Theoretische
Texte zu: Was ist poetische Sprache? Was ist Poesie?
Novalis
- Blüthenstaub
70. Unsere Sprache ist entweder mechanisch, atomistisch oder dynamisch. Die ächt poetische Sprache soll aber organisch, lebendig seyn. Wie oft fühlt man die Armuth an Worten, um mehre Ideen mit Einem Schlage zu treffen.
109.
Nichts ist poetischer, als Erinnerung und Ahndung oder Vorstellung der Zukunft.
Die Vorstellungen der Vorzeit ziehn uns zum Sterben, zum Verfliegen an. Die
Vorstellungen der Zukunft treiben uns zum Beleben, zum Verkürzen, zur
assimilirenden Wirksamkeit. Daher ist alle Erinnerung wehmüthig, alle Ahndung
freudig. Jene mäßigt die allzugroße Lebhaftigkeit, diese erhebt ein zu
schwaches Leben. Die gewöhnliche Gegenwart verknüpft Vergangenheit und Zukunft
durch Beschränkung. Es entsteht Kontiguität, durch Erstarrung Krystallisazion.
Es giebt aber eine geistige Gegenwart, die beyde durch Auflösung identifizirt,
und diese Mischung ist das Element, die Atmosphäre des Dichters.
110.
Die Menschenwelt ist das gemeinschaftliche Organ der Götter. Poesie vereinigt
sie, wie uns.
In:. (Blüthenstaub. Erstdruck in: Athenäum 1, Berlin
1798, S. 70-106 / sh. Historisch-kritische Ausgabe Bd. 2) http://www.lyrik.ch/lyrik/spur3/novalis/novalis3.htm
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Johannes
Anderegg: Ueber Sprache des
Alltags und Sprache im religioesen Bezug
Der alltaegliche Sprachgebrauch ist ein
selbstverstaendlicher Sprachgebrauch, weil er sich immer auf konventionelle
Horizonte bezieht; poetische Sprache ist dagegen gerade nicht eine
selbstverstaendliche Sprache und macht nicht-konventionelle Horizonte erfahrbar.
http://www.mohr.de/jrnl/zthk/zthk953d.htm
Witz
Scharfsinn Concetto - Ein Seminar von Dr. Holt Meyer, Insitut für
Slavistik, Universität Potsdam - Wintersemester 1996/97 - Sitzungsprotokoll 22.
Oktober 1996, 9.15-10.45 Uhr - Teilnehmer: B. Hartmann, H. Meyer, F. Richter, A.
Schmidt - Protokollant:
H. Meyer
Rudolf Helmstetter mit dem Titel "Lyrische Verfahren: Lyrik, Gedicht und poetische Sprache" (M. Pechlivanos, S. Rieger u.a., Einführung in die Literaturwissenschaft, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart-Weimar 1995, S. 27-42)
besprochen.
In
seinen einleitenden Bemerkungen zur zweiten Sitzung des Seminars erläuterte der
Diskussionsleiter H. Meyer die Konzeption der Annäherung des Entfernten
als des Grundverfahrens sowohl des Witzes als auch der Lyrik. Er betonte die
Rolle der Zweideutigkeit im Witz und brachte sie mit der Unentscheidbarkeit
(anders gesagt: das Hören/Sehen/Denken von zwei Sachen in einer zeichenhaften
Einheit wie z.B. einer sprachlichen Äußerung bzw. das Tun/Sagen von zwei
verschiedenen Sachen gleichzeitig, was in der Psychologie als double bind
bezeichnet wird) in Verbindung. Die gleichzeitige Produktion bzw.
