Medienkompetenz:
Befähigung
zum funktionellen Einsatz verschiedener, besonders neuer Medien – Auswahl unter didaktischen
Aspekten
Theoretische Grundlage:
Neue Medien:
Vernetzung von
Schulen und Ausbildungsstätten, Hochschulen und Bibliotheken,
Arztpraxen und Krankenhäusern, Bank, Kaufhaus, Datenbanken etc.
PC + Fernseher + Telefon + Fax + Handy + Radio + Internet + Laptop +
Beamer + Drucker...
souveräner Umgang mit PC, Joystick, Maus, Keyboard, DVD-Player, digitalisierten Timern, Videogerät, Tageslichtprojektor, Fernbedienung...
Kenntnisse in Textverarbeitung, Internetnutzung, Präsentation; ggf. html-Gestaltung, Tabellen- und Datenbankprogrammen...
Kenntnisse in Netzwerknutzung, z.B. lo-net...
und
soziale Dimension:
Kunst des Nutzens, Ignorierens und Abschaltens
Fähigkeit zum Medienwechsel,
„kommunikatives Gewissen“ (Medienethik): Beherrschung von Kontaktaufnahme, Kontaktverweigerung – Kommunikationsmanieren...
Unterscheidung von virtueller und realer Erfahrung
Filterfähigkeit,
mediale Skepsis und kluge Zeitökonomie
autonomer
Umgang mit einem virtuellen Mediamix: mit
Fernseher, Recorder, Telephon, PC, aber eben auch mit Zeitungen, Zeitschriften,
Büchern oder Comics
instinktives
Wissen, wie und wann man von medial vermittelter zu persönlicher
Kommunikation wechseln muss
(s.u.:
u.a.
Peter Glotz, 1995-2000)
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Anzutreffen sind unterschiedlich
entwickelte Kompetenzen:
Schülerinnen und Schüler als...
Hochentwickelte, die alle Medien beherrschen
Freaks, die die neuen elektronischen Medien beherrschen
Verweigerer, die neue Medien ablehnen
Nicht-Befasste, die keinen Zugang zu neuen Medien haben
Schwache, die neue Medien über „Spielen“ hinaus nicht nutzen können, weil sie die Basistechnik Lesen nicht beherrschen - für viele Schüler (insbes. Jungen) sind Bücher und Zeitungen die „neuen Medien“!
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Viel-Surfer lesen viel [Börsenverein, 11.07.2001]
http://www.heise.de/newsticker/data/daa -11.07.01-000/
Lesezapping: "Paralleles und überfliegendes Lesen nehmen zu“: 14-19jährige Buchleser:
„Ich überfliege manchmal die Seiten und lese nur das Interessanteste“: 1992 11% - 2000 31%;
„Ich habe öfter mehrere Bücher, in denen ich gleichzeitig lese“: 1992 11% - 2000 20%;
(Quelle: Stiftung lesen/Der Spiegel 2001)
„Texte ohne Bilder finde ich langweilig.“: 1992: 6% - 2000: 29%;
„Fernsehkonsum steigt überdurchschnittlich bei den Jüngeren“: 3 oder mehr Stunden pro Tag sahen unter den 14-19jährigen: 1992: 34 % - 2003: 49 % (AWA 2003)
Die aktuelle Verbraucher-Analyse sieht den Trend nicht gestoppt: Danach nehmen nur 47 Prozent der 14- bis 19-Jährigen gerne ein Buch zur Hand. 1995 waren es noch 60 Prozent.
PISA 2000
(S. 16): Beim Vergleich dieser Länder zeigt sich, dass der Anteil der 15-Jährigen, die angeben, überhaupt nicht
zum Vergnügen zu lesen, in Deutschland bei 42 Prozent liegt und von keinem anderen Land übertroffen
wird.

Entwicklung
der
Internetnutzung
1998
- 2003:
14
– 19jährige
20
– 29jährige
Internetnutzer
insgesamt
Köcher, Renate: Quantitative und qualitative Veränderungen der Mediennutzung.
http://www.awa-online.de/praesentationen/awa_2003_rk.zip
(Stand: 30.11.03)
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angestrebter Standard |
Die
Referendarinnen und Referendare können didaktische Entscheidungen treffen,
in spezifischen Unterrichtssituationen bestimmte Medien funktional
einzusetzen
mit
der Perspektive:
Schülerinnen
und Schüler sollen die Vorzüge und Möglichkeiten des Umgangs mit
verschiedenen Medien kennen lernen, um selbstständig jetzt und in Zukunft
alle Medien reflektiert nutzen zu können.
