Der
textanalytische Zugriff erfolgt mit der
Kommunikationsanalyse
- Jg. 9-13
Um
das sprachliche Verhalten von Dialogpartnern in Sprechsituationen zu verstehen,
muss man beobachten, wie ihre Kommunikation in größere Handlungszusammenhänge
eingebettet ist, wie sprachliche Handlungen zur Verständigung, zur Kooperation
oder zum Konkurrenzkampf eingesetzt werden und woran es liegt, dass
Kommunikation gelingt oder misslingt. Dabei ist zu untersuchen, wie sich die
spezifischen Umstände der Situation, die Handlungen und die Rede- oder Gesprächsbeiträge
gegenseitig beeinflussen. Dies Analyseverfahren ist anwendbar auf szenische
Texte, sowohl auf dialogische Partien in Erzähltexten als auch auf Szenen in
Schauspielen, Hörspielen etc.
1. Situationsanalyse:
· Welche Faktoren der Situation bestimmen vor allem die
Art und das Zusammenspiel des Handelns und des Redens?
Äußere Einflüsse: Ort, Raum, Zeit, Gegenstände, Umstände, Atmosphäre,
Personenkonstellation, Rollenverteilung, persönliche Situation, Gefühle,
gesellschaftliche Bedingungen und Normen, wirtschaftliche Lage, etc.
2. Handlungsanalyse:
· Welche Handlungen wirken vor allem auf die Situation
und das Gespräch ein oder gehen aus ihnen hervor?
Konkrete Handlungen: Art der Handlungen - alltäglich: aufstehen, Fenster öffnen,
Kaffee eingießen - beruflich: Formular reichen...- symbolisch: Blumen
überreichen...; Handlungsträger: Personen, Gruppen; Handlungsablauf:
Handlungsziel, Auslöser, Verlauf, Ergebnis, Folgehandlungen;
Handlungsspielraum, Handlungsalternativen; Handlungsebene: erinnerte, aktuelle,
geplante/erahnte Handlungen; Art der Steuerung: bewusst, unbewusst; emotional,
rational...
3. Rede-/Gesprächsanalyse:
· Welche Bedeutung haben Gesprächs- oder Redeteile für
die Situation und die konkreten Handlungen?
Sprachliche Handlungen: Verbalsprache, Körpersprache; Intentionen,
Konventionen, Rituale; Themenfolge; Redeorganisation: Initiativen,
Sprecherwechsel, Redeanteile, Dominanz; Inhalts- und Beziehungsaspekt;
Rederichtung: dialogisch, monologisch, innerer Monolog, öffentliche Rede;
„Sprachhandlungen“: Ankündigung, Bitte, Dank, Empfehlung, Forderung, Gruß,
Herabsetzung, Information, Kompliment, Lüge, Mutmaßung, Nötigung,
Problematisierung, Ratschlag, Schmeichelei, Tadel, Unterstellung, Vertröstung,
Widerspruch, Zurückweisung...; Redesequenzen, d.h. typische Abfolge der
Beiträge: „Interview“ mit Frage - Antwort - Gegenfrage..., „Argumentation“ mit These - Zweifel -
Argument - Gegenargument - Argumentenwürdigung - Schlussfolgerung, „Streitgespräch“ mit Vorwurf - Rechtfertigung
/ Gegenvorwurf - Ausweichen - Verstärken des Vorwurfs - Aggression -
Beschwichtigung...; Redemittel: rhetorische Mittel, bildliche Mittel,
Redewendungen...
In: Einecke,
Günther: Unterrichtsideen Textanalyse und Grammatik. Vorschläge für den
integrierten Grammatikunterricht. Klett: Stuttgart (1993) 31995, 157 f.
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Rosa Montero: Geliebter Gebieter.
