Medienkritik - Beispiel: ikonographische Strategien zu "Krieg"
Untersuchungsaspekte für Printmedien und Fernsehen in der Sekundarstufe II
Unterrichtsplanung:
Ermitteln Sie aus den Materialien zentrale kategoriale Aussagen zur Funktion von Bildern sowie zur Rolle der Urheber der Bilder.
Klären Sie das Verhältnis von Bild und Realität und überlegen Sie die Transferierbarkeit der Erkenntnisse auf andere Lebenszusammenhänge als "Krieg".
Leiten Sie aus den Materialien didaktische Schwerpunkte für die Behandlung im Unterricht ab.
Integrieren Sie die problemorientierte Arbeit, den Umgang mit Sachtexten und die Sprachreflexion in einem Vorhaben zum Thema.
Bezüge: Sachtexte - Sprachreflexion - Medien
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Ralf
Hanselle
WEGGEZOOMT
- Warum das Kriegsbild sein Sujet aus den
Augen verlor
Es ist schon länger
her, da war der Krieg ein Augenschmaus. Auf Schlachtengemälden wie denen
Albrecht Altdorfers oder Peter Paul Rubens wurde er zur ästhetischen
Weltenlandschaft aufgeblasen. Begibt man sich etwa in Münchens Alter Pinakothek
vor Altdorfers berühmter Alexanderschlacht [s.u.], dann wird der Strudel des Gefechts
für den Betrachter beinahe physisch erlebbar. Aus der Totalen schaut man in den
Taumel des Krieges, als wäre man nicht mehr Museumsbesucher, sondern der
Imperator selber. Ungerührt blickt man auf die Soldateska hinab, die erst im
Massenpanzer überhaupt wahrnehmbar wird. Der Einzelne ist hier nicht mehr als
ein paar Farbkleckse - Zierrat in der Darstellung historischer Weltminuten und
Requisit in einer Geschichte großer Männer.
Bevor die Kunst den Realismus erfand, war Kriegsvermittlung noch ein
Kinderspiel. Schließlich ging es nicht um Wahrheit, sondern schlicht um das
Wesen historischer Notwendigkeiten. Da konnte auch schon einmal auf breiter
Front gestorben werden - vom Standpunkt des Feldherrnhügels lassen die Punkte
im Getümmel kalt. "Der hohe Blick des Feldherrn erblickt die Dinge unberührt
von der Ausstrahlung des Schmerzes und der Leidenschaft", schrieb Ernst Jünger
noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Entfernung scheint die
Voraussetzung der Herrschaft zu sein. Auf den Kriegsbildern, die zumeist von
Monarchen und Militärs in Auftrag gegeben wurden, konnte die Perspektive nicht
großräumig genug und das Geschehen nicht weitläufiger sein. Die Masse als
moralische Größe wandelte sich so in einen hübsch anzuschauenden Gegenstand.
Vermutlich hätte die Administration Bush heute weniger Probleme, der Öffentlichkeit
einen Krieg schmackhaft zu machen, hätte sich daran seither nicht einiges geändert.
Mit dem bürgerlichen Zeitalter geriet die Schlachtenmalerei in ein Dilemma. Der
Krieg von oben war nicht mehr en vogue. Auf den Druckgraphiken Goyas oder Alfred
Rethels wurde mit einem Mal in die Zentralperspektive gewechselt. Und das
Ergebnis dieses Blickwechsels zeigt bis heute nachhaltig Wirkung. Das Kriegsbild
wandelte sich zu einer Schau der zerbrochenen Leiber. Wer sich Goyas Serie Desastres
de la guerre anschaut, der bekommt einen ersten Geschmack davon, wie das
Gemetzel wirklich ausschauen könnte. Hier gibt es keine geschichtstheologische
Symbolik mehr, sondern himmelschreienden Realismus.
