Kommunikatives Lernen -
Unterrichtsgespräche untersuchen
|
|
(1) Literaturunterricht
- Klasse 10: Tschingis Aitmatow:
Djamila.
- Die «schönste Liebesgeschichte der Welt«,
aus der ehemaligen Sowjetunion, handelt von Djamila,
einer jungen, unglücklich verheirateten Kirgisin, die sich gegen veraltete
Lebensformen stellt und zu ihrer Liebe bekennt. - Unterrichtsthema: „Auseinandersetzung über die unterschiedlichen
Glücksvorstellungen der Ailbewohner“. L. (L. = Lehrer/in): Ute, Sie haben zwei
Personen genannt, die Glücksauffassungen vertreten, die Schwiegermutter und Djamila. - (Pause. Keine Reaktion der Schüler.) L:
Vielleicht gruppieren Sie noch einmal ein! (Pause) Es geht ja nicht bloß um
die beiden Personen, sondern beide verkörpern sich gegenüberstehende
Gruppierungen. (Wiederum keine direkte Reaktion) L: Wessen
Glücksauffassung vertritt die Schwiegermutter? Womit konnten wir sie
gleichsetzen? S.: Des
Dorfes! S.: Des Ails. L.: Womit
können wir die Auffassungen Djamilas gleichsetzen? S.: Sie
ist moderner. [...] [Bild: Hilbert
.Meyer: Unterrichtsmethoden II.Fft.: Scriptor 1987, 204] |
(2) Stundenthema: Djamilas und Danijars Glücksanspruch und Entscheidung - Auf der
Grundlage der Hausaufgabe „Werten Sie die Verbindung von Danijar
und Djamila!“, wird das Unterrichtsgespräch folgendermaßen
geführt:
L.:
Wir wollen uns darüber verständigen, wie das Verhalten von Djamila
und Danijar zu bewerten ist, vor allem das von Djamila. Wie ist Ihre persönliche Meinung? [...]
S.:
Für mich gibt es da ein Problem: Djamila verlässt
ihren Mann. Der ist im Krieg. Ich finde das nicht richtig!
S.:
Die Frage, ob richtig oder falsch gehandelt, bewegt mich auch. Aber wie soll
sie weiterleben, wenn sie ihren Mann, Sadyk, nicht
liebt? Sie gehört zur neuen Generation. Kann sie auf die Dauer nach den überlebten
Gesetzen im Ail leben?
S.:
Mich beschäftigt die Frage, ob man jemanden, an den man gebunden ist - immerhin
ist ja Sadyk Djamilas Mann
-, einfach verlassen kann. Sollte man also nur tun, was das Herz verlangt und
sich nicht an geltende Normen halten?
L.:
Also, Verständnis oder Unverständnis? Ist Djamila zu
verstehen oder gar zu verurteilen?
S.:
Kann man die Frage einfach mit "richtig" oder "falsch", mit
"ja - nein" beantworten?
S.:
Ich glaube, man sollte untersuchen, was Djamila und Danijar wirklich verbindet.
S.:
Verlässt Djamila ihren Mann nur aus Liebe und
Zuneigung zu Danijar? Ich meine, man muss auch die
historischen und nationalen Bedingungen beachten!
S.:
Ich vermute, dass auch Djamilas Herkunft, als Kind
eines Pferdehirten aufgewachsen, ihre Entscheidung mitbestimmt.
S.:
Ich finde, schlimmer wäre es, wenn Djamila erst nach
der Rückkehr ihres Mannes weggehen würde. Die jetzige Lösung ist ehrlicher.
S.:
Ich denke, dass auch die Lebensbedingungen und die Familientraditionen im Ail Djamilas Entscheidung
beeinflussten. Auch dass sie sich durch die Briefe ihres Mannes gedemütigt
fühlte.
L.:
Komplizierte Fragen. Hat der Autor klare Antworten?
S.:
Der Autor steht auf Djamilas Seite. Er lässt Djamila zum Vorbild für Seit werden, der nachzudenken
beginnt und seinen eigenen Weg sieht, um seine Ansprüche an das Leben zu
verwirklichen.
S.:
Das ist auch meine Meinung. Seit, der eigentliche Erzähler, entscheidet sich
für Djamila. Das zeigt sich darin, dass er die Reiter
bewusst den falschen Weg zur Bahnstation reiten lässt, um Djamilas
Weggehen nicht zu gefährden.
S.:
Seit verurteilt auch Danijar nicht. Er sagt, dass er
zwar nur einen alten Soldatenmantel und zerlöcherte Stiefel besitzt, aber in
seinem Herzen war er für ihn reicher als manche Leute im Ail.