Rezeption zweier verschiedener Sachen ist ja die Grundform der
(zeichenhaften) Annäherung des Entfernten, die auch als Kurzschluß bezeichnet
werden könnte. Diese Herstellung der Ähnlichkeit des Unähnlichen kann sich
(rhetorisch gesehen) auf der Ebene entweder der Figuren (d.h. auf der
phonologischen, morphologischen, prosodischen syntaktischen Ebene) oder der
Tropen ( d.h. semantisch) abspielen. Das wäre, grob gesagt, die erste
Unterscheidung zwischen dem, das durch Lyrik, und dem, was durch
Witz/Scharfsinn/Concetto gewährleistet wird. Des weiteren hob er hervor, daß
das Concetto und der Scharfsinn des 17. Jahrhunderts ebenso als eine Sonderform
des Scharfsinns (im Vergleich etwa mit demjenigen der Aufklärung, der Moderne
usw.) einzustufen ist, wie sich bestimmte "scharfsinnige" und
"witzige" Untergattungen der Lyrik (z.B. das Epigramm, das den
Gegenstand der Sitzung am 29.10. darstellt) in der frühen Neuzeit besonderer
Beliebtheit erfreuen. So ergibt sich eine zunehmende Spezifizierung, und zwar
dergestalt:
A
> B > D
-------->
E
--->
C > F
-------->
G
(A
= Annäherung des Entfernten, B = Lyrik bzw. lyrische Verfahren; C =
scharfsinnige Tropik bzw. semantische Verfahren; D, E = 'scharfsinnige' lyrische
Untergattungen [Epigramm, Sonett] und ihre Verfahren; F, G = Arten der
scharfsinnigen Tropik bzw. der mit ihr zusammenhängenden semantischen
Verfahren)
Unsere
Aufgabe besteht darin, das Zusammenwirken von B und C anhand von Einzelphänomenen,
die an der Stelle E, F, G, H usw. verortet sind, zu untersuchen. Wenn wir uns
mit der Theorie der Lyrik und ihrer Verfahren sub specie acuminis beschäftigen,
so befassen wir uns mit B unter besonderer Berücksichtigung von A.
Im
Text von Rudolf Helmstetter haben wir v.a. die Eigenschaften der von Roman
Jakobson postulierten "poetischen Funktion" der Sprache
herausgearbeitet, die auch den Kern des Helmstetterschen Textes bildet.
Zuerst
hat die Gruppe die von Helmstetter erwähnte und relativierte Dominanz der
"Erlebnislyrik" im heutigen populären Bewußtsein über Poesie als
Resultat der "Entrhetorisierung, Ästhetisierung und
Psychologisierung" der Lyrik diskutiert. Dieser Prozeß macht Rhetorik und
Poetik zu Gegensätzen. Helmstetters Kritik: "Eine solche Kanonisierung
einer partialen Spielart von Lyrik blendet die weiten Felder der gefühllosen,
der sprachspielerischen, manieristischen, der barocken und der modernen Gedichte
aus, wertet die Gebrauchs- und Nonsense-Lyrik ab und blockiert den
Zugang zu solchen Texten" (S. 27; Hervorhebung von mir)
Daraufhin
ging es um die Stellung der Lyrik in der klassischen Gattungstrias
"Lyrik-Epik-Drama" und um die von Helmstetter konstatierte Tatsache,
daß man in Deutschland von "Lyrik" in diesem Sinne erst seit der
Goethezeit spricht, obwohl der Trias oft geradezu Ewigkeitswert zugebilligt
wird.
Nach
diesen einleitenden Überlegungen hat die Gruppe das Problem der
poetischen Sprache bzw. der poetischen Sprachfunktion aufgenommen,
deren Prägung durch Jakobson als eines der Schlüsselereignisse des
literaturwissenschaftlichen Strukturalismus bezeichnet werden kann. Folgende als
erste Annäherung an die poetische Funktion einzustufende Formulierung
Helmstetters hat die Gruppe genauer analysiert: "Präsentation von
semantischen Anomalien (oder Alternativen) bei formaler Kohärenz und
hochkomplexer Prägnanz, die die übliche Ordnung der Rede zugleich überbietet
und unterläuft" (S. 28-29). Die Gruppe vergegenwärtigte sich
Helmstetters Einschränkung, die poetische Sprache sei "als Sprache
schlechthin" anzusehen, sei aber "nur in Form von Texten
realisiert", und auch "nicht in jedem Text realisiert, der wie ein
Gedicht aussieht" (S. 29).
Die
Gruppe widmete den zwei Hauptkriterien der poetischen Sprache besondere
Aufmerksamkeit: "das Äquivalenz-Prinzip auf der Ebene des
Mitgeteilten und die Selbstzweckhaftigkeit auf der Ebene der Mitteilung"
(S. 29-30). In diesem Zusammenhang wurden die Begriffe "Mitgeteiltes"
und "Mitteilung" als zweideutig kritisiert; die Vorzüge der Begriffe
"Signifikant" und "Signifikat" wurden hervorgehoben,
insbesondere die Einbettung in eine nachvollziehbare Theorie. Das Äquivalenz-Prinzip
wurde anhand diverser Beispiele (u.a. des klassischen Jakobsonschen Beispiels
"horrible Harry") präzisiert.
