Herstellung eines Hör-Features zu „Bernhard Schlink: Der Vorleser“ SII

 

Definition:

Feature [ englisch "Aufmachung", von lateinisch factura "das Machen, die Bearbeitung"]: Bezeichnung für eine Art der Berichterstattung, die die wesentlichen Punkte eines Sachverhalts nur skizziert. Im Zeitungswesen geschieht dies mit den Mitteln der Reportage, allerdings erweitert durch Hintergrundinformationen. Im Hörfunk ist das Feature ein Sendetyp, der unter Ausnutzung der medienspezifischen Möglichkeiten (Reportage, Tonzitat, Kommentar, Dialog, Interview, elektroakustische Effekte) Tagesereignisse oder aktuelle Sachverhalte ohne eine geschlossene Spielhandlung wirkungsvoll aufbereitet. Es kann deshalb vom Hörspiel nicht immer genau abgegrenzt werden. Das Feature bei Film und Fernsehen, das un-dramatische Stoffe, Tatbestände und Sachverhalte gestaltet, hat v. a. dokumentarischen Charakter. Es gewinnt jedoch durch jeweils dem Stoff angepasste Elemente und dramaturgische Mittel an Lebendigkeit und Eindringlichkeit und unterscheidet sich so von der reinen Dokumentation.

[Schüler-DUDEN. Die Literatur. 1989]

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Darstellung zum Thema „Feature“:

http://www.schulen-auf-sendung.de/6_neuemedien/sas/journalismus/radiofeature.html

 

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Marie-Elisabeth Müller: Die Welt im Tonträger (Freitag 6 - 31.1.03)

 

Das Radio-Feature: Jedes Ding kann einen Mund bekommen

 

Mit dem heute legendären Motto »Anything Goes« hat der britische Philosoph John Langshaw Austin ursprünglich die Möglichkeiten unseres Sprachbaukastens gemeint. Im Rahmen bestimmter Satzelemente und Interpretationsregeln, sowie nicht-verbaler Verhaltensmuster sind wir in der Lage, uns verständlich zu machen. Wir können sagen, was der Fall ist, und wir können sagen, was wir gerne hätten, das der Fall sei. Austin, und später sein Kollege John R. Searle, kümmerte sich vor allem um die gebrauchstheoretischen Aspekte der Sprache - vielleicht hatte ihn seine Tätigkeit beim britischen Geheimdienst während des Zweiten Weltkriegs darin bestärkt - und er schuf den Begriff »speech acts«, »Sprechakte«, das heißt soviel wie: durch Sprache handeln.

Ich habe etliche Jahre beim öffentlich-rechtlichen Radio gearbeitet, wo es noch relativ viele Wortsendungen gibt, die auch Sprechakte sind, die via Antenne, Kabel oder Satellit mit vielen tausend Empfängern gleichzeitig kommunizieren. Und auch hier gilt: »Anything goes«. Im Prinzip kann man - gäbe es nicht Hörprognosen, Quotenraster und Wellenformate - jegliches Sound-Element, jeden O-Ton, jede akustische Quelle durch den Äther jagen, um etwas zu beschreiben, was der Fall ist, oder um etwas darzustellen, was der Fall sein soll. Im letzteren Fall handelt es sich ums Hörspiel, im ersteren handelt es sich ums Feature.

Viele Schauspieler machen - trotz der vergleichsweise geringen Honorare - sehr gerne Radio, und viele sind im Laufe der Jahre zu mir ins Studio gekommen, um freudestrahlend zu sagen: »Schön, heute machen wir mal wieder ein Hörspiel Und ich antworte dann immer: »Ja, schön, sehr schön, aber übrigens, was wir hier machen, ist ein Feature Denn, was als Begriff offenbar langsam verblasst, ist ursprünglich die Radioform schlechthin gewesen. Bis heute ist das Feature die journalistische Darstellungsform - mit radiophonen Mitteln. Die BBC-Hörfunkjournalisten, die als erste in Europa seit 1922 regelmäßig auf Sendung waren, haben ihre Radioreportagen als »Features« bezeichnet. Schon im Begriff tritt das Kunstvolle der Sendeform zutage, man könnte es mit »Aus-Gestaltung«, »Charakteristikum« übersetzen. Noch 1969 erklärte der BBC-Mann Douglas Cleverdon: »Feature kann jegliches Sound-Element, jedes akustische Element kombinieren, und zwar in jeglicher Mixtur: Dokumentation, Aktualität, Dramatisierung, Poesie, Musikdrama. Es gibt keine Regel, die bestimmen könnte, was gemacht werden kann und was nicht

In der Form selbst gibt es also keine Regel beim Feature, aber es gibt hier eine grundlegende Bedingung, die mit der Glaubwürdigkeit und der Qualität der journalistischen Arbeit zu tun hat: Im Feature gibt es immer einen Bezug auf die Realität, und - die Quellen müssen stimmen, auch die atmosphärischen und musikalischen Soundelemente. Es gibt, wie immer, Grenzfälle und Mischformen zwischen Feature und Hörspiel, das diesen Glaubwürdigkeitsanspruch nicht hat. Aber im Prinzip sollte im Feature - handele es über eine Weltregion, über einen Dichter oder über den Neuen Markt - zu erkennen sein, was dokumentarisches Material und was Konserve ist.

