Aufgabenstellung
und Erwartungshorizont als zentrale Planungsstücke für die Leistungsbewertung
im Fach Deutsch (Klassenarbeiten/Klausuren)
Vorlagen und Ergebnisse des Kompaktseminars in Neuss „Leistungsbewertung Juni 2004“
Bei der Planung von Klassenarbeiten / Klausuren muss man folgenden Zusammenhang sehen:
zielorientierte Vorbereitung und Übung im Unterricht
Terminierung im Laufe oder am Ende eines Unterrichtsvorhabens - mit Ankündigung
Aufgabenstellung (mit passenden Texten/Materialien) für die Klassenarbeit/Klausur
Erwartungshorizont zur Schülerleistung
tatsächliche Schülerleistung
Korrektur- und Bewertungsvorgang.
Anforderungen an eine Aufgabenstellung in der Sekundarstufe I
-
Aufgaben müssen im Unterricht vorbereitet und geübt sein
-
altersgemäße, motivierende Materialien / Texte
-
zeitangemessener Umfang von Material und Aufgabe
A) Informationen auf dem Schülerblatt
zunächst Angabe des
Gesamtprodukts, das geschrieben werden soll: Aufsatzart (Erlebniserzählung, Vorgangsbeschreibung, Textuntersuchung...) - Kernlehrplan-Typ Nr.
ggf. Ankündigung der
Produktionsformen (multiple choice-Aufgabe, Lückenaufgaben, Kurzantworten, ausführlicher
Text...)
Verweis auf Unterrichtszusammenhang
(thematischer Kontext, Vorwissen...)
Zeitdauer (evtl. Empfehlung für
Zeitaufteilung)
B)
Aufträge in der Aufgabenstellung
1.
Formulierung:
möglichst als Aufträge - nicht als Fragen
2.
Prägnanz:
kurz und verständlich = keine komplexen Hypotaxen
3.
Operationen:
explizite Angabe der auszuführenden Tätigkeit = Operationsverben
(unterstreiche, erkläre in einzelnen Sätzen, erkläre in einem zusammenhängenden
Text, formuliere Zwischenüberschriften, schreibe einen Dialog, entwickle eine
Tabelle, überarbeite, bewerte...)
4.
optischer
Aufbau des Aufgabenapparats:
mehrere Aufträge getrennt untereinander, in neuen Zeilen beginnend; nummeriert,
zusammengehörende Aufgabengruppen mit entsprechender Bezifferung (2.1 - 2.2 -
2.3);
5.
Reihenfolge:
soll der Abfolge der Arbeitsschritte entsprechen
6.
Progression:
Aufgaben nehmen in der Anforderung zu; sie sollten im Ergebnis möglichst nicht
gegenseitig abhängig sein, so dass z.B. Aufgabe 3 nicht unerfüllbar wäre,
wenn Aufg. 2 nicht richtig gelöst ist; dieser Grundsatz kann in Deutsch nicht
immer gelten, da es z.B. Zusammenhänge im Verstehens-, Erklärungs- und
Deutungsprozess gibt
7.
Beschränkung:
nicht zu viele Einzelaufträge - s. Dauer der Klassenarbeit, zunehmende Selbständigkeit
der Schüler und Begrenzung der Korrekturbelastung für die Lehrkraft
Klassenarbeit Jg. 7 - Textuntersuchung / Kernlehrplan-Typ 4
Erich
Kästner - Die Ballade vom Nachahmungstrieb
Es
ist schon wahr: Nichts wirkt so rasch wie Gift!
Der
Mensch, und sei er noch so minderjährig,
ist,
was die Laster dieser Welt betrifft,
früh
bei der Hand und unerhört gelehrig.
Im
Februar, ich weiß nicht am wievielten,
geschah's,
auf irgend eines Jungen Drängen,
daß
Kinder, die im Hinterhofe spielten,
beschlossen,
Naumanns Fritzchen aufzuhängen.
Sie
kannten aus der Zeitung die Geschichten,
in
denen Mord vorkommt und Polizei.
Und
sie beschlossen, Naumann hinzurichten,
weil
er, so sagten sie, ein Räuber sei.
Sie
steckten seinen Kopf in eine Schlinge.
Karl
war der Pastor, lamentierte viel,
und
sagte ihm, wenn er zu schrein anfinge,
verdürbe
er den anderen das Spiel.
Fritz
Naumann äußerte, ihm sei nicht bange.
Die
andern waren ernst und führten ihn.
Man
warf den Strick über die Teppichstange.
Und
dann begann man, Fritzchen hochzuziehn.
Er sträubte sich. Es war zu spät. Er schwebte.
Dann
klemmten sie den Strick am Haken ein.
Fritz
zuckte, weil er noch ein bißchen lebte.
Ein
kleines Mädchen zwickte ihn ins Bein.
Er
zappelte ganz stumm, und etwas später
verkehrte
sich das Kinderspiel in Mord.
Als
das die sieben kleinen Übeltäter
erkannten,
liefen sie erschrocken fort.
Noch
wußte niemand von dem armen Kinde.
Der
Hof lag still. Der Himmel war blutrot.
Der
kleine Naumann schaukelte im Winde.
Er
merkte nichts davon. Denn er war tot.
Frau
Witwe Zwickler, die vorüberschlurfte,
lief
auf die Straße und erhob Geschrei,
obwohl
sie doch dort gar nicht schreien durfte.
Und
gegen Sechs erschien die Polizei.
Die
Mutter fiel in Ohnmacht vor dem Knaben.
Und
beide wurden rasch ins Haus gebracht.
Karl,
den man festnahm, sagte kalt: „Wir hab'n
es
nur wie die Erwachsenen gemacht.“
(Anmerkung:
Der Ballade liegt ein Pressebericht aus dem Jahre 1930 zugrunde.)
(Z.
14: lamentieren = jammern)
|
Aufgabe:
1.1 Gliedere die Ballade nach zusammenhängenden Strophen: Schreibe: 1.) Z. … - Z. …; 2.) Z. … …) 1.2 Begründe deine Einteilung in kurzen Sätzen. 2.1
Erkläre mit Hilfe des Textes den Ablauf des Geschehens: Wie
ist es zu dem Tod des Jungen gekommen?
- Schreibe einen zusammenhängenden Text und zitiere. 2.2
Erkläre mit Hilfe des Textes die Frage: Warum hat der Text den
Titel „Ballade vom Nachahmungstrieb“?
- Schreibe einen zusammenhängenden Text und zitiere. 3. Berichte von einem Beispiel aus deiner Erfahrung, in dem es auch um „Nachahmung“ geht. |
Klassenarbeit - Jg. 6 - 1 Stunde: Bildergeschichten - Pronomen / Kernlehrplan-Typ 5
1. Lies die Vorgeschichte (A) zu der Bildergeschichte. Irgendetwas klingt hier seltsam.
Gegen welche Regel ist in Text (A) verstoßen worden? - Erkläre: ……………………
2. Schreibe die Vorgeschichte um, so dass sie nicht mehr so komisch klingt. …………..
3. Betrachte die Bilderfolge (B) und lies die Bildergeschichte (C) dazu.
4.Schreibe fünf unterschiedliche Pronomen aus (C) heraus und benenne sie. ………….
