Knut
Hickethier: Einstellungsverknüpfungen, Montage
Das
Filmische liegt vor allem in der Montage, so ist eine in der filmtheoretischen
Diskussion vielfach geäußerte Auffassung, und in der Tat wird erst durch die
Möglichkeit der Verknüpfung von Einstellungen der Film zu einem erzählenden
Medium. Dabei ist entscheidend, da3 es sich bei der Verbindung von
Einstellungen nicht nur um eine einfache Bedeutungsakkumulation handelt,
sondern daß aus der Kombination mehrerer
Einstellungen etwas Neues entsteht, was in den einzelnen Einstellungen selbst
nicht vorhanden ist. In "Moritz, lieber Moritz" zeigt eine
Einstellung den Jungen Moritz, wie er durch Blätter lugt. Schnitt. Ein Fenster
ist zu sehen, hinter dem eine Witwe mit einem
Leichenbestatter verhandelt Schnitt. Moritz, wieder durch Blätter schauend. Als
Zuschauer wissen wir, Moritz beobachtet das Gespräch aus seinem Versteck
heraus—aber gesehen haben wir den Zusammenhang nicht, die Verbindung zwischen
den Einstellungen haben wir in unserem Kopf so vollzogen.
Auf
dieses produktive Moment der Montage sind Filmemacher und Theoretiker bereits
früh gestoßen. Eisenstein hat darauf das Prinzip der Kontrastmontage aufgebaut, bei der aus dem Zusammenprall zweier,
voneinander unabhängiger Einstellungen ein neuer Gedanke, eine neue Bedeutung
im Kopf des Zuschauers entsteht. Die Konfrontation, das harte
Aufeinandertreffen soll dem Zuschauer die Montage als Bedeutung erzeugenden
Vorgang bewußt machen. Dagegen hat vor allem das
Hollywood‑Kino dann den "unsichtbaren
Schnitt" gesetzt, bei dem die Montage durch Übergangseinstellungen
abgemildert, verschleiert wird. Der Zuschauer soll gleitend, fast unmerklich
ins Geschehen gezogen werden, die Illusion darf ihre Materialität nicht
sichtbar machen, muß auch widerspruchsfrei bleiben.
Und auch die heutigen Film‑ und Fernsehproduktionen werden noch ganz
wesentlich von solchen moderaten Schnittformen geprägt.
Einstellungen
verbinden sich im Film zu größeren Einheiten, die in der Filmanalyse Sequenzen genannt werden. Eine solche
Einheit definiert sich durch einen konsistenten Handlungsbogen, durch das
"Zusammengehören" der Einstellungen. Das ist vage und in
Unterhaltungsfilmen ist der Sequenzwechsel häufig mit einem Ortswechsel oder
auch mit Figurenwechsel verbunden, Bedingung ist dies jedoch nicht. Einziges
Kriterium ist die Zusammengehörigkeit
der Einstellungen. (Möller 1979, 70)
Christian
Metz hat für die verschiedenen Sequenzformen (er spricht von Syntagmen), die
sich durch die unterschiedliche Art der Verbindung von Einstellungen
unterscheiden, ein System entwickelt, das in der Filmanalyse große Beachtung
gefunden hat (Metz, 1972, 165 ff.), das aber in der letzten Zeit von
linguistischer Seite einer Kritik unterzogen wurde. (Möller 1979)
Für
die filmanalytische Praxis ist vor allem die Unterscheidung zwischen der
chronologischen und der chronologischen Verknüpfung
von Bedeutung. Bei der chronologischen wird das zeitliche Nacheinander der
Handlungsabfolge eingehalten, wobei die im Film "erzählte" Zeit durch
Auslassungen unterschiedlich komprimiert werden kann. Von der Szene, bei der die Erzählzeit mit der
erzählten Zeit identisch ist, über die gewöhnliche
Sequenz, bei der Auslassungen des nicht Bedeutsamen die Darstellung bereits
komprimieren, bis zur Sequenz in
Episoden, in der große Zeitsprünge enthalten sind, vergrößert sich die Auslassung.
