"Charakterisierung"
- Fallanalyse und Beratung
Situation:
Klassenarbeit Jahrgang 9 - Gymnasium Oktober 2004:
Anton Tschechow: Der dicke
und der dünne Mann (1883/89)
Auf
einem Bahnhof der Nikolaj-Eisenbahn trafen sich zwei Freunde: der eine war dick,
der andere dünn. Der Dicke hatte gerade auf dem Bahnhof zu Mittag gegessen, und
seine Lippen, noch ganz fettig von der Butter, glänzten wie reife Kirschen. Er
roch nach Sherry und Fleur d'Orange. Der Dünne dagegen war soeben ausgestiegen
und mit Koffern, Bündeln und Pappschachteln beladen. Er roch nach Schinken und
Kaffeesatz. Hinter seinem Rücken schaute eine hagere Frau mit langem Kinn
hervor - seine Gattin, sowie ein hochgewachsener Gymnasiast mit einem halb
zugekniffenen Auge - sein Sohn.
»Porfirij!«
rief der Dicke, als er den Dünnen erblickte. »Bist du es wirklich? Mein Lieber
...! Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen!«
»Ach,
du meine Güte!« Der Dünne war überrascht. »Miša! Freund meiner Kindheit!
Wo kommst du denn her?«
Die
Freunde küßten einander dreimal und schauten sich lange an, Tränen in den
Augen. Beide waren angenehm überrascht.
»Mein
Lieber«, begann der Dünne nach der Umarmung. »Das habe ich nicht erwartet!
Ist das eine Überraschung! Nun schau mich doch mal richtig an! Derselbe schöne
Mann, der du warst! Genauso charmant und elegant! Ach, du mein Gott! Nun, wie
geht es dir? Bist du reich? Verheiratet? Ich bin schon verheiratet, wie du
siehst ... Das ist meine Frau, Luise, geborene Wanzenbach ... lutherisch ... Und
das ist mein Sohn Nafanail, Quartaner. Nafanja, das ist der Freund meiner
Kindheit! Wir waren zusammen auf dem Gymnasium!«
Nafanail
überlegte ein wenig und nahm die Mütze ab.
»Wir
waren zusammen auf dem Gymnasium«, fuhr der Dünne fort. »Erinnerst du dich
noch, wie man dich geneckt hat? Man nannte dich Herostratos, weil du mit der
Zigarette ein Loch in das Klassenbuch gebrannt hattest, und mich Ephialtes, weil
ich gerne petzte. Haha ... Wir waren eben Kinder! Keine Angst, Nafanja! Komm
doch ruhig näher ... Und das ist meine Frau, geborene Wanzenbach ... lutherisch
... «
Nafanail
überlegte ein wenig und versteckte sich dann hinter dem Rücken des Vaters.
»Nun,
wie geht es dir, mein Lieber?« fragte der Dicke und sah den Freund begeistert
an. »Bist du Beamter und wo? Bist du vorwärtsgekommen?«
»Ja,
mein Lieber! Bin schon das zweite Jahr Kollegienassessor und habe den
Stanislausorden. Das Gehalt ist niedrig ... nun, macht nichts! Meine Frau gibt
Musikstunden, und ich mache privat aus Holz Zigarrenetuis. Vorzügliche
Zigarrenetuis! Verkaufe sie für einen Rubel das Stück. Wer zehn Stück und
mehr nimmt, bekommt Rabatt, verstehst du. Wir schlagen uns einigermaßen durch.
Habe zuerst, weißt du, im Departement gedient, aber jetzt bin ich als Bürovorsteher
im selben Ressort hierher versetzt ... Hier werde ich arbeiten ... Nun, und wie
sieht es bei dir aus? Bist du schon Staatsrat? Ja?«
»Nein,
mein Lieber, gehe noch etwas höher hinauf «„ sagte der Dicke. »Ich habe es
schon bis zum Geheimrat gebracht ... Habe zwei Ordenssterne.«
Der
Dünne erblaßte plötzlich und stand wie erstarrt da, aber bald verzog sich
sein Gesicht nach allen Seiten zu einem breiten Grinsen; es schien, als sprühten
aus seinen Augen und seinem Gesicht Funken. Er selber schrumpfte zusammen, er bückte
sich, wurde schmaler ... Seine Koffer, Bündel und Pappkartons schrumpften
ebenfalls zusammen und bekamen Runzeln ... Das lange Kinn seiner Frau wurde noch
länger; Nafanail nahm Haltung an und knöpfte seine Uniform zu ...
