Literaturverfilmung: Eco/Annaud „Der Name der Rose“

 

s. Kap. in:

FACETTEN - Lese- und Arbeitsbuch Deutsch für die Oberstufe

Brigitte Bialkowski - Günther Einecke - Jörg Ulrich Meyer-Bothling - Doris Post - Eike Thürmann - Christoph Walther

Leipzig: Ernst Klett Schulbuchverlag 2001

 

Text: Umberto Eco: Der Name der Rose. München: Hanser (17) 1983

Film: Jean-Jacques Annaud (Prod. Eichinger /Constantin) mit  Sean Connery – F. Murray Abraham u.a. – (VHS-Video)

neu: DVD-Video – Warner Bros. – Warner Home Video Germany. Hamburg Juli 2004 [126 Minuten]

 

 

1.) Der Textausschnitt:

 

Umberto Eco: Der Name der Rose. Roman. 1980, dt. 1982

 

Vierter Tag - NONA - Worin der Kardinal del Poggetto, der Inquisitor Bernard Gui und die übrigen Herren aus Avignon eintreffen ...*

 

[Adson erinnert sich: ...] Auch mein Interesse wandte sich freilich gleich einem anderen zu, von dem ich in jenen Tagen schon viel gehört hatte und dessen Name stets aufhorchen ließ: Bernard Gui, wie ihn die Franzosen nannten, oder Bernhardus Guidonis oder Bernardo Guido, wie er von anderen genannt wurde.

Er war ein ungefähr siebzigjähriger Dominikaner von hagerer, aber straffer und hoher Gestalt. Am meisten fesselten mich seine grauen und kalten Augen, die ihr Gegenüber ausdruckslos anstarren konnten, aber auch häufig vielsagend aufblitzten und seine Gedanken sowohl zu verbergen als auch im rechten Moment gezielt auszudrücken vermochten.

Im allgemeinen Begrüßungsaustausch war er als einziger weder huldvoll noch herzlich, sondern stets - und auch das nur mit größter Zurückhaltung - höflich. Als er Ubertin erblickte, den er wohl bereits kannte, trat er ihm mit gemessener Achtung entgegen, fixierte ihn aber auf eine Weise, die mich beunruhigte. Als er Michael von Cesena begrüßte, spielte ein schwer definierbares Lächeln um seine Lippen, und ich hörte ihn tonlos murmeln: „Drüben bei uns erwartet man Euch schon lange.“ Ein Satz, aus dem ich weder eine Spur von Besorgnis noch einen Schatten von Ironie noch eine Mahnung oder gar einen Befehl herauszuhören vermochte, auch übrigens keinen Schimmer von persönlichem Interesse. Dann stand er vor William, und als er erfuhr, wer sein Gegenüber war, betrachtete er meinen Meister mit erlesener Feindseligkeit; aber nicht etwa, weil sein Blick unwillkürlich seine geheimen Gefühle verraten hätte, dessen war ich mir ganz sicher (wenngleich ich mir durchaus nicht ganz sicher war, ob dieser Mann überhaupt irgendwelche Gefühle hegte), sondern weil er ohne Zweifel wollte, dass William seine Feindseligkeit verspürte. Dieser gab sie ihm denn auch prompt zurück, indem er mit übertrieben herzlichem Lächeln sagte: „Schon lange wollte ich einen Mann kennen lernen, dessen Ruf mir in zahlreichen wichtigen Lebensentscheidungen Lehre und Mahnung gewesen ist.“ Eine Begrüßung, die gewiss schmeichlerisch und fast ehrerbietig klingen mochte, wenn man nicht wusste (und Bernard wusste es sehr genau), dass eine der wichtigsten Lebensentscheidungen Williams gerade die Absage an den Beruf des Inquisitors gewesen war. Aus der Art, wie die beiden Männer einander musterten, schloss ich nichts Gutes: Wenn William sein Gegenüber am liebsten in einem kaiserlichen Verlies gesehen hätte, so wäre es Bernard gewiss eine Freude gewesen, sein Gegenüber von einem plötzlichen Schicksal ereilt auf der Stelle tot umfallen zu sehen Und da Bernard in diesen Tagen über eine Schar Bewaffneter gebot, begann ich um das Leben meines verehrten Meisters zu fürchten.