Umgekehrt kann der Film Zeit dehnen. In der Parallelmontage, bei der an
verschiedenen Orten stattfindende Handlungsstränge durch abwechselndes Zeigen
als gleichzeitig stattfinden vorgeführt werden, kann auf diese Weise ein kurzer
Zeitablauf verdoppelt werden. Nicht zufällig wird vor allem die Parallelmontage zur Spannungserzeugung
eingesetzt.
Der
Film kann aber auch achronologisch
erzählen, wenngleich dies meist nur in Ausnahmen erfolgt. Am häufigsten ist die
Verwendung von Rückblenden, aber auch assoziative
Montagen von Einstellungen, die verschiedene Zeitebenen im Film darstellen,
sind möglich.
Erzählstruktur, Handlungsdramaturgie
Die
Montagekategorien weisen bereits deutliche Analogien zu Begriffen der
Textanalyse auf: zum einen zur Erzählanalyse, zum anderen zur Dramenanalyse
bzw. ihrem theaterwissenschaftlichen Pendant, der Aufführungs‑ bzw.
Inszenierungsanalyse. Mit dem neuerlich verstärkten Bemühen der Erzählforschung
wird auch der narrativen Struktur des Films verstärkte Aufmerksamkeit
geschenkt, werden doch im Film wie in der Erzählprosa Geschichten erzählt und
lassen sich auch im Film "Bauformen des Erzählens" finden. So ist z.
B. die Position und Strategie des Erzählers (im Film ist dies vor
allem die Kamera) analysierbar, lassen sich View‑point‑Techniken, Erzählphasen, Rückwendungen und Vorausdeutungen, schließlich auch rhetorische Figuren untersuchen.
Ebenso
kann auch das Instrumentarium der Dramenanalyse sinngemäß auf den Film
übertragen werden. Die Konstellation der
Figuren mit ihrer unterschiedlichen, häufig entgegengesetzten
Rollenausstattung, der Verteilung von
Haupt- und Nebenfiguren sowie die
Frage der Schauspielerbesetzung (mit den
spezifischen mimischen und gestischen Ausdrucksformen) sind wesentliche
Aspekte, weiter der Handlungsaufbau,
der gerade in Unterhaltungsfilmen häufig einem traditionellen Dramenschema
folgt.
Für
die filmanalytische Praxis von großer Bedeutung ist häufig der Filmanfang, weil
hier der Zuschauer in das Filmgeschehen hineingezogen werden muß, und in einer solchen Exposition eine Vielzahl unterschiedlicher filmästhetischer Mittel
untersucht werden kann, ohne daß es dazu der Kenntnis
des ganzen Films bedarf. Neben der Exposition ist der Konfliktaufbau von Bedeutung, sind es die Wendepunkte des Handlungsverlaufs, Retardierungen, Scheinlösungen, schließlich
auch die Fragen des Schlusses, Happy
end, tragischer Ausgang oder offenes Ende.
Im
Inszenierungsbegriff gehen eine
Vielzahl, an verschiedenen anderen Punkten bereits erwähnte Aspekte ein: von
der schauspielerischen Darstellung über den Zusammenhang der geschaffenen
Umgebung, das Ambiente der Figuren, den Requisiten bis hin zu der Frage, wie
sich eine Geschichte entfaltet, welchen Rhythmus
der Film entwickelt. Gerade im stimmigen Zusammenbringen der verschiedenen
Faktoren liegt ja die zentrale Leistung der Regie.
Die
Vielzahl der Kategorien soll nun nicht abschrecken, sondern zur Entwicklung
eigener Herangehensweisen ermutigen. Wichtig ist, das soll am Schluß noch einmal wiederholt sein, daß
man bei jeder Filmanalyse vorab weiß, was man untersuchen will, worin das
Erkenntnisinteresse liegt, und daß man sich dann
gezielt der dazu notwendigen filmanalytischen Begriffe bedient. Denn in solchen
Kategorien steckt die Gefahr, daß sie sich verselbständigen
und man glaubt, man habe bereits eine Analyse durchgeführt, wenn man nur den
Film mit solchen Kategorien genau beschrieben hat. Doch eine solche
Beschreibung ist nur eine Vorstufe, ist Material, weil erst die Funktion, die
solche Mittel übernehmen, erst die damit erzeugte Bedeutung herausgearbeitet
werden muß.