(Spanien 1988). dt. 1989 - Frankfurt:
Suhrkamp 1991 (st 1879, S. 7-11;
Ausschnitt)
1
/S.7/ Als er in das Parkhaus hineinfuhr, hatte er sich fast
in das Hinterteil eines roten Wagens verkeilt. Der andere Fahrer streckte den
Kopf zum Fenster raus: spärlicher Haarwuchs, blasse, jetzt gerötete Wangen,
geschwollene Augenlider. Entschuldige, Junge, aber irgendein Schwachkopf hat
sich auf meinen Platz gesetzt. Es war Matias. Cesar wich aus, um ihm das
Manövrieren zu erleichtern, das rote Auto setzte brummend zurück, kam ins
Schleudern und zerkratzte sich die Seite an einer der Betonsäulen. Matias
stürzte wutentbrannt aus dem Wagen: Verfluchte Scheiße, verdammt noch mal, so
ein Mist. Halb zu sich selbst, halb zu Cesar gewandt, murmelte er
Verwünschungen; sie galten auch dem zerquetschten Kotflügel seines Autos, vor
allem aber galten sie dem Parkhauswächter, der jetzt, eingehüllt in seinen
blauen, fettverschmierten Overall, auf sie zukam: langsam, sehr langsam, so
als wollte er Matias Zeit geben, seine Flüche loszuwerden; vielleicht aber
auch nur, um ihn zu ärgern. Wer ist eigentlich der Idiot gewesen, der sein Auto
auf meinen Platz gestellt hat? Der Mensch kratzte sich am Kinn, zuckte die
Schultern: Das sind Anordnungen, ich weiß von nichts. Anordnungen? Was für
Anordnungen? Mir hat man gesagt, dass dieser Platz ab heute Herrn Martinez
gehört, antwortete der andere wortkarg, dabei spuckte er ab und zu irgend
etwas Unsichtbares aus, ganz so, als hätte er eine Tabakfaser im Mund, die er
nicht völlig herausbekam.
Matias klappte den Mund auf und wieder zu. Und Cesar
dachte: Der ist erledigt. Wer hat das angeordnet, fragte der Halbtote mit
heiserer Stimme. Der Herr Pibu, sagte der Wächter, ich weiß von nichts.
Pittbourg, der stellvertretende Verwaltungsdirektor. Matias blinzelte,
schluckte geräuschvoll, vollführte eine halbe Kehrtwendung und begann mit den
Schritten eines Blinden dem Eingang zuzustreben. Cesar übergab dem
Parkhauswächter seine Wagenschlüssel und lief hinter seinem Kollegen her. Unter
seinen rosigen Wangen ließ Matias' Gesichtsfarbe eine phosphoreszierende Blässe
durchscheinen; die dunkelvioletten kleinen Venen seiner Nase glichen einer
hydrographischen Karte. Mach dir keine Sorgen, Matias, begann er. Und im selben
Moment wurde ihm klar, /S.8/ dass
Matias derartig besorgt war, dass der Satz fast brutal klingen mußte. Es war,
als ob man einen Buckligen an seinen Buckel erinnerte. Ärgere dich nicht,
Matias, verbesserte er sich deshalb, denn schließlich war der Ärger immer ein
würdigeres Gefühl, die Wut war eine göttliche Eigenschaft. Komm, Mensch, reg
dich nicht auf, auch mir haben sie vor einigen Monaten den Parkplatz weggenommen,
das ist noch lange kein Grund zur `Panik. Nein! murmelte Matias und warf ihm
aus den Augenwinkeln einen raschen Blick zu. Nein, Mensch, du weißt doch, dass
es immer Probleme wegen des Parkens gegeben hat, weil nicht genügend Plätze da
sind. Ich gebe jetzt immer dem Parkhauswächter den Schlüssel und damit hat sich
die Sache. Das ist viel bequemer. So sprach Cesar, verlogen und großmütig. Was
er verschwieg, war, dass sein Fall ganz anders lag, dass ihm in Wirklichkeit
niemand diesen verfluchten Platz weggenommen hatte. Cesar hatte keine feste
Arbeitszeit, er war einer der Stars des Hauses, er nahm eine Sonderstellung
ein. Und es war Morton selbst gewesen, der ihm eines Tages gesagt hatte: Es
macht dir doch sicher nichts aus, wenn jemand anderes deinen Platz im Parkhaus
benutzt? Du kommst ja so selten hierher, und es ist schade, Platz so sinnlos
zu vergeuden ... Matias war neben der Ausgangstür stehengeblieben, wühlte ungeschickt
in seinen Taschen, zog ein völlig verknittertes Taschentuch heraus und
trocknete sich damit den kalten Schweiß ab. Mit einer kräftigen Handbewegung
kämmte er sein fettiges, spärliches Haar zurück. Dann drehte er sich zum
Parkwächter um, der sich im Hintergrund des Parkdecks, in einiger Entfernung,
aufhielt. Ich werde mit Pittbourg reden, hier ist das letzte Wort noch nicht
gesprochen worden! brüllte er, und spuckte dabei mit Geschossen aus Speichel
und Fetzen aus Stolz um sich. Und das Männchen im Overall zuckte verächtlich
die Schultern.