Bernard musste vom Abt bereits über die Verbrechen in der Abtei informiert worden sein, denn während er so tat, als hätte er das Gift in Williams Worten nicht wahrgenommen, sagte er gemessen: „Es scheint, dass ich mich in diesen Tagen, auf Wunsch des Abtes und um die mir anvertraute Aufgabe im Interesse und zum Wohl unseres Treffens zu erfüllen, mit überaus traurigen Vorfällen in diesen Mauern beschäftigen muss, Vorfällen, die den pestilenzialischen Schwefelgeruch des Satans ausströmen. Ich erwähne das, weil ich weiß, dass Ihr Euch einst, als Ihr mir näher standet, an meiner und meinesgleichen Seite auf jenem Felde geschlagen habt, auf welchem die Heerscharen des Guten mit denen des Bösen ringen.“

„In der Tat“, versetzte William, „aber dann bin ich zur anderen Seite übergegangen.“

Bernard steckte auch diesen Hieb ein, ohne mit der Wimper zu zucken. „Könnt Ihr mir etwas Nützliches sagen über diese schlimmen Delikte?“

„Leider nein“, erwiderte William höflich. „Mir fehlt Eure Erfahrung in schlimmen Delikten.“ [...]

 

Es folgen die Kapitel Vesper, darin ein Gespräch Williams mit einem Mönch über das Finden der Wahrheit - Komplet, in dem Salvatore einen Zauber ankündigt - Nach Komplet, in dem William und Adson die Bibliothek erkunden - Nacht, in dem William und Adson sehen, wie Bewaffnete eine Frau gefasst halten, in der Adson seine „Geliebte“ erkennt...:

 

[...] Jedenfalls hatten die Bogenschützen bei ihrer Patrouille durch Nacht und Nebel den unseligen Salvatore mitsamt dem Mädchen erwischt, als er sich gerade an der Küchentüre zu schaffen machte.

„Ein Weib an diesem heiligen Ort! Noch dazu mit einem Mönch!“ sagte Bernard tadelnd zum Abt. „Hochwürdiger Herr, wenn es sich lediglich um eine Verletzung des Keuschheitsgebotes handeln würde, fiele dieses Sünders Bestrafung gewiss in Eure Jurisdiktion. Doch da wir nicht wissen, ob die nächtlichen Umtriebe dieser beiden nicht etwas mit dem Heil der hier weilenden Gäste zu tun haben, müssen wir diesen dunklen Punkt zuerst klären. Auf, Elender!“ fuhr er den zitternden Salvatore an und zog ihm mit raschem Griff aus der Brust das Bündel, das dieser dort zu verbergen suchte. „Was hast du da?“

Ich wusste es schon: ein Messer, eine schwarze Katze, die unter wildem Miauen entfloh, als das Bündel geöffnet wurde, und zwei Eier, die nun zerbrochen waren, so dass es aussah wie Blut oder gelber Schleim oder sonst eine schmierig-unreine Masse. Salvatore war offensichtlich gerade dabei gewesen, in die Küche zu schleichen, die Katze zu töten und ihr die Augen auszustechen, nachdem er das Mädchen mit irgendwelchen Versprechungen dazu gebracht hatte, ihm zu folgen. Mir wurde gleich klar, mit welchen Versprechungen: Die Bogenschützen durchsuchten das Mädchen unter allerlei anzüglichem Gelächter und zotigen Worten und förderten aus ihrem Kleid ein totes, noch ungerupftes Hähnchen hervor. Und wie es das Unglück wollte, erschien in der Nacht, in der alle Katzen grau sind, auch das Hähnchen schwarz wie die Katze. Ich aber dachte nur, dass es mehr nicht bedurft hatte, um die hungrige Schöne herbeizulocken, hatte sie doch schon vorige Nacht (aus Liebe zu mir!) ihr kostbares Rinderherz liegengelassen.

