PISA hat es zutage gefördert:
Deutsche Schülerinnen und Schüler haben Schwierigkeiten damit, Sachtexte zu
verstehen. Das ist eine Herausforderung für den Deutschunterricht – und
zugleich eine Chance.
Schon immer sind im Deutschunterricht auch nicht-fiktionale Texte
behandelt worden: Schillers Schaubühne als moralische Anstalt zum
Beispiel gehört ebenso zum Standardprogramm wie politische Reden; und was die
Analyse der gedanklichen Struktur oder der sprachlichen Mittel angeht, blieb
schon bisher an Gründlichkeit nichts zu wünschen übrig. Trotzdem die schlechten
Ergebnisse. Was muss sich dann aber überhaupt ändern?
Geändert haben sich auf jeden Fall die Sachtexte, und zwar nicht nur hinsichtlich der Inhalte, sondern auch hinsichtlich ihrer äußeren Erscheinungsform. Darauf muss der Deutschunterricht reagieren. Das bedeutet zunächst neue Anforderungen, enthält aber zugleich die Chance, neue Zugriffsweisen zu entwickeln, die die alten – die „klassische“ Analyse – nicht ersetzen, wohl aber sinnvoll ergänzen können.
Textdesign - Textbild und Textinhalt
Die neuere
Textverständlichkeitsforschung – v.a. durch Christoph
Sauer vertreten – trägt der Tatsache Rechnung,
dass Elemente der äußeren Gestaltung bei Sachtexten heute zunehmend an
Bedeutung gewinnen, und unterscheidet daher zwischen Textbild und Textinhalt.
Ein Blick in Zeitschriften und Zeitungen zeigt besonders deutlich, was mit der
„äußeren Gestaltung“ unter anderem gemeint ist: Da fällt vor allem ins Auge,
dass ein komplexes Thema häufig nicht mehr in einem zusammenhängenden komplexen
Text behandelt wird; vielmehr wird der „Langtext“ aufgelöst in einen
„Cluster-Text“: „Segmentieren und Komponieren“ nennt das der Zeitungswissenschaftler
Hans-Jürgen Bucher. Dabei können mehrere kürzere Texte entstehen, die alle zum
Gesamtthema gehören, aber jeweils ihren besonderen Schwerpunkt haben. Darüber
hinaus werden einzelne Bausteine ausgegliedert und in einer Form aufbereitet,
die dem Inhalt angemessen ist bzw. diesen möglichst optimal „transportiert“;
z.B.:
·
Meinungen in Form
von Kurzinterviews,
als Pro- und Kontra-Statements
oder als – bisweilen durch Kästchen
hervorgehobene – Zitate,
· historische Daten als Chronik in Stichworten,
·
statistische Angaben in Form von Diagrammen,
·
Begriffserklärungen in Form eines Glossars;
·
andere Elemente in Form von Tabellen;
· Hintergrundinformationen in jeweils geeigneter Form;
· Bilder und Grafiken runden das Ganze ab.
Bucher hat für diese Art der Textgestaltung den Begriff Textdesign geprägt. Dieses Gestaltungskonzept hat sich mittlerweile in vielen Tageszeitungen durchgesetzt, nachdem es in Zeitschriften schon seit längerem angewandt worden ist und auch in Sachbüchern seinen Platz gefunden hat. Die PISA-Studie spricht von nicht-kontinuierlichen oder diskontinuierlichen Texten – im Unterschied zu den kontinuierlichen, die nur aus „verbalem“ Text (einem Text“kontinuum“) bestehen. Gemeint ist letztlich dasselbe: die Anwendung unterschiedlichster Gestaltungsmittel zur adäquaten und optimalen Darstellung der verschiedenen Facetten eines Themas, die auf einer Zeitungsseite – mit Bucher zu reden – „komponiert“ werden.
Es sind also viele
Einzelleistungen, die im Umgang mit einem nicht-kontinuierlichen Text zu
erbringen sind. Die anspruchsvollste – weil komplexeste – besteht
sicher darin, einen strukturierten
Zusammenhang herzustellen. Hier kann man allerdings Kenntnisse
der Schülerinnen und Schüler nutzen, in denen sie uns sogar meistens einiges voraus haben: nämlich die Kenntnis der Links in
Computer-Programmen.
Die Aufgabe besteht im
Wesentlichen aus drei Schritten:
▪ Thema und Inhalt
eines nicht-kontinuierlichen Textes klären; dazu sind die einzelnen Segmente
oder Module zu erschließen: die wesentliche Aussage des verbalen Textes und
der grafischen Elemente (Tabellen, Statistiken, Erklärgrafiken usw.);
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Das Schaubild mag das Gesagte veranschaulichen.
Schülerinnen und Schüler müssen, wie gesagt, nicht-kontinuierliche Texte lesen lernen. Das Konzept einer solchen Textgestaltung eignet sich aber auch hervorragend dazu, einen „kontinuierlichen“ Sachtext zu erschließen – und zwar dadurch, dass man ihn in einen nicht-kontinuierlichen umarbeitet. Das oben dargestellte Verfahren wird dabei umgekehrt angewendet.
Schiller im Textdesign?
Warum sollte man nicht einmal die Frage aufwerfen, wie ein professioneller Textgestalter heute den Schiller-Aufsatz über Die Schaubühne als moralische Anstalt gestalten würde? Allgemein gefragt: Warum sollte man nicht einmal versuchen, Gestaltungsformen des „Textdesign“ auch auf die Klassiker des Sachtextes anzuwenden? Was dem einen oder anderen zunächst als Spielerei erscheinen mag, ist in Wirklichkeit sehr anspruchsvoll: Sinnvoll angewendet, wird die Umgestaltung zu einem Mittel der Textanalyse. Denn die Schülerinnen und Schüler müssen einen Text sehr genau untersuchen, um ihn richtig umgestalten zu können. Und „richtig“ heißt:
· ohne Verlust an Informationen und vor allem
· so, dass die verschiedenen Formen der Darstellung jeweils zum Inhalt passen, ihn, wie oben gesagt, möglichst optimal „transportieren“.