Das Besondere am Radio im Allgemeinen hat die österreichische Autorin Friederike Mayröcker auf den poetischen Nenner gebracht: »Jedes Ding kann einen Mund bekommen Die Welt wird hörbar gemacht. Aber ein Feature erklingt nicht nur, sondern es will auch erklären, ein Thema soll hörbar werden.

Der Ursprung der Funk- und Radioübertragungen ist konkret und zweckgebunden. Am Anfang stehen Soldatensender, militärische Kommunikationspfade und Propagandainstrumente. Die journalistische Berichterstattung etabliert die BBC erst seit dem 14. November 1922. Im Radio-Feature wird jegliches Audiomaterial kombiniert und montiert, um damit einen Zugriff auf die gesellschafts-politische, soziale und kulturelle Wirklichkeit zu ermöglichen. Das Feature informiert über etwas, was der Fall ist und viele Menschen angehen sollte. Der Schriftsteller Alfred Andersch, der in den fünfziger und sechziger Jahren als Featureredakteur beim Süddeutschen Rundfunk gearbeitet hat, hob am Feature die Form hervor, die immer wieder mit anderen inhaltlichen Themen gefüllt werden kann: »Feature bedeutet niemals den Inhalt einer Sache, sondern ihre Erscheinungsweise. Es bedeutet vielmehr die Herrichtung einer Reportage oder Dichtung, das Making, das In-Form-Bringen. Es ist in der Praxis eine Montage-Kunst par excellence

Heute ist das Feature realistischerweise kein Publikumsmagnet mehr und findet immer weniger Platz in den Mainstream-Medien. In einer Welt, in der Journalisten einen Beitrag, der über eine Minute und dreißig Sekunden dauert, schon »Reportage« nennen, kann das Feature mit seinen stolzen Stundensendungen kaum mehr bestehen. Aus den USA stammt der Begriff »New News«, der Informationen meint, die nicht recherchiert werden, die wie Gerüchte funktionieren und eine Kettenreaktion auslösen, die schnell verpufft und den Weg frei macht für die nächste Datenmenge. Der unsinnige Ehrgeiz, mit jeder Nachricht vor allem der Erste zu sein hat zum Beispiel während des sogenannten »Monicagate« in Washington zu folgender Situation geführt: Eine Fernsehjournalistin steht vorm Weißen Haus und fragt ihren Aufnahmeleiter im Studio, ob sie nicht mal schnell losgehen kann, um ein paar Leute zu befragen. Doch der erwidert, sie müsse vor Ort bleiben und jetzt etwas sagen. Mit anderen Worten, die Journalistin gibt zu, dass sie nicht weiß, wovon sie redet, wird aber vom verantwortlichen Redakteur aufgefordert, genau so weiterzumachen, vor laufenden Kameras.

Die Profitorientierung beschädigt die journalistische Praxis und das Informationsniveau der Gesellschaft. Aus diesem Grund ist das Feature ein Genre, das unverkennbar zum öffentlich-rechtlichen Radio und den ihnen für die Zweitverwertung angeschlossenen Verlagen gehört, solange die Programmgestalter dort noch nicht nur nach der Quote schielen. Nur die nicht allein profitorientierten Auftraggeber finanzieren die Recherchen und Reisen, die für die Autoren der langen Wortsendungen unabdingbar sind - und für die Qualität von Information. Die Features im Radio, nehmen die Hörer mit auf unbekanntes Terrain, in dem vielstimmige Perspektiven und Meinungen hörbar werden. Übrigens träufeln Shakespeares Mörder nicht umsonst in vielen Fällen ihren Opfern Gift ins Ohr.

In Deutschland steht man generell dem Feature etwas kühler gegenüber als etwa in Großbritannien. Von einem der bekanntesten Featureautoren der siebziger und achtziger Jahre - Peter Leonhard Braun beim SFB in Berlin - stammt das Zitat, das Feature sei der »Zigeuner des Radios«. Ich glaube, auf solche Sprechakte kann das »Feature« gut verzichten. Ist es doch Garant für tolerante Vielstimmigkeit im Radio.