»Ich,
Euer Exzellenz ... Sehr angenehm! Freund meiner Kindheit sozusagen, und sind plötzlich
so ein Würdenträger geworden! Hihi ...«
»Na,
hör auf!« sagte der Dicke und verzog das Gesicht. »Wozu dieser Ton? Wir sind
doch Jugendfreunde - wozu diese Ehrerbietigkeit!«
»Aber
ich bitte Sie ... Was sagen Sie ...« Der Dünne kicherte und schrumpfte noch
mehr zusammen ... »Die gütige Aufmerksamkeit Eurer Exzellenz ... ist wie ein
belebendes Naß ... Dies hier, Euer Exzellenz, ist mein Sohn Nafanail … meine
Frau Luise, lutherisch, gewissermaßen ...«
Der
Dicke wollte eigentlich etwas erwidern, aber das Gesicht des Dünnen drückte so
viel Ehrfurcht, Wonne und säuerliche Unterwürfigkeit aus, daß dem Geheimrat
übel wurde. Er wandte sich von dem Dünnen ab und reichte ihm die Hand zum
Abschied.
Der Dünne drückte drei Finger, verbeugte sich mit dem ganzen Körper und kicherte wie ein Chinese: »Hihihi.« Seine Frau lächelte. Nafanail machte einen Kratzfuß und ließ die Mütze fallen. Alle drei waren angenehm überrascht.
(In:
Blickfeld Deutsch 9/10 [Schöningh-Verlag] – hier:
Anton
Čechov: Ein unbedeutender Mensch. Erzählungen 1883 – 1885. Zürich:
Diogenes 1976, S. 71-73)
Aufgabe:
„Charakterisiere den Dicken“.
Der Fall:
Betreff:
Charakterisierungsfalle
Von:
s.l.@t-online.de
An:
g.einecke@web.de
Datum:
20.10.04 07:26:35
Hallo
Herr Einecke,
ich habe eine große Bitte:
Unser Sohn (14 J., 9 Kl. Gymnasium in Brandenburg) hat in
„Charakterisiere XY“ eine 5 geschrieben, ansonsten im Fach Note 1 - 2.
Er hat die Figur betrachtet und ihr z.B. die Züge eines Sanguinikers verliehen.
Das war aber nicht das geforderte Antwortprofil. Es waren Antworten wie „nach
Sherry riechend“, „dick“ u.ä. gefordert.
M.E. ist das aber das Feld der Personenbeschreibung. Damit ergäbe sich eine
andere Notengebung, da andere Maßstäbe angesetzt werden müssten. Da hätte er
vermutlich auch „nur“ eine 3, aber besser als eine Note 5.
Können Sie mir bitte, bitte einfach mal ein paar kurze, für mich
nachvollziehbare Eckdaten der Unterscheidung von Charakterisierung (C.) und
Beschreibung (B.) geben? In meinen Augen ist die B. ein Teil der C. Unser Sohn
hat auch schon mit seiner Lehrerin gesprochen, aber die ist felsenfest der
Meinung, dass er nichts verstanden hat. Ich möchte der Lehrerin keine „reinwürgen“,
aber schon meinem Sohn Hilfe bei der korrekten Arbeitsdurchführung geben. Zumal
sie bereits beim Thema „Bibliographieren“ falsch erklärte und unser Sohn zu
Hause dann Streit mit mir hatte. Die korrekte Bibliographie (per Anweisung von
Muttern) wurde dann von der Lehrerin allerdings bestätigt und der Klasse erklärt.
Sie neigt leider zu schwammigen und ungenauen Erläuterungen, die viel
Missverständnisse bergen.
Über Antwort würde ich mich freuen.
Vielen Dank, Grüße aus der brandenburgischen Prärie
S. L.
P.S.: Rechtschreibfehler nach Reform bitte entschuldigen, ich gehöre zu den
Alten, die schwer umlernen !
Beraten Sie untereinander das Problem
und
verfassen Sie hier eine kurze Antwort-Mail:
Betreff:
Re:
Charakterisierungsfalle
An:
s.l.@t-online.de
Fortsetzung im Fall:
Betreff:
Re:
Charakterisierungsfalle
Von:
g.einecke@web.de
An:
s.l.@t-online.de
Datum:
20.10.04 11:26:15
Guten
Tag Frau L.,
natürlich
kann ich zum Einzelfall und der Vorarbeit der Lehrerin nichts sagen. Letztlich
wird i.d.R. eine Klassenarbeit ziel- und kriterienorientiert bewertet, d.h.: Es
kommt auf die Kriterien an, die im konkreten Unterricht zuvor von der Lehrerin
erarbeitet wurden, was die Klasse vor Ort genau unter einer Aufgabenstellung
verstehen soll.
