Unterrichtsstörungen und Disziplinproblemen begegnen
Lehramtsanwärter/innen
und junge Lehrer/innen werden - je nach Ausbildungsordnung eines Bundeslandes
oder der Schulsituation - nach dem Studium (dem Referendariat) oft direkt ins kalte Wasser gestürzt
und müssen mit Beginn eines Schul-(Halb-)Jahres sofort und teilweise
unvorbereitet neue Klassen oder Kurse übernehmen. Dabei geben oftmals ältere Kollegien auch gerade die schwierigen Klassen
(Jg. 8-10) an die neuen Lehrer/innen ab, sogar mitten im Schuljahr. Andererseits
tappt man als junge Lehrkraft oft in typische Fallen
des Deutschunterrichts, unterfordert auch die Schülerinnen und Schüler,
zerdehnt die Zeit etc. Und schon gibt es die heftigsten Disziplinprobleme und
Unterrichtsstörungen - vor allem in der Sekundarstufe I .....
Das Fach Deutsch hat u. a. die Aufgabe,
kulturelle Traditionen zu vermitteln, die nicht per se im modernistischen Horizont der SuS liegen,
Leseanforderungen an sie zu richten, die doch ganz andere Konsumgewohnheiten mit Medien pflegen,
Schreibmöglichkeiten für sie zu entwickeln, die ja eigentlich nur noch beim "Simsen" schreiben,
und dabei auch längere Texte in Hausaufgaben einzufordern, die aus ökonomischen Gründen wegen der kostbaren Unterrichtszeit eben nicht im Unterricht geschrieben werden können,
Konzentration zu erwarten bei Kindern und Jugendlichen, die durch Schnitttechnik von Filmen und Fernsehen, Zappen, Spot-Techniken etc. auf 15-20 Sekunden-Reizwechsel "dressiert" sind und nur noch wenig Ausdauer in Rezeption und Verarbeitung aufbringen können
Anstrengungen in einem gesprächsorientierten Unterricht einzufordern, obwohl gerade die faire und differenzierte sprachliche Kommunikation in Familie und Gesellschaft und bei den alterstypischen medialen Vorbildern immer mehr schwindet,
Wertediskussionen auf der Basis literarischer Modelle zu führen, die der Entwicklung der Schülerpersönlichkeit, des sozialen Verhaltens und der Anbahnung des demokratischen Konsenses dienen sollen, und das in einem Alter, in dem die Jugendlichen ihre eigenen Wege gehen und sich von den Erwachsenen absetzen wollen
in musischen Unterrichtsformen und mit Einsatz verschiedener Medien auch Emotionen freizusetzen, deren Kontrolle erst noch geübt werden muss
etc.
Dies alles macht den Unterricht in Deutsch sehr störanfällig.
Wenn erst einmal chaotische Strukturen, Widerstand der Schülerinnen und Schüler, Ablehnung des Unterrichts und Fehlverhalten überhand nehmen, ist Hilfe gefragt. Sein Heil in Sanktionen zu suchen, will wohl überlegt sein. Zumeist gibt es auch nur wenig praktikable Möglichkeiten im Schulrecht der Bundesländer; vorrangig sind es warnende pädagogische Maßnahmen, die sich schnell verbrauchen, wie Ansprache, Gespräch, Warnung, Mahnung, Tadel, Klassenkonferenz etc., je nach Schweregrad unter Einbeziehung der Eltern, auch an einzelnen Schulen unter Moderation von Mediatoren. Notendruck hilft i.d.R. auch nicht weiter.
So ist eine neue Lehrkraft zuerst einmal auf sich allein gestellt, und sie sucht dann auch leicht den Fehler nur bei sich; sie müsste allerdings über die schon länger aufgebaute Karriere einzelner Störer oder ganzer schwieriger Klassen informiert werden, wie auch über die in einer Schule abgesprochenen, gar beschlossenen Regelungen in der Schulordnung, in der Klassenordnung oder über einen tradierten Verhaltenskodex einer Schule, über einen Konsens im Kollegium etc.; und sie muss eigentlich mit den Lehrkräften in Kontakt gebracht werden, die zuvor in Auseinandersetzung mit einer schwierigen Klasse standen.
