Vernetzen lernen – kontextualisieren – Bezüge herstellen
im
Fach Deutsch der gymnasialen Oberstufe
eine neuere, kompakte Version mit Arbeitsblättern für den Unterricht
als Beitrag in der Zschr. Deutschunterricht (Braunschweig: Westermann) H. 1/2008, S. 16-20:
Vernetzen - Metakognition im Oberstufenunterricht.
hier
als pdf-Datei mit Materialien in druckbarer Größe: ![]()
Methoden für "vernetzendes Lernen"
Ganz zentral zur Vorbereitung auf das Zentralabitur ist es, dass die
Schülerinnen und Schüler außer dem Analysieren, Interpretieren und
Argumentieren auch das Vernetzen, das explizite Herstellen von
Zusammenhängen beherrschen: Zusammenhänge zwischen Texten, literarischem
und literaturtheoretischem Wissen, sprachlichem und sprachtheoretischem Wissen,
historischem Wissen, Methoden, Fachbegriffen, Themen und Problemen... Und dazu
müssen über die Jahre hinweg eigens unterrichtliche Situationen und Lernzeiträume
angesetzt werden!
Empirische Studien der letzten Jahre (s. u. TIMMS u.a.) fordern ein verstärktes kumulatives und vernetzendes Lernen, ein Arbeiten im Unterricht, bei dem "Altes mit Neuem, Vertrautes mit Fremdem, Konkretes mit Abstraktem, Beispielhaftes mit Gesetzmäßigem verknüpft wird. Vernetzendes Lernen kann z.B. über die geschickte Aktivierung des Vorwissens, über intelligente Formen des Übens, neue Bausteine für themenzentrierten Unterricht oder jahrgangsgemischtes Lernen gefördert werden." (Cornelsen Förderpreis Zukunft Schule 2007, www.cornelsen.de/sites/zukunft_schule/)
Sachlogik des Vernetzens
|
aus: FACETTEN. Arbeitsbuch Deutsch für die Oberstufe. Klett 2002. S. 193: ein Projekt zu Brechts "Leben des Galilei" |
Horizontale Vernetzung Traditionell wird unter vernetzendem Lernen vorrangig ein fachübergreifendes Lernen verstanden, bei dem ein Unterrichtsgegenstand im Fach Deutsch den Ausgangspunkt darstellt, um die Fachgrenze zu überschreiten und Beiträge in anderen Fächern zu suchen, mit deren Hilfe ein Problem geklärt, ein Sachverhalt vielseitig verstanden und ein Thema angereichert werden kann. Dabei wird die Beschränktheit der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen erkannt und die Notwendigkeit einer interdisziplinären Zusammenarbeit erlebt. In einer Form der horizontalen Vernetzung zwischen den Fächern erfolgt so vernetzendes Lernen. Zum Beispiel trägt zum Verständnis von Brechts "Leben des Galilei" über die im Fach Deutsch angelegte Arbeit an einem literarischen Kunstwerk hinausgehend bei: die Philosophie eine Aufarbeitung des neuen "forschenden Blicks" und der Rolle der Empirie, die Geschichtswissenschaft das Verständnis der epochalen Hintergründe im Umbruch zwischen Mittelalter und Renaissance, die Naturwissenschaft die Neuerungen in den Vorstellungen vom Kosmos, die Mathematik die Möglichkeiten einer Mathematisierung physikalischer Erscheinungen, die Theologie den Blick auf Scholastik, Inquisition und Dogmatismus, die Kunstwissenschaft etwa den grundlegenden Wandel zur Perspektive in der Renaissance-Kunst etc. Und die Integration der Aspekte erfolgt in einem metatheoretischen Diskurs über die Teilleistungen der Fächer für das Verständnis des Ganzen, das oft in einem arbeitsteiligen Projekt erarbeitet wird. |
Vernetzendes Lernen im Fach Deutsch wird traditionell auch horizontal betrieben bei einem literatursoziologischen Ansatz, unter dem die historisch-politisch-ökonomischen Bedingungen der Epoche herangezogen werden, in denen ein literarisches Werk entstand: wenn etwa die Bedingungen der Vormärzepoche für Heines "Deutschland. Ein Wintermärchen" als relevant verstanden werden; s. handout/Folienbeispiel für eine Vernetzung als "Überblickswissen". -
Horizontal zu vernetzen sind auch Verbindungen zwischen der Mentalität einer Epoche, der Nutzung literarischer und ästhetischer Gestaltungsformen, dem Sprachbewusstsein in dieser Epoche und den politisch-ökonomischen Bedingungen. Dies wird besonders an den Epochenumbrüchen augenfällig, in denen die horizontale Vernetzung mit der vertikalen zusammenkommt.
Ein
herausragendes Beispiel für den fachübergreifenden Zusammenhang von epochalem
Ereignis und Epochenumbruch stellt das Erdbeben
von Lissabon 1755 dar: mit seinen Auswirkungen auf
naturwissenschaftliche (Seismologie, Architektur, Städteplanung), ideengeschichtliche (Aufklärung /
Theodizee; Kant, Lessing, Rousseau, Leibniz, Pope, Bonnet, von Haller) und literarische
(Christian Gottlieb Lieberkühn,
Voltaire, Kleist, Goethe)
Entwicklungen, aber auch mit der entsprechenden Mythenbildung für ein angeblich
singuläres Ereignis. -
s. http://www.katastrophendiskurs.de/
- http://www.nzz.ch/2005/10/29/li/articleD9QVF.html
- http://de.wikipedia.org/wiki/Erdbeben_von_Lissabon
Vertikale Vernetzung
Wird z.B. die Wirkungsgeschichte eines literarischen Werkes einbezogen, so gelangt man zum vertikalen Vernetzen, wenn etwa die Rezeption von Schillers "Die Räuber" unter den Bedingungen im Weimar des 18. Jahrhunderts verglichen wird mit der im 19. Jahrhundert, während der Nazizeit und in der Gegenwart. Der literaturgeschichtliche Aspekt, auch in der Begrenzung auf "Epochenumbrüche", lässt vertikal vernetzen: z.B. die Entwicklung des realistischen Schreibens von der Vormärzliteratur über den poetischen Realismus, den Naturalismus, die Neue Sachlichkeit hin zu... Ein literarischer Längsschnitt wie "Liebeslyrik in verschiedenen Epochen" kommt ohne Vernetzungen nicht aus. Vertikale Vernetzung lässt sich durchführen mit
- ideengeschichtlichem Zugriff: die Entwicklung der Toleranzidee in verschiedenen Epochen und Texten
- gattungsgeschichtlichem Zugriff: die Entwicklung dramatischer Formen
- motivgeschichtlichem Zugriff: die "schöne hohe Frau", das Fenstermotiv etc.
- sprachgeschichtlichem Zugriff: der Begriff "Ehre" in der Literatur des Mittelalters, des 19. Jahrhunderts, der Gegenwart
- medienhistorischem Zugriff: von der höfischen zur bürgerlichen Bühne zum Straßentheater; vom Buch zum Hörspiel zum Film zum Internet.