Folgende
weitere Formulierung wurde unter die Lupe genommen: "Das
spezifische Verfahren der Lyrik besteht darin, primäre und sekundäre
sprachliche Formen (...) im besonderen Maße zu aktivieren, bloßzulegen und
produktiv zu machen, zu verdichten, die überformen und auszustellen. Die
poetische Sprache bedient sich des gesamten rhetorischen Formen-Repertoires;
Metaphorik oder 'Bildlichkeit' ist nur ein besonders auffälliges, vordergründiges
und keineswegs ein obligatorisches Mittel."(S. 30). Dabei wurden
die Begriffe "primär" und "sekundär" hervorgehoben und
problematisiert. Außerdem wurde festgestellt, daß der Begriff der
"Verdichtung" u.a. an Jurij Tynjanovs Theorie der
lyrischen Verfahren, insbesondere die konstitutive bedeutungsschaffende Rolle
der Verszeile erinnert.
Des
weiteren wurden v.a. die von Helmstetter angeführten Jakobson-Zitate
diskutiert, allen voran der Satz, der als Leitspruch des gesamten
literaturwissenschaftlichen Strukturalismus bezeichnet werden könnte.: "Die
poetische Funktion projiziert das Prinzip der Äquivalenz von der Achse der
Selektion auf die Achse der Kombination. Die Äquivalenz wird zum konstitutiven
Verfahren der Sequenz erhoben." Dieser Leitsatz wurde durchaus
kontrovers diskutiert. Man vergegenwärtigte sich, was man unter Äquivalenz
bzw. Selektion bzw. Paradigma einerseits und Sequenz bzw. Kombination bzw.
Syntagma andererseits zu verstehen hat. Auf den Einwand hin, daß dieser Vorgang
bei jedem normalen Sprachgebrauch stattfinde, wurde das Prinzip der Projektion
diskutiert; es wurde festgestellt, daß es hier nicht um das durch das alltägliche
Funktionieren der Sprache gewährleistete Zusammenwirken zwischen Selektion und
Kombination geht, sondern gerade um Selektionsvorgänge, die über dieses
Zusammenwirken hinausgehen (vermeiden wir die Hierarchie von primär und sekundär
und sagen wir: parallel zueinander laufen) und gewissermaßen als 'Fremdsprache'
zu erlernen seien. In diesem Zusammenhang wurde die Tatsache erwähnt, daß
gerade diese 'Fremdsprache' das gewöhnliche Funktionieren der 'eigenen' Sprache
verfremdet und offenbart.
Dies
diente als Übergang zur Auseinandersetzung mit folgender Formulierung
Helmstetters:
Während
die Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem (Signifikanten und Signifikaten)
als solche (semantisch) unmotiviert, arbiträr und konventionell ist, zeigt die
poetische Nachricht eine konstellative Motivierung: die selegierten Paradigmata
motivieren sich wechselseitig. Wenn die poetische Rede die primäre Arbitrarität
der Signifikanten durch formale Bezüge überformt, suggeriert dies immer auch,
es gebe die dadurch hergestellten semantischen Bezüge bereits zwischen den
Dingen, aber: Das Gesagte verweist aufs Sagen, auf die sprachlichen Möglichkeiten
und die Textproduktion selbst. (S. 32)
Dazu
wurde u.a. konstatiert, daß diese Suggestion von echten Beziehungen aufgrund
von rein sprachlichen Beziehungen in verschiedenen Epochen verschieden stark
ist, und daß die frühe Neuzeit noch eine recht schwach ausgeprägte
Vorstellung von der Konventionalität der Zeichen hatte.
Helmstetters
köstliches Goethe-Zitat wurde besonders unterstrichen, wonach "ein
Bodensatz von Nonsense ... für den Vers obligat" (S. 33) sei. Anhand des
folgenden Jakobson-Zitates wurde aber gleichzeitig konstatiert, daß Lyrik natürlich
nicht mit Nonsense gleichzusetzen sei:
"Der
Vorrang der poetischen Funktion vor der referentiellen löscht den
Gegenstandbezug nicht aus, sondern macht ihn mehrdeutig." (S. 33)
Damit
ist die Diskussion zum Ausgangspunkt der Sitzung zurückgekommen, nämlich zur
Auseinandersetzung mit der Zweideutigkeit, des double bind und der
Unentscheidbarkeit als Prinzipien der Lyrik und des Witzes.