Beschluss am Studienseminar Jülich (17.12.2003):
Die Ausbilderinnen und Ausbilder am Studienseminar in Jülich beschließen, dass
1. in den Hauptseminaren in mindestens drei, in den Fachseminaren in mindestens zwei Sitzungen multimediale und medienpädagogische Kompetenzen in Anlehnung an F. Osers Standards (Verbindung von Theorie, Übung und Praxis) erarbeitet, praxisorientiert erprobt, reflektiert und evaluiert werden,
2. in mindestens einem Unterrichtsbesuch pro Fach die sinnvolle und funktionale Nutzung von verschiedenen, vor allem neuen Medien nachgewiesen wird (über den Einsatz von Texten, Arbeitsblättern, Projektionsfolien und der Tafel hinausgehend) - nach den Möglichkeiten im Fach,
3.
in den entsprechenden Schulgruppen der Hauptseminare die Referendarinnen und Referendare im Rahmen eines langfristigen Projekts "Umgang mit neuen Medien" eine fachbezogene, fächerübergreifende bzw. fächerverbindende Unterrichtsreihe entwickeln, bei der der sinnvolle und effiziente Einsatz des Computers und des Internets nachzuweisen ist. Die entwickelte Sequenz muss im Unterricht erprobt und evaluiert werden und ist als hauptseminar-übergreifendes Modul mit Hilfe einer Präsentationssoftware vorzustellen, zu diskutieren und zu evaluieren.
Voraussetzungen für
Auswahlentscheidungen:
Geräte-
und Systemvoraussetzungen in Seminar und Schule
die eigenen Kenntnisse und Gewohnheiten der ReferendarInnen im Umgang mit Medien: das aus der Hochschule Mitgebrachte: Medienkenntnisse und -umgang verbindlich in der neuen Studienordnung; die eigene Kompetenzentwicklung durch Zusatzqualifikationen; die Defizite etc.
die
Kenntnisse der Schülerinnen und Schüler: zu beachten: für einige sind Bücher
die „neuen Medien“, für andere die „elektronischen Medien“
Diagnose
des unterrichtlichen Bedarfs in diesem Bereich
die
mediendidaktischen und -politischen Positionen: die eigenen, die
curricularen, die bildungstheoretischen etc.
die
Organisierbarkeit
Gegenstände für die
Auswahlentscheidungen:
„Medienmix“ - unterrichtliche Funktionen verschiedener Medien:
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Medium |
Schwerpunkte der Nutzung |
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PC |
als multimediales,
verschiedene Medien integrierendes Gerät; als flexibles Gerät zum Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Spielen, Simulieren, Archivieren etc. > Formen der Texterstellung und Textüberarbeitung; Speicherung; Modelldarstellung, Berechnungen ... |
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Internet |
Recherche > Materialsammlung zu fachspezifischen Themen und aktuellen Problemen; Materialgrundlegung zu Einzelthemen bei arbeitsteiliger Gruppenarbeit; navigieren statt surfen = gezielt suchen; speziell zu üben: Selektionsvorgänge, Entwicklung von Fragestellungen und einengenden Suchbegriffen zum jeweiligen Thema; Präsentation > Unterstützung selbst gestalteter Präsentationen in html mit geeignetem Bildmaterial etc. Hypertexte
> Nutzung der Verknüpfungen zwischen Texten: Hypertexte als neue
Gestalt eines Werkes; Kommunikation > E-Mails, Chat-Räume, Foren; Schüler untereinander, mit Lehrern/Schule, global ... |
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CD-ROM |
Nutzung virtueller Räume mit Erlebnisgehalt und Interaktion > sachkundliche, didaktisierte Informationsvermittlung und Übung; vor allem soziokulturelle Umfelder aus verschiedenen Epochen (ersetzt z.T. herkömmlichen Lehrfilm) |
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Netzwerk |
Nutzung einer Plattform wie „lo-net“ > Schreibkonferenzen in kleineren Schülergruppen; Dateiaustausch unter Schülern beim Aufbauen eines Gruppenprodukts; Hausaufgabenbetreuung: Lehrer kommentiert eingestellte Hausaufgaben mit der Kommentarfunktion von Word; Einrichtung von Diskussions-Foren: zu einem aktuellen Problem, zu einer Text- / Themenauswahl; |
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Beamer + PPP (Power Point) |
animierte Präsentation von gedanklichen Zusammenhängen; Wiederverwendung; multimediale Elemente: Text, Ton, Bild, Film |
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Fernsehen / TV |
aktuelle Übertragungen > Information, ggf. direkt; ansonsten als Aufnahme – s. Videokassetten Unterhaltung > in Situationen zur Entspannung; i.d.R. als Aufnahme zur außerunterrichtlichen Unterhaltung |