Als wäre die Revolution des Blickes aber noch nicht genug, kündigte sich zur
gleichen Zeit noch ein epochaler Medienwechsel an. Mit der Erfindung der
Fotografie, musste die Kriegsvermittlung völlig neu überdacht werden. Nicht
erst die Luftkriege des 20. Jahrhunderts ließen den Begriff
"Heimatfront" als sensible Größe in den militärischen Planungen
auftauchen, sondern die technische Möglichkeit, den Krieg authentisch zu
reproduzieren. Wo sich Kriegszone und privater Raum medial ineinander schieben
lassen, steht die Schlachtenvermittlung vor neuen Herausforderungen. Mit der
Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt die Stunde der Propagandisten.
Die ästhetischen Größen, mit denen sich noch heute die politischen Öffentlichkeitsarbeiter
herumschlagen müssen, sind somit hinlänglich eingeführt. Das Spiel um die
Wahrheit kann beginnen. Schaut man näher in die Geschichte der
Kriegsfotografie, so fällt auf, dass die kleinen Tricksereien bis heute
eigentlich die gleichen geblieben sind. Der erste wirkliche Kriegsfotograf,
Roger Fenton, ließ sich für seine Aufnahmen vom Krimkrieg von der britischen
Regierung bezahlen. Da diese ein handfestes Interesse daran hatte, die
festgefahrenen Gefechte mit der russischen Armee in einem besseren Licht
erscheinen zu lassen, zeigten seine Bilder den Krieg als Picknick. Unter Rücksichtnahme
des viktorianischen Chics, ließ er Grauen und Tote einfach jenseits der Ränder
der Belichtungszone liegen.
Fenton nimmt somit eine simple Methode vorweg, die im modernen Medienkrieg erst
in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wieder entdeckt werden sollte. Er
zeigt den Krieg als Auslassung oder nimmt ihn, wie Jean Baudrillard es für den
Falklandkrieg und den ersten Golfkrieg formulierte, als "nicht
stattgefunden" auf. Für die sich gerade erst herausbildende
Mediengesellschaft ein einmaliger Coup. Schließlich war das Vertrauen in die
Wahrheit technischer Bilder noch ungetrübt. Die Glaubwürdigkeitskrise der
Fotografie sollte erst viel später einsetzen. Noch galt, dass das scharfe
Oberflächenbild der Fotografie nur allzu gut den Bedürfnissen der vom
Positivismus gezeichneten Gesellschaft entsprach. Somit war mit Fenton erstmalig
der Krieg als eine Landpartie beglaubigt worden.
In den amerikanischen Sezessionskriegen allerdings geriet die Kriegsfotografie
außer Kontrolle. Allein auf Seiten der Nordstaaten hatten sich 500 Journalisten
zu den Gefechten "akkreditiert". Einer der Ersten, der unverblümt auf
die Kämpfe "draufhielt" war Timothy O´Sullivan. Sein Bild Ernte
des Todes, das gefallene Soldaten nach der Schlacht von Gettysburg zeigt,
visualisiert den Krieg erstmals nüchtern und ohne Heldentum. Denn O´Sullivan
zeigt, was Fenton noch vertuschen konnte: Eine Landschaft im Morgengrauen, über
die sich schwer die Toten legen.
Für die Kriegsführenden Parteien muss sich in dieser Aufnahme geradezu eine
Urangst verdichten. Denn was waren die bezaubernden Carte-de-Visite-Bildchen,
die die Soldaten dutzendfach für die Familie nach Hause schickten, in
Anbetracht dieses Skandals des Realen? Nur die ökonomischen Bedingungen konnten
eine derartige Kriegsikonographie vorerst noch in ihre Grenzen weisen. Gisèle
Freund, Fotohistorikerin und selbst lange Jahre als Dokumentarfotografin tätig,
weiß in einer kleinen Anekdote zu berichten, dass O´Sullivans Auftraggeber
derartige Bilder nur schwer an den Mann bringen konnte. Bei dem
Gettysburg-Unternehmen verlor er nahezu sein gesamtes Vermögen.