Anhand
der beiden letzten Jakobson-Zitate in Helmstetters Text wurde das Prinzip der
Verfremdung der Sprache bzw. des 'Schreibens der Sprache' durch lyrische
Verfahren vertieft.
"Nur
in der Dichtung mit der regelmäßigen Wiederkehr äquivalenter Einheiten wird
das Zeitmaß des Redeflusses erfahren, wie auch in der musikalischen Zeit"
(S. 33).
"Indem
sie das Augenmerk auf die Spürbarkeit der Zeichen richtet, vertieft diese
Funktion die fundamentale Dichotomie der Zeichen und Objekte" (S.
34).
Letzteres
Zitat wurde auf die weitläufigen philosophischen und metaphysischen Probleme rückgekoppelt,
die die poetische Funktion gerade in der Barockzeit aufwirft und verkörpert.
Der im höchste Maße weiterführende letzte Satz des Helmstetterschen Aufsatzes wurde am Ende der Stunde diskutiert: "Die poetische Sprache macht die Sprache lesbar [bzw. die Sprache macht sich in ihr lesbar - H.M.], und Lesen geht nicht immer in Verstehen auf" (S. 41). Der erste Teil wurde mit ähnlichen Äußerungen früher im Text verglichen. Anhand des zweiten wurde der Begriff des Verstehens als Schlüsselbegriff der Hermeneutik im Sinne der communio zwischen einem schreibenden und einem lesenden Subjekt über Raum und Zeit hinweg (also einer ganz anderen Arbiet mit einer völlig andersartigen Entfernung) und einer "Verschmelzung der Horizonte" zwischen ihnen präzisiert und auf das Ausgangsproblem der "Erlebnislyrik" rückbezogen.
http://www.uni-potsdam.de/u/slavistik/vc/hmeyer/witz/stzwtz1.htm
Relevante Komponenten der "Literatur" sind: Sprache, Schrift (mit Ausnahmen), ein Trägermedium (Papier, Buch, Schallplatte=Stimme, andere akustische Träger, bildunterstützte Medien, digitalisierte Datenträger)
Intentionalität:
Literatur ist als solche vom Produzenten gewollt (Wille zur Literarizität)
Rezeptionssituation:
Literatur muß von den Lesern (oder Rezipienten) auch als solche wahrgenommen werden (Erwartungshorizont)
Fiktionalität (Poetizität):
im Unterschied zu Sachtexten sind literarische Texte der Fiktion zugehörig und werden auch als fiktionale Texte wahrgenommen
Relativität des Literaturbegriffs (historisch; kulturspezifisch)
Beispiel des Briefs: früher selbstverständlich eine literarische Gattung, heute in der Regel nicht
Relativität des Literaturbegriffs: Normierungsfragen; was als Literatur "gilt" und was als zu anspruchslos eingeschätzt wird, ist eine Frage der Legitimität von Literatur (hoch, niedrig, unmoralisch usw.). Der sog. Kanon legt fest, was als besonders relevante Literatur in einer Kultur zu einem bestimmten Moment gelten darf.
Einem literarischen Text unterstellt der Leser in seiner Vor-Erwartung einen (möglichen) Sinn (dazu mehr in der Vorlesung II "Was heißt Lesen?").
Paratext wird alles das genannt, was auch zum Buch, aber noch nicht zum eigentlichen fiktionalen Text gehört (Buchrücken, Klappentext, Titel, Autorname, Widmung, Motto, Vorwort etc.).
Erstes Kriterium: Literatur hat etwas mit Sprache zu tun (normalerweise mit einer real existierenden Sprache, Extremfall Dario Fo)
Zweites Kriterium: Schriftlichkeit, und damit die Existenz eines abgeschlossenen und seine objektive Form nicht mehr verändernder TEXT (Sonderfall: mündlich vorgetragener und auf Video festgehaltener TEXT, der auch verschriftet werden kann; Bedingung der Reproduzierbarkeit)
Drittes Kriterium: Unterscheidung von "fiction" und "non-fiction" (Grenzfall: auch Gattungen wie Briefe, Dokumentarische Texte usw. können zu Literatur gehören)
Viertes Kriterium: spezielle sprachliche Strukturiertheit = Dichtung (starke Strukturierung, narrativer Aufbau, Rhetorik, Symbole etc.) - aber: auch nicht-fiktionale Gebrauchstexte können diese Merkmale aufweisen, etwa Tischreden.