Intertextuelles Erarbeiten von Zusammenhängen zwischen verschiedenen literarischen Werken - auch der Weltliteratur - oder Motiven ist eine im Deutschunterricht vielfach praktizierte Form der Vernetzung, die das horizontale und das vertikale Vernetzen mischt: der Prometheus-Mythos in Literatur aus Antike, Klassik und Gegenwart; oder: Wissenschaftlerdramen zum Motiv der Verantwortung der Wissenschaften wie "Leben des Galilei" (Brecht 1939/43, 1947, 1957), "Die Physiker" (Dürrenmatt 1962), "In der Sache Oppenheimer" (Kipphardt 1963, 1977) und "Der Sarkophag" (Wladimir Gubarew 1987) etc.
Diese Vernetzungen sind von der Sache, vom Unterrichtsgegenstand, von der fachlichen Seite her gedacht.
Didaktische Vernetzung: Vernetzen als Methode und Lernstrategie
Abiturhintergrund zum Thema "vernetzendes Lernen"
Mit den Anforderungen durch das Zentralabitur in NRW und hier insbesondere mit der zweiten, weiterführenden Aufgabenstellung kommt auf den Deutschunterricht zu: Über die Kurshalbjahre hinweg müssen verschiedene Lerninhalte miteinander verknüpft und aufeinander bezogen werden; kumulatives und vernetzendes Lernen sind zu kombinieren. Dies zeigt sich z.B. an Aufgabenstellungen wie den folgenden in den Abiturvorgaben:
Aufgabenbeispiele
2006 - Aufgabenstellung GK
(http://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/abitur-gost/getfile.php?file=564):
1.
Analysieren Sie den Text von Benno von Wiese, Gedanken zum Drama als Gespräch
und Handlung.
2.
Prüfen Sie die Ergebnisse Ihrer Analyse am Beispiel der Szene I,1 des Dramas
„Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller.
Probeklausuren 2006 - Aufgabenstellung GK 12 (NRW)
1.
Analysieren Sie das Gedicht 'Hiroshima' von Marie Luise Kaschnitz.
2.
Ordnen Sie anschließend das Gedicht – vor dem Hintergrund Ihnen aus dem
Unterricht bekannter Beispiele – in den Frage- und Problemhorizont der Lyrik
nach 1945 ein und setzen Sie sich dabei mit dem dichterischen Selbstverständnis
der Autoren dieser Zeit auseinander.
Dazu
die Bewertungskriterien: »Der Prüfling
▪
stellt das Gedicht vor dem Hintergrund
der Nachkriegslyrik (1945-1960) dar und stellt es als ein Beispiel für
eine lyrisch komprimierte, kritische Zeitaufnahme heraus. Ausgehend vom 1. Teil
benennt und erläutert er Möglichkeiten der Kontextuierung
und des Vergleichs anhand ihm
bekannter Gedicht-, Autoren- oder Themenbeispiele entsprechend der jeweiligen
kursspezifischen Umsetzung der obligatorischen Vorgabe 'Lyrik 1945-1960'. (Mögliche
Bezüge: frühe Nachkriegslyrik, hermetische Lyrik,
gesellschaftskritische/politische Lyrik, Naturlyrik, Eich, Bachmann, Brecht,
Benn, Huchel, Krolow, Kaschnitz, Enzensberger, Domin ...)
▪
setzt das Kaschnitz-Gedicht in Beziehung
zu der von der Nachkriegslyrik reflektierten Zeit-/ Wirklichkeitserfahrung und
verweist dabei je nach Vorkenntnis z.B. auf die zentralen Themen der 'bedrohten
Welt'; 'gefährdeten Humanität'; 'Suche nach Orientierung'; Vergangenheitsbewältigung;
'Technik und Moderne', 'Nähe und Distanz': Liebe - gebrochene Liebe, Mensch und
Natur, 'Angst vor Verlust der lyrischen Sprache' versus 'Ringen um eine neue
Sprache' ...
▪
begründet näher den Stellenwert eines oder mehrerer dieser (unter 2 )
genannten Themen für das dichterische Selbstverständnis der Zeit und bewertet
in diesem Zusammenhang das 4 (III) Kaschnitz-Gedicht.
▪ setzt sich mit dem Bemühen der Autoren/Autorinnen auseinander, poetische (lyrische) Antworten auf die zeitgeschichtlichen und/oder existentiellen Grundfragen zu finden und dabei Verantwortung für die Bewahrung von Humanität zu tragen.«
Probeklausuren
2006 - Aufgabenstellung LK 12: Materialgrundlage: Aus einem Brief
Theodor Fontanes an Georg Friedländer 12. April 1894
1.
Benennen Sie den Argumentationsansatz und stellen Sie die Argumentationsstruktur
und die rhetorisch/stilistische Gestaltung des Briefes an Georg Friedländer
dar.
2.
Untersuchen Sie, inwieweit Fontane die im Brief geäußerten Ansichten in seinem
Roman 'Irrungen, Wirrungen' literarisch umgesetzt hat. Beurteilen Sie abschließend
die Bedeutung dieser literarischen Gestaltung für das Verständnis des
gesellschaftlichen Wandels
Die Schülerinnen und Schüler benötigen explizite Unterrichtsabläufe, ja Stunden zur Herstellung dieser Vernetzung zwischen den Elementen ihrer Lernlaufbahn: Verknüpfungen generell
|
inhaltlich zwischen
|
methodenorientiert zwischen den Texte sowie den auf sie anwendbaren Methoden
textimmanente
Methoden wie: ·
Struktur-, Kompositionsanalyse ·
Kommunikations- und
Argumentationsanalyse ·
Stilanalyse ·
semantische Analyse Methoden
zu textexternen Aspekten wie: ·
biografische Verfahren ·
literatursoziologische Verfahren ·
geistesgeschichtliche Verfahren ·
literaturkritische Verfahren ·
gestaltende Verfahren |
unterrichtsmethodisch also Verknüpfungen zwischen...
|
Dabei ist von der im Lehrplan Deutsch der gymnasialen Oberstufe (NRW 1999) vorgegebenen Obligatorik auszugehen, die über die Schwerpunktthemen in den Abiturvorgaben hinausgeht.
Neu!
Wohl weil viele Bundesländer die Vorgabe der KMK nicht einhalten, hat nun auch
das Schulministerium (MSW) NRW folgende veränderte Regelung erlassen
(3.9.2009):
• Die Aufgabenvorschläge sollen sich auf
mindestens zwei Vorgaben beziehen, d.h. sie sind nicht mehr kursübergreifend,
sondern themenübergreifend angelegt. In der Regel wird der zweite
Aufgabenteil den primären Auftrag der Textanalyse erweitern.