Mit ihm kann Djamila nicht unglücklich werden.
S.:
Ich bin nicht ganz der Meinung. Djamila hätte auch
Verpflichtungen gegenüber ihrer Schwiegermutter gehabt, die immer gut zu ihr
war und die durch Djamilas Fortgehen so schwer
getroffen wurde, dass sie sich nicht mehr richtig erholen konnte. Der Autor
führt zum Beweis das Bild vom Einfädeln der Nadel an. [...]
[Edgar
Rausch: Sprache im Unterricht. Berlin: Volk und Wissen 1985, 56-58]
(3) Diskussion in Jg. 12 zu einem
Schülerreferat über das Thema „Böll und
die Arbeiterliteratur“
Referent ist
der Schüler H., der seit fünf Minuten spricht.
Diskussionsleiter ist ein Schüler (D-L).
( U =
undeutlich, unverständlich. D = durcheinander)
H.: Viele
der Arbeiterliteraten sind selbst keine Arbeiter, und ihre Texte, die sie
schreiben, sind für Arbeiter unverständlich. Z. B. Brecht, Böll und Grass sind
dem Arbeiter als Schriftsteller bekannt, jedoch in ihrem Schreibstil, äh, unverständlich,
etwas zu hoch für ihn.
D.-L.: Ja, Peter.
Bu.: Ja, schließt du den Brecht, Böll zur
Arbeiterliteratur mit ein?
H.: Ja,
klar.
Bu.: Das sind doch bürgerliche Schriftsteller, zwar
progressiv und allgemein deren politischer Standpunkt bekannt. (U) Ich würde
ihn aber nicht zu den Arbeiterliteraten zählen.
H.: Willste anzweifeln jetzt, dass Böll . . .
Ba.: Ja. (D)
Bi.: Auf
jeden Fall ist Böll aber nun der Arbeiterschriftsteller überhaupt. (D)
Bu.: Dann haben wir eben Arbeiterliteratur falsch
verstanden. (D) Definition: Arbeiterliteratur heißt Literatur von Arbeitern
für Arbeiter über die Arbeitswelt....
Bi.: Nein,
es kann auch Arbeiterliteratur von Nicht-Arbeitern sein, das zählt auch zur
Arbeiterliteratur (D,U)
D.-L.: Wir müssen hier mal nach der Reihe gehen, hier Kurt.
P.:
Und jetzt hier auf unserem, äh unserem Papier zurückzukommen, wir haben hier
als ersten Punkt, was wir als ersten Punkt festgestellt haben, war im Punkt
1.1, dass Arbeiterliteratur Darstellungen über Arbeiter bezeichnen soll, sie
aber nicht notwendigerweise von Arbeitern geschrieben zu sein braucht.
H.:
Genau.
Bu.: Aber wo schreibt Böll über Arbeitsplätze oder über
Bedingungen am Arbeitsplatz, wo schreibt er das ?
Bi.:
Arbeiterliteratur besteht ja nicht nur aus Arbeitsplatzbeschreibungen.
B.:
Ja, gut . . .
Bi.: Er befasst
sich auch mit anderen Problemen.
Bu.: Ja, gut, der Arbeiter, irgendein Blatt von Böll . . .
(D) [...]
H.: Ja,
ich soll jetzt klären, dass, dass äh Brecht, Böll und Grass Arbeiterliteraten
sind . . .
D-L.: Bei Brecht dürfte das jedem klar sein.
H.: Jetzt
Böll . . . das soll ich jetzt klären . . .
Bu.: Nein, du hast ihn als Arbeiterliterat aufgezeigt, ich
widerspreche dem.
H.:
Beweise das Gegenteil.
D-L.: Du musst jetzt die Begründung bringen, warum Böll, warum Böll Arbeiterschriftsteller
ist.
V.:
Er muss nicht seine Unschuld beweisen, sondern sein Gegner muss ihm seine
Schuld beweisen. (D)
D-L.: Das ist doch wohl Unsinn
(D)
?: Also ich habe auch schon was von Böll gelesen . . . (D)
Bu.: Hast du alles gelesen?
R.:
Ich habe gelesen, der wird als Moralist genau eingestuft.
Bi.: Was
ist das für ein Buch ? (D)
H.: Ein
Moralist, das sagt ja nichts darüber aus, dass er ein Arbeiterliterat ist oder
keiner, das hat doch damit nichts zu tun.
Bu.: Ja, eben, er geht doch aber von anderen Grundsalzen
aus. Über was er schreibt und wie er es schreibt, da geht er von einem
bürgerlichen Standpunkt aus. (U)
Hi.: Ich
würde dazu sagen, können wir das nicht später . . .