Konkret: Die Schülerinnen und Schüler müssen sich fragen:
· Worin besteht der zentrale Informationsgehalt eines Textes?
®Dieser kann dann z.B. als kompakter Textblock („Kerntext“) in die Mitte gesetzt werden.
· Wo werden Meinungen geäußert?
® Diese kann man etwa als kurze Statements hervorheben und gesondert platzieren oder auch in Kurzinterviews umwandeln.
· Welche Passagen eignen sich, um sie in Form einer Tabelle, eines Diagramms oder einer Erklärgrafik aufzubereiten?
· Welche Begriffe sind (im Laufe der Zeit) unklar (geworden) oder haben sich in ihrer Bedeutung gewandelt?
® Diese kann man in Form eines Glossars erläutern.
Natürlich kann man ein Konzept wie das Textdesign nicht auf alle kontinuierlichen Texte anwenden. Sinnvoll ist dies nur, wenn der Text aspektreich ist. Und wenn vor allem der Gedankengang herausgearbeitet werden soll, sollte man, wenn man ihn visualisieren lassen will, statt des Textdesigns ein Strukturdiagramm wählen. Für viele „kontinuierliche Texte“ ist aber der Versuch einer Segmentierung im Sinne eines nicht-kontinuierlichen Textes lohnend: Er ist motivierend und, das sei noch einmal betont, schließt Analyse nicht aus, sondern fordert sie sogar als eine unabdingbare, implizit zu leistende Vorarbeit. (Das Konzept des Textdesign als Analyseinstrument für Sachtexte ist übrigens erstmals in dem Band Abrakadabra der Fachsprache – Reihe Kursthemen Deutsch – vorgestellt worden.)
Nicht nur „Cluster-Texte“
Die äußere Gestaltung eines Textes – eben das Textbild – muss nicht immer gleich so aufwendig sein, wie das beim Textdesign der Fall ist. Es gibt „bescheidenere“ Formen, die aber nichtsdestoweniger sinnvoll sind und daher zunehmend eingesetzt werden. Außer den längst vertrauten - wie Hervorhebungen durch Fett- und Kursivdruck oder Zwischenüberschriften - wären hier zu nennen:
· sog. Kolumnentitel, d.h. eine Art „Seitenüberschriften“, die darüber orientieren, in welchem Kapitel – und damit: in welchem gedanklichen Zusammenhang – die Leserin oder der Leser sich gerade befindet;
· Marginalien, eine Art „Schlüsselwörter am Rand“, die einen schnellen und gezielten Zugriff auf bestimmte Passagen im Fließtext ermöglichen;
· Hervorhebungen durch Rahmen,
· Farbleitsysteme, bei denen die Farben jeweils einen bestimmten Inhaltsbereich kenntlich machen, usw.
Der hier abgebildete Auszug aus einem Reiseführer zeigt einige dieser Gestaltungselemente, mit denen z.T. auch das Deutschbuch und die ergänzenden Materialien arbeiten. Dort finden sich z.B. Kolumnentitel und ein Farbleitsystem, bei dem den verschiedenen Lernbereichen des Faches jeweils eine Farbe zugeordnet ist.
Schülerinnen und Schüler kennen solche Elemente der äußeren Gestaltung, weil sie ihnen überall begegnen – aber das bedeutet noch nicht, dass sie sie auch bewusst wahrnehmen und sinnvoll nutzen. Hier muss der Deutschunterricht ansetzen mit Fragen wie: Was „bringen“ Marginalien? Was „bringen“ Kolumnentitel?
Der nächste Schritt ist dann auch in diesem Fall wieder die Anwendung solcher Gestaltungselemente auf Texte, die sie nicht aufweisen. Und hier bewegen wir uns als Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer auf vertrautem Terrain. Schließlich haben wir im Unterricht schon immer die Aufträge erteilt, Schlüsselwörter zu markieren und Randnotizen zu machen. Schülerinnen und Schüler kennen also diese Arbeitsmittel. Hat man aber einer Klasse auch gezeigt, dass diese Techniken der Gestaltung in Druckerzeugnissen „im wirklichen Leben“ tatsächlich vorkommen, und ist den Schülerinnen und Schülern klar geworden, warum sie von Profis der Textgestaltung angewendet werden, kann man für die bekannten Aufträge eine neue Motivation gewinnen. Die vertraute Übung bekommt einen neuen Charakter: Sie wird – über die Bearbeitung des konkreten Textes hinaus – zur Einübung in „professionelle“ Formen der Textgestaltung. Auf der Ebene der Lehr- und Lernziele ausgedrückt: Es geht nun auch um die Vermittlung von Kompetenzen, die zur Teilnahme an der „öffentlichen Textproduktion“ befähigen. Ein „Lernarrangement“ könnte also folgendermaßen aussehen: „Stellt euch vor, ihr seid Layouter und bekommt den Text yx auf den Tisch mit dem Auftrag, ihn für eine Veröffentlichung ,aufzubereiten’...“
Natürlich ist die „klassische“ Sachtextanalyse damit keineswegs obsolet; die althergebrachten und bewährten Zugriffsweisen werden wichtig bleiben – angefangen von Lesestrategien bis hin zu den verschiedensten Formen der Analyse der Makro- wie der Mikrostruktur. Ihre Beherrschung ist ja übrigens auch für den Umgang mit nicht-kontinuierlichen Texten wichtig – nämlich für die Analyse der Textteile im herkömmlichen Sinn.