Ich sag' dir ganz ehrlich, ohne festen Platz ist es
viel bequemer, du überlässt einfach dem Parkhauswächter den Schlüssel, und am
Ende des Monats gibst du ihm ein anständiges Trinkgeld, beharrte Cesar,
berauscht von seiner Großmütigkeit und Stärke, während sie die Treppe
hochgingen. Tatsächlich hatte man es kommen sehen, dachte er bei sich: Wie
hatte es ihm bisher nur entgehen können. Zufällig wurde schon seit einer Woche
über Matias hergezogen. Und Cesar hatte begriffen, dass das Leben der Firmen
voll war von Zufällen dieser Art. Eines schönen Tages scheinen ein paar Leute
plötzlich und zur gleichen Zeit die furchtbar schweren /S.9/ Fehler des Soundso zu entdecken; Fehler, die über Nacht zum
Hauptgesprächsthema des Hauses werden. Aber das Verblüffendste war, dass sich
wenige Tage nach dem Ausbruch dieses Geschwätzes herausstellte, dass der
Soundso jetzt ganz sicher zurückgestuft, in die Ecke abgeschoben oder sogar entlassen
wurde. Oder er verlor den Parkplatz, wie der arme Matias. Jetzt erinnerte sich
Cesar, während der letzten Wochen von mindestens zwei oder drei Leuten
kritische Äußerungen über Matias gehört zu haben, ohne dass er sich weitere Gedanken
darüber gemacht hätte. Mal sehen. Einer war natürlich Miguel. Wißt ihr
eigentlich schon die letzte Story von Matias? ließ er beim Aperitif verlauten,
obwohl, soweit Cesar wußte, nie von einer vorletzten, einer vorvorletzten, ja
nicht einmal von einer ersten Story die Rede gewesen war. Dann selbstverständlich
Quesada, während einer Sitzung, in der die Werbekampagne für Ford vorbereitet wurde; und Cesar hatte
sich schon gewundert, dass Matias nicht dabei war. An diesem Tag, gegen Ende
der Sitzung, erwähnte Quesada so ganz nebenbei Matias' Alkoholismus und sprach
von nicht zu übertretenden Grenzen, die Matias augenscheinlich überschritten
hatte. Morton nickte ernst und zeichnete mit seinem Mont-Blanc-Füller Dreiecke
auf ein Papier. Und dann Nacho, jetzt erinnerte er sich, Nacho griff Quesadas
Aussage auf und fügte ihr einen seiner messerscharfen Kommentare bei. Reiner
Stahl.
Sie riefen den Aufzug. Matias neben ihm schnaufte und
keuchte, vielleicht lag es an der Anstrengung des Treppensteigens; er griff
sich an die Brust, als ob er Schmerzen hätte. Man sollte mit dem Rauchen aufhören,
witzelte Cesar, und steckte sich dabei eine Zigarette an. Und du sagst, dass du
den Schlüssel dem Parkwächter gibst? So ist es. Aber ich muss mit Pittbourg
reden, beharrte Matias eigensinnig. Armer Kerl, sagte sich Cesar. In gewisser
Weise verdiente er diesen Schlag. Da stand er, an seiner Seite, mit weit
aufgerissenen Augen, und er schwitzte wie ein Schüler, der vor dem Lehrer steht
und auf seine Frage keine Antwort weiß. Er war kein übler Typ; oder anders
ausgedrückt, er war derartig durchschnittlich, dass es ihm gar nicht möglich
war, sehr schlecht zu sein. Matias gehörte zu der Sorte Leuten, die aus ihrer
Firma eine Herzensangelegenheit machten und die mit größerer Zärtlichkeit von
den jährlichen Bilanzen ihres Unternehmens als von den Schulnoten ihrer Kinder
redeten.
Matias war schon genauso lang in der Firma wie er, er
kam vor /S.10/ zwanzig Jahren, als
die Firma noch Richtung hieß und ein
kleines und vollständig spanisches Unternehmen war. Später hatte er sich, im
Gleichschritt mit dem zunehmenden Erfolg der Firma, heraufgearbeitet, und als
die Agentur dann von der Golden Line
aufgekauft wurde, bewegte er sich schon auf Direktionsebene. Er war einer von
diesen Typen, die, mit wenig Mut und noch weniger Stolz ausgestattet, vom
Erfolg in unterwürfigste Sklaven verwandelt wurden. Und so war Matias ein
treuer Zerberus, ein loyaler Denunziant: nur dass er nicht denunzierte, um
persönlich davon zu profitieren, sondern zum größeren Ruhm der Agentur. Kurz
und gut, schloß Cesar erbarmungslos, während er Matias nachsah, der sich,
zusammengefallen und mit hängendem Kopf, im Gang entfernte: Kurz und gut, soll
er doch zum Teufel gehen.