Bei sehr stark
entwickelten Unterrichtsstörungen empfehle ich:
1. Glaubwürdigkeit und Authentizität herstellen, indem Sie von Ihrem persönlichen Interesse an Lehrstoffen ausgehen und dabei den Lehrplan etwas nach hinten stellen; so können Sie überzeugen und Motivation
herstellen, indem Sie sich als Person einfließen lassen.
2. Interesse an den SuSn zeigen, an ihren Problemen, Zukunftssorgen und -phantasien, sie nicht als Gegner erleben; d.h. einen problemorientierten Unterricht machen und entsprechende Textangebote in den DU ziehen; dabei sich in offenen Gesprächen für die SuS interessiert zeigen und sich dafür Zeit nehmen.
3. Bewussten und funktionalen Methodenwechsel in dynamischem Rhythmus zu planen: einerseits lehrergeführte, vermittelnde, aufgabengebundene und kontrollierende Unterrichtsformen - andererseits schülerorientierte und lösungsoffene Unterrichtsformen (s. erarbeitender Unterricht / offene Unterrichtsformen / Lernformen)
4. In einer völlig
verkorksten Situation aber zuerst: ehrlich den SuSn Ihre eigene Situation in der Klasse beschreiben (nicht lamentierend, sondern nur realistisch) - Ihre Abhängigkeit als
Referendar/in - Ihre Vorstellungen von einem störungsfreien Unterricht und Ihre
Ziele als Lehrer/in - dazu das fachliche Programm für einen erfolgreichen
Jahres-/Schulabschluss der SuS im Fach D knapp skizzieren; dann auf gemeinsame Regeln für Verhalten im Unterricht und gegen Störungen pochen, diese auflisten (aushängen; s. Anlagen) und eine Vereinbarung mit den SuSn aushandeln. - Übrigens: für die
von den SuSn regelmäßig als Argument vorgetragene "Langeweile" sind nicht nur Sie verantwortlich, sondern evtl. das Desinteresse der SuS am eigenen Fortkommen, vor allem aber i.d.R. eine geringe Bereitschaft zur eigenen Anstrengung, sich selbst den Unterricht interessant zu machen;
andererseits müssen Sie aber auch die SuS schon bei der Reihenplanung mit
einbeziehen, um ihren Interessen entgegenzukommen!
5. Begleitend: mit der/dem Klassenlehrer/in sprechen und bei ihr/ihm Rat suchen; mit anderen
Lehrkräften, die auch in der Klasse unterrichten, sprechen, Ihre Lage schildern und ein
gemeinsames Vorgehen aushandeln.
6. eine "gestandene" D-Lehrkraft als Vertrauensperson im Kollegium suchen und länger einbeziehen: auch bitten, dass sie Sie 'mal im Unterricht besucht
und beobachtet und dass Sie sie besuchen dürfen (gegenseitige Hospitation); über die Erfahrungen sprechen;
7. wenn sich nach 4-6 Wochen bei den SuSn gar nichts tut, dann Ihre Ausbilder und/oder den
Stufenleiter/Schulleiter einschalten, um Maßnahmen "von oben" anzustreben.
Maximen:
Klarheit in den Anforderungen - Klarheit im Gespräch - Risiko in der Auseinandersetzung - eigene Begeisterung für das Fach bewirkt Schülerinteresse
Persönlich:
mit Kolleg/inn/en sprechen - bei allem Stress gut ausschlafen, spazieren gehen, etwas Sport treiben
(:-))
Anhang:
1_Zum Umgang mit Unterrichtsstörungen (Dagmar Wilde 2000)
2_Fragebogen zu Unterrichtsstörungen (axel-dumschat, Gesamtschule Bockmühle 2007)
3_S-Fragebogen-Verhaltensregeln im Klassenraum (www.unterrichtsstoerungen.de 2007)
4_Thesen zur Lehrerbelastung (www.weg-vom-stress.de)
5_Trainingsraum-Konzept (Kugel 2006)
6_Checkliste Maßnahmen (2006)
7_Konstruktiver Umgang mit Unterrichtsstörungen (Josef Leisen 2003)
8_Professioneller Umgang mit Unterrichtsstörungen (Anwender, Studienseminar Koblenz 2005)
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