• Im Einzelfall kann ein Aufgabenvorschlag sich auch nur auf eine Vorgabe
beziehen. Entscheidend ist dabei, dass Thema und Aufgabenformulierung insgesamt
einen angemessenen Komplexitätsgrad haben, so dass die Bearbeitung der Aufgabe
Kenntnisse wenigstens eines weiteren Fachthemas verlangt. Als verbindliche
Grundlage für solche – über die Vorgaben hinausgehenden – Bezugsthemen ist
die generelle Obligatorik des Lehrplans Deutsch Sek II anzusehen (vgl. bes. die
Übersicht auf S. 35).
• Die Aufgabenstellung besteht in der Regel aus zwei Teilaufgaben, in Einzelfällen
können auch drei Teilaufgaben angemessen sein.
Günstig und gehirngerecht ist ein vernetzendes Lernen, bei dem für die Aktivierung von Vorwissen und Hintergrundwissen die Denkschemata genutzt werden, in denen unter Nutzung beider Gehirnhälften Wissen abgespeichert wird:
einerseits
die Verbindung von deklarativem und prozessualem Wissen
"Wir untersuchen das Gespräch zwischen Botho und Lene mit der
Kommunikationsanalyse; die hatten wir doch schon in 11.1 bei den
Kurzgeschichten - nämlich bei Wohmanns 'Ein netter Kerl' - genutzt; und da
konnte man vor allem Kommunikationsstörungen feststellen; wo gibt es da
jetzt Ähnliches oder Verschiedenes?"
andererseits
die Verbindung von begrifflichem, rationalem und anschaulichem,
emotionalem Erinnern
das "Verhältnis Mensch-Natur" in Texten der Gegenwart
(begrifflich: Natur als Gegend, als Umwelt - Ausbeutung, Nutzung etc. -
emotional: Natur als Reiselandschaft, Erholungsraum etc.) - Wie war das
Naturverhältnis in anderen Epochen? Romantik, begrifflich: als
Seelenlandschaft - emotional: als Bild wie bei C. D. Friedrichs
"Einsamer Baum", der Mensch in der Natur aufgehend etc.
die Erinnerung lässt sich besser aktivieren, wenn man für diese Verbindungen Ankerpunkte im Gedächtnis hat
an das Begriffliche erinnere ich mich mit einem konkreten Anker:
"Seelenlandschaft" > ja, wie war das noch mit
Eichendorffs "Mondnacht"
an komplexe Zusammenhänge in einer
Epoche erinnere ich mich mit z.B. Leitbegriffen, Werktiteln und
Autorennamen der Epoche: "Epochenumbruch 1900" > ach ja:
Sprachkrise/Hofmannsthal, Sinnkrise/Expressionisten/Lasker-Schüler-Benn-van
Hoddis..., Verstädterung/Heym etc.
Die Auswertung der Probeklausuren zum Zentralabitur - NRW 2006 Jg.12 erwies, dass die Schüler vor allem noch in dieser Vernetzung (auch: "Kontextualisierung") Defizite haben: "An anderen Stellen zeigte sich z.B., dass Leistungen immer dann abfallen, wenn das Bewertungsraster ein ganz bestimmtes Kontext-Wissen einfordert. Hier werden die Aufgabenkommissionen gegebenenfalls Kriterien offener formulieren, um den Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen, auf unterschiedliche im Unterricht erworbene Kenntnisse zurückzugreifen." (www.bildungsportal.nrw.de/BP/Schulsystem/Qualitaetssicherung/Standardsetzung1/InfosZP/EVA_PK12/index.html)
Mit den Schülern sind daher über die Oberstufe hinweg Varianten der Aufgabenstellungen für diese Vernetzungsvorgänge einzuüben. Dabei müsste man von den für das Vernetzen zuständigen Operatoren ausgehen: "Übersicht über die Operatoren"
(www.learn-line.nrw.de/angebote/abitur-gost/download/de-o-uebersicht.pdf):
»Operatoren,
die Leistungen im Anforderungsbereich II (Reorganisation und Transfer)
verlangen:
einordnen:
einen Inhalt, eine Aussage, eine Problemstellung, einen Sachverhalt in einen
vorgegebenen oder selbst gewählten Kontext einbeziehen
vergleichen:
Texte, Textaussagen, Problemstellungen, Sachverhalte unter vorgegebenen oder
selbst gewählten Aspekten auf der Grundlage von Kriterien gegenüberstellen,
in Beziehung setzen und analysieren, um Gemeinsamkeiten, Unterschiede,
Teil-Identitäten, Ähnlichkeiten, Abweichungen oder Gegensätze ermitteln
zu können
erklären:
Textaussagen, Sachverhalte auf der Basis von Kenntnissen und Einsichten
differenziert darstellen
erläutern:
wie erklären, aber durch zusätzliche Informationen und
Beispiele
veranschaulichen
in
Beziehung setzen: Analyseergebnisse, Textaussagen, Sachverhalte,
Problemstellungen mit vorgegebenen oder selbstgewählten Aspekten in
Verbindung bringen
Operatoren,
die Leistungen im Anforderungsbereich III (Reflexion und Problemlösung)
verlangen:
beurteilen:
zu einem Text, einer Textaussage, der ästhetischen Qualität eines Textes,
einem Sachverhalt, einer Problemlösung, einer Problematik ohne subjektiven
Wertebezug mit Bezug auf Fachwissen und -erkenntnis zu einem selbstständigen,
begründeten Sachurteil gelangen«
Beispiel für die erwartete Vernetzungsleistung in der o. g. Probeklausur zu Fontanes Brief, Aufgabenteil 2:
2.
Untersuchen Sie, inwieweit Fontane die im Brief geäußerten Ansichten in seinem
Roman 'Irrungen, Wirrungen' literarisch umgesetzt hat. Beurteilen Sie abschließend
die Bedeutung dieser literarischen
Gestaltung für das Verständnis des gesellschaftlichen Wandels
Unterlagen
für die Lehrkraft - Beurteilungskriterien zu Aufgabenteil 2:
»Prüfling
4
erläutert seine Ergebnisse zusammenfassend und stellt dar, wie Fontane mit dem
Mittel der Kontrastierung (Botho – Lene, alt – neu, Adel – Bürgertum,
Nutzlosigkeit – Nützlichkeit...) im Roman die im Brief geäußerte Sicht auf
die Gesellschaft umgesetzt hat; dazu gehört vor allem:
Einerseits
Gegenüberstellung der alten und neuen Normen und Werte mittels der
Personenhandlung; Andererseits zahlreiche Anspielungen auf den beginnenden Anbruch
einer neuen von Technik und Rationalität geprägten Zeit (moderne städtische
Infrastruktur, die neue Schicht der Industriellen, die entsprechenden
Selbstzweifel beim Adel...).
5
bewertet Fontanes in Brief und Roman deutlich werdende gesellschaftspolitische
Haltung; dazu gehört vor allem:
Wut
auf das Alte, Sympathie für das Neue (das allerdings nur indirekt inhaltlich
bestimmt wird), Ausdruck des bürgerlichen Fortschrittsglaubens Ende des 19.
Jh., harte Kritik am Adel, allerdings auch Würdigung bestimmter Familien und
historischer Verdienste, Botho und Bogislaw von Rexin könnten Vorboten des
besseren Adels sein, auf den Fontane hofft, Gesellschaftskritik Fontanes nicht
politisch radikal, sondern bürgerlich, moralisch angelegt.