Außerdem gab es nicht den geringsten Zweifel daran,
dass die ganze Angelegenheit lächerlich war. Eine solche Tragödie wegen so
einer Kleinigkeit, wegen ein paar Quadratmeter Parkplatz. Natürlich hatte er,
Cesar, sich nicht so aufgeführt. Na ja, sein Fall lag ja auch anders. Du kommst
ja so selten hierher, es ist schade, den Platz so zu vergeuden, sagte Morton
zu ihm. Lächelnd. Aber es war da etwas in seinem Ton, das ihm in den Ohren
klingelte. Daß ich so selten komme, soll das ein Vorwurf sein? antwortete Cesar
mit erzwungener Heiterkeit. Morton klopfte ihm freundschaftlich auf die
Schulter; eines Tages wirst du dir Lungenkrebs einfangen vom vielen Rauchen,
bemerkte er leutselig, dabei rümpfte er vor der Zigarette die Nase, und fügte
hinzu: Ich habe gehört, dass du eine Ausstellung vorbereitest. Was meinst du?
hatte Cesar da etwas zu heftig gefragt. Was meinst du damit? und
glücklicherweise unterdrückte er das Folgende: Ist das vielleicht eine
Anspielung darauf, dass ich, statt in der Agentur zu arbeiten, male? Aber
selbst so, auf die Hälfte reduziert, war es eine zu emotionsgeladene Frage
gewesen. Wie, was ich damit meine? Du bist aber empfindlich, Cesar; und Mortons
Augen waren ein dunkelblaues Loch. Verzeih, mußte er sich entschuldigen; also
nein, ich bereite keine Ausstellung vor, nein, ich male nicht, ich male schon
seit Jahren nicht mehr, blockiert, es sieht so aus, als habe mich die
Inspiration verlassen. Mortons Augen wurden jetzt fast schwarz, und er sagte
lediglich: Ich verstehe. Und es war, als ob er gesagt hätte: Seit vier Jahren
gewinnst du keinen Preis mehr, seit drei Jahren führst du keine Werbekampagne
mehr anständig durch, seit zwei Jahren habe ich keine originelle Idee mehr von
dir gehört, seit einem Jahr /S.11/
fragen mich die Kunden nicht mehr nach dir, sie verlangen nicht nach dir, sie
erinnern sich nicht an dich, sie haben dich vergessen. Aber vielleicht wollte
auch Morton nichts von all dem andeuten, und Cesars Verdächtigungen waren
nichts anderes als das Produkt eines Verfolgungswahns. In letzter Zeit
nämlich, das mußte er sich eingestehen, war er nicht auf der Höhe. Er fühlte
sich unsicher. Bedrückt. Eine Sache der Nerven.[...]
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1.
Gesamteindruck und Hypothese zur Textaussage:
Phase der "bornierten
Subjektivität" (Kreft) - der Konkretisation (Frommer) - Wirkungen und
Interpretationsbedarf (nicht ausgeführt)
2.
Textanalyse - Phase der "Objektivierung", der Rückbindung an den Text
- z.B. als:
Kommunikationsanalyse:
Situations-, Handlungs- und Redeanalyse
Der Roman beginnt mit einer Situation in einem Parkhaus, einer betonierten urbanen Umgebung,
die assoziativ Gefühle des Bedrohtseins, des Weg-von-hier, der Konkurrenz um
einen Platz ... auslöst; ein unheimliches Gefühl, das sich nicht mit der
Einführung von Überwachungskameras und Frauenparkplätzen erledigt hat. Diese
Szenerie wird auf den ersten fünf Seiten zu einem Szenario tatsächlichen
Bedrohtseins entwickelt: Mit der Situation wird in den Verdrängungswettbewerb
zwischen den Mitarbeitern der Firma Golden Line eingeführt. Aus der Perspektive
von unten, also derer, die sich um einen festen Firmenparkplatz im Parkhaus wie
auch um eine feste Position in der Firma bemühen müssen, werden mit den
Vorgängen im Parkhaus zugleich die Vorgänge in der Firma gespiegelt. Der Wirklichkeitsausschnitt des Romans
erfasst eine soziale Grundsituation
im Lebensbereich der Arbeitswelt. Das sächliche
Inventar der konkreten Situation besteht aus Parkhaus, Parkdeck,
Betonsäulen, zwei Autos, Autoschlüsseln, Treppen, Aufzug, Zigaretten, hinzu
kommen in vorgestellten Situationen Papier und Füller während einer Sitzung;
wirklich keine exotischen Details. Das Interesse muss also aus der Handlung
und der Rede erregt werden.