5. Erkläre zum letzten Satz in (C), welches Missverständnis entsteht. …………………..
Verbessere den Satz: ………………………
6. Schreibe die Geschichte zu Ende. ……………..
7. Unterstreiche alle Pronomen in deinem Text.
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(A) Die
Vorgeschichte
Kai hat heute Geburtstag. Kai wird 12 Jahre alt, Kai hat viele Freunde eingeladen. Das Besondere an diesem Tag ist, dass Kai einen Schlitten geschenkt bekommen hat und Kai den Schlitten gerne sofort ausprobieren möchte. Der Schlitten von Kai ist ein ganz besonderer Schlitten, denn den Schlitten hat Kais Opa für Kai gebaut…
(B) Die Bilderfolge

(C) Die
Bildergeschichte
Es hatte in der Nacht stark geschneit. Kai sah aus dem Fenster und freute sich, denn jetzt konnte er seinen neuen Schlitten ausprobieren. Er lief schnell zur Garage und dachte: „Endlich kann ich dich mal testen. Wer kann denn etwas dagegen haben, wenn ich vor dem Frühstück kurz draußen bin?“ So ging er den Berg hinauf und sauste mit einiger Geschwindigkeit auf seinem Schlitten den steilen Weg hinab. Er wurde immer schneller, so dass er gar nicht bemerkte, wie er außer Kontrolle geriet und auf einen Baum zusteuerte…
Aufgaben für Klassenarbeiten in einem Projekt:
Natur und Stadt in Lyrik und Malerei, ein Projekt in Deutsch und Kunst, Klasse 10 F 1 Frühjahr 1999
http://www.fhnon.de/u1/gym03/expo/jonatur/geistesw/jhwende/lyribild/lyribild.htm
Aufgaben-Beispiele Sek. II:
zu Brecht: Galileo Galilei; zu Lessing: Emilia Galotti; Lyrik der Romantik;
Nach EPA 2002 müssen die Schüler allmählich über Aufgaben dahin geführt werden, dass Sie in einer Klausur zwei Teilaufgaben zu bearbeiten haben, die sich auf die Inhalte zweier Kurshalbjahre beziehen und unterschiedliche Sachverhalte umfassen. s. Vernetzen
Voraussetzung ist auch, dass Methoden - z.B. Verfahren im Literaturunterricht oder zur Filmanalyse - in der Oberstufe explizit eingeführt und geübt werden (als Arbeitsschwerpunkt) und auch Bestandteil einer Aufgabenstellung sind.
Anforderungen an einen Erwartungshorizont
Zur kriterienorientierten Bewertung gehört die Erstellung eines Erwartungshorizontes für die den Schülerinnen und Schülern erteilte Aufgabe.
Der planende Lehrer erstellt zu der Aufgabenstellung der Klassenarbeit/Klausur die zu erwartenden Ergebnisse. I.d.R. ergibt sich aus seiner Sachanalyse ein Maximum des zu Erreichenden. Dies muss also mit Blick auf die vorbereitende Arbeit im Unterricht und das Leistungsvermögen der besten Schülerinnen und Schüler in der Klasse/dem Kurs, aber auch mit Blick auf die Anforderungen in Kernlehrplan Sek. I bzw. Richtlinien und Lehrplan Sek. II noch entsprechend eingestellt werden, so dass ein sowohl realistisches als auch angemessenes Bild der zu erwartenden Leistungen entsteht.
Im nächsten Schritt wird zu überlegen sein, welche Ergebnisse noch als ausreichend und welche als gut zu bewerten sind.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Standards und Anforderungen im Kernlehrplan Sek. I (2004) ein mittleres Niveau angeben und in Richtlinien und Lehrplan Sek. II (1999) durch die Übernahme der Anforderungs-Definitionen aus der EPA zu den Anforderungen im Abitur (S. 72-74 und S. 85) ebenfalls eine Vorstellung gegeben wird, was gut bzw. ausreichend sein sollte; diese wären in der Oberstufe entsprechend für frühere Halbjahre herunter zu rechnen.
Im Erwartungshorizont sind die Bewertungsbereiche Verstehensleistung und Darstellungsleistung zu konkretisieren, dies gilt nun auch nach dem neuen Kernlehrplan entsprechend für die Sekundarstufe I.
Für das Abitur wird es in NRW ab 2006/07 zentral gestellte Aufgaben und Bewertungsanweisungen im Zentralabitur geben. So werden diese Ausführungen zum Erwartungshorizont ab dann nur noch für den Klassenarbeiten- und Klausurenbereich außerhalb des Abiturs gelten.
Klassenarbeit: Deutsch
/ Jg. 10
Text: Ilse Aichinger, Das Fenster-Theater (1963)
Aufgabenstellung:
Analysiere
diese Kurzgeschichte
Verfahre
dabei in folgenden Schritten:
I.
Einleitung: Autor / Titel /
Thema (l. Satz ) und knappe Inhaltsangabe der Geschichte
II.
Hauptteil:
Bearbeite die folgenden Arbeitsaufträge:
1. Charakterisiere die Frau und ihre Motive
2. Erkläre, welche Rolle die Erzählperspektive in dieser
Geschichte spielt.
Oder: Erkläre, vom Titel
ausgehend, die Pointe der Geschichte.
3. Erläutere die Funktion einiger für die Geschichte wichtiger sprachlicher
Mittel
III.
Schluss: Fasse die Sinnaussage
der Geschichte noch einmal präzise zusammen.
----------------------------------------------------------------
I. In „Das
Fenster-Theater“ wird von den Auswirkungen der Einsamkeit auf die Menschen
einer Großstadtsiedlung erzählt / … von den Problemen der Kommunikation in
der Anonymität einer .......
In
einem Wohnblock beobachtet eine Frau das Fenster eines gegenüber liegenden
Wohnhauses, an dem ein älterer Mann durch scheinbar rätselhafte Gesten auf
sich aufmerksam macht. Verwirrt durch das merkwürdige Verhalten des Mannes, das
die Frau auf sich bezieht, alarmiert sie die Polizei, die darauf in die Wohnung
des Mannes eindringt, dort aber feststellen muss, dass der Mann nur den Kontakt
zu einem Kind gesucht hat, das über der Wohnung der Frau das „Fenster-Theater“
erwidert hat.
II. 1. Frau:
neugierig ( vgl. 1. Abschnitt) / sensationslüstern / Geltungssucht / Einsamkeit
à
Suche nach Kontakt
2.
Erzählperspektive : teilweise auktoriale Erzählhaltung (vgl. 1.