Auch hier spielt die frühe Geschichte des Medienkriegs nur schon einmal durch,
was gegenwärtig auf den amerikanischen Fernsehkanälen seine große
Wiederholung findet. Krieg ist ein Bombengeschäft, solange man weiß, was man
zeigen darf. In der symbolischen Politik bekommt nur der die
Interpretationshoheit über die Wirklichkeit, der den Mut zur semiotischen Lücke
hat. Kriegsgewinnler wie Ted Turner oder Rupert Murdoch haben ihre Lehren aus
den ersten großen Pleiten des Informationsfeldzugs gezogen. Wenn dieser Tage
auf CNN oder Fox News lieber auf die Erotik von seitlich angeschnittenen
Tarnkappenbombern vor Sonnenuntergang gesetzt wird, dann hat das nicht nur etwas
mit politischer Zensur zu tun.
Im Gegenteil: Dass der Politik das Kriegsbild aus den Händen glitt, merkte man
dort erst, als es fast zu spät war. Erst die Aufnahmen, die Don McCullin oder
Ronald Haeberle einmal aus Vietnam mitbringen sollten, machten deutlich, wie sträflich
man den Infokrieg an der Heimatfront vernachlässigt hatte. Bis dahin aber waren
die Fotografen bemüht, sich möglichst nah an die Wahrheit des Krieges
heranzupirschen. Eine der berühmtesten Kriegsfotografien überhaupt, Robert
Capas Aufnahme eines amerikanischen GI´s während des D-Days 1944, zeigt dies
nachhaltig. Als läge Capa mit dem fast ertrinkenden Soldaten zusammen an der
Front von Omaha Beach, guckt man den Geschehnissen direkt ins Auge. Dynamik und
Emotionen eines Angriffs sind vermutlich nie realistischer dargestellt worden.
Altdorfers Alexanderschlacht und Capas D-Day-Fotografie markieren die beiden
Enden, zwischen denen sich die Perspektive auf den Krieg bewegen kann.
Erst aber als Ronald Haeberle 1968 das Massaker von My Lai fotografierte,
erkannte man, dass der Realismus zum Problem wurde. Die Aufnahme, die den Mord
an Hunderten Zivilisten zeigte, war derart abstoßend, dass selbst Richard Nixon
nicht mehr hinschauen wollte. Sie bildete nicht nur den Anfang vom Ende des
Unternehmens Vietnam, sondern läutete besonders in den USA einen radikalen
Wandel in der Informationspolitik ein.
Das Trauma in Indochina, so diagnostizierte das Pentagon in den siebziger und
achtziger Jahren, war letztlich auch einem fahrlässigen Bildverlust geschuldet.
Erst jetzt begann man darüber nachzudenken, wie man die technischen Bilder für
die eigene Sache nutzbar machen konnte. Der Kulturwissenschaftler Ulrich Hägele
hat darauf hingewiesen, dass in den Kriegen der vergangenen Jahre das Grauen
mehr und mehr zurücktritt, "zugunsten einer kontrollierten Fotografie, die
ausblendet und dabei auf ein ikonographisches Gedächtnis beim Betrachter setzt,
das für Stereotypen, Mythen und Illusionen besonders empfänglich ist". In
einer Untersuchung des Bildmaterials vom "Antiterrorkrieg" in
Afghanistan stellt Hägele fest, dass in der deutschen Tagespresse gerade einmal
fünf Fotografien zu finden waren, die die Thematik der zerstörten Körper
aufgriffen.
Statt auf den Schock über das Konkrete setzen die Bilder mehr und mehr auf
bekannte Symbolwelten. Fotografien, die an die religiösen Thematiken der
Madonna mit dem Kinde oder der Pietà anknüpfen, treten an die Stelle
eigentlicher Kriegsbilder. Derartige "Ideogramme" aber, wie Pierre
Bourdieu solche Bildzitate einmal genannt hat, sind letztlich nichts als
Platzhalter. Nachdem besonders während des ersten Golfkriegs die
Informationsbeschaffung für Journalisten extrem reglementiert worden ist,
bleibt vielen Bildjournalisten nichts anderes übrig, als auf die klassischen
Sujets der Sozialfotografie zurückzugreifen. In Flüchtlingslagern und den
befriedeten Gebieten an den Rändern der Kriegsschauplätze machen sie seither
Aufnahmen, die eher an die zivilen Motive Dorothea Langes oder Werner Bischhofs,
denn an Robert Capa oder James Nachtwey erinnern.