6
begründet unter Einbeziehung von Kontextwissen zum Epochenumbruch und zur
realistischen Schreibweise, inwieweit der Roman ein treffendes zeitgenössisches
Abbild des anbrechenden gesellschaftlichen Wandels bietet; er berücksichtigt
dabei vor allem die folgenden Aspekte:
Thematische
Gewichtung und indirekte Wertung der Romanhandlungen und -figuren entsprechen
weitgehend der tatsächlichen historischen Entwicklung, Möglichkeiten der
realistischen Gesellschaftsromane, offene wie verdeckte Strukturen und
Entwicklungstendenzen einer bestimmten Zeit zu beschreiben und somit für die
Nachwelt einsichtig zu machen, Bestätigung der seismographischen Qualitäten
des Schriftstellers Fontane.
Schülerbeispiel
(gut): Teil zu Aufg. 2)
»Die
deutlich dargelegten Forderungen und Ansichten Fontanes in seinem Brief an Georg
Friedländer spiegeln sich in seinem Roman Irrungen, Wirrungen nicht in der
Deutlichkeit wieder, zumal eine derart offenkundige Gesellschaftskritik den
Roman nicht authentisch erscheinen lassen würde.
Der
Roman Irrungen, Wirrungen dient der Repräsentation der damaligen realen Verhältnisse.
Dies hat Fontane insoweit literarisch umgesetzt, als das er die Protagonisten,
die kleinbürgerliche Lene Nimptsch und den Adeligen Botho von Rienäcker
letztlich nicht der Gesellschaft zum Trotz, sondern sie gemäß der staatlichen
Ordnung „in ihren Ständen“ hat heiraten lassen Diese recht nüchterne aber
ordnungsgemäße Darstellung zieht sich durch den gesamten Romanverlauf und ist
auch im Charakter von Lene wiederzufinden. Lene Nimptsch wird von Fontane als
Kleinbürgerin mit Sinn für Ordnung und fürs Reele dargestellt. (vgl. S. 10 Z.
3). Sie weiß um das Endliche der Beziehung zu Botho (vgl. S. 33 Z. 11 ff) und
erkennt die staatliche Ordnung und die Belange der Gesellschaft als wichtiger an
(vgl. S. 32 Z. 29). Doch seine Darstellung der staatlichen Ordnung, der sich das
Individuum beugen muss wird besonders in den Kapiteln 11 und 12 deutlich, zumal
diese einen Wendepunkt im Handlungsverlauf darstellen.
Botho
von Rienäcker und Lene Nimptsch befinden sich auf einer Landpartie und genießen
dabei ihr gemeinsames Glück. (vgl. S. 63 Z. 38) Dabei kommt es zu einem
scheinbar zufälligen Besuch von Bothos Freunden nebst Damen. Infolge dessen
wird Lene von einer dieser Damen darüber aufgeklärt, dass die Liebe gegenüber
der Ordnung keine Chance habe, sonst gäbe es „Kladeradatsch“ (vgl. S. 84 Z.
8–20). Fontane benutzt so diese Dame um seine Thesen zu verdeutlichen, zumal
Lene sich darüber bereits bewusst ist und dies ebenfalls, den Rezipienten
deutlich verständlich, zum Ausdruck bringt (vg. S. 33 Z. 37–40). Dennoch muss
festgehalten werden, dass Fontane keine allgemein gültige Gesellschaftskritik
formuliert hat, sondern in Form einiger Charaktäre und insbesondere durch Lene
Nimptsch die damaligen Verhältnisse [nüchtern] darstellt. Eine derart
aggresive Kritik, wie in seinem Brief formuliert, wäre dem breiten Publikum
unglaubwürdig erschienen. So bedient er sich der realistischen Darstellung
(dazu gehört auch ein Ende ohne „Happy End“) um den Rezipienten aufzuklären
und zur eigenständigen Kritik anzuleiten.
Mit
der Tatsache, dass Lene letztlich mit ihrer Hochzeit zu dem „standesgemäßen“
Gideon Franke glücklicher zu sein scheint als Botho von Rienäcker (vgl. S. 163
Z. 13) zeigt Fontane auf, dass das erstärkte Kleinbürgertum ohne die
konservativen, veralteten (vgl. Brief) Ordnungen den Bürgern den nötigen
„Halt“ bieten kann, so dass das Bürgertum unabhängig vom Adel ist und so
dass der „Wert“ eines Menschen nicht an seinem Stand zu erkennen ist (und
nicht danach beurteilt werden darf!) (vgl. Brief, Z. 26: „Mensch ist
Mensch“).
Fontanes verhältnismäßig zurückhaltende Gestaltung des Romans sollte meiner Meinung nach der höheren Authentizität dienen. Seine realistische, [neutrale] Darstellung sollte keine Kritik vorgeben, sondern das Bürgertum bzw. den Rezipienten anleiten, eine eigene Kritik an der Obrigkeit (wie in seinem Brief beschrieben) zu verfassen.«
Forschungshintergrund zum Thema "vernetzendes Lernen"
Schon als Konsequenz aus den konstatierten Defiziten in den Erhebung TIMMS 1997 und PISA 2000 wurde eine Veränderung der Unterrichtspraxis verlangt: Kumulatives und vernetzendes Lernen als explizit vermittelte Lernstrategien sollen den Schülern eine höhere Selbständigkeit im Lernprozess ermöglichen.
Aus:
TIMMS –
Impulse für Schule und Unterricht. Herausgeber:
Bundesministerium
für Bildung und Forschung (BMBF). Autoren:
Eckhard
Klieme, Jürgen Baumert, u.a. Bonn 2001 (www.bmbf.de/pub/timss.pdf)
»S. 40: Man unterscheidet drei große Gruppen von Lernstrategien: kognitive und metakognitive Strategien sowie Strategien des Ressourcenmanagements.
Zu den kognitiven Strategien zählen Memorier-, Elaborations- und Transformationsstrategien. Memorierstrategien sind vor allen Dingen Wiederholungsstrategien, die dazu dienen, Neugelerntes im „Arbeitsspeicher“ zu halten, aber auch die Übernahme der Informationen in das Langzeitgedächtnis zu unterstützen. Eine zweite Untergruppe der kognitiven Strategien bilden so genannte Elaborationsstrategien, die durch sinnstiftendes Vorgehen ausgezeichnet sind. Elaborationsstrategien dienen dazu, innerhalb neu zu lernender Stoffe Sinnstrukturen herauszuarbeiten, Lerninhalte mit bereits gespeichertem Wissen möglichst sinnvoll und dicht zu vernetzen und die Übertragbarkeit des neu Gelernten auf andere Kontexte zu erproben. Diese Strategien unterstützen insbesondere Encodierungs-, Erwerbs- und Transferprozesse.