Abschnitt), aber vorwiegend personale Perspektive, d.h. Sicht und Denkweise der
Frau / wechselt ab Z. 66 zur Perspektive des Mannes bzw. des Kindes
Pointe:
wird durch diesen unterschiedlichen Blickwinkel (eingeschränkte Perspektive des
Fensters) erzeugt
3.
Sprachl. Mittel (Beispiele):
-
fehlende Dialoge à
Einsamkeit / gestörte Kommunikation
-
Außenwelt als Spiegel des Inneren (Frau - 1. Abschnitt)
-
Lichtmetaphorik : hell / Sonne / erleuchtet - Kontaktfreude des Mannes/ Kindes
kontrastiert : „eigenes finsteres Fenster“ (73) der Frau
-
symbolische Gestik zw. Mann u. Kind: Lachen zuwerfen ( Wdh / Parallelismus), d.
h. Kontaktaufnahme, aber am Ende unterschieden durch das eher zornige Schleudern
„den Wachleuten ins Gesicht“ (83)
-
Klimax / Steigerung: die Aktionen der „Theateraufführung“ bzw. die
Handlungsschritte, die sich steigern
-
Wiederholungen sinntragender Wörter: „lachen / winken“ (Kind / Mann) oder
„schleichen“ (Frau /Polizei)
III. Die Autorin will zeigen, wie wichtig die Kontaktsuche in der Anonymität des Großstadtlebens sein kann, um aus der Einsamkeit herauszukommen. Dabei kann die Kommunikation z.T. nur durch Gesten bzw. Zeichensprache (räumliche Distanz) realisiert werden oder sie wird auch durch den egoistischen Drang nach Beachtung und Geltung wieder zerstört (Frau).
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Schülertexte:
dem Link folgen:
Beispiel: Politische Rede - Klausur Deutsch LK 13 (2002)
Aufgabenart: Analyse eines Sachtextes mit weiterführendem Schreibauftrag (I A)
Text:
Aufgabenstellung:
Hauptaufgabe:
Analysiere
diesen Text mit den dir bekannten Verfahren der Sachtext- und Redeanalyse
Weiterführender
Auftrag:
Erläutere
den Unterschied zwischen der hier vertretenen Position zur „Rhetorik in der
Demokratie“ und der „Propaganda im Nationalsozialismus“
Unterrichtliche
Voraussetzungen:
Die Schülerinnen und Schüler befassten sich in 13.2 mit politischen Reden der
Gegenwart und in 12.2 mit ebensolchen aus der Nazizeit sowie mit Hitlers Überlegungen
zur Massenbeeinflussung. In die Analyse von Redestruktur und Argumentation wurde
in 12.2 eingeführt (fortgesetzt in 13.2); hinzu kam die semantische Analyse in
13.2. Daneben spielte die Begriffsexplikation
in 13.1 eine Rolle. Analyse von Sachtexten gab es zudem in 12.1 und 12.2.
Erwartungshorizont:
EPA-Anforderungsbereiche
|
Hauptaufgabe: Verstehensleistung: genutzte Verfahren: z.B. Inhaltsanalyse, Argumentationsanalyse, semantische Analyse, rhetor. Analyse; Ergebnisse am Text: Positionen
- Argumentation: -
von der Amtsrolle bestimmt: mangelnde Entscheidungsbefugnis, aber
Bedeutung seiner Reden über
die Tagesaktualität hinaus und zur Betonung des Gemeinsamen -
Kontrastierungen: Machtstaat - offene Gesellschaft; oben - unten -
allgemeine Funktionen von Rede: Unterrichtung, Werbung; spezifisch:
Transparenz gegenüber Expertokratie mit ihren Innovationsdiskursen
(Beispiele: Gentechnologie, Politik) -
Bedeutung der medialen Vermittlung von Rede mit Problem des Infotainments - Intention der Rede: auch öffentlicher Diskurs soll dialogisch sein Gestaltung: - theoretisch-grundsätzliche Abhandlung im Vortrag zum Thema, d.h. mit sehr zurückgenommenen rhetorischen Wirkungsmitteln -
historische und bildliche Eröffnung der Rede - Abrundung mit Appell -
persönlicher Stil: Ich möchte... -
apodiktischer Stil: Es ist heute nicht mehr möglich... -
abstrakter Stil: Gewissheiten, Wesen, ... -
semantisch: Kontrastierungen, positive Felder: Gemeinwesen, Übereinstimmung,
Frieden, Klarheit, Wahrheit vs. negativem: Macht, Machtwort, Kampf - appellative Seite: friedlich streiten -
kritisch ggf. zu: idealistischer
Entwurf im Vergleich mit politischer Praxis; idealistisch auch: die
„dialogische Rhetorik“; hier aber: das Thema ist nicht auf die
einzelne politische „Rede“ eingeschränkt, obwohl mehrfach von
„Rede“ die Rede ist, es geht vielmehr um die öffentliche
Auseinandersetzung in Rede und Gegenrede weiterführende Aufgabe: allg. zum Propagandabegriff; zentral bei Hitler z.B. die Agitation, die manipulierende Intention, die Massensuggestion, die Zerstörung des Kontrahenten durch Kapitulation, die negative Sicht der Zuhörerschaft als faule Masse, die emotionale Überlegenheit des „Volksredners“, also die monologische Struktur etc.
Darstellungsleistung: S-Text-Rhythmus von Inhaltsüberblick - Analyse - Einordnung und Wertung - Vergleich; expliziter Einsatz von Verfahren; Formulierungsverhalten im Wechsel von beschreiben - erklären - deuten -werten; bei einzelnen Erklärungsvorgängen: Dreischritt der argumentierenden Interpretation und angemessenes, korrektes Zitieren; Text-Layout und Leserführung; normgerechtes Schreiben; analytischer Sachstil |
II
III
III I-III
II-III |
Text:
„Rhetorik in der Demokratie“
Meine
Damen und Herren,
ich
gratuliere zunächst einmal zum Doppeljubiläum. Seit 500 Jahren gibt es
Rhetorik in Tübingen und seit 30 Jahren das Seminar für „Allgemeine
Rhetorik“. [...]
Ich
möchte zum Thema Rhetorik und Demokratie vielmehr in sehr pragmatischer und
politischer Absicht sprechen. Dabei leitet mich das Interesse am weiteren
Funktionieren unseres freiheitlich-demokratischen Gemeinwesens. Denn Freiheit
und Demokratie brauchen die freie Rede und damit die Beredsamkeit wie die Luft
zum Atmen.
Wo
keine selbstverständlichen Gewissheiten vorliegen, wo also Entscheidungen zu
treffen sind, die der Zustimmung bedürfen, wo nicht Macht allein entscheidet
oder formale Logik Schlüsse erzwingt, da ist der Ort der Rhetorik. Wenn das
stimmt, dann ist der vornehmste Ort der Rhetorik tatsächlich die Demokratie. Es
ist deshalb kein Zufall, dass sie in der athenischen Demokratie ihre erste Blüte
erlebt hat. Das entscheidungsoffene Wesen der Demokratie und der Widerstreit der
Meinungen in ihr bewirken, dass Demokratie und Beredsamkeit nicht nur historisch
gleichen Ursprungs sind, sondern dass sie notwendigerweise aufeinander
angewiesen bleiben.