[Knut
Hickethier: Begriffe der Film- und Fernsehanalyse.
In: PD 57/1983, 23]
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1. Was ist Montage ? (Def.)
Vorweg:
Es ist keine filmtheoretische Unterscheidung nötig und vorhanden zwischen
fiktionalen und nichtfiktionalen Filmen.
Vorweg
II: Der Begriff Montage wird im weiteren als
Überbegriff verwendet. Weiter Begriffe die eher den handwerklichen Aspekt
betonen sind: cutting, editing,
Schnitt.
Montage
ist im Gegensatz zu anderen Medien ein sehr filmisches Ausdrucksmittel. Sie
findet ihr Äquivalent bestenfalls in der Parallelhandlung der Literatur oder in
dem mit dem Bühnendekorwechsel verbundenen Zeit- und Ortswechsel im
Theaterstück.
Montage
schafft die Verbindungen zwischen Einstellungen, Szenen und Sequenzen.
Rein
Handwerklich setzt die Montage die zuvor belichteten Filmstreifen/Videobänder
zu einem in sich geschlossenen Film zusammen. Sie hat die Aufgabe die filmische
Zeit (was heißt fast immer Realzeit verkürzen) und den filmischen Raum zu
organisieren. Sie schafft die inhaltliche und/oder zeitliche Kontinuität des
Films (Hier liegt die verantwortungsvolle Aufgabe des Scriptgirls/boys). Die Montage ist das Organisationsprinzip des
Films; räumlich, zeitlich, grafisch und rhythmisch. Montage bezeichnet
vorrangig die sukzessive Abfolge der Filmeinheiten. Die Verbindung von Bild und
Ton, auch Tonmontage, ist bei den folgenden Beschreibungen nicht mitbenannt.
Ein
Schnitt kann sein: weich(Überblendung), harter Schnitt, Aus- und Einblendung
(meist auf schwarz), Trickblende (Verlaufen des Bildes und ähnliche.
Spielereien), Zwischentitel, Schärfen rein-raus/Reißschwenk.
Es
ist auch ein Film ohne Schnitt mgl..
Man spricht dann von einer Plansequenz. Es kann wohlgleich eine sogenannte Binnenmontage mit Schwenks, Fahrten und
Schärfenverlagerungen vorliegen (Bsp.: Hitchcock. Cocktail für eine Leiche,
Warhol: Empire State Building).
2. Montagetheorien
Zwei Richtungen des
Schnitts/ der Montage
Es
gibt verschiedene Möglichkeiten hier zu differenzieren. Eine Möglichkeit ist
die eher beschreibende Kategorisierung. Diese sind zwar nicht alle im Kopf zu
behalten, sie umschreiben aber relativ gut Montagefiguren, wie z.B.
Kontrastmontage, Parallelmontage oder pathetische Montage.
üblich:(auch:Monaco) Unterscheidung zwei große Richtungen des
Schnitts/der Montage:
Hollywood-Schnitt/klassischer Schnitt/ continuity editing/ mise-en-scene und Montage/
Formalismus
Erster
soll eine filmische Illusion herstellen, hierfür ist in räumliche und zeitliche
Kontinuität zentral. Der Schnitt soll unsichtbar sein. Zweiterer
nutzt den Schnitts als formales Prinzip. Mit dem
Schnitt soll etwas Neues geschaffen werden (ähnlich.:
kontrapunktischer Ton).Es gibt hierzu keine Regeln.
Grundprinzipien:
Hollywood-Schnitt/continuity editing
unsichtbarer
Schnitt > soll filmische Illusion herstellen, hierfür ist continuity zentral.
Montage/Formalismus
Experimenteller:
Nutzen des Schnitts als formales Prinzip um Neues zu schaffen (ähnlich.:
kontrapunktisch) Inhaltliche Orientierung.Verschiedene
Formen und Prinzipien. Nicht so ohne weiteres zu klassifizieren >>
phantasievoller.