Die
zweite große Gruppe der Lernstrategien bilden die so genannten metakognitiven
Strategien, zu denen Strategien der Planung, Überwachung und Regulation des
eigenen Lernens gehören. Eine flexible Verfügung über metakognitive
Strategien gilt als entscheidende Voraussetzung selbstgesteuerten Lernens.
Strategien des Ressourcenmanagements schließlich werden als Stützstrategien
bezeichnet. Zum internen Ressourcenmanagement werden die Überwachung von
Anstrengung und Aufmerksamkeit sowie die planvolle Nutzung der Lernzeit
gerechnet. ...
S.
72: Mehr
Verständnisorientierung bedeutet einen veränderten Umgang mit Aufgaben.
Gleichzeitig mit den Inhaltszielen muss auch auf
die zu Grunde liegenden Lernprozesse aufmerksam gemacht werden. An die
Stelle des bloßen Lösens tritt ein Beschäftigen mit den Aufgaben. Im
Unterricht sollten folgende Phasen (in Anlehnung an POLYA 1980) unterschieden
werden, wobei zwischen den einzelnen Phasen eine starke Wechselwirkung besteht:
• Orientierungsphase
Auseinandersetzen
mit der Aufgabenstellung: Ziel ist es, die Aufgabe zu verstehen. Überprüfen,
ob alle notwendigen Daten gegeben sind.
• Kreative
Bearbeitungsphase
Eventuell
fehlende Daten besorgen. Verwandte Aufgabenstellungen betrachten. Leitideen
erkennen, Strategien herausarbeiten. Eine Lösungsidee entwickeln.
• Eigentliche
Lösungsphase
Umsetzen
der Lösungsidee, Ergebnisfindung.
• Auswertungsphase
Lösungsprozess
und Lösung überdenken. Welche neuen Erkenntnisse hat die Aufgabe gebracht? War
die Strategie bekannt? Weitere Lösungswege?
• Erweiterungs-
und Vernetzungsphase
Vernetzen
mit bisherigem Wissen und bekannten Aufgaben. Verallgemeinerungen,
Variationen der Aufgabenstellung.
Im
Zusammenhang mit den letzten beiden Phasen sollen die Schüler auch angeleitet
werden, über den Wert bzw. die Bedeutung des Gelernten nachzudenken und sich in
eigenen Worten dazu zu äußern. Dieser Prozess kommt natürlich nicht von
selbst zu Stande.«
Auch wenn diese Forderungen aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund stammen, sind sie doch als allgemeine Ratschläge für ein neues Lernen zu verstehen.
-----------------------------------------------------------------------------
In der Erhebung PISA 2000 wurde im Rahmen der Untersuchungen zur Lesekompetenz u.a. die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler untersucht, unterschiedliche Kompetenzen, vorangegangene Lernleistungen und Kenntnisse, Routinen und Strategien sowie Fähigkeiten zur Aktivierung eigener Wissensbestände einzusetzen.
Aus: Baumert, Jürgen u.a.: PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern. - Nach: Forum Schule. Heft 1/ 2002 (http://archiv.forum-schule.de/archiv/07/fs07/PISA_Lernen.pdf)
»Folgende
Aspekte des Lernens wurden untersucht u.a:
-
verfügbares Wissen über Lernstrategien (Wiederholungsstrategien, Elaborationsstrategien
und Kontrollstrategien) und ihre Bedeutung (Metakognition);
-
effektive Anwendung von Lernstrategien, Entwicklung von Routinen;
-
Verknüpfungen mit eigenem Vorwissen und
Nutzbarmachung von Vorkenntnissen;
Ergebnis:
Viele unserer Schülerinnen und Schüler haben nicht hinreichend gelernt,
-
Gelerntes in anwendungsbezogenen, praxis- und alltagsorientierten Kontexten
anzuwenden
-
Verknüpfungen mit Vorwissen und
Regeln herzustellen bzw. Wissen
(Sachwissen, Weltwissen, Regel-, Methoden-, Verfahrenskenntnisse) flexibel zu
mobilisieren und in neue Zusammenhänge zu übertragen
-
Prozesswissen und konzeptuelles Wissen zu nutzen und anzuwenden
Zur
Lesekompetenz wurde u.a. untersucht:
-
Texte in Aussagen, Absichten und formalen Strukturen verstehen,
-
in (größere, sinnstiftende)
Zusammenhänge einordnen,
-
für verschieden Zwecke sachgerecht nutzen können;
-
Lesen als aktive (Re-)Konstruktion von Textbedeutung unter Einbeziehung von
Vor-, Welt-, Sprachwissen, individuellen Zielvorstellungen und Erwartungen
Ergebnis:
große Schwächen im Teilbereich Reflektieren und Bewerten«
Lehrplanhintergrund zum Thema "vernetzendes Lernen"
Richtlinien
und Lehrpläne für die Sekundarstufe II. Deutsch. Gymnasium/Gesamtschule in
Nordrhein-Westfalen. Herausgegeben vom Ministerium für
Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes
Nordrhein-Westfalen. Frechen: Ritterbach 1999. 4701 (www.schul-welt.de/lp_online.asp)
»Richtlinien
S. XII: Grundlagenwissen
Wissenschaftspropädeutisches
Lernen setzt ein jederzeit verfügbares, gut
vernetztes fachliches Grundlagenwissen voraus, das eine Orientierung im
Hinblick auf die relevanten Inhalte, Fragestellungen, Kategorien und Methoden
der jeweiligen Fachbereiche ermöglicht und fachübergreifende Fragestellungen
einschließt.
RL
XVIII: Gestaltungsprinzipien des Unterrichts
Der
Unterricht soll auf Anwendung und Transfer der zu erwerbenden Fähigkeiten und
Kenntnisse zielen. Transfer ist zu erwarten, wenn die Lerngegenstände mit vielfältigen
Anwendungsmöglichkeiten und authentischen Handlungssituationen verbunden sowie
unabhängig von bekannten Kontexten beherrscht werden. Das heißt für den
Unterricht, solche Probleme und Fragestellungen zum Gegenstand zu machen, die
Zugriffe aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven erfordern. Die jeweiligen
Sichtweisen können relativiert und in Bezug auf ihren spezifischen Beitrag zur
Problemlösung beurteilt werden. So werden Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarkeit
von Erkenntnissen und Verfahren deutlich. Anwendung und Transfer werden
auch in Projekten und in Vorhaben zur Gestaltung und Öffnung von Schule und in
Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern gefördert.
RL
XIX: Der Unterricht darf nicht ausschließlich linear erfolgen, sondern muss die
Vernetzung eines Problems
innerhalb des Faches, aber auch über das Fach hinaus sichtbar machen. Es wird
darauf ankommen, Formen der Organisation von Lernsituationen, die sich an
fachlicher Systematik orientieren, durch solche Arrangements zu ergänzen, die
dialogisches und problembezogenes Lernen ermöglichen.
Lehrplan
S. 38 f.: Gegenstandsorientierung bedeutet, dass die vorgesehenen
Unterrichtsinhalte in einem breiten Anwendungsbereich (vgl. Bereiche des Faches)
in einer über die drei Jahre der gymnasialen Oberstufe laufenden Sequenz
aufgebaut werden, dass Wissenszuwachs
entsteht und vernetztes Denken möglich
wird.