Das
Thema „Rhetorik in der Demokratie“ interessiert mich deshalb nicht nur persönlich,
es interessiert mich auch qua Amt. Wenn der Bundespräsident, wie ich mich jetzt
einmal in der dritten Person nennen will, zu diesem Thema spricht, dann spricht
er in gewisser Weise auch über sich selbst. [...]
Demokratie
und Rhetorik sind ganz allgemein aufeinander angewiesen. Beredsamkeit ohne
Demokratie ist entweder - von unten gesehen - mit Gefängnis- oder gar
Lebensgefahr verbunden oder sie erschöpft sich - von oben gesehen - in
Lobhudelei, Vernebelung und Propaganda. Gewiss kann es auch in anderen
Staatsformen faire Unterrichtung und offenes Werben um die Zustimmung der
Betroffenen geben, aber Demokratie ohne Rede und Gegenrede - und das bedeutet ja
Demokratie ohne Rhetorik - wäre eine reine Gespensterveranstaltung, in der
allein noch nach Logos, Lobbymacht und dem Image von Personen entschieden würde.
Das
Amt des Bundespräsidenten zeichnet sich dementsprechend nicht durch seine
besondere Nähe zum Instrument der Rede aus, sondern allenfalls dadurch, dass
der Mangel seiner Entscheidungsbefugnisse die Rede bei ihm überproportional in
den Vordergrund treten lässt, vor allem aber dadurch, was mit diesem Instrument
angestrebt und erreicht werden muss.
Auf
die Rede sind - wie könnte es anders sein - auch Regierung und Opposition
angewiesen; wie sollten sie sonst die Wähler von der Richtigkeit ihrer
politischen Positionen überzeugen? Die Eigenart der politischen
Auseinandersetzung bringt es aber fast unausweichlich mit sich, dass sie sich
dabei auf solche Fragen konzentrieren, die im jeweiligen Augenblick zwischen
ihnen umstritten sind und die infolgedessen auch gerade „aktuell“ sind.
Andere interessieren in der Regel auch die Medien nicht. Der Bürger zieht
daraus meist den Schluss, „die da oben“ seien „immer nur zerstritten“
und sie sähen außerdem über den Tellerrand der nächsten Wahl nicht hinaus.
Ganz
anders der Bundespräsident: Er hat solche Fragen zu „thematisieren“, die im
Moment nicht Gegenstand der allgemeinen Debatte sind (und die infolgedessen auch
den Massenmedien als nebensächlich erscheinen), und er hat von Zeit zu Zeit ins
Bewusstsein zu rufen, dass es zwischen den politischen Lagern auch breite Zonen
der Übereinstimmung gibt - er hat also, wie man so schön sagt, „das
Gemeinsame zu betonen“. [...]
Ich
möchte auf ein mir ebenfalls sehr wichtiges Thema zu sprechen kommen, das mit
der Rolle der Rhetorik in der Demokratie zusammenhängt. Die offene
Gesellschaft, für die ich immer wieder plädiere, ist auf Transparenz
angewiesen, vor allem auf die Transparenz der unterschiedlichen Wissensbereiche.
Es ist nicht rückgängig zu machen, dass sich unser Wissen in immer mehr
Sachbereiche ausdifferenziert. Es ist aber für eine offene und demokratische
Gesellschaft höchst gefährlich, wenn sich die unterschiedlichen Disziplinen so
sehr in ihren eigenen Sprachspielen verstricken, dass sie schon deshalb nicht
mehr miteinander diskutieren können, weil sie sich nicht mehr verstehen. In den
komplexen Entscheidungen, die wir immer wieder in unserem Gemeinwesen treffen müssen,
ist es aber nicht möglich, auf Zusammenarbeit der Disziplinen zu verzichten.
Viele Blockaden in unseren augenblicklichen Debatten sind im ungenügenden
gegenseitigen Verstehen begründet.
Aber
ich will noch einen Schritt weitergehen. In einer offenen Gesellschaft müssen
sich nicht nur die jeweiligen Experten verstehen. Es kommt vielmehr entscheidend
darauf an, die Probleme so darzustellen, dass auch eine interessierte Öffentlichkeit
darüber sachgerecht mitreden und entscheiden kann. Der Kampf gegen
Expertokratie beginnt mit dem Gewinn der rhetorischen Kompetenz, mit
sachgerechter Beredsamkeit.
Damit
ist nicht zuerst die Fähigkeit zum Überzeugen anderer gemeint, sondern die Fähigkeit,
einen Sachverhalt oder ein Problem so darzustellen, dass sie für nicht
Eingeweihte überhaupt verständlich werden. [...]
Dabei
sind es zunehmend zentrale Bereiche in Wissenschaft und Politik, die, so
schwierig und komplex sie sind, einer möglichst breiten Öffentlichkeit verständlich
gemacht werden müssen. Ich nenne nur zwei Beispiele, die alle angehen, aber,
wie ich vermute, nur von den wenigsten verstanden werden. Alles, was mit
Gentechnologie zusammenhängt, wird unser Leben revolutionieren können. Von der
Ernährung über die Heilung von Krankheiten bis hin zur Erzeugung von Leben
oder gar neuen Lebensformen sind existentielle Bereiche unseres persönlichen
Lebens betroffen. Hier fehlt sachgemäße und umfassende Aufklärung.
Stattdessen haben wir auf der einen Seite einen schablonierten Angst- oder Empörungs-Diskurs
und auf der anderen Seite einen ebenso schablonierten Innovations-Diskurs.
Beide, so hat man den deprimierenden Eindruck, wissen nicht, wovon sie reden.
Das liegt - und deswegen gehört das zu unserem Thema - u.a. daran, dass die
Wissenschaftler oft überhaupt nicht öffentlich reden oder doch keine Sprache
haben, die verstanden wird, und dass die, die sich äußern, häufig keine
Ahnung von der Sache haben. Für das demokratische Gemeinwesen ist das gefährlich,
weil die Gesellschaft aus Sprachlosigkeit um die Möglichkeit gebracht wird,
eine sachgerechte Debatte zu führen und sachgerecht zu entscheiden.
Ebenso
verhält es sich oft im politischen Bereich. Ich möchte zum Beispiel gern
wissen, wer von Ihnen eine präzise und gründliche Argumentation für oder
gegen den Euro kennt. [...]