„Oh, oh, aha!“ rief Bernard Gui sehr besorgt. „Schwarzer Kater und schwarzer Hahn! Ich kenne diese Paraphernalien...“ Er bemerkte William in der Runde. „Ihr kennt sie doch auch, Bruder William? Wart Ihr nicht Inquisitor in Kilkenny, vor drei Jahren, wo jenes Weib Verkehr hatte mit einem Dämon, der ihr in Gestalt eines schwarzen Katers erschienen war?“

Mir kam es so vor, als ob mein Meister aus Feigheit schwieg. Ich griff ihn am Ärmel, schüttelte ihn und flüsterte voller Verzweiflung: „Nun sagt ihm doch, dass es nur aus Hunger war!“

William befreite sich aus meinem Griff und wandte sich artig an Bernard Gui: „Ich glaube nicht, dass Ihr meiner vergangenen Erfahrungen bedürft, um Eure Schlussfolgerungen zu ziehen.“

„Oh nein, da gibt es viel maßgeblichere Zeugnisse“, sagte der Inquisitor mit feinem Lächeln. „Stephan von Bourbon berichtet in seinem Traktat über die sieben Gaben des Heiligen Geistes, wie Sankt Domenikus in Fanjeaux nach einer Predigt wider die Ketzer gewissen Weibern verkündete, sie würden gleich sehen, wem sie bisher gedient hätten, woraufhin plötzlich ein furchterregender schwarzer Kater in ihrer Mitte erschien, groß wie ein Hund, die Augen riesig und glühend, die Zunge blutig und lang bis zum Nabel, der Schwanz gestutzt und hoch aufgerichtet, so dass man, wie immer die Bestie sich auch drehte, stets ihr schamloses Hinterteil sah, das unerhört stank, wie es sich gehört für jenen Anus, den vielerlei Satansanbeter, nicht zuletzt die Tempelritter, seit jeher zu küssen pflegten in ihren Versammlungen. Als der Kater fast eine Stunde lang die Weiber umkreist hatte, sprang er mit einem Satz auf das Glockenseil und kletterte unter Zurücklassung seiner stinkenden Exkremente hinauf. [...]“

Ein entsetztes Murmeln ging durch die Gruppe der Mönche, und viele schlugen das Zeichen des heiligen Kreuzes.

„Herr Abt, Herr Abt!“ fuhr Bernard Gui in gestrengem Ton fort. „Euer Hochwürden weiß vielleicht nicht, was die Sünder mit diesen widerwärtigen Dingen zu tun pflegen. Ich aber weiß es sehr wohl, das walte Gott! Ich habe gesehen, wie ruchlose Weiber zusammen mit anderen ihrer Zunft in den dunkelsten Stunden der Nacht schwarze Katzen benutzten, um Hexenwerk zu verrichten, das sie nimmermehr abstreiten konnten: zum Beispiel rittlings auf dem Rücken gewisser Tiere im Schutze der Nacht gewaltige Strecken zurückzulegen, gefolgt von der Schar ihrer Sklaven, die sie in lüsterne Trolle verwandelt hatten... Und der Teufel persönlich zeigte sich ihnen - oder jedenfalls glaubten sie fest daran - in Gestalt eines schwarzen Hahns, und sie trieben's mit ihm, fragt mich nicht, wie! Und ich weiß absolut sicher, dass mit Schwarzer Magie dieser Art erst vor kurzem in Avignon Zaubersäfte gebraut wurden, um sie unserem Herrn Papst ins Essen zu tun und ihn so zu vergiften. Er konnte dem Anschlag nur entgehen, weil er wundertätige Ringe trug in Form einer Schlangenzunge, besetzt mit herrlichen Edelsteinen, Smaragden und Rubinen, die ihm durch überirdische Kräfte erlaubten, das Gift in der Speise rechtzeitig zu entdecken! Elf dieser kostbaren Zungen hatte der König von Frankreich ihm geschenkt, dem Himmel sei Dank, und nur so entging unser Herr Papst dem Tode! [...] ... Aber was halte ich mich hier auf mit diesen widerwärtigen Praktiken! Der Papst selber hat sie erst voriges Jahr genau beschrieben und verurteilt, in seiner Konstitution Super illius specula. Ich hoffe, Ihr habt davon eine Abschrift in Eurer reichhaltigen Bibliothek, so dass Ihr gebührend darüber meditieren könnt...“

„Gewiss, gewiss, wir haben eine“, beeilte der Abt sich entsetzt zu versichern.