Als Protagonisten
treten real auf:
- Matias, dem auf Weisung der Firma der gewohnte
Parkplatz genommen wurde und der in Wut darüber seinen Wagen beim Manövrieren
beschädigt. Er wird in seiner völligen Erregung und Hilflosigkeit charakterisiert: als
"Halbtoter" mit der Physiognomie eines völlig Gestressten:
"spärlicher Haarwuchs, blasse, jetzt gerötete Wangen, geschwollene
Augenlider", die "Gesichtsfarbe [zeigt] eine phosphoreszierende
Blässe...; die dunkelvioletten Venen seiner Nase glichen einer hydrographischen
Karte" (7); als einer, der "mit den Schritten eines Blinden"
geht und "erledigt" ist (7). Matias' Überreaktion mag überraschen,
sie wird jedoch verständlich, wenn man Cesars Gedanken über ihn auf ihn selbst
bezieht: er steht in einem Existenzkampf auf verlorenem Posten, versteht die
Wegnahme des Parkplatzes als Kampfsignal und gerät in Panik.
- Cesar Miranda, der die Situation von außen
betrachtet, in dessen kommentierende Innensicht der Leser durch Formen des
personalen Erzählens aber sogleich einbezogen wird. Er führt in seinen
Reflexionen über die aktuelle Parkhausszene hinaus in die dahinterliegenden
Konflikte der Firma und in ihre Geschichte ein, weil er selber - ehemals ein
"Star des Hauses" - plötzlich auf eine unheimliche Weise Matias'
Abstieg ahnend auf sich bezieht.
- der Parkwächter, der - obwohl einer der untersten -
in aller Ruhe an diesem Ort die Hierarchie der Firma vertritt, indem er nur die
Anordnungen von oben vollzieht.
In Cesars Gedanken, in dem Kommentar des Parkwächters
und in Dialogteilen mit Matias tritt also durch Figurenrede mittelbar das Personal der Mächtigen und
der Konkurrenten hinzu:
- Herr Martinez, dem Matias den Parkplatz abtreten
muss
- Herr Pittbourg, der stellvertretende
Verwaltungsdirektor, der die Anordnung gab
- Morton, Cesars Vorgesetzter und Förderer, der dem
Grafiker Cesar bereits in freundschaftlicher Form dessen Parkplatz abgehandelt
hatte, weil er wie ein freier Mitarbeiter ihn nur selten benutze
- Miguel, Quesada und Nacho, die in der letzten Zeit
verbal und durch Handeln den Abstieg von Matias vorbereitet haben.
Die konkrete
Situation im Parkhaus wird von Cesar ergänzt um Situationen in der Erinnerung:
- wie Morton "eines Tages" mit Cesar über
dessen Parkplatz verhandelte,
- wie "schon seit einer Woche über Matias
hergezogen" wurde
- wie ganz allgemein und scheinbar zufällig in der
Firma "eines schönen Tages ... ein paar Leute plötzlich und zur gleichen
Zeit die furchtbar schweren Fehler des Soundso ... entdecken; Fehler, die über
Nacht zum Hauptgesprächsthema des Hauses werden." Diese Erinnerung wird
konkretisiert an dem Abgeschobenwerden von Matias, an einer Kette von
Einzelsituationen der letzten Wochen (9) - Mit dieser Erinnerung macht Cesar
das "Mobbing" zum Thema der gesamten Eingangsszene; er führt geradezu
die Strategien des Mobbens im Detail vor Augen. Diese Konfliktlage wird aber
in verallgemeinernder Form vermittelt: "das Leben in der Firma" (8),
sie erhält so auch einen futurischen Aspekt: "eines schönen Tages scheinen
ein paar Leute plötzlich..."; kann natürlich auch erst noch eintreten. Und
dies - so wird es an Cesars Gefühlslage gegen Ende der Szene deutlich - kann
natürlich auch Cesar zustoßen: "Er fühlte sich unsicher. Bedrückt."
(11)
Die konkrete, aktuelle Situation wird somit durch
Cesar ergänzt um diffuse Vorstellungen zukünftiger
Situationen, aber auch durch Matias ergänzt um seine Vorstellungen von
konkreten Handlungsmöglichkeiten in nächster Zukunft: "ich muss mit
Pittbourg reden" (9).
Die Personenkonstellation
in der Situation könnte eigentlich zum einen kollegial sein: Matias und Cesar
sind Kollegen aus der "Direktionsebene" (10) der Firma, die nicht in
Konkurrenz zueinander stehen. Allerdings fällt Cesar ein sehr negatives Urteil
über Matias; er als Star mit einer "Sonderstellung" in der Firma
findet Matias "durchschnittlich" (9) und sieht ihn als einen jener
"Typen, die [...] in unterwürfigste Sklaven verwandelt wurden" (10).
Die Konstellation zeigt zum anderen einen Kontrast zwischen der Seite Matias
und Cesar sowie der Seite der Mächtigen und der Karrieristen, die in Cesars
Phantasie eine gemeinsame Phalanx der Mobber gegen Matias und womöglich gegen
ihn selbst bilden, wie er in seinen "Verdächtigungen" (11) summiert.