Für
die Sequenzbildung sind im
Lehrplan die Planungsvorgaben für die fachliche Arbeit genannt:
-
Sprechen und Schreiben
-
Umgang mit Texten: Historische Bezüge, Epochen, Gattungen, Textsorten, Medien
-
Reflexion über Sprache
-
Methoden
- Probleme der Lebenswelt
...
Nachfolgend werden Verknüpfungen von Zielen, Inhalten und Unterrichtsmethoden,
d. h. die Lernarrangements, beschrieben, die dem aktiven und selbstständigen
Lernen dienen und eine Vernetzung
des Wissens ermöglichen. Die Formen eigenverantwortlichen Lernens und
Arbeitens, die die Schülerinnen und Schüler selbstständig tätig sein lassen,
sind dabei von besonderer Bedeutung.
---------------------------------------------------------
Der Deutschunterricht ist eine Abfolge von Unterrichtsvorhaben, die einmal als Unterrichtseinheiten in sich zu sehen sind, andererseits aber in einem Sequenzzusammenhang stehen, aufeinander aufbauen, Bezüge untereinander herstellen lassen.
Aufgabenbeispiele
Deutsch Sekundarstufe II. Frechen: Ritterbach 2000.
4701/1 (www.schul-welt.de/lp_online.asp)
»S.
13: In der Entfaltung der unterrichtlichen Voraussetzungen für die
Klausurbeispiele soll vor allem der Sequenzgedanke
verdeutlicht werden. D. h.:
-
die Progression in den Lernprozessen
-
die wachsende Komplexität der Untersuchungsgegenstände
-
die thematische Verknüpfung und
-
die Möglichkeiten wie Notwendigkeit der Aktivierung von Vorwissen
(Theoriekenntnisse, Faktenwissen, Methodenwissen und Prozesswissen).
Deutlich
wird dies vor allem:
-
durch den sich steigernden Grad der notwendigen Selbstständigkeit bei der
Bearbeitung und Lösung der gestellten Aufgabe
-
durch die sich steigernden inhaltlichen Anforderungen
-
durch zunehmende Komplexität im Verhältnis von Text und Aufgabenstellung
-
durch die zunehmende Vernetzung
der in den Aufgabenstellungen sich spiegelnden Anforderungen im Hinblick auf
historische Zusammenhänge, thematische Strukturen, methodische Voraussetzungen
und gattungsspezifische Aspektierungen
-
in wachsenden Anforderungen an die Fähigkeit zu differenzierterer Darstellung
(stilistische und sprachliche Variabilität, Flexibilität und Sicherheit)
- in der gesteigerten Erwartung von Transfer- und Urteilsleistungen im Anforderungsbereich III.«
Beispiel
- hier nun zur Vernetzung von Sachtext und literarischem Wissen, von
historischen und aktuellen Problemen:
»S.
47: Aufgabenart I A - Analyse eines Sachtextes mit
weiterführendem Schreibauftrag
Text:
Georg Büchner: Brief an die Familie vom 5.4.1833. In: Erläuterungen und
Dokumente – Georg Büchner, Dantons Tod. Reclam Verlag, Stuttgart 1969, Seite
68-70
Aufgabenstellung für einen Leistungskurs:
Analysieren Sie Büchners Brief an die Familie vom 5.4.1833.
Nehmen
Sie Stellung zu den von Büchner in diesem Brief vorgetragenen Ansichten zur
Gewalt. Berücksichtigen Sie dabei aktuelle Erfahrungen und die historische
Situation Büchners.
Unterrichtsvoraussetzungen:
In
diesem Unterrichtsvorhaben, das sich zum Ziel setzt, die kritische
Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Missständen und utopischen Gegenentwürfen
zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts zu erarbeiten, sind wiederum alle
Bereiche des Faches angesprochen. Dabei kann bei der Planung und Durchführung auf
Kenntnisse zurückgegriffen werden, die in den vorherigen
Unterrichtsvorhaben der Oberstufensequenz gewonnen wurden. Analytische Fähigkeiten
sind in Bezug auf alle Gattungen vorhanden und für dieses Unterrichtsvorhaben
besonders relevant, der Umgang mit Sachtexten ist ebenfalls eingeübt, so dass für
die analytische Arbeit mit Texten eine sichere Basis vorhanden ist. Damit kann
der zu dieser historischen Situation angegebene thematische Aspekt in den
Vordergrund gerückt werden; zudem ist der historische
Kontext – der Epochenumbruch – bereits durch das erste
Unterrichtsvorhaben der Jahrgangsstufe 12/I teilweise bekannt.
S.
49: Anforderungsbereich III
Der
weiterführende Schreibauftrag im Anschluss an die Analyse verlangt zunächst
eine Vergegenwärtigung des Fazits aus Büchners Brief: Eine revolutionäre Veränderung
der Gesellschaft ist für ihn legitim, Gewalt ist ein angemessenes Mittel zur
Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, allerdings zum rechten
Zeitpunkt. Auf Büchners schlüssig erscheinende Argumentation im Kontext der
damaligen historischen Situation (vgl. Französische Revolution) ist eine
Stellungnahme aus heutiger Sicht
zu verfassen. – Nach heutigem demokratischem Verständnis ist Gewalt als
Mittel der Durchsetzung politischer Interessen abzulehnen, allerdings bieten
sich angesichts der gegenwärtigen Situation unserer Welt, genügend Anlässe
diese Haltung zu hinterfragen (vgl. Golfkrieg, Bosnien, Kosovo, Ost-Timor). Ein
differenziertes Urteil, das kritische Fragen zum Umgang mit Gewalt als
politischem Mittel stellt, wäre wünschenswert. Wesentlich ist, dass eine
nachvollziehbare Haltung entwickelt wird, die nicht mit einer strikten Bejahung
oder Ablehnung enden soll bzw. muss.
Beispiel - hier zur Vernetzung im Bereich Reflexion über Sprache:
»S.
58: Unterrichtsvorhaben (GK und LK) Sprachstrukturen
und Sprachfunktionen: Streit um die Metapher
Die
Beispielsequenz im Lehrplan sieht für dieses Unterrichtsvorhaben eine
„Analyse von Formen indirekten Sprechens, insbesondere der Metapher und des
Symbols" (S. 61) vor sowie eine Auseinandersetzung mit sprach- oder
literaturtheoretischen Sachtexten und Essays. Im Sinne der Sequentialität ist
ein solches Unterrichtsvorhaben verknüpft
mit
-
dem Unterrichtsvorhaben zur Sprachtheorie (2. Unterrichtsvorhaben in 11/11)
-
der Beschäftigung mit Metaphern in moderner Lyrik (2. Unterrichtsvorhaben in
11/1)
-
und in der politischen Rhetorik (2. Unterrichtsvorhaben in 12/1).
