Richtlinien und Lehrpläne Deutsch gymnasiale Oberstufe NRW 1999, 5. 4. 4, S. 115-117

 

5.4.4 Beispiele für Prüfungsaufgaben in der mündlichen Abiturprüfung

 

 

Aufgabenart 1: Analyse eines Sachtextes

 

Text

 

Dieter E. Zimmer: Sprachkritik. (Aus: Redens Arten. Über Trends und Tollheiten im neudeutschen Sprachgebrauch. Zürich 1988, S. 9 f.)

 

Aufgabenstellung:

Arbeiten Sie die wesentlichen Gedanken des Textes heraus. Ziehen Sie vergleichend andere Beispiele für Sprachkritik hinzu und setzen Sie sich abschließend mit den Gedanken des Verfassers auseinander.

 

Bezug zu den Kurshalbjahren 12/1 und 13/1 (Grundkurs)

 

 

Konkrete Beschreibung der zu erwartenden Schülerleistung

 

Im Rahmen des Themas "Sprachnormen und Gesellschaft" haben die Schülerinnen und Schüler sich in 13/1 mit zwei Schwerpunktthemen neuerer Sprachkritik auseinander gesetzt: mit der Diskussion über die angebliche Überfremdung des Deutschen durch Fremdwörter und mit der Debatte über sexistischen Sprachgebrauch. Materialgrundlage für das erste Teilthema waren einige Zeitungsartikel (Leitartikel, Glossen und Leserbriefe) und Werbetexte, bei deren Analyse die Begriffe Fremdwort, Lehnwort, Fachwort genauer bestimmt wurden. Das zweite Thema wurde auf der Grundlage einiger Texte feministischer Sprachkritik behandelt; dabei stand u. a. die Kritik am generischen Maskulinum im Vordergrund. Lösungsvorschläge, z. B. die Verwendung weiblicher und männlicher Personenbezeichnungen mit den unterschiedlichen Konsequenzen in der Schreibung (Verwendung von Klammern oder Schrägstrichen bis hin zum so genannten Binnen‑I), wurden diskutiert.

 

Vor dem Hintergrund dieser unterrichtlichen Voraussetzungen sind die folgenden Ergebnisse und Teilleistungen zu erwarten:

·          Verstehensleistung Anforderungsbereich I und II:

-          Zusammenfassung und Erläuterung der Kerngedanken des Verfassers in seiner Skepsis gegenüber einer konservativen Sprachkritik, die aus einem unbestimmten "Sprachempfinden" ungewohnte Wörter und Wendungen kritisiert

-          demgegenüber stellt Zimmer fest: 1) Sprache ist im steten Wandel begriffen, 2) die in vielen verblassten Metaphern tatsächlich enthaltene Komik wird nur so lange wahrgenommen, wie man sie wörtlich nimmt, 3) res und verba, Zeichen und Bezeichnetes sind zweierlei: "eine Verschönerung der Sprache verschönert nicht die Welt"

-          Anbindung von Kenntnissen aus dem Unterricht über andere aktuelle Themen und Positionen öffentlicher Sprachkritik (Überfremdung durch Fremdwörter, sexistischer Sprachgebrauch) mit dem Ziel, die Gedanken Zimmers durch Parallelen zu erläutern

·          Verstehensleistung Anforderungsbereiche II und III:

-          Zimmers Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen öffentlicher Sprachkritik bewerten und zeigen, dass er nicht gegen Sprachkritik überhaupt polemisiert, sondern fragwürdige sprachtheoretische Prämissen (Konservativismus und sprachmagische Illusionen) bloßstellt

-          diese Einschätzung auf andere Diskussionsthemen beziehen und einen eigenen kritischen Standpunkt einnehmen, der Zimmers Einschätzung vom Nutzen der Sprachkritik bekräftigt oder in Frage stellt. So könnte der Fremdwörtergebrauch (Anglizismen im modernen Deutsch) diskutiert oder nach der Funktion von Texterweiterungen durch weibliche Personenbezeichnungen gefragt werden

·          Darstellungsleistung:

-          die eigenen Überlegungen im Sinne der Aufgabe geordnet und sprachlich klar vortragen.

 

Die Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler zeigt sich vor allem im Hinblick auf die Leistungen in den Anforderungsbereichen II und III.

 

Eine "ausreichende" Leistung muss Grundzüge von Zimmers Kritik an der Sprachkritik rekonstruieren sowie andere Beispiele für Sprachkritik aus dem Unterricht anführen. Der eigene Standpunkt gegenüber konservativer und feministischer Sprachkritik sowie einem (übermäßigen) Fremdwortgebrauch gegenüber muss argumentativ begründet und verständlich dargestellt werden.