Ihnen
als engagierter Mutter jedoch ein Zitat aus dem Deutschbuch
Neue Ausgabe Klasse 6 (Cornelsen,
Berlin 2004):
Die
Personenbeschreibung
•
ist zunächst eine sachliche Darstellung äußerer Kennzeichen
eines Menschen: seines Körpers (schlanke Gestalt, blaue Augen, ...) der Körperhaltung
(stolz, gebeugt...), der Kleidung (modischer Anzug, teures Kleid...)....
•
Außerdem können Verhalten und Eigenschaften der
Person beschrieben werden: Aktivitäten (sportlich, faul...) Minenspiel
(lustig, verbissen...), typisches Handeln in Situationen (zielstrebig,
aggressiv, hektisch...)...
•
Der Beobachter kann daraus eine Beurteilung ableiten, er kann
die Person charakterisieren: sie ist pflichtbewusst, gefährlich,
harmlos, freundlich, glücklich...
Attribute,
besonders Adjektive, spielen bei der Personenbeschreibung eine große Rolle.
Sie
sehen, es gibt einen Übergang zwischen „beschreiben“ und
„charakterisieren“, wenn es um Personen geht.
Dabei
würde eine Charakterisierung
in Jg. 9 über die
reine Beschreibung hinausgehen und sich in der Wertungsebene mit dem Wesen einer
Person, ihren Einstellungen, Motiven, Entscheidungen, ihrer Position im sozialen
Umfeld etc. befassen, soweit sich das aus einem vorgelegten längeren Text
oder eigener umfassender Beobachtung einer Person erfassen und belegen lässt.
Um
Aussagen über den „Charakter“, die Wesensmerkmale machen zu können, muss
schließlich unterschieden werden zwischen situationsbedingtem Verhalten und
Handeln einer Person sowie einem Verhalten, das für sie typisch erscheint; es
muss also in mehreren Situationen wiederholt auftreten; erst dann kann man in
einer Schlussfolgerung personengerecht charakterisieren.
In
die Bewertung gehen außerdem auch eigene Vorstellungen, d.h. der Maßstab des
Bewerters ein: Ob z.B. eine Person als „zuverlässig“ charakterisiert werden
kann, hängt davon ab, wie der Bewerter die Grenze zieht zwischen zuverlässigem,
normalem und nachlässigem Verhalten. Doch gibt es hier Standards, die im
Normengefüge einer Gesellschaft und einer Epoche im Konsens der Menschen
existieren.
Mit
freundlichen Grüßen
Günther
Einecke
www.fachdidaktik-einecke.de
P.S. Mich würde noch die genaue Aufgabenstellung und die Textgrundlage für die Klassenarbeit interessieren. Vielleicht mailen Sie mir das noch?
Betreff:
Re:
Charakterisierungsfalle
Von:
s.l.@t-online.de
An:
g.einecke@web.de
Datum:
20.10.04 19:52
Hallo,
vielen Dank für die rasche Antwort.
Es ging um Tschechows „Der dicke und der dünne Mann“, die Aufgabe war
„Charakterisiere den Dicken“. Mehr nicht. [s.o. - G.E.]
Sie
verwies heute nach zahlreichen Beschwerden von Jugendlichen der Klasse auf die
Anmerkung bei „Schönigh, Blickfeld Deutsch 9/10“, Charakteristik = Äußeres
+ Wesensmerkmale. Dies war den Kids vorher nicht geläufig. Sie hat wohl einiges
vorher „verschluckt“, ging aber nicht nur unserem Söhnchen so.
„Einer kann lügen, mit Zweien beginnt die Wahrheit“ (Nietzsche)
Seine Antworten in der Arbeit nicht wirklich berauschend:
Dicke ist dick (1 P.), Geheimrat (1 P.)
Sanguiniker (-), aufgeregt, fröhlich, energisch, etwas oberflächlich (- - - -)
Verhalten = grenzt an Angeberei (1 P.), gutmütig, stumpf (2 P.) insgesamt
22 P. mit Beantwortung der Frage nach Text = Kurzgeschichte
Waren relativ wenig Antworten vom Söhnchen, aber da ich diese Kurzgeschichte
nicht kenne, kann ich den Antwortumfang nicht einschätzen.
Irgendwie fühle ich mich von der Pädagogik dieser Frau überfordert, ist aber
nicht zu ändern.
Ich hoffe auf Besserung.
Schöne Restwoche
S. L.
Erörtern Sie: Ergeben sich aus der letzten Mail weitere Aspekte für
eine
konkrete Beratung vor Ort?
s. auch: Charakterisierungsfalle
s. auch: Spiralcurriculum
Charakteristik