DIE
ZEIT 1997 Nr. 39
"Der Computer ist nur Knecht. Er darf nicht zum
Schulmeister werden."
Lernen in der
Medienwelt - die Position des Pädagogen Hartmut von Hentig
Hartmut von Hentig
Warum ist es
pädagogisch sinnvoll, trotz mangelnder Konzepte die Computer jetzt schon in
großem Maßstab in den Schulunterricht zu bringen?"
Diese Bundesminister
Rüttgers von der ZEIT gestellte Frage kommt mir wie eine tückische Falle vor.
Warum etwas "pädagogisch sinnvoll" ist, kann er doch nur sagen, wenn
beide, er und der Leser, wissen, was pädagogisch sinnvoll ist! Und darf er
nicht erst einmal erklären, warum er es überhaupt für notwendig hält, Computer
in die Schule zu bringen - auch ohne die peinlichen Bedingungen: subito (was bei der natürlichen Langsamkeit des
Bildungswesens nie so recht überzeugt), in "großem Maßstab" (10 000
Schulen werden in drei Jahren angeschlossen, was für die Elektronikwirtschaft
Peanuts sind und pädagogisch eine Hochstapelei ist), ohne ein rechtes Konzept
(was man sonst nur seinen Gegnern unterstellt, um sie verächtlich zu machen)? Muß er da nicht auf die Nase fallen?
Es ist also nicht
nur verständlich, es ist gut für die Kontroverse, daß
er sich nicht hat einengen lassen, daß er beherzt
weit ausgreift, es ist gut, denn damit offenbart er, wie er sich den
Widerstand, die Gegnerschaft zu seinem Programm vorstellt, und was ihm zur
Sache alles nicht in den Sinn kommt, was ihm auch nur zu fragen entbehrlich
scheint.
So sehr es mich
lockt, meine eigenen Vorstellungen vom Wandel in unserer Welt, vom Auftrag der
Schule und von der Verwendung der Medien in ihr danebenzustellen;
auf dem begrenzten Raum beschränke ich mich auf das, worüber gestritten werden muß: unsere Bewertung des Wandels und unsere pädagogischen
Möglichkeiten, auf ihn zu antworten.
Also erstens:
Sehen wir die Neuen Medien und die durch sie machtvoll geförderten Tätigkeiten
und Einstellungen als dienstbare Mittel zum Zweck oder als ein unaufhaltsames
Kulturereignis, am Ende ein Kulturmerkmal (dem man zum Opfer fällt, wenn man
sich ihm nicht anbequemt)? Und zweitens: Kann die Pädagogik, wenn sie die Neuen
Medien auch zu ihren Mitteln macht, zugleich zur Freiheit gegenüber diesen
Mitteln erziehen und wenn ja, wie erreicht sie dieses Kunststück? Kann es
genügen zu sagen: durch eine sogenannte
Medienkompetenz? Muß man nicht auch sagen, worin die
besteht und wie man sie erlangt? Und kann das ohne begründete Vorstellung, also
"ohne Konzept" überhaupt geschehen?
Ungern wird sich
nun Jürgen Rüttgers anhängen lassen, er kapituliere vor den Verhältnissen. Er
dürfte sagen: Die Neuen Medien sind nicht Schicksal, sondern von den Menschen
aus guten Gründen gewollt. Ich bin überzeugt, daß
alle positiven Erwartungen sich nur erfüllen, wenn wir gleichzeitig die
Probleme sehen und benennen, die die Neuen Medien uns bringen - und auch für
sie Sorge tragen. Nehmen wir die drei geläufigsten Preisungen:
Der Einbruch der
"Wissensgesellschaft". Wissen hat den Homo sapiens ausgezeichnet,
seit es ihn gibt, und immer hat er es zu nutzen, weiterzugeben, zu verbessern,
auszubauen verstanden: als Ergebnis ständiger Auswahl, klügerer Ordnung, eingehenderen Verstehens, also durch Aneignung und
Integration in den Köpfen der Menschen. Wenn uns nun das Wissen
("inflationär") über den Kopf wächst, dann ist das eine Folge der
durch die Elektronengehirne genährten Vorstellung, Wissen sei schon Wissen, wenn
einer es als solches in einen "Speicher" eingäbe; dann könne man es
sich dort abholen, wenn man es brauche.
Wer im Internet
unter "Schule ans Netz" das Stichwort "Medienkompetenz",
wie es Rüttgers formuliert, aufsucht, der wird sein graues Wunder erleben:
tabellenförmiges Chaos, ein jeder Sachlogik spottendes Menü mit mehrfachen
Untermenüs, deren Bezeichnungen so vage sind, daß man
sie alle durchprobieren muß, um herauszufinden, daß das Gesuchte hier jedenfalls nicht steckt. Kein Verlag
gäbe dem in erbärmlicher Sprache verfaßten Text mehr
als fünf Minuten Aufmerksamkeit. Von verschiedenen Autoren geschrieben,
unkoordiniert aneinandergereiht, von niemandem gezeichnet und an niemanden
gerichtet, durch die Nutzung von Icons, Kästen, Spiegelstrichen in eine imponierende
Scheingliederung gebracht. Diese Art von Textherstellung verführt zu
Hochstapelei, Oberflächlichkeit, ertötender Redundanz, zu
Verantwortungslosigkeit. Je mehr wir wissen, um so mehr müssen wir denken. Und
nicht in der Hoffnung auf big brother
in den Computer eingeben, was das Zeug hält. Denken aber - wie lernt man das?