Historizität dieser ganzen Definitionsversuche
(Schöne Literatur: Erfindung des 18. Jh., vorher keine strenge Tennung, Literatur war alles Geschriebene; Dichtung auch bei Sachtexten möglich)
Fiktionalität:
Eine Gebrauchsanweisung ist auf eine möglichst große Deckungsgleichheit von Gegenstand (Objekt) und Text ausgerichtet. Wäre die Gebrauchsanweisung fiktional, würde das Objekt in seiner konkreten Beschaffenheit nicht funktionieren. Also: non-fiction zielt auf eine eindimensionale Wahrheit.
Gegenbeispiel: ein surrealistisches Gedicht läßt zunächst keinen Bezug zu irgendeiner vorgegebenen Wahrheit erkennen. Die Referenzqualität der Fiktion ist zumindest nicht unmittelbar.
Poetizität: Roman Jokobson; die besondere poetische Funktion eines Sprachakts liegt darin, daß die Nachricht auf sich selbst verweist, also das Vehikel (nicht allein die Botschaft) an und für sich wichtig wird. Kunst-Sprechen erschöpft sich nicht in der Übermittlung einer Sachbotschaft.
Zitat: "Die Einstellung auf die Nachricht als solche, die Zentrierung auf die Nachricht um ihrer selbst willen, ist die poetische Funktion der Sprache."
Wandel
der Bedeutung von Literatur seit circa 50 Jahren:
Mit der Entwicklung anderer kultureller Medien wie Hörfunk, Fernsehen, Foto, Film und digitalen Medien hat sich die Situation der Literatur in der Gesellschaft verändert. Die Aufgabe, das Archiv einer Kultur zu sein, kommt nun nicht mehr allein der Literatur zu, sondern in gleichem Maße etwa dem Film und Fernsehen. D. h. einige Eigenheiten der Literatur gehen auf diese anderen Medien über - Beispiel narrative Medien wie Spielfilme. Die Beschäftigung mit Literatur führt uns also notgedrungen an den Rand dessen, was Literatur im engeren Sinne ist, und man kann beobachten, dass der Literaturbegriff sehr weit gedehnt wird, dass also Kunstwerke, die unseren weiter oben aufgestellten Kriterien nicht entsprechen, trotzdem als Literatur bezeichnet werden - in einer Art Analogiebildung. Man kann das natürlich tun, muß sich aber stets darüber bewußt sein, was man mit "Literatur" denn eigentlich meint.
a) Begleitend:
Baasner, Rainer: Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft, Berlin 1997, S.11-34.
Eagleton, Terry: Einführung in die Literaturtheorie, Stuttgart 1994, S. 1-18.
b) Weiterführend (für die gesamte Vorlesung):
Arnold,
Heinz Ludwig / Detering, Heinrich (Hrsg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft,
dtv 1996; hier: Kap. I,1 und I,2, S. 25-78.
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„Einführung
in die Literaturwissenschaft der Romania" -
Vorlesung vom
25.05.2001 (Sabrina Scaffidi)
Was
ist Literatur?
Literatur
im allgemeinsten Sinne:
jede
Form der schriftlichen Kommunikation, der schriftlichen Aufzeichnung
Dieser
extensive Literaturbegriff wirft allerdings Probleme auf:
zu
eng, da orale Dichtung ausgeschlossen wird;
deshalb gilt: literarische Texte können sowohl schriftlich als auch mündlich
sein.
zu
weit, denn Literaturgeschichte oder Literaturwissenschaft fassen im allgemeinen
ihren Objektbereich enger (= Dichtung; schöne Literatur).
Über
das Wesen der Literatur ist seit der Antike viel geschrieben worden. Im Laufe
der Jahrhunderte haben sich die unterschiedlichsten Definitionen von Literatur
herauskristallisiert.
Allerdings:
Bisher noch liegt keine allgemeingültige Begriffsbestimmung von Literatur vor.
Grund:
Die Definition von Literatur ist historisch bedingt und abhängig von
soziokulturellen Faktoren. Von Epoche zu Epoche und von Kultur zu Kultur kann
sich das Verständnis von Literatur wandeln.