Es
ist heute nicht mehr möglich, über politische Beredsamkeit zu sprechen, ohne
zugleich darüber zu reflektieren, dass wir in einer Mediengesellschaft leben. Für
die politische Rede bedeutet das zunächst, dass nichts von ihr beim Volk
ankommt, wenn sie nicht durch die Medien - und hier vor allem durch das
Fernsehen - vermittelt wird. Das ist zwar inzwischen selbstverständlich, hat
aber die politische Beredsamkeit auf bedeutsame Weise verändert. Das erste
Gesetz des Fernsehens heißt: kurz und schnell. So wird zum Beispiel in der
Berichterstattung aus einer halbstündigen Rede ein Ausschnitt von einer halben
Minute gezeigt. Während seriöser Journalismus versucht, einen Satz zu finden,
der in etwa die Hauptthese der Rede zusammenfasst, wird das Infotainment geneigt
sein, möglichst die Stelle zu finden, an der der Redner den politischen Gegner
besonders polemisch abfertigt oder auf andere Weise für Aufregung sorgt. So
wird in der Öffentlichkeit der Eindruck immer mehr verstärkt, dass der so
genannte „Schlagabtausch“ der einzig verbliebene Sinn der politischen
Debatte sei. Die Politiker selbst sind daran sicher nicht schuldlos, aber unter
den Bedingungen des Fernsehens und seiner Gesetze ist es selbst dem seriösesten
Politiker nicht möglich, Kosten und Nutzen einer Steuerreform zu erläutern,
wenn dazu einminütige „sound-bites“ ausreichen müssen. Das geht einfach
nicht.
In
der Kürze liegt aber nicht immer die Würze. In der Eile geht verloren, was für
die Beredsamkeit in der Demokratie das wichtigste ist: das ausführliche, verständliche
Argument und die Transparenz einer politischen Position. Die Verführung zur
mediengemäßen Rhetorik lässt nicht nur die Sprache arm und platt werden. Sie
verändert die gesellschaftliche Kommunikation insgesamt, indem sie zum
Kurzmonolog verleitet und so zur Verhärtung von „einsilbigen“ Positionen. [...]
Es
ist Ihnen, wie ich hoffe, schon deutlich geworden, dass ich in meinem Begriff
von Rhetorik und Beredsamkeit nicht in erster Linie die monologische Rede vor
Augen habe, sondern den Dialog in Rede und Gegenrede. Er ist die einzig
angemessene Antwort auf die unübersichtlichen und unentschiedenen Fragen der
Zeit. Der Dialog ist das Gegenteil des „Machtwortes“, erst recht das
Gegenteil des bewaffneten Kampfes, er ist der friedliche Wettstreit der Überzeugungen.
Dieser Dialog braucht nicht nur Menschen, die von ihrer Sache für sich selbst
überzeugt sind, sondern solche, die eine überzeugende und zustimmungsfähige
Sprache sprechen und an die friedensstiftende Macht des Wortes glauben.
Klarheit
und Wahrheit auf allen Seiten! Und dann lasst uns streiten. Aber nur so!
Beispiel: G. E. Lessing: Emilia Galotti - Klausur LK 12
unterrichtlicher Kontext: Sequenzplanung (FS Deutsch 1 – Mai 2004 - 1. Ausbildungshalbjahr, Lamers, Mainka, Giolda, Labidi, Jürgens)
|
|
1.
+ 2.Stunde motivierender
Einstieg |
3.
Stunde Präsentation
der GA |
4.
+ 5.Stunde – Anknüpfung an GA |
6.Stunde
– Strukturierung der Charakteristisierungen der Figuren anhand eines
Beziehungsgefüges |
7.
+ 8.Stunde –
Textanalyseverfahren |
|
Thema |
Produktionsoriertierte
Erarbeitung der Konfliktpotentiale im Drama |
Präsentation
der Gruppenarbeiten in szenischer Darstellung |
Handlungsorientiertes
Erstellen einer Charakteristik der Figuren |
Verdeutlichung
der Position Emilias anhand der Erstellung einer Personenkonstellation |
Exemplarische
Interpretation der Schwerpunktszene II.6 durch textimmanente Verfahren |
|
Material |
Tafel,
Kreide, Heft, Lektüre |
Lektüre,
ggf. Requisiten |
Karteikarten,
Wandplakate, Eddings, Reißzwecke |
Tafel |
Lektüre |
|
Ziele |
Die
Schüler sollen die Konfliktpotentiale im Drama erkennen, indem sie in
arbeitsteiliger GA eine frei zu wählende Konfliktkonstellation im Stil
einer Soap-Opera zu einer Szene umschreiben (z.B. Mutter-Tochter). |
Die
Schüler sollen sich in szenischem Spiel üben, indem sie die in eine
Soap-Opera umgeschriebene Szene aus Emilia Galotti vorführen. |
Die
Schüler sollen die Charakterisierung der Protagonisten (Emilia, Mutter,
Vater, Appiani, Marinelli, Prinz) erarbeiten, indem sie die wichtigsten
Merkmale der Personen aus dem Text herausarbeiten, auf Wortkarten
festhalten und auf den selbst erstellten Umriss der Figuren heften. |
Durch
das Erstellen eines vernetzten Beziehungsgefüges, ausgehend von Emilia,
erkennen die Schüler die Position Emilias zwischen gegensätzlichen
Prinzipien und Lebensauffassungen, indem sie die verschiedenen
Stadien/Arten von Beziehungen an differenten Symbolen veranschaulichen. |
Die
Schüler sollen Fertigkeiten in verschiedenen Arten der Textanalyse
erlangen, indem sie anhand eines Expertenpuzzles diese Analysen durchführen
und sie sich gegenseitig mitteilen. |
|
Methoden |
Gruppenarbeit
(at) Produktionsorientierung Erstellen
eines Clusters |
Präsentation,
szenische Darbietung |
Gruppenarbeit
(at) Handlungsorientierung |
Partnerarbeit Plenumsgespräch,
manifestiert sich in ergebnissicherndem Tafelbild – optisch-grafische
Veranschaulichung |
Expertenpuzzle textimmanentes
Verfahren Kommunikationsanalyse rhetorische
Analyse semantische
Analyse Strukturanalyse |
|
sonstiges |
Text
wird als gelesen vorausgesetzt. Motivation |
|
vertiefte
Textkenntnis durch die systematische Erarbeitung der einzelnen
Protagonisten Schnittstelle
zur Mittelstufensequenz „Charakterisierung“ |
Erkenntnisvertiefung
durch optisch-grafische Veranschaulichung |
HA:
schriftliche Interpretation der Szene |
|
|
9.
Stunde – Schulung von
Methodenfertigkeiten |
10.
Stunde – Verführbarkeit
Emilias |
11.
Stunde – Emanzipation |
12.
Stunde |
13.