 

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Gattungen:

Problem-/Themen-Feature - Werk-Feature - Autoren-Feature - Ereignis-Feature - Text-Feature - Epochen-Feature

 

Beispiel:

Feature zu „Bert Brecht: Mutter Courage, 1941“ (WDR-Zeitzeichen 19.4.2001)

 

Beobachtung der darin vorkommenden Textsorten: Moderationstext eines Berichterstatters (auktorial) - Rezitation eines literarischen Textes oder Textausschnitts - Textzitate - mediales Beispiel - Kritik - literaturtheoretischer Text - Rezension (Ausschnitt) - biografische Dar­stellung - historische Hintergrundinformation  - Zahlen - Datenreport - Ereignisbericht - Kommentare - O-Ton: Stimme des Autors, Stimmen von Zeitgenossen - Kommentare von Theaterbesuchern - ...

 

Beobachtung zur Struktur und Funktion der Teile: inhaltlichen Gliederung - Themenführung - Einstieg und Ausklang - Dramaturgie und Spannungsbogen - Sprecher- und Akustikwechsel - Leistungen des Mode­rators - Einsatz von O-Ton - ...

 

 

Produktion eines eigenen Features in arbeitsgleicher Gruppenarbeit

 

Produktionsziel:

eine Mischung aus verschiedenen Textsorten/Hörbeiträgen als Feature zur Vorstellung des Bestsellers: Bernhard Schlink, Der Vorleser

 

simulierte Adressatengruppe: Information für Gleichaltrige - Produkt: eine Audiokassette, 15 Minuten

 

Arbeitsformen:

Gruppenarbeit: 5 Gruppen mit je 5 Teilnehmern

Zeitrahmen: Arbeitszeit 20. - 29. Juni 2... = 3 Doppelstunden + 2 Einzelstunden +  Hausaufgaben in Eigenregie + eine Präsentationsdoppelstunde am 4. Juli

Arbeitsweise:

Situationen des Planens, Lesens, Besprechens, Schreibens, der Rollenverteilung, der Sprechproben und der technischen Aufnahme sowohl in der Schule (incl. Bibliothek) als auch zu Hause (unter selbstständiger Verabredung) - Nutzung der Arbeitsblätter, Tonkassette und meiner CD-ROM.

Nutzung der eigenen Lektüre, des Internets für Hintergrundinformationen (s. Link-Vorschläge), der Bibliothek, eigener Kassetten-Recorder (bei Produktion zu Hause) oder ein schulisches Gerät

selbstständige Aufgabenverteilung sowie Festlegung von Hausaufgaben und Treff-Terminen - beachtet die langen Zwischenräume zwi­schen Terminen sowie die ganztägige Zeugniskonferenz am ...!!!

Sicherung der weiteren Arbeit auch für den Fall, dass einzelne Gruppenmitglieder fehlen!!!

Führung eines Arbeitsjournals jeweils von einem Gruppenmitglied reihum:

 

Arbeitsjournal

- Gruppenmitglieder:                                                        

- Gruppensprecher/in:                                   technische Produktion:

Datum /

Journal-führer/in

Arbeitsschritte/-verteilung / Aufgaben / Tätigkeiten / Inhalte

Verantwortlich

Materialien / Besorgungen

Hausaufgaben

Verteilung

Kommentar zu Fortschritt und Störungen

Mi, 20.6.

Name:

 

Einführung ins Feature: B. Brecht / Gruppenorganisation / Planungsgespräche in den Gruppen: Ideen zur Themenführung und zu Textsorten

Fachlehrer

 

Gruppensprecher

(nach Wahl)

- Kassette  zu

Brecht, Courage  / O-Ton-Kassetten zu Schlink

 

 

Do, 21.6.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

für 22. und 27.6.

Verabredung treffen!!

 

Fr, 22.6.

 

Fachlehrer abwesend!

 

 

 

 

 

 

für 27.6.

Verabredung treffen!!

 

Mi, 27.6.

Zeugnis-konferenz

 

selbstständige Arbeit außerhalb der Schule

 

 

 

 

 

 

 

 

Do, 28.6.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fr, 29.6.

 

 

 

 

 

 

 

Mi, 4.7.

 

Präsentationen

 

mit Frühstück

 

 

Abschlussbewertung

 

ggf. Endprodukt: Fertigstellung eines Zusammenschnitts aus den verschiedenen Gruppenergebnissen im Tonstudio / mit Cutter-Programm am PC o.ä.

 

Kriterien für die Bewertung der Features:

Informationsgehalt - gedanklicher Aufbau - Textsortenwechsel - mediale Gestaltung (Einbau von O-Ton , technische Produktion, ...) - Unterhaltungswert

 

 

© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de