Eine andere
Preisung: Die Förderung der Kommunikation. Diese ist für viele Menschen ein
Teil ihrer Berufstätigkeit: Man bespricht eine Sache mit einem Partner, und die
Elektronik erleichtert es ihnen. Für viele andere wird die Förderung der
Kommunikation durch die gleiche Technik zur Plage, gegen welche sie sich
beispielsweise durch die subtilen Lügen ihres Anrufbeantworters zu schützen
trachten; für viele andere Menschen wiederum ist sie eine Weise, eine einsame
Leere mit geteilter Leere auszufüllen. Ist das die erstrebte
"Kommunikationsgesellschaft"?
Die Kids am
Internet kommunizieren mit Kids am Internet über das Kommunizieren am Internet.
Im Modellversuch, welchen Minister Rüttgers fördert, produzieren sie am
laufenden Band Homepages, aktualisieren diese ständig. Und die Kids freuen
sich, daß ihre elektronischen Seiten "weltweit
von jedermann betrachtet werden" können - Selbstdarstellung an sich. Gibt
es in Deutschland keine Nachbarn mehr?
Wenn Telekom-Chef
Ron Sommer Schulen ans Netz zu bringen hilft, dann kann ich das verstehen: Er
verkauft einen Lebensstil, zu dem dieses Kommunizieren um seiner selbst willen
gehört. Aber daß der Bundesminister für Bildung dies
fördert, mißhagt mir. Er müßte,
bitte, genauer hinsehen, was da in seinem Auftrag und mit unserem Geld
geschieht.
Schließlich: Die
Demokratie könnte vom Internet profitieren - aufgrund der Möglichkeit direkter
Anfrage und Entgegnung, was man Interaktivität nennt. Aber auch hier
"killt" das Mittel seine eigene Wirkungsmöglichkeit. Noch haben erst
2,5 Millionen Deutsche einen Zugang zum Internet, und schon wird das
Konrad-Adenauer-Haus monatlich von 350 000 elektronischen "Besuchern"
heimgesucht. Wer beantwortet deren Fragen? Wer nimmt ihre Anregungen auf? Wer
kann sich auf die Person und die Lage der sich solchermaßen Beteiligenden
einlassen?
Am Ende wird man
die elektronische Bürgersprechstunde wohl dem Computer übertragen; man wird bei
dem alten amerikanischen Psychoanalytiker-Witz enden: Der Arzt trifft seinen
Patienten auf der Straße in eben der Stunde, zu dem die Analyse vereinbart war.
"Alles in Ordnung, Doktor", beruhigt der Patient. "My talking
machine is talking to your talking machine!"
Mit anderen
Worten: Eine so große, nicht steuerbare Veränderung wie die, die uns mit den
Neuen Medien ins Haus steht, "betreibt" man nicht, man wartet sie
aufmerksam und aufgeschlossen ab und denkt aus diesem Anlaß
über die eigene Vorstellung vom guten Leben nach. Man macht sich ein "Konzept"
- man "schmeißt sich nicht ran".
Für
Bundesminister Rüttgers freilich sind solche Sätze nur Fluchtbewegungen (Schule
als "Refugium") eines "kulturkritischen Bußpredigers". Und
wenn etwas an dessen Zweifeln dran ist: Eben dazu soll es ja "Medienkompetenz"
geben.
Worin die
besteht, sagt der Minister nicht ausdrücklich. Er empfiehlt statt
dessen dem interessierten Leser, sich unter dem Stichwort
"Medienkompetenz" durch den "Schulen-ans-Netz-Server"
im Internet diese Kunst selbst anzueignen. Was wir eben schon versucht haben!
Ach, täte es der Minister doch auch! Er träfe auf eine Liste von Sendungen, die
im weiteren Umkreis des Themas in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten
gelaufen sind. Ein "Grundkurs" im Südwestfunk bietet - da ist sie
endlich! - auch eine Sendung über "Medienkompetenz". Aber um zu
erfahren, was es mit der auf sich hat, müßte man die
Sendung am 14. Juli 1997 eingeschaltet und aufgezeichnet haben.
Die typischen
Verben der "Vorschau" verheißen pädagogisches Blabla: Dies rege zur
Diskussion an und ermögliche, das Medienverhalten der Schüler zu thematisieren,
Funktionen wie Teleworking, Audio- und
Videokonferenzen übers Internet als Werkzeuge für netzbasierende
Zusammenarbeit zu erlernen und zu nutzen, differenziert Stellung zu nehmen, das
Gesehene vor- und nachzuarbeiten und so fort. Und das alles in winziger
Schrift, die auch auf dem hochauflösenden
20-Zoll-Bildschirm nicht lesbar ist, es erst durch den Ausdruck wird. Warum
also nicht gleich drucken?
