[...]
Wir Deutschen dürfen, wenn wir von Büchern reden, auch stolz sein auf Martin
Luther, auf Lessing, auf Goethe, Schiller, auf die ganze lange Reihe von
Dichtern und Denkern, bis auf unsere Gegenwart. Sie alle haben unser Denken
mitgeformt. Sie haben auch zu dem Bild, das sich die Welt von den Deutschen
macht, Wichtiges und Positives beigetragen.
Heinrich
Böll schrieb mir dieser Tage, nach seinen Erfahrungen, auch als ehemaliger
Präsident des P.E.N.[2],
beruhe der internationale Ruf unseres Landes zu einem großen Teil auf dem
Ansehen unserer Literatur. Das werde gewöhnlich unterschätzt. Ich füge hinzu:
Das gilt nicht nur gegenüber der westlichen Welt. Böll selbst hat
beispielsweise große Wirkung in der Sowjetunion entfaltet. Unsere Klassiker
stehen in vielen Ländern der Erde in hohem Ansehen.
Das
gilt, wenn wir an zeitgenössische Literatur denken, keineswegs nur für Autoren
aus der Bundesrepublik Deutschland. Es gilt auch für Autoren aus der Deutschen
Demokratischen Republik. Was sie schreiben, trägt wesentlich zum Bild von
Deutschland in der Welt bei.
Ich
spreche von deutscher und deutschsprachiger Literatur der Gegenwart: Weil
deutsche Literatur über politische Grenzen geht, auch über verdrahtete, betonierte
und verminte Grenzen. Weil diese Literatur Widersprüche aufgreift, Widersprüche
austrägt, auch Widersprüche aufhebt; und weil diese Literatur - von der
deutschen Sprache her, von der deutschen Sache her - der Nation verpflichtet
bleibt. Gegenüber dieser Verpflichtung hat die vielberufene Polarisierung von
Geist und Macht an Schärfe verloren.
Wenn
wir zurückschauen in unserer Geschichte auf jene Stationen, an denen sich
Politik und Literatur eng berührt haben, dann haben wir auch vielfachen Anlass
zum Bedauern und zur Scham.
Der
10. Mai ist ein Jahrestag dafür. Am 10. Mai 1933 wurden in Deutschland Bücher
verbrannt: systematisch und fanatisch - um das sogenannte „Undeutsche
Schrifttum“ auszubrennen.
Es
war nicht das erste Mal, dass in einem Land Schwarze Listen für Bücher angelegt
wurden. Kaum ein Werk der Weltliteratur, das nicht irgendwann einmal auf einer
Schwarzen Liste gestanden hätte.
Es
war auch nicht das erste Mal, dass Bücher verbrannt wurden. Aber die
Gründlichkeit, die Brutalität und die dumpfe Wirklichkeit, mit der hier in
Deutschland zu Werke gegangen wurde - das ist tief erschreckend.
In
April erschienen in den gleichgeschalteten Zeitungen lange Listen von Autoren
und Büchern, die ausgeschaltet werden sollten: von Bebel und Bernstein bis
Zuckmayer, mit Namen wie Werner Bergengruen und Bert Brecht, Alfred Döblin und
Hermann Hesse, Erich Kästner, Else Lasker-Schüler, Theodor Plivier, Erich Maria
Remarque, Arthur Schnitzler, um nur einige zu nennen. Menschen ganz
unterschiedlicher Prägung. Schriftsteller mit ganz unterschiedlichen Ansichten
und Aussagen. Sie alle passten nicht unter die neue Norm der Engstirnigkeit;
auch Heinrich Heine nicht, auch Kafka nicht, als dann die Schwarzen Listen verlängert
wurden, um nach den Lebenden auch die Toten zu verdammen.
„Der
10. Mai 1933“, so schreibt Karl-Dietrich Bracher, „war das erste große Datum in
der Geschichte der Gleichschaltung und Zerstörung der Literatur ... Der 10. Mai
1933 gehört in dieselbe Reihe wie Reichstagsbrand und Judenboykott.“
Heinrich
Heine hatte es vorausgesagt: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man
am Ende auch Menschen.“ [...]
Ich
möchte [...], zum Tag des
Buches 1981, rückschauend auf den nationalsozialistischen Büchermord vor einem
halben Jahrhundert, eine Warnung für die Zukunft aussprechen - nicht als
Alarmruf, eher als Mahnung mit der Bitte um Gehör in unserer Öffentlichkeit:
Ich
warne vor der Gefahr eines neuen Analphabetismus, der die geschriebenen Wörter
gering schätzt und der viele Menschen in eine neue, selbstverschuldete
Unmündigkeit hineinlullen könnte. [...]