Bu.: Nein, das ist wichtig.
Hi.: Du
hast überhaupt kein fundiertes Wissen darüber, und er auch nicht.
D-L.: Machen wir’s doch mal anders - glaubst du denn, dass Böll unter die
Arbeiterschriftsteller zählt ?
H.: Das
ist mir . . .
Bu.: Nein, also wir haben ja den Unterschied zwischen dem
bürgerlichen oder traditionellen Kunstbegriff und dem neuen Kunstbegriff zu
klären gehabt. Und darunter konnten wir genau feststellen, allein von den
Formalismen her, von dem Satzbau, von den Inhalten her, über die Böll schreibt,
und wie er es schreibt, vom Stilistischen her zählt er unter den traditionellen
Kunstbegriff und nicht unter die Arbeiterliteratur.
H.:
Ja, gut, dann . . .
Bi.: Ja, ich möchte dir hier entgegensetzen, denn Böll, ja, wenn du
sagst, er gehört zu den bürgerlichen Schriftstellern, er stellt doch gerade das
Bürgerliche andauernd in Frage, ja.
Bu.: Das hat doch damit gar nichts zu tun . . .
Bi.: Das hat damit gar nichts zu tun - hör mal zu, das ist ganz klar, dass
er nicht unter die bürgerlichen Schriftsteller fällt, er ist sehr stark
engagiert für den Arbeiter, ja, nicht nur in seinen Büchern, sondern auch in
seinen öffentlichen Diskussionen....
Bu.: Das hat damit ja auch nichts zu tun, wir gehen jetzt
ja allein vom Kunstbegriff aus. Ich würde vorschlagen, wenn sich das so
schlecht klären lässt, dann warten wir doch unser, unser Gruppenreferat ab.
Dann stellen wir bis ans Ende der Behandlung dieses Thema zurück. [...]
[in: Arend Folkers:
Sprachliches Handeln, Kurs 1. Paderborn: Schöningh
1979, 91 ff. - Transskript]
1 Untersuchen und erörtern Sie – (1) - (3) vergleichend – : die Lehrer-Schüler-Interaktion und die
Schüler-Schüler-Interaktion, die Abfolge von Fragen und Antworten, die
Spielräume für Schülerinnen und Schüler, die inhaltliche Entwicklung.
Unterscheiden Sie die Formen „gelenktes“ und „offenes Unterrichtsgespräch“.
Klären Sie den Lernprozess während der Gespräche. - Bewerten Sie die Art des
Umgangs der Gesprächsteilnehmer miteinander.
2 Erörtern Sie im Plenum die Frage: „Was ist ein gutes Unterrichtsgespräch?“ Ziehen
Sie dazu ggf. die folgenden Thesen heran:
Neben dem individuellen, isolierten Lernen, z.B. bei Hausaufgaben, bei
Einzelarbeit, als Zuhörer bei einem Vortrag, beim Lesen eines Buches, mit einem
Lernprogramm, einem Video, im Internet o.Ä., und
neben dem Lernen in kleineren Arbeitsgruppen ist das kommunikative Lernen im Unterrichtsgespräch
- von besonderem Reiz, weil
man im Austausch mit Gleichaltrigen sowie mit unterschiedlich begabten,
interessierten und befähigten Mitschülerinnen und –schülern
sowohl zu fachlichen Fortschritten als auch zu mehr Verständnis im Umgang
miteinander gelangen kann;
- von hoher Effektivität,
weil man seine Gedanken im Gespräch - unter Anleitung oder Begleitung durch die
Lehrperson - miteinander klären kann, mit anderen einen Erkenntnisweg gehen
kann, sich im Lernen - abgestimmt mit den anderen - selbst steuern und
gemeinsam etwas verarbeiten kann und weil man dabei alles sprachlich auf den
Punkt bringen muss.
Unterrichtsgespräche
sind gelungen, wenn die
Schülerinnen und Schüler
▪
unter einem
eindeutigen Thema, einer klaren Fragestellung, einer anspruchsvollen Aufgabe
arbeiten
▪
zu neuem Wissen,
neuen Erkenntnissen und Einsichten gelangen
▪
Hilfen, Anleitung
und Impulse der Lehrperson nutzen
▪
selbständig zu
Ergebnissen finden und dabei Vorwissen und Sachkenntnisse einsetzen
▪
sich möglichst
alle beteiligen sowie einander einbeziehen und dabei ihr Gespräch gut strukturieren
▪
Lösungswege und
Methoden explizit einsetzen
▪
Verstehensschwierigkeiten
klären
▪
ihre Ergebnisse
fixieren und für den folgenden Unterricht bereit stellen.
© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de