Fachübergreifendes bzw. fächerverbindendes Arbeiten ist möglich, z. B. mit den Fächern Philosophie (Nietzsches Radikalkritik von Sprache und Erkenntnis) und Ev. Religion (Bereich: „Formen religiösen Sprechens": die mythisch-religiöse Symbolsprache).«
Methoden für "vernetzendes Lernen"
1.) Unterrichtsgespräch
Das
Unterrichtsgespräch ist ein herausragender Ort, an dem das Vernetzen von
Aspekten hergestellt werden kann: zunächst exemplarisch im offenen
Brainstorming, dann ggf. unterbrochen durch die Entwicklung grafischer
Überblicke in Gruppenarbeit - gestützt auf die eigenen Mitschriften - und
schließlich in einem moderierten bis lehrergelenkten Unterrichtsgespräch, in
dem die Ergebnisse abgesichert werden. - Herbert
Gudjons zu „Frontalunterricht“: »Eine zweite Grundfunktion des
Frontalunterrichts ist es, gemeinsam etwas zu erarbeiten und für vernetzendes
Denken zu sorgen.
Sie können etwa die Unterrichtsplanung mit Schülerinnen und Schülern erarbeiten. Sie müssen in Sprachen, Mathematik usw. über längere Zeit Lehrgänge machen, müssen gemeinsames Wissen aller sichern. Das vom Lehrer gelenkte Nachdenken sorgt eben dafür. Aber wichtiger noch als das Sachwissen ist das Zusammenhangwissen, das, was wir verstehen nennen oder was heute vernetzendes Lernen genannt wird. Hierbei sind die Ergebnisse der neueren Kognitionspsychologie zum Wissenserwerb und zur Wissensstrukturierung außerordentlich aufschlussreich. Wir müssen dafür sorgen, dass nicht bloß einzelne Wissenselemente gespeichert werden, sondern dass Wissen in unserem Gedächtnis in kognitiv vernetzte Strukturen eingebettet wird. Aus der Gehirnforschung wissen wir heute, dass unser Gehirn Informationen nicht in Schubladen speichert, sondern in sehr komplexen Netzen, Langzeitgedächtnis genannt. Und es käme darauf an, dass das, was an Einzelwissen in den Gruppen etwa zum Thema Wald erarbeitet worden ist, nun systematisiert, verglichen, eingeordnet, meinetwegen auch hierarchisiert und vernetzt wird. Eine zentrale Funktion des Frontalunterrichts ist dieses systematische Einordnen, das Herstellen von Querverbindungen, die Förderung von netzwerkartigem Verstehen eines komplexen größeren Sachverhaltes.« (www.vds-bildungsmedien.de/pdf/forum/f_20/seite120.pdf)
Dazu gehört nach Vlastimil Polák:
»(1)
Den Unterricht in zusammenhängenden Stoffelementen anzulegen (sich an übergreifenden
Zielen orientieren)
a)
Netzwerke zusammenhängenden Wissens schaffen
- Sich jeweils auf eine Sequenz von Inhalten zu konzentrieren, die in einem
Zusammenhang stehen
- Die Anwendungen der Inhalte mitlernen, damit das Wissen in verschiedenen
Kontexten genutzt werden kann
- Die übergreifenden Strukturen und Beziehungen lernen, die in den Inhalten
stecken
(2)
Orientierung über den Lehrstoff, seine Struktur und seine Beziehung zu früheren
Inhalten geben
a)
Die Struktur des zu Lernenden aufzeigen
- Den Zusammenhang zwischen dem zu Lernenden und den Inhalten früherer Stunden
darstellen
- Wichtige Gedanken und Beziehungen in den Inhalten aufzeigen
b)
Zu Beginn des Unterrichts Überblick über die Stunde geben
- Auf Schlüsselstellen der Unterrichtsstunde
aufmerksam machen
- Einen Überblick über wichtige Aktivitäten und Schritte der Stunde geben
- Sagen, was in der jeweiligen Stunde besonders wichtig ist
- Bedeutung der Inhalte für das Alltagsleben darlegen
- Zweck der Ziele und Inhalte erläutern, die erreicht werden sollen
- Relevante Hintergrundinformationen zu den Inhalten geben
d)
Die Schüler/innen auf die Aufgabenbearbeitung vorbereiten
- Mit den Schüler/innen erst ein Beispiel durchgehen, bevor sie allein zu
arbeiten beginnen
e)
Die Verstehensprozesse unterstützen
- Veranschaulichungen durch Modelle, Erklärungen etc. geben
- Präsentationen in kleinen Schritten ...
(4)
Das bisherige Wissen der Lernenden berücksichtigen und entsprechend
umstrukturieren
a)
Auf den bestehenden Vorstellungs- und Wissensstrukturen der Schüler/innen
aufbauen
- Die Lehrkräfte erkunden das vorhandene Wissen der Schüler/innen und
zeigen Verbindungslinien des „Neuen“ zu früheren Inhalten auf
2.) Übersichten
Als Tafelbild entwickeln, als Folie präsentieren, als Handout herstellen - im Unterricht gemeinsam, in Gruppenarbeit, bei einem Referat etc. - es handelt sich um ein sichtbares "Wissens-Netz" (Vera V. Birkenbihl - www.efb-stupa.de/service/handouts/sozpaed_2006-05-31_a.pdf)
Beispiel: eine ideengeschichtliche, motivgeschichtliche und problemorientierte Übersicht
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Beispiel: eine methodenorientierte Übersicht - Im Rahmen der Anwendung der Dialoganalyse an Gesprächsszenen im Drama oder im Roman kann man Verknüpfungen herstellen z.B. zu einem literaturtheoretischen Lernzusammenhang (s. 3 Kontexte: Erzähler-Textfiguren-Leser > Erzählsituationen nach Stanzel, J.H. Petersen u.a.), zu einem sprach- und kommunikationstheoretischen Lernzusammenhang (s. Kommunikationsmodelle von Watzlawik und Schulz von Thun), zu einem Lernzusammenhang mit szenischem Interpretieren (s. Körpersprache/Verbalsprache - Ingo Scheller u.a.), zu einem gattungsorientierten Lernzusammenhang (Gesprächssituationen in Prosaerzählungen und in szenischen Texten), zu einem methodenreflektierenden Lernzusammenhang (Kommunikationsanalyse neben Argumentationsanalyse, Sprachanalyse, Analyse rhetorischer Mittel bei Gesprächs- und Redetexten) etc.
(G.
Einecke)
3.) Lernplakate
Überblickswissen, Orientierungswissen festhalten, indem auf großen Postern, Tapetenrollen etc. Zusammenhänge hergestellt und dann dargestellt werden: Daten, Personennamen, Werktitel, Leitbegriffe der Epoche, Vorgänge, Erinnerungsstichworte... - Sie bleiben längere Zeit im Raum an der Wand.
- fortschreitend mit der Erarbeitung im laufenden Unterricht
- als Ergebnis einer speziellen "Meta-Stunde"
- zur Klausurvorbereitung
- zur Wiederaufnahme von Aspekten in späteren Unterrichtssequenzen.