Die Handlungen
in der Situation erscheinen z. T. banal, sind aber anfangs durch Redeteile
höchst dramatisiert und verlieren sich dann völlig im Bewusstseinsstrom
Cesars.
Die ersten Handlungen nonverbaler Art sind durch das
Ambiente mitbestimmt und bestehen - auch typisch für die urbane Umgebung - im
Einsatz von Apparaten: Verkeilen, Manövrieren und Schrammen der Autos. Darin
drückt sich die Konfliktlage schon aus; sie wird unterstützt durch
Verhaltensweisen von Matias und dem Parkwächter: der eine stürzt
"wutentbrannt aus dem Wagen", der andere kommt "langsam, sehr
langsam" hinzu, kratzt sich, zuckt die Schultern, denn er ist nicht der
eigentliche Gegenpart für Matias. Matias' Mimik
und Gestik zeigen seine Schwäche: er
"klappte den Mund auf und wieder zu", "blinzelte, schluckte
geräuschvoll, vollführte eine halbe Kehrtwendung..."(7), "wühlte
ungeschickt in den Taschen, zog ein völlig zerknittertes Taschentuch - schon
selbst ein Zeichen des nervösen Menschen - heraus und trocknete sich damit den
kalten Schweiß ab"(8). Cesar
seziert sorgfältig das Bild des Opfers. Während der Parkwächter anfangs ganz
lässig spuckt, "als hätte er eine Tabakfaser im Mund" (7), schimpft
Matias und "spuckte dabei mit Geschossen aus Speichel und Fetzen aus
Stolz um sich"(8). Dieser Kontrast dramatisiert, auch in der martialischen
Übertreibung und der bildlichen Überhöhung von Matias' Verhalten. Die
Wirkungslosigkeit der Aggression wird vom Parkwächter mit einem verächtlichen
Schulterzucken (8) verdeutlicht; die Aggression ist an den falschen Adressaten
gerichtet.
Cesar vermittelt Matias aus überlegener Position als
Zuschauer heraus ein Bild von souveräner nonverbaler Reaktion: Man
"überlässt einfach dem Parkwächter den Schlüssel und [... gibt] ihm ein
anständiges Trinkgeld" (8). Das folgende Treppensteigen führt bei Matias
zu einer körperlichen Handlung wie vor einem drohenden Infarkt: "er griff
sich an die Brust" und zu einer körperlichen Reaktion: Matias
"schwitzte wie ein Schüler, der vor dem Lehrer steht". Cesar, der mit
dem Vergleich Matias' Unterlegenheit betont, betrachtet im Aufzug seinen
Nebenmann genau, er nimmt also wieder die Beobachterrolle
ein. So schaut er auch Matias hinterher, "der sich, zusammengefallen und
mit hängendem Kopf, im Gang entfernte"(10). Vor allem die Körpersignale
verdeutlichen, dass Matias "erledigt" ist und sich bereits mit seinen
psychosomatischen Erscheinungsformen in einer späten Phase des
Mobbing-Verlaufs befindet. - Cesars Handeln besteht vor allem im Zuschauen,
zunächst in der kalten Perspektive des noch überlegenen Beobachters, der ein
Opfer betrachtet, das er dazu nicht mag. In ironischem Kontrast zu Matias'
Atemnot entzündet sich Cesar vor dem Aufzug dann eine Zigarette. Das einzige
gemeinsame Interesse drückt sich im gemeinsamen Rufen des Aufzugs aus (sie
riefen...,9). - Viel wichtiger sind bei Cesar alle assoziierten Handlungen, die er sich vor das innere Auge holt: Zum
einen verbindet er mit dem erlebten Vorfall die geschickte Wegnahme seines
eigenen Parkplatzes durch Morton, immerhin entschuldbar mit der geringen Benutzung.
Zum andern aber stellt er einige Handlungen von Kollegen zusammen, die
deutlich als komplexe 'Psychokriegshandlungen' nonverbale und verbale
Handlungen kombinieren und wie Mobbing-Strategien einzustufen sind; und auch
Cesar hat sie als solche "begriffen" (8):
- bei einem Kollegen einen Fehler entdecken und zum
Hauptgesprächsthema machen;
- Mitarbeiter zurückstufen, in eine Ecke abschieben,
entlassen;
- dem Betroffenen den Parkplatz nehmen;
- den Betroffenen kritisieren;
- von ihm die "letzte Story" erzählen;
- ihn von wichtigen Sitzungen ausschließen;
- auf seinen Alkoholkonsum anspielen. (9)
Die Redebeiträge
der Szene sind aufzuteilen in einen Teil der interpersonellen Rede: die direkte
Rede in Dialogteilen zwischen Matias und Cesar sowie Matias und dem
Parkwächter, sowie in einen Teil der intrapersonellen Rede mit erinnerten
Gesprächen zwischen Cesar und Morton sowie mit Cesars Bewusstseinsstrom in
personalem Erzählgestus, in monologischen Formen und erlebter Rede.