Ich
will nicht über die Spannung zwischen Wort und Tat reden, Ich weiß auch, dass
das Wort nicht allein die Demokratie, besser gesagt: den demokratischen Prozess
stützen und vorwärts bewegen kann. In unserer gegenwärtigen Situation zum
Beispiel gibt es vieles zu tun, wenn die Hauptbücher unserer Wirtschaft und
unseres Handels, vor allem aber die Beschäftigung wieder in Ordnung kommen
sollen, d.h.: wenn der Strukturwandel unserer Wirtschaft gelingen soll. Große
Worte helfen da nicht weiter. Ich weiß aber doch: Ohne das Nachdenken, ohne das
Nachlesen dessen, was andere vorher geschrieben haben, ist Demokratie nicht zu
erhalten. [...]
Wir
haben erlebt, wie aus dem „Volk der Dichter und Denker“ ein „Volk der Richter
und Henker“ wurde. Karl Kraus, der dieses Wort prägte, gehörte zu denen, deren
Bücher im Mai 1933 verbrannt wurden.
Wir
wollen nicht erleben, wir dürfen nicht zulassen, dass wir zu einem „Volk von
Saturierten und Manipulierten“[3] werden!
Das
Recht auf den Gebrauch des eigenen Verstandes, das Recht auf Ausgang aus der
Unmündigkeit, wie es Kant proklamiert hat - ist nicht nur Anspruch, sondern
auch Gebot! Es ist dies keine leichte Pflicht für den Demokraten; denn mancher
sehnt sich danach, es sich in der Unmündigkeit bequem zu machen. [...]
Eine
Revolution in der Kommunikation zwischen Menschen hatte vor Jahrhunderten hier
in Mainz mit der Erfindung der Buchdruckerkunst mit beweglichen Lettern durch
Johannes Gutenberg begonnen. Das war ein großer Schritt, mit dem das pergamentene
Herrschaftswissen nunmehr einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht
wurde: Durch Bücher und Schriften, mit sehr unterschiedlichen Inhalten, unter
immer neuen Titeln, schließlich zu einer Drucklawine anschwellend - im letzten
Jahr 285 000 Titel bei der Frankfurter Buchmesse, darunter 86 000
Neuerscheinungen. [...]
Es
ist schwer, die Wirkung eines Buches zu messen oder zu sagen, welche Bücher die
demokratische Entwicklung besonders beeinflusst haben. Gewiss Montesquieu,
gewiss Rousseau oder auch Tocqueville mit seinem Buch „Über die Demokratie in
Amerika“. Von deutschen Autoren sicherlich Kant und die preußischen Reformer
Stein und Hardenberg, später Max Weber und Friedrich Naumann.
Die
politische Wirkung von Adam Smith und Karl Marx steht außer Zweifel, ebenso die
wirtschaftspolitische Wirkung von John M. Keynes, seiner „General Theory of
Employment, Interest and Money“, seines Postulats der Vollbeschäftigung.
Ich
füge sofort hinzu: Das ist eine willkürliche Auswahl von Autoren und von
Büchern.
Wer
über den Zusammenhang von Buch und Demokratie nachdenkt, mag ebenso Milton oder
Thomas Paine oder Thomas Jefferson nennen (sie haben übrigens auch alle einmal
auf Schwarzen Listen gestanden, John Milton mit „A Speech for the Liberty of
Unlicenced Printing“). [...] Wenn aber dieser Zusammenhang besteht zwischen
Buch und Demokratie, im Sinne einer gegenseitigen Förderung und Bestärkung,
dann müssen wir, um unserer Demokratie willen, zweierlei erhalten:
Erstens
- ein breitgefächertes, unzensiertes, weithin verfügbares Angebot an Büchern;
und
zweitens und wichtiger: - die Fähigkeit und die Neigung der Menschen zum Lesen
muss gestärkt werden! [...]
Ich
denke, wir brauchen ein Gleichgewicht: Einerseits die Fähigkeit zu stiller
Selbstfindung, zur Selbsterziehung - und dafür sind Bücher unsere besten
Freunde. Andererseits die Fähigkeit zum Gespräch, zum kommunikativen
Miteinander, zum Gedankenaustausch, zur gemeinsamen Meinungsbildung. Wenn es an
dem einen oder an dem anderen fehlt, dann leiden die Menschen als Personen,
leidet die Gesellschaft, leidet die Demokratie. [...]
[in: Praxis Deutsch, 1981, S. 5 f.
aus: Helmut Schmidt: Ausgewählte Texte. München:
Goldmann 1988, 196 ff. ]
Hauptaufgabe:
Analysiere den Text mit den dir bekannten Verfahren der Redeanalyse.
Weiterführender Auftrag:
Schreibe eine Stellungnahme zu Schmidts Vorstellungen vom Verhältnis zwischen
Literatur und Politik - und beziehe dabei deine Kenntnisse aus dem Unterricht
zum Thema „Aufgaben der Literatur“ ein.
© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de