Die eigentlichen Frontaufnahmen indes kommen vom Militär selber. Interessanter
Weise knüpfen sie nach Vietnam wieder dort an, wo man zu Beginn des bürgerlichen
Zeitalters aufgehört hatte. "Der Krieg", so hat es Paul Virilio
einmal formuliert, "ist zuallererst die Organisation eines
Wahrnehmungsfeldes". Gezielte Desinformation und die Errichtung visueller
Potemkinscher Dörfer ist dabei nur die eine Seite. Fast gefährlicher noch ist
die sogenannte "weiße" Informationspolitik, bei der die Bilddaten
sich letztlich tatsächlich aus der Wirklichkeit rekrutieren. "Am
Anfang", so Virilio, "stehen die Beobachtungssatelliten und die
Spionageflugzeuge". Die Perspektive der Noblesse ist in den Bilddiskurs zurückgekehrt.
Ein einzigartiges Comeback der Totalen.
Die Logistik der Wahrnehmung macht Schluss mit der Demokratisierung des Blickes.
Selbst die Dekodierung der neuen Kriegsbilder obliegt einzig ihren Produzenten.
Wer etwa hätte schon die Luftaufnahmen deuten können, die Colin Powell dem
Sicherheitsrat als Beweis vorlegte, hätte die CIA nicht die Legenden gleich
mitgeliefert? Wenn heute ein Bild nicht gut ist, dann liegt es vermutlich daran,
dass man nicht weit genug weg gewesen ist - Robert Capas berühmter Ausspruch
ist in sein Gegenteil verkehrt. Bernd Hüppauf hat zu dieser Wiederentdeckung
der Totalen angemerkt, dass der Raum der Luftbilder von
"Erfahrungswirklichkeit und jeglichem moralischem Gehalt" entleert
worden ist. Die Vierecke und Menschensäulen in der Tiefe dienen einzig der
Beschwörung des Schmerzes. Und spätestens das kommt uns irgendwie bekannt vor.
Von hier zum vorläufigen Endpunkt ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.
Zeigten die Luftaufnahmen vom Golfkrieg 1991 und vom Krieg im Kosovo nämlich
noch Einschläge und Rauchschwaden, so spezialisiert man sich nun mehr und mehr
auf die Abbildung des Nichts. "Das Böse verbirgt sich unter der
Erde", so hat es Ulrich Hägele für seine Bildanalysen des
Afghanistankrieges formuliert. Was in den Höhlenanlagen Bin Ladens geschieht,
ist von oben einfach nicht einzusehen. Auch auf Powells Beweisbildern aus dem
Irak zieht sich das Übel vermehrt in die "Bunker-Archäologie" zurück.
Das einzige was auf den neuen Kriegsbildern dann bleibt, ist die Wiedergewinnung
der herrschaftlichen Perspektive. In weiten Bögen kreist sie über dem
informativen Nullpunkt. Das neue amerikanische Hegemonialstreben ist vermutlich
nie schöner fotografiert worden.
http://www.freitag.de/2003/10/03101101.php
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Die Alexanderschlacht - Albrecht Altendorfer (um 1480-1538)
Öl auf Holz 158,4 x 120,3 cm Das Gemälde wurde von dem bayrischen Herzog Wilhelm IV. um ca. 1527 in Auftrag gegeben.
http://ohmpage.bei.t-online.de/r_muster.htm
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"Les désastres de la guerre" - Francisco de Goya 1746-1828

http://www.heresie.com/goya.htm
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Kölner Stadtanzeiger
26.3.2003
DER KRIEG AM GOLF
Blendwerk der Bilder
Noch nie wurden die Bilder
derart ästhetischer Manipulation unterworfen wie in diesem Krieg.