Läßt man sich, von alldem entnervt, gegen eine Gebühr von
fünf Mark von der Bund-Länder-Kommission das Heft 44
"Orientierungsrahmen" für die Medienerziehung in der Schule schicken,
bekommt man einen ordentlichen Text von freilich hoher Abstraktion und
Allgemeinheit. Die Autoren empfehlen: langfristige Planung, ein
"integratives" Konzept, eine Schule, die sich nicht als bloße
Unterrichtsanstalt, sondern als Lebens- und Erfahrungsraum versteht. Man sieht,
warum der Minister darauf nicht warten will.
In der Praxis
freilich hat die Pädagogisierung und die Didaktisierung längst voll eingesetzt,
das "Konzept" des Machbaren anstelle des Benötigten oder Gemeinten.
Die Lehrer aus dem Schule-ans-Netz-Projekt berichten,
wie sie "Lernprozesse optimieren und effektivieren";
sie stellen Begriffs-, Aufgaben-, Mittelkataloge und Systeme auf; sie werden
bald den alten Unterricht durch den neuen "Austausch von E-Mail",
durch Meinungsbörsen und Newsgroups ersetzen und mit
Schulen in Hoboken oder Sidney
"in direkten Kontakt" treten. Wie der Minister sagt: "Die Medienwelt
entwickelt sich zu einer eigenen Erziehungs- und Bildungswelt." Aber das
ist ganz gegen den öffentlichen Auftrag der Schule; es antwortet gerade nicht
auf die öffentlichen Klagen, die auch Jürgen Rüttgers aufführt; es macht keinen
Schüler tüchtiger für unsere schwierige Welt.
Hier die Skizze
eines Gegenkonzepts für den Einsatz des Computers in der Schule: Alle Lehrer
lernen in ihrer akademischen und praktischen Ausbildung mit dem Computer und
dem Internet zu arbeiten, weil der Minister recht hat, daß
die Schule kein "Hort" ist, der die Schüler gegen die böse
Wirklichkeit abschirmt und weil Abstinenz aus Angst das schlechteste Motiv für
den Nichtumgang mit dem Computer ist. Den Schülern gibt die Schule einen
reichen Vorrat an geistigen und sinnlichen Primärerfahrungen.
Sie führt die neuen mediengebundenen Kulturtechniken dann ein, wenn diese bei
der Lösung eines gegebenen Problems Hilfe versprechen, wie sie eigentlich auch
die anderen Kulturtechniken nur in dieser Funktion und nicht "an
sich" lehren sollte. Nachdem die Schüler schreiben und rechnen gelernt
haben und verstehen, wie das zugeht, kann der Computer - im vierten oder
fünften Schuljahr - als "Textverarbeitungsgerät" eingeführt werden:
Etwa in der gleichen Zeit wird auch der Taschenrechner benutzt, um die Schüler
von den untergeordneten Rechnungen zu entlasten.
Über die Medien,
ihre Machart und Wirkung zu reden, geben die Kinder täglich Anlaß;
der mit diesen Techniken vertraute Lehrer wird verständig darauf eingehen: daß er die Apparate im geeigneten Fall aufsucht (im
Medienraum) und an ihnen veranschaulicht, worum es geht, ist pädagogisch
selbstverständlich.
Im Sachunterricht
legt man Wert auf alles, was hilft, Probleme zu erkennen, sich Gedanken über
die Lösungen und ihr Zustandekommen zu machen; das ist die beste, die
eigentliche Vorbereitung auf den Computer: Der junge Mensch lernt diesen und
die Kommunikations- und Informationssysteme für seine Zwecke dienstbar
einzusetzen. Wer keine Probleme hat oder seine Probleme nicht versteht, kann den
Knecht Computer nicht für sich arbeiten lassen, der bedient diesen nur.
Der Computer wird
also erst in den oberen Klassen als problem solver eingeführt, nachdem man selber zum problem raiser geworden ist. Die
Bedienungskompetenz erwerben Schüler innerhalb von zwei Wochen (Lehrer brauchen
etwas länger): Die Einübung sollte nahe am Gegenstand und am Zeitpunkt der
Anwendung geschehen - das jeweils letzte Schuljahr genügt dafür.
In der
Grundschule beginnen heißt nicht nur Zeit verschwenden, an Geräten und Systemen
lernen, die in wenigen Jahren gar nicht mehr vorhanden sind - es heißt immer
auch: schon das Kind auf den Computer konditionieren. Daß
man unbedingt zehn oder dreizehn Schuljahre brauche, um unbefangen mit der
Medienwelt umzugehen, widerlegen die von Rüttgers angeführten Nintendo-Kids, die ohne Anleitung "kleine
Computer-Experten" geworden sind.
Die Schule dient
nie nur der Einübung in die Gegebenheiten und Gesetze der Welt, sondern stärkt
immer auch die Wahrnehmung, daß der Mensch der Herr
über seine Geschöpfe ist. Das macht - nicht zum geringsten Teil - seine Würde
aus.
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