„Gut“, schloss Bernard zufrieden. „Nach alledem scheint mir der Fall hier klar. Ein verführter Mönch, eine Hexe und ein dämonischer Ritus, der glücklicherweise nicht zur Ausführung kam. In welcher Absicht? Das werden wir sehr bald wissen, ich opfere gern ein paar Stunden der Nachtruhe, um es herauszubekommen. Hochwürden möge mir einen Ort zur Verfügung stellen, wo diese Gefangenen sicher verwahrt werden können.“

„Wir haben unterirdische Zellen im Fundament des Werkstattgebäudes“, sagte der Abt. „Zum Glück werden sie selten benutzt und stehen seit Jahren leer...“

„Zum Glück oder auch zum Unglück“, ergänzte Bernard und befahl den Bogenschützen, sich den Weg zeigen zu lassen [...]

 [Umberto Eco: Der Name der Rose. München: Hanser (17) 1983, 384-386, 419-422 = dtv 10551]

 

 

2. Protokoll der Filmsequenz:

 

Die erste Begegnung Bernardo Gui  und William von Baskerville

im Film „Der Name der Rose“  (BRD/Italien/Frankreich. 1985/86 Regie: Jean-Jacques Annaud)

 

      

 

 

Bernardo Gui, Dominikanermönch und Inquisitor (F. Murray Abraham) - als Abgesandter des Papstes zu Besuch im Kloster;

William von Baskerville, Franziskanermönch und ehemaliger Inquisitor, der sich aber von diesem Amt zurückgezogen hat (Sean Connery) - zu Besuch im Kloster, um mit den päpstlichen Vertretern einen Disput über die „Armut“ zu führen;

Adson von Melk, Williams junger Novize (Christian Slater)

Salvatore, ein irrer Mönch im Kloster (Ron Perlman) - Mitglied einer geheimen ketzerischen Bewegung;

Mädchen, aus dem Dorf unterhalb des Klosters (Valentina Vargas);

Abbo, Abt des norditalienischen Benediktinerklosters (Michael Lonsdale) - 1327

 

Vor dieser Szene hatte der junge Adson eine überraschende Liebesnacht mit dem Mädchen aus dem Dorf. Während dieser Nacht trifft ein Pferdegespann mit dem Inquisitor Bernardo in Begleitung hoch gerüsteter Soldaten ein. Während gleichzeitig William und Adson einen Weg zu dem gesuchten Buch durch das Labyrinth der Klosterbibliothek suchen, vollzieht Salvatore auf dem Heuboden im Pferdestall ein magisches Ritual mit einem toten schwarzen Hahn, einer schwarzen Katze, Kerzen etc. in Anwesenheit das Mädchens aus dem Dorf. Als Salvatore einen Liebeszauber an ihr ausprobiert und sich mit den Rufen „servicio pour l’amour de la femina“ auf das Mädchen stürzt, das den Hahn unter seiner Jacke verstecken will, entsteht ein Brand.                               

(Sequenz:             VHS-Video – Zählwerk auf 00:00:00 ab Anfang Warner-Sonne: 1:21:48 - bis 1:23:26 = 1’ 38’’;

DVD – Beginn der Filmwiedergabe: 1:21:30 – 1:23:18)

 

 

Einstel-lungen

Kamera/Ausschnitt/Personen/Handlung

Text/Ton

 

 

1

Halbtotale/Innenraum des Stalls - aufgeregte Mönche löschen das Feuer, Bernardos Soldaten packen das kreischende und sich wehrende Mädchen und halten es von hinten; Bernardo läuft aus dem Off mit einem Begleiter auf die Kampfszene zu - Kamera folgt ihm von hinten/Nah - zeigt seinen kahlen Schädel mit der Tonsur - Soldat hält den Käfig mit der Katze hoch

Rufe: Feuer! Da drüben! Bei den Ställen!