VON
FRANK OLBERT
"Mit
dem Worte Nachrichten bezeichnen wir die ganze Kenntnis, welche man von dem
Feinde und seinem Lande hat, also die Grundlage aller eigenen Ideen und
Handlungen. Man betrachte einmal die Natur dieser Grundlage, ihre Unzuverlässigkeit
und Wandelbarkeit, und man wird bald das Gefühl haben, wie gefährlich das Gebäude
des Krieges ist, wie leicht es zusammenstürzen und uns unter seinen Trümmern
begraben kann."
Carl von Clausewitz (1780
- 1831), "Vom Kriege"
1. Wüstensturm
Der Krieg der Koalition
gegen den Irak begann wie im Kino. Wir sahen Bilder von martialisch bewaffneten
Soldaten, die sich durch die Wüste bei Kuwait schlugen. Konvois aus Lastwagen
und Flak-Geschützen bahnten sich den Weg durch den Sand - der Wüstensturm
tobte, und fahl stand die Sonne am Horizont: Es hätte nur noch ein wenig Musik
bedurft, Wagners "Walkürenritt" vielleicht, und man hätte die
beherzten Kamerafahrten, die Totalen aus der Luft und die Zooms auf markige
Kriegergesichter glatt für einen Schlachtenfilm aus den Studios von Hollywood
halten können. Noch in keinem anderen Krieg sind die Bilder derart auf ästhetische
Perfektion hin manipuliert worden wie in diesem.
Fürs
Erste ist es mit den rasanten Kamerafahrten vorbei. Etwas ratlos stehen die
Reporter vor Leichen und Gefangenenlagern. Der Krieg hat noch nicht einmal eine
Woche gebraucht, und schon hat sich die mediale Kriegsführung um 180 Grad
gedreht: Nachdem der Auftakt der Operation "Shock and Awe" den Irakern
offensichtlich nicht die nötige Ehrfurcht eingeflößt hat, haben schmutzige
Bilder die Hochglanzfilme vom technisierten Vormarsch abgelöst. Wrackteile
amerikanischer Helikopter im Wüstensand, Tote und Verletzte, Trümmer - diese
Eindrücke dominieren derzeit den Bildersturm, der aus dem Zweistromland auf die
Mattscheiben der Welt drängt.
"Ein großer Teil
der Nachrichten, die man im Kriege bekommt, ist widersprechend, ein noch größerer
ist falsch und bei weitem der größte einer ziemlichen Ungewissheit
unterworfen. (...) Ein Glück noch, wenn sie, einander widersprechend, ein
gewisses Gleichgewicht erzeugen und die Kritik selbst herausfordern."
Clausewitz, "Vom
Kriege"
2. Standbilder
Weil die Bilder vom Kriege
mitunter mehr verschleiern als zeigen, sollte man vielleicht besser auf die
Stimmen hören. Wenn sich der ZDF-Reporter Ulrich Tilgner live aus Bagdad
meldet, gefriert der irre Fluss der Filme zu einem einzigen Porträt. Wir sehen
ein Foto des Reporters, der ernst in die Kamera schaut und einen Telefonhörer
ans Ohr drückt: In einem bemerkenswert sachlichen Ton schildert er aus seiner
Sicht in einem Hotel in Bagdad die Ereignisse, und er zweifelt immer wieder an,
dass es die ganze Wahrheit ist, die er oder irgendeiner seiner Kollegen erfährt:
"Es gibt viele Beispiele für Desinformation", gibt er etwa zu
Protokoll. "Amerika operiert meiner Meinung nach mit den Mitteln der Übertreibung,
um einen falschen Eindruck zu erwecken." Andererseits: "Der Irak
informiert nur über Segmente der Ereignisse. Und damit kann man auch nur sehr
schwierig das wahre Bild zusammensetzen."
