, Beschreibung auffälliger Verknüpfungsformen, Be­schreibung rhetorischer und sprachlicher Mittel,

   Problemlösung: Erarbeitung von Prämissen und Schlussfolgerungen, Erklä­rung der zentralen Thesen oder Begriffe, Autorintention, Erklärung der Funktion sprachlicher und rhetorischer Mittel, Formen der perspektivischen Färbungen, Einflussnahmen oder Manipula­tionen, Einflüsse im Rahmen der Kommunikationssituation, - Bewertung der zentralen Thesen und der Autorintention, Ableitung weiter­führender Fragestellungen,

   Transfer: Erörterung der Autorposition, Vergleich mit anderen bekann­ten Texten oder Positionen, Einordnung des Textes in histo­rische oder systematische Zusammenhänge, Zusammenhang mit Vorkenntnissen; Erkennen des Gebrauchswertes, des Nutzens der Lektüre; Aufweis von Bezügen zur eigenen Lebenserfahrung oder Alltagspraxis, etc.

 

Methodisierung und Verfahren:

Methode: Analyse einer politischen Rede

 

Methoden zur Arbeit an Sachtexten

 

Themengeleitetes Lesen

 

Konspekt zu Sachtexten: grafischer Konspekt

 

Beispiel: Konspekt (graf. Darstellung der Textstruktur) zu Kant "Aufklärung"

Beispiel: Wissenschaftliche Prosa und Popularisierung von Wissen - Alexander von Humboldts Reise an den Orinoko (1799-1804) - Sequenzmaterial

 

Textmodule erkennen - Fließtext modularisieren

 

Textdesign -  produktiver Umgang mit Sachtexten (H. Gierlich)

 

SQ3R-Lesestrategien

 

Lehrmittel zu Sachtexten Sek. II:

Brenner/Gierlich/u.a.: Umgang mit Sachtexten: Analyse und Erörterung. Berlin: Cornelsen 2004

Gerling/Gierlich: Abakadabra der Fachsprache: Wissenschaft und Medienöffentlichkeit. Berlin: Cornelsen 2000

 

Bialkowski/Einecke/u.a.: Facetten. Arbeitsbuch Deutsch für die Oberstufe. Leipzig: Klett 2002. Kap.: Thema „Zeit“ – Umgang mit Sachtexten / Kap.: Strittige Themen – Erörtern

Dies.: Facetten. Sprache und Rhetorik. Ebd.

Dies.: Facetten. Epochen und Epochenumbrüche. Ebd. Kap.: Reflexionen über Literatur

Dies.: Facetten: Die Macht der Bilder – Medien. Ebd.

 

Didaktik:

Heinz Gierlich: Sachtexte als Gegenstand des Deutschunterrichts - einige grundsätzliche Überlegungen. In: Fix, Martin / Jost, Roland (Hrsg.): Sachtexte im Deutschunterricht. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2005, 25 - 46

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