Die Szene beginnt mit einer Entschuldigung von Matias
gegenüber Cesar in eher freundlichem Ton, steigert sich dann aber zu Sprachhandlungen des Schimpfens
(Schwachkopf, Idiot, 7), mit dem sich Matias allgemein Luft macht und den
Parkwächter verwünscht. Mit einer sachlichen Feststellung "Das sind
Anordnungen" kann sich der Wächter entlasten. Da Matias aber nichts von
Anordnungen weiß, merkt man, dass an ihm eine Kommunikation vorbeigelaufen ist,
obwohl sie ihn unmittelbar betrifft. Hier liegt also schon zu Anfang eine
betriebliche Kommunikationsstörung
vor. Durch Nachfragen erfährt Matias den Verantwortlichen, Pittbourg, den der
Wächter in vertraulichem Ton Pibu bezeichnet.
Cesar beginnt nun mit doppelgleisigem Kommunikationsverhalten: intrapersonal gibt er ein
krasses Urteil ab: "Der ist erledigt." - er wendet sich aber im
Dialog scheinbar fürsorglich an Matias und beruhigt ihn mit dem imperativischen
Appell: "Mach dir keine Sorgen."(7) In einer Selbstkorrektur variiert
er die Aufforderung in: "Ärgere dich nicht."(8) In der Form der erlebten
Rede erfährt der Leser Cesars Motiv für diese Änderung in der Argumentation:
"denn schließlich war der Ärger immer ein würdigeres Gefühl, die Wut war
eine göttliche Eigenschaft [dachte Cesar]."(8) Vor allem das Adverb zeigt
die Unmittelbarkeit der personalen Perspektive. Die inneren und geäußerten
Redeteile Cesars umfassen hier ein Wortfeld
von Gefühlsbegriffen, das Matias' emotionale Lage umkreist: Sorgen, Ärger,
Würde, Wut, Aufregung, Panik. Cesar versucht Matias zu beschwichtigen, indem
er dessen Problem mit dem Parkplatz mit einem eigenen Erlebnis abtut und dann
verallgemeinert: "immer Probleme wegen des Parkens". Mit einem
Bericht von seiner Lösung des Problems (Abgabe des Schlüssels) will er Matias
Mut machen; er betrachtet aber seine eigenen Wort und verurteilt sie als
"verlogen".
In Gedanken rekonstruiert er, wie es zu seinem eigenen
Parkplatzverlust kam, und meint zunächst noch mit der Sprachhandlung der
eigenen Beruhigung, "dass sein Fall ganz anders lag". (8) Später (10)
entwickelt sich sein Fall in seinem Bewusstseinsstrom jedoch zu einem deutlich
parallelen Ereignis, auch wenn Cesar durch fast wörtliche Wiederholung noch
einmal bestärkt, dass "sein Fall ja auch ganz anders lag". Indem er
die Gesprächssituation mit Morton
genauer ausführt und seziert, wächst seine Ahnung, dass womöglich ein
Zusammenhang zwischen seiner mangelnden Leistung für die Firma und dem Verlust
seines Parkplatzes besteht. Cesar vergegenwärtigt sich das Gespräch mit Morton
und bewertet Mortons Reden und Handeln zunächst positiv: lächelnd,
freundschaftlich, leutselig, dann aber auch schon nachdenklicher, indem er
mehrdeutiges Verhalten anführt und uminterpretiert: "Ich verstehe. Und es
war als ob er gesagt hätte..." (10) Fragen und Rückfragen sowie Redekommentierungen kennzeichnen die
Unsicherheiten im Dialog: "Wie, was ich damit meine?" Aus eigenen
Versagensängsten heraus, weil ihn seine "Inspiration verlassen" hat,
schlussfolgert er in subjektiver Argumentation,
dass Mortons scheinbar harmlose Frage, ob er eine Ausstellung vorbereitet,
eine Attacke gegen seinen z.Zt. erfolglosen Mitarbeiter sei. Cesar verschärft
seinerseits das Gespräch, indem er Morton einen Vorwurf unterstellt und als
Beweggrund für Mortons Handeln selber seinen Verlust an Kreativität ansieht. So
interpretiert Cesar Mortons Äußerungen und kommt zu den
"Verdächtigungen" (11), dass Morton mit seiner Leistung nicht
zufrieden sei. Das Burnout-Thema wird
in diesem Gespräch unmittelbar eröffnet.