 

Eine besondere Leistung wird an der Art der Beschreibung der sprachlichen Sachverhalte (konkrete Beispielanalyse mit Hilfe von Fachterminologie), der schlüssigen Entfaltung linguistischer Argumente und der Tiefe der Problemerfassung (sprachtheoretische Reflexion) zu erkennen sein.

 

Mögliche thematische Schwerpunkte des Prüfungsgesprächs im zweiten Prüfungsteil sind:

·          Erörterung der Frage, wie Kritik an der Sprache im so genannten "Chandos­-Brief" Hugo von Hofmannsthals vorgetragen wird und welche Funktion sie für das dichterische Schreiben hat

·          Erörterung der Frage, wie der öffentliche Sprachgebrauch in Heinrich Manns Roman "Der Untertan" (Reden des Kaisers, Reden Diederich Heßlings) dargestellt wird und welche Funktion Sprachkritik in diesem Werk hat

·          Erörterung der Frage, wie die Sprache der Empfindsamkeit Werthers Briefe in Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" prägt.

 

 

Unterrichtszusammenhang

 

"Ein Brief" von Hugo von Hofmannsthal wurde in 13/1 vor dem Hintergrund des Epochenwandels vom 19. zum 20. Jahrhundert behandelt. Heinrich Manns Roman "Der Untertan" wurde in 12/11 behandelt. Goethes "Werther" wurde in 12/1 behandelt und in den Epochenwandel vom 18. zum 19. Jahrhundert eingeordnet.

 

Dieter E. Zimmer

 

Wenn ich das Wort Sprachkritik höre, kommt mir immer ein Bild vors Auge. Ein Mann schlummert im Löwenzahn am Bahndamm, ein Zug kommt vorbei und weckt ihn und er springt erbost auf, schüttelt die Faust, ruft ihm etwas zu, das der Lärm verschluckt, indes der Zug schon immer kleiner wird.

Die Sprache schert sich wenig um die noch so tief empfundenen Einwürfe des Sprachkritikers. Sie verändert sich in einem fort und lässt sich nicht aufhalten von der Entrüstung über ihren unsteten Wandel. Denn eben darauf läuft Sprachkritik meistens hinaus: dass die Sprache leider nicht mehr ist, was sie einmal war. Das Sprachgehör ist konservativ. Es mag nicht, was es nicht gewöhnt ist.

 

Meist schreitet solche Sprachkritik gegen einzelne Wörter und Wendungen ein. Gegenwärtig zum Beispiel gerne gegen die Formel ich gehe davon aus, dass ... („steife Sprachprotzerei“, „außen Gips, innen hohl“ und so weiter). Was aber ist es, das gegen sie spricht? Dass sie sehr häufig geworden ist ‑ aber es gibt häufigere. Dass soviel Lauferei leicht ridikül wirkt ‑ aber viele metaphorische Wendungen haben etwas Komisches, wenn man sie wörtlich nimmt, wörtlicher, als es das allgemeine Sprachempfinden tut, voraus"setzen" oder unter"stellen" sind, fasst man das ihnen zu Grunde liegende, aber verblasste Bild ins Auge, um nichts edler. So bleibt als einziger Grund: dass man früher anders gesagt hat, ich nehme an, dass .. oder ich setze voraus, dass... Tatsächlich verbindet ich gehe davon aus, dass ... beider Bedeutung auf eine höchst praktische Weise und kommt seinen Benutzern somit dermaßen zupass, dass sie sich um alle sprachkritischen Einwände nicht scheren und dabei bleiben werden. Die nächste Generation, groß geworden mit diesem Wort, wird dann nicht mehr begreifen, was man einst an ihm auszusetzen hatte.

Noch größere Enttäuschungen erwarten den Kritiker, der der quasi magischen Vorstellung verhaftet ist, wenn man die Sprache bessere, bessere man auch die Wirklichkeit. Es ist eine tief sitzende Vorstellung, und in gewisser Hinsicht hängen wir ihr alle an, so wie selbst Rationalisten auf Holz klopfen, um Unglück abzuwenden. Wenn wir Wörter wie Tilgungsstreckungsdarlehen oder Verlustzuweisungsantrag nur widerstrebend herausbringen, so darum, weil sie uns unvertraut sind und weil wir die Amtsstellen nicht leiden können, auf denen vertraut mit ihnen umgegangen wird, und weil uns missfällt, dass es das, was sie meinen, allen Ernstes geben soll. Und irgendwie machen wir uns dabei die Hoffnung, dass auch die Sachen weniger unleidlich wären, wenn es nur gefälligere Wörter für sie gäbe. Es ist natürlich eine Illusion. Eine Verschönerung der Sprache verschönert nicht die Weit, sondern nur die Sprache. Eine schönende Sprache kann das Widerwärtige sogar nur noch widerwärtiger machen.