Die Dämmerung

 

1                 Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.

2                 Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.

3                 Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,

4                 Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.

 

5                 Auf lange Krücken schief herabgebückt

6                 Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.

7                 Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt.

8                 Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.

 

9                 An einem Fenster klebt ein fetter Mann.

10               Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.

11               Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.

12               Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.

Alfred Lichtenstein (v 1911)

 

  Häuser am Abend

 

1                 Im späten schrägen Goldlicht steht

2                 Das Volk der Häuser still durchglüht,

3                 In kostbar tiefen Farben blüht

4                 Sein Feierabend wie Gebet.

 

5                 Eins lehnt dem andern innig an,

6                 Verschwistert wachsen sie am Hang,

7                 Einfach und alt wie ein Gesang,

8                 Den keiner lernt und jeder kann.

 

9                 Gemäuer, Tünche, Dächer schief,

10               Armut und Stolz, Verfall und Glück,

11               Sie strahlen zärtlich, sanft und tief

12               Dem Tage seine Glut zurück.

Hermann Hesse

 

 

  Sonntagnachmittag

 

1                 Auf faulen Straßen lagern Häuserrudel,

2                 Um deren Buckel graue Sonne hellt.

3                 Ein parfümierter, halbverrückter kleiner Pudel

4                 Wirft wüste Augen in die große Welt.

 

5                 In einem Fenster fängt ein Junge Fliegen.

6                 Ein arg beschmiertes Baby ärgert sich.

7                 Am Himmel fährt ein Zug, wo windge Wiesen liegen;

8                 Malt langsam einen langen dicken Strich.

 

9                 Wie Schreibmaschinen klappen Droschkenhufe.

10               Und lärmend kommt ein staubger Turnverein.

11               Aus Kutscherkneipen stürzen sich brutale Rufe.

12               Doch feine Glocken dringen auf sie ein.

 

13               In Rummelplätzen, wo Athleten ringen,

14               Wird alles dunkler schon und ungenau.

15               Ein Leierkasten heult und Küchenmädchen singen.

16               Ein Mann zertrümmert eine morsche Frau.

                                       

Alfred Lichtenstein (um 1911)