Cesars Reaktionen weisen zwei für ihn typische Arten der Sprachhandlungen der
intrapersonalen Rede auf: zum einen arbeitet er mit Unterstellungen und bald
auch Schuldzuweisungen, zum anderen sind seine Interpretationen fremder Rede
Ausdruck seiner Selbstvorwürfe und Symptom für seine Ängste.
In der Parkhaussituation entwickelt Cesar somit nach
der direkten Rede mit Matias ein inneres Bild einer früheren
Gesprächssituation, in das er dialogische Passagen einbaut und in dem er
zusätzlich eine zweite innere Ebene der Selbstreflexion
und eine Metaebene des Gesprächs
aufbaut. Dies durchschaut Cesar und führt es auf eine Art
"Verfolgungswahn"(11) zurück. Indem er sich "eingestehen"
kann, dass "er nicht auf der Höhe" ist, sich "unsicher"
fühlt und "bedrückt", wird durch diese Selbstkommentierung zum einen deutlich, dass er ein Problem in dem
angerührten Thema hat, und zum anderen, dass er noch nicht so weit ist wie
Matias. Ihn hatte er in dem vorhergehenden inneren Monolog
"erbarmungslos" (10) nach einem kurzen Report seiner Karriere als
einen 'loyalen Denunzianten' verurteilt und "zum Teufel" gewünscht.
Seine Einstufung, dass der Vorgang im Parkhaus keine "Tragödie" sei,
sollte zunächst den Vorfall erledigen; durch seine Rekonstruktion des
Morton-Gesprächs gerät aber die tief darunterliegende Thematik schließlich auf
die Spur einer sich anbahnenden Tragödie, nämlich seiner eigenen.
Als Kommunikationssituation
weist die Parkhausszene somit viele Störungen auf. Sie hängen zum einen mit dem
sich vollziehenden Untergang von Matias zusammen. Andererseits stellen sich
Störungen ein, die in Cesars Befürchtungen und in dem betrieblichen Klima
liegen.
So ist Cesar auch nicht in der Lage, seinem Kollegen
Matias zu helfen, der dann Selbstmord begehen wird. Er ist viel zu sehr mit der
auf ihn selbst zukommenden Bedrohung befasst. Insofern ist der Beinahe-Crash
zwischen Cesar und Matias von deutlichem Zeichencharakter: Jedem kann
jederzeit etwas zustoßen! Die Anfangsseiten des Romans führen sowohl in die
Mobbing- wie in die Burnout-Situation des ausgebrannten Künstlers und
Werbegrafikers Cesar Miranda ein, der im weiteren Verlauf der
"Tragödie" in selbstzerfleischenden und schuldzuweisenden Reaktionen
immer handlungsunfähiger wird und damit seinen erahnten Untergang erst recht
heraufbeschwört.
Die berufliche Grundsituation und die aktuelle
Konfliktsituation im Parkhaus bedingen gleichermaßen zum einen Matias'
jämmerliches Handeln und Reden und zum andern Cesars Handeln und Reden, äußerlich scheinbar
sicher, aber sehr unsicher im Innern. Beide Protagonisten können und wollen
nicht als Kollegen kommunikativ aufeinander zugehen und ggf. die
innerbetrieblichen Kommunikationsprobleme handelnd anpacken, die sich deutlich
an der plötzlichen "Anordnung" von oben am Anfang des Romans kundtun.
Andererseits ist diese Lage der Ungewissheit, der latenten Bedrohung und der
Unsicherheit in der beruflichen Position, bedingt durch unterlassene
Kommunikation auch ein Machtinstrument der betrieblichen Hierarchie bei einem
"kapitalistischen" Unternehmen ohne fortentwickelten Führungsstil, ohne
professionelles Konfliktmanagement und ohne eine entsprechende
"betriebliche Ethik"(Leymann, 175 ff.).
3. Interpretation und Phase der
"Aneignung" (Kreft):
(hier nicht ausgeführt)
¨ den Sinn des Textes deuten
¨ die Bedeutung des ganzen Textes und seiner Teile
abschließend erklären
¨ im Rückgriff auf Schritt 1 die Hypothese begründen,
vertiefen, präzisieren, einschränken, erweitern, korrigieren, falsifizieren
¨ die Absicht des Autors erschließen
¨ den Text in Zusammenhänge stellen: Gesamtwerk; historischer,
biografischer, literarischer ... Kontext
¨ die Bedeutung für damals - heute - immer, für mich
erklären
¨ den Text und seine Wirkung beurteilen.
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