+ 14. Stunde Schluss |
|
Thema |
Festigen
und Beurteilen der Interpretationsfähigkeit (formal und inhaltlich)
anhand der Szene II.6 |
Verführbarkeit
Emilias – Kontroverse Sichtweisen (Emilia als ‚Opfer’ bzw. als ‚Täterin’) Zunächst
Thematisierung anhand der unterschiedlichen Ergebnisse der HA Emilia
aus der Sicht der Sekundärliteratur |
Orsina
als Gegenfigur – Vergleich des zeitgenössisch-bürgerlichen
Frauenbildes von Campe mit dem Selbstverständnis der Gräfin Orsina
als Gegenfigur zur Emilia Emanzipation
der Frau |
Kontrast:
Tugend und Sichtlichkeit auf Seiten des Bürgertums und Sittenverfall auf
Seiten des Adels |
Emilia
Galotti als Bürgerliches
Trauerspiel |
|
Material |
Arbeitsblatt
(Kriterien zur Beurteilung von Interpretationen) |
Kontroverse
Sekundärliteraturtexte über Emilias ‚Schuld’ bzw. ‚Unschuld’ |
Flipchart-Bögen |
Tafel |
gattungstheoretische
Texte (Hamburger Dramaturgie) |
|
Ziele |
Die
Schüler sollen ihre Interpretationsfähigkeit ausbauen, indem
Interpretationen der behandelten Szene vorgelesen werden und die Schüler
anhand von Kriterien zur Beurteilung einer Interpretation die Ergebnisse
inhaltlich und formal bewerten |
Die
Schüler sollen sich der unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten
der Figur der Emilia mitsamt deren Implikationen für die
Gesamtinterpretation des Dramas bewusst werden, indem sie kontroverse
Texte bezüglich dieser Thematik vergleichen. |
Die
Schüler sollen erkennen, dass Orsina im Gegensatz zu Emilia eine
emanzipierte Frau ist, die ihr Schicksal selbst bestimmt, indem sie
Kontraste zwischen den beiden Figuren erarbeiten. |
Die
Schüler sollen erkennen, dass das Verständnis von Tugend je nach Ständezugehörigkeit
variiert, indem sie entsprechende Belege aus dem Drama herausarbeiten. |
Die
Schüler sollen beurteilen, inwiefern Emilia Galotti den Kriterien eines Bürgerlichen
Trauerspiels entspricht, indem sie gattungstheoretische Texte auf das
Drama anwenden. |
Methoden
|
Partnerarbeit Fachmethode:
Interpretation, schülerzentriert Schüler
schlüpfen in Lehrerrolle (Leistungsbewertung) |
SV
der H.A. 3-er
GA jeweils
1 SoS liest einen der drei Sek.-lit.-Texte, und stellt Position den anderen
beiden vor. |
Gruppenarbeit
(at) S
gestalten Bogen mit Campe vs. Orsina-Frauenbild |
EA:
Textarbeit UG
gel. L
sammelt Ergebnisse an Tafel |
EA:
Texte lesen/Textarbeit UG
gel. |
|
sonstiges |
HA: Tagebucheintrag:
Was ist in den Prinzgemächern passiert? (III,5) |
HA: IV.3 lesen;
Campe-Text lesen; Aufgabe: Vergleichen Sie das zeitgenössische Frauenbild
im Bürgertum mit dem Selbstverständnis Orsinas. |
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Kurzreferate zu bürgerlichen
Trauerspielen (z.B. Schillers Kabale und Liebe) |
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Klausuraufgabe - LK 12 - 3/2004: Lessing: Emilia Galotti - Analysiere die Szene IV, 7
Text: G. E. Lessing: Emilia Galotti - Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen - IV, 7 (4. Aufzug, 7. Auftritt)
ORSINA nach einigem Stillschweigen, unter welchem sie den Obersten mit Mitleid betrachtet; so wie er sie, mit einer flüchtigen Neugierde. Was er Ihnen auch da gesagt hat, unglücklicher Mann! -
ODOARDO halb vor sich, halb gegen sie. Unglücklicher?
ORSINA. Eine Wahrheit war es gewiss nicht; - am wenigsten eine von denen, die auf Sie warten.
ODOARDO. Auf mich warten? - Weiß ich nicht schon genug? - Madame! - Aber, reden Sie nur, reden Sie nur.
ORSINA. Sie wissen nichts.
ODOARDO. Nichts?
ORSINA. Guter, lieber Vater! - Was gäbe ich darum, wann Sie auch mein Vater wären! - Verzeihen Sie! die Unglücklichen ketten sich so gern an einander. - Ich wollte treulich Schmerz und Wut mit Ihnen teilen.
ODOARDO. Schmerz und Wut? Madame! - Aber ich vergesse - Reden Sie nur.
ORSINA. Wenn es gar Ihre einzige Tochter - Ihr einziges Kind wäre! - Zwar einzig, oder nicht. Das unglückliche Kind, ist immer das einzige.
ODOARDO. Das unglückliche? - Madame! - Was will ich von ihr? - Doch, bei Gott, so spricht keine Wahnwitzige!
ORSINA. Wahnwitzige? Das war es also, was er Ihnen von mir vertraute? - Nun, nun; es mag leicht keine von seinen gröbsten Lügen sein. - Ich fühle so was! - Und glauben Sie, glauben Sie mir: wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren. -
ODOARDO. Was soll ich denken?
ORSINA. Dass Sie mich also ja nicht verachten! - Denn auch Sie haben Verstand, guter Alter; auch Sie. - Ich seh' es an dieser entschlossenen, ehrwürdigen Miene. Auch Sie haben Verstand; und es kostet mich ein Wort, - so haben Sie keinen.
ODOARDO. Madame! - Madame! - Ich habe schon keinen mehr, noch ehe Sie mir dieses Wort sagen, wenn Sie mir es nicht bald sagen. - Sagen Sie es! sagen Sie es! - Oder es ist nicht wahr, - es ist nicht wahr, dass Sie von jener guten, unsres Mitleids, unsrer Hochachtung so würdigen Gattung der Wahnwitzigen sind - Sie sind eine gemeine Törin. Sie haben nicht, was Sie nie hatten.
ORSINA. So merken Sie auf! - Was wissen Sie, der Sie schon genug wissen wollen? Dass Appiani verwundet worden? Nur verwundet? - Appiani ist tot!
ODOARDO. Tot? tot? - Ha, Frau, das ist wider die Abrede. Sie wollten mich um den Verstand bringen: und Sie brechen mir das Herz.
ORSINA. Das beiher! - Nur weiter. - Der Bräutigam ist tot: und die Braut - Ihre Tochter - schlimmer als tot.
ODOARDO. Schlimmer? schlimmer als tot? - Aber doch zugleich, auch tot? - Denn ich kenne nur Ein Schlimmeres -
ORSINA. Nicht zugleich auch tot. Nein, guter Vater, nein! - Sie lebt, sie lebt. Sie wird nun erst recht anfangen zu leben. - Ein Leben voll Wonne! Das schönste, lustigste Schlaraffenleben, - so lang' es dauert.
ODOARDO. Das Wort, Madame; das einzige Wort, das mich um den Verstand bringen soll! heraus damit! - Schütten Sie nicht Ihren Tropfen Gift in einen Eimer. - Das einzige Wort! geschwind.
ORSINA. Nun da; buchstabieren Sie es zusammen! - Des Morgens, sprach der Prinz Ihre Tochter in der Messe; des Nachmittags, hat er sie auf seinem Lust - Lustschlosse.