 

Geräusch: Kreischen

 

Soldat: Herr Bernardo, seht, was wir gefunden haben!

Bernardo: Durchsucht die Kreatur!

2

Halbtotale/Wischblende - Adson und William kommen durch eine Seitentür in die Szene

 

3

Halbtotale/von vorne - das festgehaltene Mädchen; der Dominikanermönch, der Bernardo begleitet, geht aus dem Off auf das Mädchen zu

Mädchen: Nein! Nein!

Geräusche: Handgemenge

Bernardos Begleiter: Abite! Veite!

4

Nah - Abt Abbo tritt hinzu, William und Adson im Hintergrund

 

5

Nah - Adsons Gesicht in der Menge, besorgt vorkommend und zurückgehend

 

6

Halbnah/Schrägaufsicht - Bernardos Begleiter reißt dem Mädchen die Jacke auf, sie wehrt sich heftig

 

7

Groß - Adsons Gesicht, erschreckt

 

8

Halbnah - Bernardos Begleiter entblößt im Kampf die Brust des Mädchens

 

9

Groß/Zwischenschnitt - ein Mönch verdeckt vor Schreck sein Gesicht mit der Kutte

 

10

Groß - Abbos Gesicht, ernst; William dahinter, ruhig beobachtend

 

11

Groß - 2 Mönchsgesichter, ein Mönch bekreuzigt sich

 

12

Halbnah - Bernardos Begleiter entreißt dem halbnackten Mädchen den Hahn

 

13

Groß - Gesichter zweier Mönche, einer hält ein Auge zu, blinzelt aber mit dem andern auf das Mädchen

 

14

Groß/Bernardos Kopf von hinten - Bernardo wendet sich um und spricht; er erkennt William und unterbricht sich kurz;

Bernardo: Ehrwürdiger Abt! Ihr habt mich gebeten, eine Untersuchung durchzuführen über das Wirken des Bösen in Eurer Abt[ei]...

15

Groß - Williams Gesicht, schaut Bernardo an

 

16

Groß/Gegenschuss - Bernardos Gesicht, sieht William an, zorniger Blick; er spricht weiter

 

Bernardo: Und hier ist schon der Beweis! -

17

Nah/aus Bernardos Perspektive, sein Hinterkopf links im Bild - auf William und Adson, der ängstlich blickt

 

18

Amerikanisch - Bernardos Begleiter hebt den Hahn hoch

 

19

Halbtotale - Salvatore, jammernd, Soldat neben ihm

Bernardo: Wie oft sind sie mir nun schon

20

Amerikanisch - Bernardo, William, Abbo; Bernardo erhält Hahn und wedelt mit ihm vor dem Abt; er packt mit der anderen Hand die schwarze Katze, hält beides vor Abbo und spricht weiter

begegnet, diese grässlichen Requisiten der schwarzen Magie: der schwarze Hahn, die schwarze Katze...

21

Nah/Adson von der Seite - Adson betrachtet die Szene; spricht leise zu William; Schwenk zu William

Adson (überblendet): Sie tat es nur, weil sie Hunger hatte. Sagt ihm das, Meister!

22

Halbnah/ William in Schrägaufsicht mit im Bild / Blick aus seiner Perspektive: Bernardo mit Hahn und Katze in der Hand, spricht vorwurfsvoll zu William

Bernardo (fade in):... wird sich sicher noch an den Prozess erinnern, bei dem er (Blick zu William) den Vorsitz führte. In dem eine Frau gestand, Verkehr gehabt zu haben mit einem Dämon in Gestalt einer schwarzen Katze.

23

Nah/Gegenschuss/Bernardos Perspektive auf William und Adson - William spricht; Adson blickt sich nach ihm um

William: Ich bin überzeugt, dass Ihr nicht erst auf meine Erfahrungen in der Vergangenheit zurückgreifen müsst, um Eure Schlussfolgerungen zu ziehen, ehrwürdiger Bernardo.

