Produktive Textrezeption: Szenenanspiel und Freezing - Standbild

 

Beispiel: Erste Begegnung Faust und Gretchen - in Goethe: Faust I

 

s.: Unterrichtsmethoden: szenisches Interpretieren

 


Goethe - Faust I

 (Hexenküche...)

    MEPHISTOPHELES zu Faust.

    Komm nur geschwind und laß dich führen;

    Du mußt notwendig transpirieren,

    Damit die Kraft durch Inn- und Äußres dringt.

    Den edlen Müßiggang lehr' ich hernach dich schätzen,

    Und bald empfindest du mit innigem Ergetzen,

    Wie sich Cupido regt und hin und wider springt.

FAUST.

    Laß mich nur schnell noch in den Spiegel schauen!

    Das Frauenbild war gar zu schön!

MEPHISTOPHELES.

    Nein! Nein! Du sollst das Muster aller Frauen

    Nun bald leibhaftig vor dir sehn.

    Leise. Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,

    Bald Helenen in jedem Weibe.

 

Straße (V. 2605 ff.)

Faust. Margarete vorübergehend.

 

FAUST. Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,

    Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

MARGARETE. Bin weder Fräulein, weder schön,

    Kann ungeleitet nach Hause gehn.

Sie macht sich los und ab.

FAUST. Beim Himmel, dieses Kind ist schön!

    So etwas hab' ich nie gesehn.

    Sie ist so sitt- und tugendreich,

    Und etwas schnippisch doch zugleich.

    Der Lippe Rot, der Wange Licht,

    Die Tage der Welt vergess' ich's nicht!

    Wie sie die Augen niederschlägt,

    Hat tief sich in mein Herz geprägt;

    Wie sie kurz angebunden war,

    Das ist nun zum Entzücken gar!

Mephistopheles tritt auf.

FAUST. Hör, du mußt mir die Dirne schaffen!

MEPHISTOPHELES. Nun, welche?

FAUST. Sie ging just vorbei.

MEPHISTOPHELES.

    Da die? Sie kam von ihrem Pfaffen,

    Der sprach sie aller Sünden frei;

    Ich schlich mich hart am Stuhl vorbei.

    Es ist ein gar unschuldig Ding,

    Das eben für nichts zur Beichte ging;

    Über die hab' ich keine Gewalt!

FAUST. Ist über vierzehn Jahr doch alt.

MEPHISTOPHELES.

    Du sprichst ja wie Hans Liederlich,

    Der begehrt jede liebe Blum' für sich,

    Und dünkelt ihm, es wär' kein' Ehr'

    Und Gunst, die nicht zu pflücken wär';

    Geht aber doch nicht immer an.

FAUST. Mein Herr Magister Lobesan,

    Lass' Er mich mit dem Gesetz in Frieden!

    Und das sag' ich Ihm kurz und gut:

    Wenn nicht das süße junge Blut

    Heut nacht in meinen Armen ruht,

    So sind wir um Mitternacht geschieden.

MEPHISTOPHELES.

    Bedenkt, was gehn und stehen mag!

    Ich brauche wenigstens vierzehn Tag',

    Nur die Gelegenheit auszuspüren.

FAUST. Hätt' ich nur sieben Stunden Ruh',

    Brauchte den Teufel nicht dazu,

    So ein Geschöpfchen zu verführen.

MEPHISTOPHELES.

    Ihr sprecht schon fast wie ein Franzos;

    Doch bitt' ich, laßt's Euch nicht verdrießen:

    Was hilft's, nur grade zu genießen?

    Die Freud' ist lange nicht so groß,

    Als wenn Ihr erst herauf, herum,

    Durch allerlei Brimborium,

    Das Püppchen geknetet und zugericht't,

    Wie's lehret manche welsche Geschicht'.

FAUST. Hab' Appetit auch ohne das.

MEPHISTOPHELES.

    Jetzt ohne Schimpf und ohne Spaß.

    Ich sag' Euch: mit dem schönen Kind

    Geht's ein- für allemal nicht geschwind.

    Mit Sturm ist da nichts einzunehmen;

    Wir müssen uns zur List bequemen.