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Videokamera / Camcorder
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als Speichermedium für die Fixierung von Rede und Vortrag > Übung mit wiederholter Betrachtung; Speichern von szenischem Interpretieren > spezieller Blick auf Ton, Gestik und Mimik |
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DVD-Player / Videogerät / Film |
Dokumentarfilm > authentische, z.B. historische Vorgänge vermitteln; naturwissenschaftliche Demonstrationen... Literaturverfilmung > Adaption im Kontrast zum literarischen Werk; Spielfilm > als eigenständiges ästhetisches Werk, auszugsweise Beobachtung des Einsatzes bestimmter medialer Gestaltungsmittel mit Blick auf die Wirkung; eigene Formen der Gestaltung... |
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Körper |
Rollenspiel > inszenierte Problemlösungen; Standbild > produktive Interpretation; Stimme, Gestik, Mimik > audiovisuelle Präsentation etc |
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Buch / Textblatt |
Übung von Lesen / Lesetechniken; Arbeiten am Text; Nachschlagbarkeit und dauerhafte Verfügbarkeit; Nutzung eines „kulturellen, gesellschaftlichen Kanons“; Ganzschriften oder einzelne Textblätter als Medium für einen zentralen Unterrichtsgegenstand |
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Schulbuch / Fachbuch |
Vermittlung strukturierten, didaktisierten Wissens mit eingebauter Progression in Lerneinheiten > Lernen: mit dem Buch lernen, Wiederholung, Übung, Prüfungsvorbereitung...; Sicherung eines zuverlässigen und konsensfähigen Wissensbestandes; Gleiches in Verfügbarkeit für alle; als Leitmedium für einen kontinuierlichen Unterricht |
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Bild / Foto / Karikatur |
zur dauerhaften Darstellung > künstlerische, historische, politische Themen |
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Hörkassette / Hörbuch |
Hörkassette > zur Vermittlung authentischer akustischer Zeugnisse (Reden etc.); zur Vermittlung von Lyrik als Klangereignis; zur Vermittlung von Hörspiel als einer medienspezifischen szenischen Form – auch als Eigenproduktion |
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Radio |
aktuelle Übertragungen > Information, ggf. direkt; ansonsten als Aufnahme – s. Hörkassetten Hör-Feature als aktuelle mediale Form > akustische Aufbereitung von größeren Themenkomplexen; auch als Produkt einer Gruppenarbeit |
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Wandkarten / Modelle |
zur didaktisierten Vermittlung von Prozessen und Funktionszusammenhängen |
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Tafel + Kreide / Flip-Chart + Stifte
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zum raschen Impulssetzen, Fixieren und Visualisieren; Vorzug: unaufwendig; Induktionstafelbild - Ergebnistafelbild - Systematisierungstafelbild - Arbeitstafelbild; Assoziogramm, Tabelle, sammelnde Formen (nur exemplarisch!), Strukturgrafik...; Tafelaufteilung; Festlegung: mitschreiben, abschreiben, nur sehen; Entwurf des Tafelbildes als Teil der Unterrichtsplanung; direkte Beteiligung der Schüler; rasche Korrekturmöglichkeit |
|
Poster /
Plakate / Wandzeitungen |
zur visuellen
Demonstration von Arbeitsergebnissen, Gruppen- und
Projektergebnissen; als Impuls,
der an der Wand erhalten bleibt, so dass man auf ihn zurückkommen kann; zur Fixierung
von Orientierungswissen, Übersichten und Schemata; über längere
Zeit im Klassenraum |
|
Folien (OHP) |
Präsentation von Daten, Arbeitsergebnissen, gedanklichen Zusammenhängen etc. (auch als Tafeltext-Ersatz s.o.) > Überblick, Kürze, Formen der Visualisierung (i.d.R. mindestens 14-Punkt-Schrift!) |
Didaktische Kriterien für die
Auswahlentscheidungen:
Übungsbeispiele:
|
Medium |
Fach |
|
Plakat als Quelle |
Geschichte |
|
Filmsequenz – zur Analyse der filmischen Gestaltungsmittel |
Deutsch |
|
Filmsequenz – zur Analyse der politischen Funktionalisierung des Films in einer Epoche |
Geschichte |
|
Filmsequenz
– zur Demonstration eines biologischen Vorgangs (Keimentwicklung im
Zeitraffer) |
Biologie |
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Bilderreihe (Poster) – z.B. zur Analyse von Bewegungsabläufen |
Sport |
|
Folieneinsatz – zur Präsentation von Arbeitsergebnissen |
alle Fächer |
|
Gezielte Internetrecherche und Weiterverarbeitung des Angebots: z.B. Informationen zu einem Autor |
Deutsch |
|
z.B.