24

Groß - Bernardos Gesicht, er spricht mit bösem Blick;

 

er schaut erbost in die Menge; er wendet sich um - Rücken zu William und der Kamera - blickt zu William zurück und spricht weiter

Bernardo: Nein, gewiss nicht. Nicht, wenn derart unwiderlegbare Beweise vorliegen: für diese Hexe, ein verführter Mönch, satanische Rituale!

Geräusch: Katze schreit

25

Nah - Adsons Gesicht, er starrt Bernardo an, William wendet sich ab

Bernardo: Morgen, morgen werden wir versuchen herauszufinden, ob diese Ereignisse in Zusammenhang stehen mit dem weitaus bedeutenderen Geheimnis, das Euch so viele Sorgen bereitet. -

26

Amerikanisch - Bernardo, Abt, Adson; William geht aus der Szene, Adson ein Stück hinterher; Bernardo dreht sich zum Abt und spricht

 

 

Bernardo: Sperrt die beiden ein, auf dass wir

27

Groß - Adsons entgeistertes Gesicht, zurückgewandt

ruhig schlafen können, heute Nacht!

28

Amerikanisch - vorne Bernardo und der Abt, hinten geht Adson, der noch im Weggehen zurückschaut

 

29

Groß - Adsons ängstliches Gesicht - Schwenk, Kamera folgt ihm - Adsons Abgang; in der Tür an der Seite wendet sich Adson um und blickt noch einmal Richtung Mädchen

 

30

Amerikanisch - das halb entblößte, von den Soldaten festgehaltene Mädchen, Bernardos Begleiter vor ihm

 

31

Amerikanisch - Adson blickt auf das Mädchen zurück und geht nach draußen in die Dunkelheit

Geräusch: Gewitter

 [Sequenzprotokoll: Einecke]

 

 

zu:

Buch und Film - Die Zwei Codes

 

s.  Hans D. Baumann/Arman Sahihi: Der Film: Der Name der Rose. Weinheim: Beltz 1986, 38ff.

 

 

3.) Schritte zur vergleichenden Filmanalyse:

 

1.     Textrezeption und Textanalyse - zum Romanausschnitt: - zuvor ggf. Orientierung über den Handlungszusammenhang anhand des Textes aus dem Filmführer - ggf. Orientierung über die Stellung des Textausschnitts im Roman, wenn dieser ganz gelesen wurde

2.     ggf. Makroanalyse des Films - wenn der gesamte Film gezeigt werden soll: Einbau der im Kapitel für die Mikroanalyse vorgelegten Sequenz in den Zusammenhang

3.     Mikroanalyse der Filmsequenz: Wahrnehmung der visuellen/auditiven Gestaltung (Sequenz, Einstellungen, Montage, Bildkomposition, Licht, Dialog/Ton; Gesichter und „psychologische Konzepte“ in der Rollengestaltung der Schauspieler) - Aspekte, die aus der Analyse verschiedener literarischer Gattungen  (Erzähltexte, dramatische Texte) bekannt sind, wie Stoff/ Thema/ Genre/ Figuren/ Handlungsführung/ Erzählhaltung, (-perspektive) etc. -

4.     Vergleich Buch/ Film - Hervorhebungen, Reduktionen, Akzentverschiebungen - Interpretationen

5.     Vertiefung: Lektüre der theoretischen Texte und Auffinden von Beispielen zu Theorieelementen in der vorgelegten Sequenz (z.B. Gesichter, vgl. Annaud)

6.     Reflexion und Bewertung der zwei medialen Varianten

 

Variante: Erarbeitung der „Filmsprache“: s. Sachtexte zu Filmsprache

1.    Texte lesen zu Sequenz, Montage, Einstellungsgrößen/ Kameraperspektive/ Kamera-, Objektbewegung/ Beleuchtung/ Wort-Bild-Ton-Beziehungen/ Montageformen

2.    Beobachtungsaufgaben verteilen (Partner- oder Kleingruppenarbeit)

3.    Wahrnehmung der Filmsequenz mit Video und Sequenzprotokoll

4.    Zusammenstellung der Beobachtung

5. Lektüre des Textausschnitts und Vergleich mit der Filmsequenz

 

 

 