FAUST. Schaff mir etwas vom Engelsschatz!

    Führ mich an ihren Ruheplatz!

    Schaff mir ein Halstuch von ihrer Brust,

    Ein Strumpfband meiner Liebeslust!

MEPHISTOPHELES.

    Damit Ihr seht, daß ich Eurer Pein

    Will förderlich und dienstlich sein,

    Wollen wir keinen Augenblick verlieren,

    Will Euch noch heut in ihr Zimmer führen.

FAUST. Und soll sie sehn? sie haben?

MEPHISTOPHELES. Nein!

    Sie wird bei einer Nachbarin sein.

...


Szenenanspiel - Freezing - Standbild

        Bilden Sie für den gewählten Textausschnitt verschiedene Gruppen von Schauspielern in der Anzahl der für die Szene benötigten Rollen; bestimmen Sie zusätzlich jeweils einen Re­gisseur.

        Bereiten Sie Ihre Interpretation des Ausschnitts vor: Wie wollen Sie spielen? - Proben Sie das Spiel.

        Spielen Sie die eingerahmte Szene (z.B. mit dem Text in der Hand ). - Zuschauer machen sich ggf. Notizen.

        Auf ein Zeichen eines ausgewählten Zuschauers frieren Sie eine Stelle aus Z. 17-19 für 10 Sekunden ein; es ergibt sich ein „Standbild“.

        Setzen Sie auf ein zweites Zeichen das Spiel fort.

        Die Zuschauer erörtern die beobachtete Interpretation der Szene - mit Blick auf den Text.

        Bringen Sie selbst Textargumente vor, warum Sie Ihre Mimik/Gestik/Raumbewegung in der dargestellten Form gewählt haben.

        Bauen Sie das Standbild ggf. mit Hilfe des Regisseurs neu auf.

        Vergleichen Sie die verschiedenen Versionen der einzelnen Gruppen; mit Blick auf den Text.

        Vergleichen Sie Ihre Spielversion mit den Grafiken / Videoausschnitten / Fotos:

 

A) Peter Cornelius 1816

 

B) Alexander Zick, 1887

 

 

 

C) Aus: Liebig's Sammelbilder - Serie 1017 Bild 4 - 1932:

Faust  1.Teil 

 

Faust und Margarete.

Rückseite - Erklärung: Margarete ist ein Kind des kleinen Bürgerstandes, treu und liebevoll in der Erfüllung ihrer kleinen häuslichen Pflichten, aber doch zugleich mit sehnendem Verlangen hinausstrebend aus dem engen Kreise, in den die beschränkte Erziehung ihrer Mutter sie hineingebannt hat. Schüchtern und schnippisch zugleich lehnt sie den ersten Annäherungsversuch Faust's ab. Dieser veranlasst Mephisto, kostbare Schmuckstücke in Gretchens Schrank zu legen, um ihren tugendhaften Sinn zu beeinflussen. Durch die Vermittlung der Nachbarin Marthe vereinbart Mephisto dann ein Zusammentreffen in deren Garten, wo Faust und Margarete sich gegenseitig ihre Liebe bekennen. Vorübergehend gewinnt das bessere Ich Faust's wieder Macht über den Zaubertrank der Hexe, und er entflieht in die Einsamkeit; aber Mephisto versteht es, die Liebenden zu ihrem trügerischen Glück zu vereinen, das bald furchtbare Opfer fordert.

Damit Faust unbemerkt zu ihr kommen könne, gibt Margarete ihrer Mutter, auf Rat ihres Freundes, ein Schlafmittel und verursacht hiedurch unfreiwillig den Tod ihrer Mutter. Die Beziehungen zwischen Faust und Margarete werden bald das Tagesgespräch der Nachbarinnen. Unterdessen kehrt Valentin, der Bruder Gretchens, aus dem Kriege zurück.

[Format: 110 x 70, Länderausgaben: italienisch; italienisch (Schweiz); belgisch; flämisch; deutsch © 2002 The Yorck Project GmbH]

 

 

D) Gründgens 1957

 

E) Dorn 1987

 

F) Inszenierung Peter Stein 2000

 

© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de