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T910321.112 TAZ Nr. 3362 Seite 16 vom 21.03.1991
Von Kraft Wetzel
Für Gerhard & Michael
Die für diese Verfilmung entscheidende Szene ereignete sich 1987
in New York. Volker Schlöndorff beschreibt sie so: "Als ich in New York
wohnte, von meiner Frau getrennt, unfähig, eine andere Liebe zu leben, also
deprimiert, an die 50 Jahre alt - da schoß es mir,
irgendwo auf der 55sten Straße, durch den
Kopf: HOMO FABER! Ich habe Max Frisch einen Brief geschrieben, und
so hat alles angefangen."
Ein deutscher Regisseur in New York, Oscar-Preisträger, aber unterbeschäftigt,
allein, "also deprimiert", dazu "an die 50 Jahre alt". Er sehnt
sich nach Erlösung: durch die unbedingte Liebe einer jungen schönen
Frau. Viele Männer nicht nur seines Alters träumen davon, manche
machen Filme daraus: Patrice Leconte drehte Die Verlobung des Monsieur Hire und Der Mann der Friseuse, Bertrand Blier Zu schön für
Dich, François Truffaut u.a. Der Mann, der die Frauen liebte.
Schlöndorff jedoch macht diesen Traum nicht direkt zu Film.
Vielleicht flößt er ihm Angst ein: Angst vor den Phantasmen,
dem Taumel des Erotischen.
Jedenfalls packt er seinen Traum nur mit Messer und Gabel an. Und
wie ein wohlerzogener Sohn benutzt er Große Literatur als Besteck: die Texte
der Väter, Werke der Weltliteratur.
In dem Roman Homo Faber findet er die passende Stelle, die Lücke, in
die er seine Phantasien zugleich einschießen lassen und sich von ihnen distanzieren
kannn. Seine Erlösungsphantasie projiziert er auf
Walter Faber, Frischs Hauptfigur. In sein Arbeitsjournal notiert er: "Als
Faber Sabeth [die junge schöne Frau; K.W.] trifft, denkt er: ,Du
bist, was ich sein wollte, als ich jung war. Was ich nie gelebt habe. Aber mit
Dir könnte ich es leben.`"
Hier spricht Schlöndorff. Für Frischs Faber war die Begegnung mit
Sabeth nur ein Ereignis in einer Kette unbegreiflicher Zufälle, die wie
Meteoriten in seinem Leben einschlagen und sein rationalistisches Weltbild
zertrümmern.
Schlöndorffs Faber dagegen ringt nicht mit dem Zufall, sondern mit
der Notwendigkeit: mit seinem eigenen Begehren. Die Staudämme, die der
Ingenieur Walter Faber in aller Welt errichtet, sind die Dämme, mit denen er
seiner Lust Herr werden will: Sam Shepard, der "lone
ranger" des gehobenen US-Films, verkörpert ihn
denn auch mit stoischer Unbeweglichkeit. Innerhalb der Konstruktion seines
Charakters funktioniert Sabeth wie ein Pfropfen in diesem inneren Damm: Er kann
nur herausgezogen werden, wenn er gleich wieder hineingesteckt wird. Denn daß seine Libido fließt, kann so ein Mann nicht aushalten.
Was seinen Körperpanzer, seine Identität aufzulösen droht, muß
er zerstören. Frisch beobachtet seinen Faber wie ein Insekt unter dem
Mikroskop. Deshalb kann er es ungerührt aussprechen: Faber wird schuldlos schuldig
am Tod Sabeths. Beim plötzlichen Anblick seines nackten Körpers erschrickt sie
so heftig, daß sie eine Böschung hinunterstürzt und sich
den Schädel bricht.
Schlöndorff dagegen identifiziert sich mit Faber. Er, der sonst
penibel auf Werktreue pocht, ändert ausgerechnet dieses entscheidende Detail:
In seinem Film stürzt Sabeth vor Schreck über den Biß
einer Schlange, lange bevor der herbeistürzende Faber sie erreicht. Indem
Schlöndorff Faber exkulpiert, verwandelt er eine tragische in eine jämmerliche
Figur: Sein Pech ist, daß er sich aus all den jungen
schönen Frauen dieser Welt ausgerechnet die eine falsche herauspickt. Hinter
der Maske des Ödipus - am Ende trägt Sam Shepard eine undurchdringliche
Sonnenbrille - verschwindet Frischs Einsicht: Für so einen Mann ist jede Frau
die falsche. Schlöndorff will das nicht sehen: Das einzige Pressefoto, das der
Verleih bei der Pressevorführung verteilen ließ, zeigt Sam Shepard, dem Julie Delpy, die Darstellerin der Sabeth, von hinten die Augen
zuhält. Wovor hat ein Mann "an die 50 Jahre alt" Angst, wenn er mit
einer jungen schönen Frau ins Bett geht?
Diese Angst zu versagen überlagert Schlöndorff mit einer anderen,
mit der er umzugehen gelernt hat, der er vielleicht seine Produktivität
verdankt: die Angst, vor den Vätern zu versagen. Bei jeder seiner
Literaturverfilmungen setzte er sich, berichtet er im Presseheft, unter einen
"wahnsinnigen Druck": "Immer frage ich mich: Bin ich auf der
Höhe des Romans? Eine Literaturverfilmung ist ein bißchen
so, als würde man noch mal Abitur machen. Jeder Kritiker, jeder Zuschauer kann
ja hinterher vergleichen. Eine richtige Examenssituation ist das." Die
Mäntel der Väter, die er sich umlegt mit einem Stoff der Weltliteratur, könnten
zu groß sein für ihn, er könnte lächerlich darin wirken. Diese Angst kann ihm
nur einer nehmen: der Autor. Als er sich zur Verfilmung von Homo Faber entschließt,
schreibt er als erstes einen Brief an Max Frisch; ein anderer Regisseur hätte
seinen Agenten angerufen, damit sich der um die Verfilmungsrechte kümmert. Ihm
bringt er denn auch den fertigen Film ins Haus, auf daß
der ihn billige: jeder Schlöndorff-Film eine Fleißarbeit für Vater. Doch der
alte Herr stellte das ersehnte Zeugnis - "Und es ist gelungen!" - nur
"mit ebensoviel Ironie wie Würde" aus, wie das Presseheft
verzeichnet.
Den um Anerkennung buhlenden Gast wies Frisch sanft darauf hin, daß ihm beim Schreiben des Romans andere Aspekte als die
Faber/Sabeth-Affäre wichtig waren, und er sprach die feste "Meinung"
an, mit der Schlöndorff sich der Vorlage bemächtigt habe. Schlöndorff reagierte
unwirsch: "Ich meine gar nichts. Ich bin Handwerker. Ich klebe ein Stück
Film zusammen. Und dann ergibt sich Sinn. Viel hat sich so hergestellt, und ich
habe gesagt: Gut, das bleibt so." Ich weiß nicht, was ich tue, aber ich
kann's: das ist das Credo des Homo Faber.