4. Erwartete Ergebnisse zu Text und Film:

 

zu: Umberto Eco: Der Name der Rose - Romanausschnitt

· die literarische Gestaltung des inhaltlichen Segments „Begegnung zwischen den Protagonisten William und Bernardo“:

-          die rückerinnernde Erzählperspektive des auktorialen Ich-Erzählers (alter Adson, ehem. Adlatus von William) - die explizit negativ wertende Darstellung des Inquisitors Bernardo Gui (Dominikaner) und die Sympathieverteilung für William durch Adson - das Spiel mit Vorausdeutungen und bösen Ahnungen schon bei der ersten Begegnung - die Interpretation von Blicken und Äußerungen sowie die Ausführung von Unterstellungen und Schlussfolgerungen durch den Ich-Erzähler

-          die abgestufte, zweiteilige Begegnung zwischen William und Bernardo im Buch: die erste Begegnung zur Mittagszeit (Nona) in gespanntem bzw. ironischem Ton (1-61) und die zweite Begegnung in der Nacht als Konfrontation zwischen ehemaligem und gegenwärtigem Inquisitor (Z. 65 - 156) mit anschließender Zuspitzung durch lange, im Abdruck noch gekürzte Zitate aus der Inquisitionsliteratur

-          die Einschaltung von Dialogpassagen: als kurze Wortgefechte zwischen Bernardo und William - in Form langer Zitate als Drohgebärde Bernardos und zugleich als verbale Mystifizierung des Bösen und der Macht der Inquisition - als Mittel der Handlungsentwicklung (Verhör, Untersuchung, Verhaftung...)

 

zu: Annaud/Eco: Der Name der Rose - Filmausschnitt

· die filmische Gestaltung des inhaltlichen Segments „Begegnung zwischen den Protagonisten William und Bernardo“:

-          Konzentration im Drehbuch: Zusammenführung der im Buch aufgeteilten Begegnungsszenen in einer einzigen Filmszene

-          inhaltliche Dramatisierung: die Begegnung zwischen beiden erfolgt nur am Rande, im Zentrum steht eine Brand- und Verhaftungsszene (s. Standbild S. 528), in der Bernardo seine Rolle als Inquisitor ausspielt und zugleich auf Williams damaligen Prozess anspielt;

-          filmische „action“: Umsetzung der durch lange Zitatpassagen im Buch breiten Erzählung der Begegnung in eine rasche Folge von 31 Einstellungen innerhalb von 1’38’’

-          Geräusche und Dialogführung: Emotionalisierung durch aufgeregte, laute Aktivitäten - Dialog zwischen Bernardo und Abt Abbo zentral, Nebengespräch zwischen Adson und William - Reduktion der Beweisführung des Buches mit langen Zitaten aus Quellen der Inquisition auf drei Sätze

-          Gestik/Mimik: martialischer Eindruck von Bernardos Kopf (von hinten), sein zorniges Gesicht, die Soldaten im Hintergrund; auffälliges Verhalten der Mönche, als die Brust des Mädchens entblößt wird, durch Zwischenschnitt lüsterner Blicke; ängstliche Mimik Adsons

-          Perspektive: „Illusion der Unmittelbarkeit“ (Monaco) durch „objektive Kamera“ hart am Geschehen, gesteigert durch häufige Groß-, Nah- und Halbnah-Einstellungen; Einbeziehung einer quasi personalen Perspektive (allerdings nicht als „subjektive Kamera“) aus Adsons Sicht, indem der Eindruck, den die Szene auf Adson macht, in mehreren  Einstellungen im Spiegel von Adons Mienenspiel eingefangen und so hervorgehoben wird; dabei Einstellungswechsel mit Schuss/Gegenschuss; eine Identifikation des Zuschauers mit dem sich ängstigenden Adson wird nahe gelegt und steht deutlich im Kontrast zu dem abgeklärt gewichtenden Erzählstil des alten Adson im Roman

-          Licht: Szene spielt im Halbdunkel eines Stalls, anfangs mit Flammen, so dass Gefahr signalisiert wird (quasi Horrorfilm-Elemente)

 

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