Definitionsversuche
von Literatur
Fiktionalität
(eines der ältesten Bestimmungsmerkmale von Literatur)
Literarische Texte sind fiktional, insofern es sich um Sprechakte handelt, die
keine unmittelbare lebensweltliche Gültigkeit besitzen. Fiktionale Texte
entwerfen Wirklichkeiten, die nicht der Überprüfbarkeit unterliegen (Schaffung
einer Als-ob-Wirklichkeit)
Die Gegenstände des fiktionalen Textes können dabei fiktiv oder wahr sein.
Problem: Es gibt auch nicht-fiktionale literarische Texte (z.B.
autobiographische Texte, Memoiren, Tagebücher, Reiseberichte, Traktate, Essays,
Predigten, Briefe)
DESHALB GILT: Fiktionalität ist kein hinreichendes Kriterium, um Literatur zu
definieren
Spezifische
Strukturiertheit literarischer Texte
Mit
den Russischen Formalisten und den Prager Strukturalisten wird im 20.Jh. der
Versuch gestartet, jenes Moment zu untersuchen, das den literarischen Text zu
einem literarischen macht.
Russischer
Formalismus:
Poetische Sprache wird als Abweichung von der Normalsprache definiert,
als Verfremdung durch künstlerische Verfahren (Metrik, Rhetorik, Orthographie,
Typographie, usw.). Verfremdung führt zu einer Deautomatisierung: die
Aufmerksamkeit wird dadurch auf die Materialität des Textes gelenkt.
Prager
Strukturalismus:
Roman Jakobson entwickelt dieses Konzept von der Abweichung von der
Normalsprache weiter, indem es in ein Kommunikationsmodell integriert wird:
Literatur zeichnet sich durch Dominanz der poetischen Funktion aus.
Poetische Funktion: „Die Einstellung auf die Nachricht als solche, die
Zentrierung auf die Nachricht um ihrer selbst willen, ist die poetische
Funktion" (Jakobson). Durch Überstrukturierung wird die Aufmerksamkeit auf
die sprachliche Beschaffenheit der Nachricht gelenkt.
Semiotische
Literaturtheorie
Die semiotische Literaturtheorie hat
in bezug auf Literatur das Konzept des Superzeichens entwickelt: Aufgrund der Überstrukturierung
ist ein literarischer Text „semantisch aufgeladen", d.h. Strukturen und
Lexeme eines literarischen Texten können Zusatzbedeutungen haben, die sie in
der Alltagssprache nicht besitzen.
Problem:
Überstrukturierung ist kein eindeutiges Kriterium zur Bestimmung von Literatur
(z.B. nicht alle literarischen Texte sind „überstrukturiert"; auch
nicht-literarische Texte können überstrukturiert sein)
Literarische
Kompetenz des Lesers
Literarizität wird nicht als
Eigenschaft des Textes betrachtet, sondern ist abhängig von der Rezeption (Der
Leser hat bestimmte Erwartungshaltung an literarische Texte und rezipiert
dementsprechend). Dies bedeutet, daß theoretisch jeder individuell darüber
entscheiden könnte, ob er ein Werk als literarisches betrachtet oder nicht.
Allerdings: In Wirklichkeit sind die Urteile eines jeden vom
Literaturbegriff geprägt, der durch Bildungseinrichtungen, Medien, Verlage usw.
vermittelt wird.
FAZIT:
Ganz
allgemein läßt sich deshalb nur sagen: Literatur ist die Gesamtmenge an
Texten, die jede Kultur einer Epoche (das umfaßt Leser, Autoren, Kritiker,
Verleger, usw.) als solche betrachtet. Was von einer Kultur als Literatur
erkannt und behandelt wird, ist dabei stark beeinflußt von z.B.
Bildungseinrichtungen oder Verlagen.
http://www.phil.uni-mannheim.de/R1/EK_Litwiss/was_ist_literatur.htm
http://www.berlinerzimmer.de/nop/nonfiction/lyrik.htm
http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/kraus/
http://www.literaturhaus.at/buch/buch/rez/schrottfragment/
http://www.uv.ruhr-uni-bochum.de/Forschungsbericht/e05/e050718/p06.htm
http://www.complit.fu-berlin.de/archiv/kvv/lv-sose2001/16451.html