ODOARDO. Sprach sie in der Messe? Der Prinz meine Tochter?
ORSINA. Mit einer Vertraulichkeit! mit einer Inbrunst! - Sie hatten nichts Kleines abzureden. Und recht gut, wenn es abgeredet worden; recht gut, wenn Ihre Tochter freiwillig sich hierher gerettet! Sehen Sie: so ist es doch keine gewaltsame Entführung; sondern bloß ein kleiner - kleiner Meuchelmord.
ODOARDO. Verleumdung! verdammte Verleumdung! Ich kenne meine Tochter. Ist es Meuchelmord: so ist es auch Entführung. - Blickt wild um sich, und stampft, und schäumet. Nun, Claudia? Nun, Mütterchen? - Haben wir nicht Freude erlebt! O des gnädigen Prinzen! O der ganz besondern Ehre!
ORSINA. Wirkt es, Alter! wirkt es?
ODOARDO. Da steh' ich nun vor der Höhle des Räubers - Indem er den Rock von beiden Seiten aus einander schlägt, und sich ohne Gewehr sieht. Wunder, dass ich aus Eilfertigkeit nicht auch die Hände zurück gelassen! - An alle Schubsäcke fühlend, als etwas suchend. Nichts! gar nichts! nirgends!
ORSINA. Ha, ich verstehe! - Damit kann ich aushelfen! - Ich hab' einen mitgebracht. Einen Dolch hervorziehend. Da nehmen Sie! Nehmen Sie geschwind, eh uns jemand sieht. - Auch hätte ich noch etwas, - Gift. Aber Gift ist nur für uns Weiber; nicht für Männer. - Nehmen Sie ihn! Ihm den Dolch aufdringend. Nehmen Sie!
ODOARDO. Ich danke, ich danke. - Liebes Kind, wer wieder sagt, dass du eine Närrin bist, der hat es mit mir zu tun.
ORSINA. Stecken Sie bei Seite! geschwind bei Seite! - Mir wird die Gelegenheit versagt, Gebrauch davon zu machen. Ihnen wird sie nicht fehlen, diese Gelegenheit: und Sie werden sie ergreifen, die erste, die beste, - wenn Sie ein Mann sind. - Ich, ich bin nur ein Weib: aber so kam ich her! fest entschlossen! - Wir, Alter, wir können uns alles vertrauen. Denn wir sind beide beleidiget; von dem nämlichen Verführer beleidiget. - Ah, wenn Sie wüssten, - wenn Sie wüssten, wie überschwänglich, wie unaussprechlich, wie unbegreiflich ich von ihm beleidiget worden, und noch werde: - Sie könnten, Sie würden Ihre eigene Beleidigung darüber vergessen. - Kennen Sie mich? Ich bin Orsina; die betrogene, verlassene Orsina. - Zwar vielleicht nur um Ihre Tochter verlassen. - Doch was kann Ihre Tochter dafür? - Bald wird auch sie verlassen sein. - Und dann wieder eine! - Und wieder eine! - Ha! Wie in der Entzückung. welch eine himmlische Phantasie! Wann wir einmal alle, - wir, das ganze Heer der Verlassenen, - wir alle in Bacchantinnen, in Furien verwandelt, wenn wir alle ihn unter uns hätten, ihn unter uns zerrissen, zerfleischten, sein Eingeweide durchwühlten, - um das Herz zu finden, das der Verräter einer jeden versprach, und keiner gab! Ha! das sollte ein Tanz werden! das sollte!
[Lessing: Emilia Galotti, S. 98 ff. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 122650 (vgl. Lessing-W Bd. 2, S. 187 ff.)]
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Erwartungshorizonte (3 Referendargruppen - in Stichworten) zur Aufgabenstellung: G. E. Lessing: "Emilia Galotti" - Analysiere die Szene IV,7.
Beispiel (Arbeitsgruppe A):
1. Einordnung der Szene in den Kontext
- Emilias Entführung
- Prinz weist Orsina ab; Orsina erfährt in einem Gespräch mit Marinelli, dass Emilia auf dem Schloss ist
- Odoardo - informiert durch den Bediensteten - geht zum Schloss und trifft dort auf Orsina und Marinelli
- Marinelli will Odoardo vertrösten und versucht Orsina zur Abreise zu bewegen
- in Abwesenheit Orsinas erzählt Marinelli Odoardo, dass Orsina verrückt sei
- in einem Dialog zwischen Odoardo und Orsina überzeugt sie ihn von ihrer Glaubwürdigkeit und teilt ihm implizit mit, dass Emilia eine "gefallene Frau" sei
- mit dem Dolch, den Odoardo in diesem Gespräch von Orsina erhält, wird der tugendhafte Vater seine eigene Tochter töten
2. Analyse - Kommunikationsanalyse
- Zweiteilung des Dialogs:
1. Teil (Z. 1-43): Spannungsaufbau durch Andeutungen Orsinas bzgl. der Entführung Emilias
Überzeugung Odoardos hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit
2. Teil (Z. 44-77): Orsina gewinnt Odoardo für die Umsetzung ihrer eigenen Rachepläne
-- Figuren: Orsina
1. Teil:
- Annäherung an den Vater über allgemeine Behauptungen (Z. 14 f.)
- äußert Mitgefühl für Odoardos Situation mit dem Ziel, sein Vertrauen zu gewinnen (Schmeichelei Z. 10 ff.; Anreden Z. 3)
- Solidarisierung in der Opferrolle (Z. 11 f.)
- Andeutungen und deren strategischer Einsatz (Z. 23, 33, 37)
- wiederholte Verwendung des Wortes "Verstand" (im Ggs. zu Odoardos zunehmender Emotionalisierung)
2. Teil:
- Aufdecken des Vorgefallenen - deutet Emilias Tugendverlust durch geschickte Wortwahl an (41, 45)
- Entfaltung der Intrige: stellt Emilias Tugendhaftigkeit infrage > schürt Rachegefühle > übergibt den Dolch > appelliert an Odoardos Männlichkeit (60, 66)
-- Figuren: Odoardo
1. Teil:
- Misstrauen (6, 13)
- Zurückhaltung, passives Redeverhalten (13)
- Unwissen > Verlangen nach Wissen (25 ff.)
2. Teil:
- Emotionalität (Ausrufe, z.B. 51 f.; Regieanweisung 50)
- Rachegelüste (54)
- Zuwendung zu Orsina - bedankt sich (62 f.)
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Beispiel (Arbeitsgruppe B):
Verstehensleistung:
1. Einordnung der Szene in den Kontext des Dramas
Graf Appiani ist von Handlangern des Prinzen von Guastalla ermordet worden.
Emilia befindet sich auf dem Lustschloss.
Nachdem Marinelli Orsina - die ehem. Mätresse des Prinzen - über die Ereignisse informiert hat, trifft diese auf Emilias Vater Odoardo.