Vier Funktionen von Montage (nach Bordwell/Thompson)
B./T.
unterteilen die Möglichkeiten der Montage in zeitliche, räumliche (Raum&Zeit), grafische und rhythmische
Beziehungen. Ähnlich wie Monaco unterscheiden sie zwischen dem am
Raum-Zeit-Kontinuum orientiertem Schnitt, bei ihnen continuity
editing und alternatives to continuity editing. Dem continuity editing weisen sie
bestimmte Gesetze zu.
Die
von ihnen aufgestellten Kategorisierungen geben Kriterien für die praktische
Arbeit beim Filmschnitt.
Räumliche
Beziehungen:
Im
Raum kann hin und her gesprungen werden. Wir sind nicht mehr wie im Theater an
einen Schauplatz gebunden. Wir können also den einen Moment in N.Y. sein und im
nächsten in Hannover.
Um
die filmische Illusion aufrecht zu erhalten, muß aber
penibel darauf geachtet werden, das der filmische Raum
in sich schlüssig bleibt. (Bsp. Schöpferische Geographie/Kuleshov-Experimente)
Regeln
für continuity editing
▪ establishing shot > cut-in Schuß- Gegenschuß
▪ Blickrichtungen wahren (eyeline)
▪ 180 Grad -Prinzip
Da
das 180 Grad -Prinzip zentral ist für den normalen Film, sei es hier
noch einmal bildlich dargestellt. Wichtig ist bei diesem Prinzip immer auf
einer Seite (wie beim Theater-Publikum-Verhältnis) des Geschehens zu bleiben.
Zeitliche
Beziehungen:
Im
Film gibt es mehr als in anderen Medien die Möglichkeit diese zu beeinflussen.
Es gibt einige künstlerische Ausdrucksmittel, die man als filmisch
bezeichnet, weil sie insbesondere im Film (weiter-)entwickelt wurden.
▪
jump cut "Zeitsparen"
▪
Blende
(Ab-/Aufblende) symbolisiert Zeitvergehen
▪
Überblendung
verbindet
▪
Rückblende meist:
Erinnerung, (Bsp.:"es war einmal in
Amerika")
▪
Zeitraffer
belebt, vergeistigt
▪
Zeitlupe lähmt, verstofflicht, dramatisiert
▪
Einstellungslänge
wirken beruhigend oder hektisch
▪
"Zwischenbild"
kann Zeitvergehen symbolisieren
Rhythmische
Beziehungen
basieren insbesondere auf den Einstellungslängen......
Grafische
Beziehung
bestehen insbesondere bei der Verbindung A-B.
weitere
filmische Codes
Sie
sind nie völlig unabhängige Variablen, sondern stehen oft mit der Montage als
zentralem Organisationsprinzips in direktem Zusammenhang. Ihre Gewichtung bei
der Analyse von Montage ist jedoch sehr abhängig vom jeweiligen Film.
Zumindest
zu nennen sind hier:
▪ Bildaufbau/Komposition (statisch, dynamisch...)
▪ Achsenverhältnisse (rechtwinklig, spitzwinklig,
Achsendeckung, Achsensprung)
▪ Beleuchtung (Qualität, Richtung, Quelle, Tönung, Stil:
low key-high key)
▪ Objektbewegung
▪ Schauspiel ( Mimik, Gestik, Aktion, Besetzung,
Stilisierung)
▪ Set/Ausstattung/Architektur ( Orte/Bauten, Dekoration,
Kostüme/Make-up)
▪ Grafik/Schrift im Film (Unter-/Zwischentitel,
Zeichen/Schilder )
▪ Filmmaterial (SW/Farbe, Körnung bzw. Video)
▪ Kameraoptik (Brennweiten, Schärfentiefe: flache oder
tiefe)
▪ Bildformat (FS oder Cinemascope)
▪ Manipulation (induzierte Bewegung, Reizwechsel)
▪ ErzählerInnenperspektive (allwissender, beteiligter...)
▪ Dramaturgie (Spannungsaufbau >
Informationsweitergabe an den Zuschauer)
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