Beispiel: literaturgeschichtliches Lernplakat - nach und nach gefüllt

www2.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/737.doc
Zur Anlage von Lernplakaten s.:
http://www.teachsam.de/arb/lernplakat/arb_lplakat_3_1.htm
http://www.learnline.de/angebote/deutschesprachefoerdern/medio/sprachlich/pres9.html#r
4.) Mindmap
Herstellbar am PC mit entsprechenden Programmen (MindManager o.ä.) - von Schülern entwickeln lassen - mit dem Sachwörterbuch, Schulbuch, der Literaturgeschichte, den Unterrichtsnotizen etc. als Stütze
Mindmap als geplantes, entfaltendes, auch vernetzendes Verfahren unterscheiden vom Cluster als assoziatives Verfahren
(G.
Einecke)
Beispiel: literaturgeschichtliche Mindmap (Ausschnitt - in der Füllung allerdings für Schüler begrenzt zu halten)

http://www.stefan-schuch.de/Deutsch/Gk/Texte/romantik/romantik_ko.htm
Zur Anlage von Mindmaps s.:
http://www.teachsam.de/arb/krea/krea_mindm_0.htm
5.) Memo-Charts
MemoCharts
sind Varianten anderer Darstellungs-Formen wie Organigramm, Fluss-Diagramm und
Mind-Map®.
Vogt, der Anbieter einer Software zur Herstellung seiner MemoCharts, wählte den Begriff,
»weil es sich dabei um eine Aufzeichnungsform
(Chart) handelt, die das Einprägen (Memo) neuer Wissens-Inhalte erleichtert,
und zwar im Sinne des vernetzenden Denkens: Um einen zentralen Begriff werden
maximal acht ergänzende Informationen gruppiert. Jede einzelne ergänzende
Information kann ihrerseits als zentraler Begriff einer weiteren MemoChart
eingesetzt werden.
Werden die MemoCharts als HTML-Dateien miteinander verlinkt, dann kann man von
einer zu anderen Informationen hüpfen und damit die Funktionsweise des
vernetzten Denkens nachvollziehen. Das begünstigt das Lernen in Zusammenhängen.«
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MemoChart-Vorlage (zum Ausfüllen per Hand) |
Mit Hilfe der Software memoCHART erstellte MemoChart |
Visualisierung eines handschriftl. Wissens-Netzes |
http://www.memochart.de/BildungsSoftware.htm
6.) Wandzeitungen und Hypertext
zu einem literarischen oder sprachlichen Thema - hier: Gerhart Hauptmann "Vor Sonnenaufgang" - in arbeitsteiliger Gruppenarbeit + Einzelarbeit + Hausaufgaben vielfältige informierende, analytische, produktionsorientierte, kreative Texte nach Recherche und anderen Vorarbeiten herstellen; diese Materialien als Wandzeitung zusammenstellen;
> zentral danach für das Vernetzen: sich lesend einen Überblick verschaffen - Behaltenswertes in den Fokus nehmen - quasi Hyperlinks durch Nummerierung (im Beispiel), Pfeile, Bänder o. ä. zwischen diesen Elementen herstellen;
im Beispiel:
- textimmanenter Zugriff: Handlungsüberblick, Personenkonstellation, Spannungskurve und Rezension zu Hauptmanns Stück, Szenenanalyse;
- produktionsorientierter Zugriff: drei Varianten einer Szenenfortführung, eine neue zusätzliche Szene, "Helenes Tagebuch", Werbeplakat und Video-Cover zu einer Szenenverfilmung, Denkschrift zur Veränderung der Lage der Arbeiterschaft; Briefkastentexte zu den familiären Problemen im Stück
- informierende Texte: Biografie-Banner zu Hauptmann; Kostümdarstellungen der Epoche;
- der sozialhistorische Aspekt: Bourgeois und Proletarier (Marx/Engels: Das kommunistische Manifest), Zur Charakteristik der Lage der Arbeiter und Mehrwerttheorie (Karl Marx: Das Kapital) - Risiken der Globalisierung mit Konspekt und Precis;
- der literaturhistorische Aspekt: Lexikonartikel zu naturalistischen Autoren, darunter Zola; Wilhelm Bölsche: Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie, Szenenbild Schauspielhaus Zürich 1948;
- Lernzielkontrolle im open-space-Gespräch vor der Wandzeitung: Zusammenhänge für alle erklären
- die Arbeitsergebnisse lassen sich dann auch als echter Hypertext in eine Website mit entsprechenden Verlinkungen umsetzen (s. Beispiele von Oberstufenkursen zu Schlinks "Vorleser", zu expressionistischer Lyrik etc. im Internet); die Vernetzungen in der Wandzeitung dienen dann als Vorarbeit für den Aufbau der Website.


(Foto: G. Einecke)
Zur Anlage einer Wandzeitung s.: hier - und:
www.dasa-jugendkongress.de/jugendkongress2005/lehrer/download/1_MB_WANDZ.PDF
7.) Übersichten in Lehrwerken
den Aufbau einer Übersicht oder einer Handlungsanleitung (s.u.) nachvollziehen - für den Einsatz in Auswahl heranziehen - in verschiedenen Kurshalbjahren bei unterschiedlichen Textsorten und Kontexten wiederholend einsetzen - Verknüpfungen zwischen den Effekten einer Methode herstellen:
z.B. Argumentationsanalyse bei explikativen Sachtexten der Aufklärung > bei der Analyse des Kreon-Monologs in der "Antigone" > bei Johannas Rede in Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" > in einer agitatorischen Goebbels-Rede > in einer aktuellen Rede des Bundespräsidenten etc.
Beispiel: eine Übersicht zu Analysemethoden -

8.) Vernetzungen bereits bei der Unterrichtsplanung anlegen
z.B. die Integration von Reflexion über Sprache in die anderen Lernbereiche: durch Anbindung an andere Stoffe und Weiterführung im Spiralcurriculum - s. hier
z.B. komplexe Vernetzung von Unterrichtsvorhaben zu Lessings "Emilia Galotti" in der Planung einer Referendar/innen-Gruppe
z.B. Unterrichtssequenz "Lernlandschaften" zu "Sturm und Drang" sowie "Kabale und Liebe" bei SELGO:
http://www.selgo.de/digio/unterrichtsidee/ll_praxisbeispiele.html
> Entwickeln Sie auf der Basis der Sequenzvorschläge im Lehrplan sowie Ihres Anstaltscurriculums und der Angebote in Lehrwerken eigene Beispiele für die horizontale und vertikale Vernetzung von Unterrichtsgegenständen. Gehen Sie dabei am besten von einer konkreten Ganzschrift oder von einem konkreten Thema eines Unterrichtsvorhabens aus.
> Formulieren Sie probehalber Aufgabenstellungen für Klausuren, in deren 2. Aufgabenteil sich diese Vernetzungen auswirken müssten.
>
Untersuchen Sie, wie es dem Schüler in seinem Text (s.o. Schülerbeispiel)
möglich war, im 2. Aufgabenteil Vernetzungen zu formulieren.
©
G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de