Quellen oder Forschungsergebnisse zu
|
Geschichte |
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PC-Netzwerk – zum Dateiaustausch zwischen Schülern bei arbeitsteiliger Gruppenarbeit, auch außerunterrichtlich; zur Hausaufgabenbetreuung etc. |
Verschiedene Fächer |
Hintergrund:
Unsere
Zivilisation stellt sich um von analog auf digital. Die Politik muss die
emanzipatorischen Chancen dieser technischen Revolution nutzen.
Dabei
müsste klargemacht werden, dass kommunikative Kompetenz eine technische und
eine soziale Dimension hat. Notwendig ist der souveräne Umgang mit der
Remote control, mit Joystick, Maus, Keyboard, digitalisierten Timern oder
Abtaststiften für die programmierte Aufzeichnung. Genauso notwendig aber ist
die Kunst des Ignorierens und Abschaltens, die Fähigkeit zum Medienwechsel, ein
"kommunikatives Gewissen", also die Beherrschung von Kontaktaufnahme,
Kontaktverweigerung sowie Kommunikationsmanieren, Kommunikationskonventionen. In
einer Kommunikationskultur, die den Namen verdient, ist klar, dass der Satz des
Schweizer Schriftstellers Adolf Muschg: "Ein Kapitel Jean Paul ist ein
unvergleichlich reicheres Dokument als alles, was das Internet mir abliefern könnte",
einen absurden Vergleich produziert. Warum Jean Paul ausspielen gegen 2000
Datenbanken und 600 Foren, die allein Compuserve anbietet? Warum nicht beides
nutzen - die Kontemplation über dem "Siebenkäs" und die Online-Dienste
als Treffpunkt für Menschen aus der ganzen Welt?
Möglich
ist das. Menschen mit "Media and Computer Literacy" entwickeln Filterfähigkeit,
mediale Skepsis und kluge Zeitökonomie gegenüber dem Angebot von
Kommunikation. Man kann es lernen, sich einen "virtuellen Mediamix"
zurechtzulegen und mit Fernseher, Recorder, Telephon, PC, aber eben auch mit
Zeitungen, Zeitschriften, Büchern oder Comics emanzipiert umzugehen.
Die
Dominanz der Anbieter ist also eindeutig schwächer geworden. Dazu kommt die
Ausrüstung wachsender Minderheiten mit Rückkanälen. Die Zentralisierung, die
Joseph Goebbels mit seinem Volksempfänger und der Ufa erreicht hatte, ist
nirgends mehr erreichbar. Der Soziologe Gerhard Schulze, Verfasser einer Studie
über die "Erlebnisgesellschaft", fasst das Dilemma in prägnanten Sätzen:
"Das Fernsehen macht nichts mit einem, der nicht mitmacht. Zur Verführung
gehören immer zwei, oft genug hat es das sogenannte Opfer faustdick hinter den
Ohren. Die Explosion der Wahlmöglichkeiten katapultiert die Konsumenten aus dem
warmen Biotop der Fernsehidiotie der achtziger Jahre hinaus. Fröstelnd spüren
sie den kalten Wind der Selbstverantwortung."
Was
ist Kommunikationskultur? Zuerst ein Begriff von verständigungsorientierter
Kommunikation. Man könnte "Medienkompetenz" instrumentell definieren;
dann wäre sie die geschickte Rhetorik von Sophisten, also die Durchsetzungsfähigkeit
in zweckkommunikativen Kampfspielen. Sofern diese Art von Kompetenz eine
Gesellschaft dominiert, wird diese Gesellschaft zu einer Veranstaltung von
Gruppen, die sich gegenseitig übers Ohr hauen.
Sodann
Auswahlvermögen, Filterfähigkeit, Kompetenz zum Mediamix. Dazu gehört auch
das instinktive Wissen, wie und wann man von medial vermittelter zu persönlicher
Kommunikation wechseln muss und welche Konventionen und Manieren dabei zu
beachten sind. ... Die "Super Highways", die gerade entstehen, sind
intelligenter als die alten zentralisierten Netzwerke der
Massendistributionsmedien. Allerdings verlangen sie den Mut zur "riskanten
Selbststeuerung" (Jürgen Habermas) - und der scheint vielen von uns
derzeit zu vergehen.