Dadurch erhält Odoardo Kenntnis über die vorangegangenen Geschehnisse (Kirche, Verleugnung, Tod des Verlobten, Emilia auf dem Schloss).
Odoardo erhält von Orsina den Dolch, mit dem er Emilia töten wird.
2. Thematisierung der Vaterrolle und der Frauenrolle
Vaterrolle: Verstand > Odoardo weicht hier von der traditionellen Rolle ab > zeigt Emotionen
Frauenrolle: Herz und Gefühl > Orsina weicht ab: Frau mit Verstand (List aus verletzter Eitelkeit) > Rachsucht > Eifersucht > handelt mit Strategie (Ausspielen der Figuren gegeneinander)
Summe: Verschwinden der Rollengrenzen (Vertauschung der Machtpositionen)
3. Bezug zu Theorien der Aufklärung: Emanzipation des Individuums
Darstellungsleistung: stringente Gedankenführung - Schlüssigkeit der Argumentation - Zitierweise - Textaufbau - Stil/Ausdruck - Normen
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Beispiel: Erwartungshorizont der Arbeitsgruppe C (Mainka, Bielert, Hansel, Kaltwaßer)
Verstehensleistung
1. Inhaltsüberblick der
Szene
- Einleitung: Autor, Titel, Datierung, allg. Thematik
G. E. Lessing / (Bürgerliches Trauerspiel) "Emilia Galotti" / 1772 / der Prinz von Guastalla will das 'Bürgermädchen' Emilia kurz vor deren Hochzeit zu seiner Geliebten machen - er spinnt eine Intrige, durch die Emilias Verlobter ermordet, sie jedoch ebenfalls - auf ihren eigenen Wunsch hin - von ihrem Vater getötet wird, um ihre Unschuld zu bewahren
- Inhalt: knappe Skizzierung der Situation, des Gesprächsinhalts
Schauplatz: Vorsaal auf dem Lustschloss des Prinzen
Situation: Dialog (erstes Zusammentreffen) zwischen Gräfin Orsina ('ehemalige' Geliebte des Prinzen) und Odoardo Galotti (Vater von Emilia)
Gesprächsinhalt: Orsina klärt Odoardo darüber auf, dass Appiani tot und seine Tochter Emilia in den Händen des Prinzen ist / Odoardo erfährt von den Verführungsversuchen (Kirchenszene) des Prinzen / Odoardo nimmt einen Dolch von Orsina entgegen
2. Deutung / Analyse (Handlungsverlauf)
- Orsina: Plan: Ermordung des Prinzen
Motiv: Rache aus enttäuschter Liebe
Taktik: Andeutungen, um Sorge bzw. Interesse zu wecken / Schmeicheleien / Solidarisierung als Opfer des Prinzen / Manipulation: streut Zweifel an der Moral seiner Tochter (bürgerl. Moralbegriff) / erweckt aber zugleich Mitleid für Emilia (keine Hetze) / = erreicht ihr Ziel (Odoardo nimmt den Dolch entgegen)
Redeanteil: dominant, Orsina ist die Agierende
- Odoardo: Re-agierender / wird manipuliert / Entwicklung von Sorge, Unglaube über Zweifel an seiner Tochter bis hin zur Überzeugung
- Rolleninversion bezügl. des zeitgenössischen Rollenverständnisses
- sprachl. Darstellung: z.B. Odoardos elliptische Fragen, die zeigen, dass er auf Orsinas Andeutungen re-agiert, Anhäufung von Exklamationen als Verweis auf emotionale Erregung, …
- Spannungskurve innerhalb der Szene = ansteigend
letztes erregendes Moment / dient der Spannungssteigerung im Hinblick auf den Ausgang des Dramas ("Schlimmer als tot." = Tötung auf eigenen Wunsch)
Darstellungsleistung
1. Berücksichtigung der im Unterricht eingeübten
Verfahrensschritte (Aufbau der Analyse)
- Einleitung / Inhaltsangabe / Gesprächs- Strukturanalyse hinsichtlich der beteiligten
Charaktere und ihrer Beziehung zueinander (auch auf sprachl. Darstellung bezogen) -
Beschreibung und Deutung / Einordnung der Szene in die Gesamtstruktur des Dramas
(Funktion) - Ausblick
2. Verwendung fachgerechter Termini
- dramentechnische Begriffe: Dialog, Monolog, Exposition - Klimax, …
- Termini bezügl. der sprachl. Darstellung: Redeanteil, elliptische Fragesätze, Exklamation,
Emphase, Ironie, …
3. sprachnormgerechte Darstellung
- Gr, Z, Sb, …
- Ausdruck (angemessene Stilebene), Sachlichkeit
4. korrekte Zitierweise
- sinnvolles Zitieren: Dreischritt
- Einheitlichkeit: Textverweis durch Angabe von Seite, Zeile/Vers in Klammern
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3 Schülertexte: dem Link folgen: (A) (E) (F)
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Verbalgutachten und Note der Arbeitsgruppe C zu Schülerarbeit (A):
Deine
Arbeit ist inhaltlich nicht überzeugend. An einigen Stellen machst du sachlich
falsche Aussagen (z.B. der Prinz stirbt nicht, er ist das Opfer einer Intrige,
die vom Prinzen ausgeht). Dies mindert stark deine Note. Auch ist Orsinas
Charakterisierung zum Schluss deiner Arbeit zu spekulativ, du arbeitest nicht
nah genug am Text. Zwar erkennst du ihre grundsätzliche Handlungsmotivation in
dieser Szene, aber interpretierst über den Text hinaus: „man merkt, dass es
nicht das Geld ist...“ (S. 9 deiner Arbeit).
Die
Analyse des Szenenaufbaus, die du vornimmst, die Miniatur-Dramenstruktur, ist für
diese Szene nicht zutreffend. Du hättest stärker am Text überprüfen müssen,
ob dieses Ergebnis, das für andere Szenen richtig sein mag, hier auch wirklich
sinnvoll angewendet werden kann.
Sprachlich
ist deine Arbeit bis auf wenige Ausdrucksschwächen befriedigend und du zitierst
häufig und formal richtig.
Daher insgesamt ausreichend plus
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Verbalgutachten und Note der Arbeitsgruppe zu Schülerarbeit (E):
Sie
haben eine in weiten Teilen sehr gute Analyse verfasst: Nach einer korrekten
Einordnung der Szene analysieren Sie den Handlungsverlauf im Wesentlichen
richtig, indem Sie darstellen, auf welche Weise Orsina Odoardo für ihre Absicht
gewinnt. Dabei bringen Sie zutreffende Textbelege und nehmen immer wieder gute
Querbezüge zum vorhergehenden bzw. folgenden Geschehen vor.
Besonders
geglückt ist Ihnen dabei die sprachliche Analyse, wenngleich die Redestrategien
Orsinas hier noch deutlicher hätten herausgearbeitet werden können.
Auch
in sprachlicher Hinsicht ist die Arbeit gelungen.
sehr
gut (minus)
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