Die
Berichterstattung über den Irak-Krieg hat sich in einer merkwürdigen Weise in
zwei Richtungen gespalten. Einerseits wird ereignisorientiert berichtet: Vor
allem bei CNN passiert laufend etwas, und wenn nichts geschieht, zieht sich ein
Reporter die Gasmaske über den Kopf und demonstriert, was geschehen könnte.
Oder auch in der ARD: Christoph Maria Fröhder steht vor einer dramatischen
Kulisse aus Rauchwolken und behauptet, die Amerikaner träfen im Nordirak weit
mehr zivile denn militärische Ziele. Wirklich belegen kann er seine Sätze
nicht.
Zum
anderen hat sich in den Medien selbst die Medienkritik eingerichtet. Vor allem
die deutschen Sender warten mit allerhand Experten auf, vom unvermeintlichen Jo
Gröbel vom Europäischen Medieninstitut bis hin zu dem Theoretiker Norbert
Bolz, welche die Bilder interpretieren, in Zweifel ziehen und auf mögliche
Absichten hin untersuchen. Jedem Militärexperten steht sozusagen ein
Medienexperte zur Seite, so dass sich die Perspektiven eigentümlich
verschieben: Das Medium Fernsehen glaubt sich selbst nicht mehr.
"Diese
Schwierigkeit, richtig zu sehen, welche eine der allergrößten Friktionen im
Kriege ausmacht, lässt die Dinge ganz anders erscheinen, als man sie gedacht
hat. Der Eindruck der Sinne ist stärker als die Vorstellungen des überlegenden
Kalküls. (...) Auch der, welcher mit eigenen Augen sieht, wird leicht an seiner
vorigen Meinung irre."
Clausewitz, "Vom
Kriege"
3. Bildschirme
Der erste Golfkrieg von
1991 gilt als der Sündenfall der elektronischen Medien. Seit ruchbar wurde,
dass sich hinter dem angeblich hochpräzisen Feuerwerk über dem grünlich
illuminierten Bagdad doch nichts anderes als todbringende Bomben verbargen, dass
Erfolge auch mit Hilfe des Fernsehens herbei- geredet wurden und dass die
Pressekonferenzen der Militärs eher Veranstaltungen aus der Sphäre des
Fiktiven waren - seitdem liegt ein genereller Manipulationsverdacht über der
telegenen Kriegsberichterstattung.
Die
Sender selbst wirken diesem Verdacht im neuerlichen Golfkrieg mit höchster
Kraftanstrengung entgegen. Der Bildschirm wird aufgespalten in zahlreiche
Bildschirm-Fragmente, die gleichzeitig eine Pressekonferenz der Arabischen Liga,
Bagdad und die Wüste zeigen: Wir sind überall, will man uns sagen. Oder man
baut den Kriegsschauplatz in Sandkästen nach, die kurioserweise die sonst
modischen Computersimulationen ersetzen, um militärische Fachkenntnis zu
demonstrieren. Wahrscheinlich aber werden wir, die Zuschauer, es mit Carl von
Clausewitz halten müssen, dem preußischen Philosophen und Strategen, der in
seiner Schrift "Vom Kriege" schrieb: "Die meisten Nachrichten
sind falsch, und die Furchtsamkeit der Menschen wird zur neuen Kraft der Lüge
und Unwahrheit."
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s. auch:
Fully embedded Christian Gapp 27.03.2003 - Kriegsberichterstattung mit Traditionhttp://www.heise.de/tp/deutsch/special/auf/14471/1.html
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Markus
Rettich:
"Besser"
ist nicht gleich "gut"
TV-OVERKILL - Zur Irak-Berichterstattung von ARD, ZDF und RTL vor einem Jahr,
In: Freitag 13 - 19.03.2004
http://www.freitag.de/2004/13/04130701.php
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Künstlerische Bilder gegen den Krieg - Galerie Lichtblick, Köln 2003:
http://www.imagesagainstwar.com
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Literatur zu Journalismus und Krieg:
Nicolas Born: Die Fälschung. Roman. 1979 - Verfilmung: V. Schlöndorf 1981
© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de