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Bewirken
diese Änderungen nun 'Mutationen'? Um dies herauszufinden, müssen wir uns mit
der Theorie der Telematik auseinandersetzen. Viele 'Medientheoretiker' tun ja so, als ob die Veränderung eines
Parameters alle Parameter verändern würde - und das von heute auf morgen.
'Paradigmenwechselmystik'
nennt das der Popkritiker Diederich Diederichsen. Ob Jean Baudrillard vom
"Triumph des Vergessens über das Gedächtnis" spricht und befürchtet,
über die Menschen komme "ein barbarischer, erinnerungsloser Rausch"
oder ob Paul Virilio die "entfesselte Mobilität" beschwört - jeder
Professor, der etwas auf sich hält, prophezeit eine Veränderung der Welt, wie
sie sich vollzog, als die Lurche aus dem Wasser an Land krochen und erstmals
Lungen entwickelten. Und so realistisch unsere Wirtschaft normalerweise ist -
bei dieser Art Mystik schließt sie sich gern an. Selbst bei hochseriösen
Unternehmen, etwa bei NEC in Tokio, begegnet man ernst zu nehmende Menschen im Businessanzug, die verkünden,
dass die Durchdringung des Marktes für Personal Computer in fünf Jahren 100 Prozent
erreicht haben werde. Schnapsmanager kaufen für Riesensummen amerikanische
Filmfirmen, und die Besitzer von Film- und Fernsehrechten verkünden die
Botschaft "Video on Demand" gelegentlich wie der Papst die
Osterbotschaft. Man muss sich mit dieser 'Paradigmenwechselmystik’ höchst kritisch
auseinander setzen. [...]
Ich
beabsichtige also die These zu vertreten, dass Kommunikationskultur auch in der telematischen Gesellschaft möglich ist.
Natürlich: Die Chance der Programmkontrolle sinkt von Tag zu Tag. Die neuen
Techniken bewirken, dass man niemandem mehr vorschreiben kann, ob er seine Mittwochabende mit Don
Carlos, einem Softporno, der Abwicklung seiner Bankgeschäfte oder Chatting
im 'Internet' verbringt. Möglich ist aber eine Kehre zum Rezipiententraining,
zur Medienerziehung, zur Vermittlung von 'Computer- und Media-Literacy'. Ja, die
neuen virtuellen Welten bewirken eine Verunsicherung der Wahrnehmungsverhältnisse.
Aber der Mensch ist dieser Entwicklung nicht ausgeliefert. Er kann die moderne
Technik (zum Beispiel der Interaktivität) auch zur Entmachtung der
Sendezentralen nutzen, im Sinne der produktiven Utopie des aus Prag stammenden jüdischen
Kommunikationsphilosophen Vilem Flusser. Von ihm stammt der Satz: "Jeder
Knotenpunkt des Netzwerkes wird zugleich empfangen und senden." [...]
Der
Vielmedienbenutzer muss
keineswegs zum Videoten werden (einer Verbindung von Video und Idiot). Man kann
es lernen, sich einen virtuellen Mediamix zurechtzulegen, um mit Fernseher,
Recorder, Telefon, Answeringsmaschinen, Personalcomputern, aber eben auch mit
Zeitungen, Zeitschriften, Büchern oder Comics emanzipiert umzugehen. Die
Superhighways, die gerade entstehen (aber noch längst nicht fertig sind), sind
intelligenter als die alten zentralisierten Netzwerk. Allerdings verlangen sie
den Mut zur riskanten "Selbststeuerung", wie das Jürgen Habermas
ausgedrückt hat. Ich plädiere dafür, diesen Mut aufzubringen.
[aus: Peter Glotz: Medienpolitik als
Wissenschafts- und Bildungspolitik.
s. auch Peter Glotz: Informationsflut und Medienkompetenz. Vortrag München 2000 - bei:
http://www.landeshauptstadt-muenchen.de/referat/kultur/referat/fg11/millen/glotz.pdf
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Daten zur Mediennutzung:
http://www.awa-online.de/mediennutzung_2002/einstieg.html
http://www.br-online.de/br-intern/medienforschung/
http://www.boersenblatt.net/sixcms/media.php/11/pr_skongress231100.ppt
http://www.medienpaedagogik-online.de/mf/6/00683/
©
G. Einecke - http://www.fachdidaktik-einecke.de
zugleich Ergebnis der Fachleitertagung Studienseminar Jülich (AG Einecke, Reuter, Schmidt, Weber), Kronenburg 2003