Analyse eines fiktionalen Textes  - hermeneutischer Zugriff (Sek. II - LK 12/13)

 

Aufgabenstellung: Analysiere den Text und interpretiere ihn.   

 

1.  leserorientiert ■ Gesamteindruck und Hypothese zur Textaussage:

      Eindrücke, vorläufiges Verständnis wiedergeben:  Es  handelt sich um (eine Ballade ...); darin...

      Ausgangspunkte für den nächsten Schritt bei Textstellen suchen, die das Verständnis steuern: offene Stellen / Leer­stellen: zu klären ist...; auffällige Stellen: auffällig ist, ... - im Mittelpunkt steht wohl...; schwierige Stellen: zu untersu­chen wäre...; sinngebende Stellen: deutlich wird mir...;

      eine Hypothese zur Textaussage aufstellen (Verstehenshypothese): der Text will wohl darstellen...; der Titel des Textes ...; die Hauptaussage des Textes…;

2.  textorientiert ■ Textanalyse:

      genaue Beobachtungen am Text beschreiben,

      einzelne Auffälligkeiten und ihre Beziehun­gen zueinander erklären,

      Formen und Inhalte aufeinander beziehen → ggf. schon die Funktion von Einzelheiten für den Sinn des Tex­tes erklä­ren (s. „argumentierendes Interpretieren“ = mit Zitaten die eigenen Erklärungen beweisen und die Funktion der Textstelle erklären)

Darstellungsmittel:

- Situationen, Handlungen, Personen, Rollen,  Zeitverhältnisse, Wirklichkeitsausschnitte

- Perspektiven, Blickführung, Lenkung der Aufmerksamkeit

- Themen und Probleme, die Argumentation, die Positionen

- Aufbau und auffällige Gliederung des Textes (Rahmung...)

- auffällige Formen (Strophe, Reime, Metrum, vor allem die Abweichungen vom Schema!...)

- Sprache der Textfiguren, des lyrischen Ichs / des Erzählers (altertümlich, sachlich, dialogisch, ...)

- Bildkomplexe und einzelne Bilder - übersetzen, in Zusammenhang bringen

- Wiederholungen, Gegensätze, Widersprüche, Paradoxa, Brüche

- besondere Ausdrücke, Schreibweisen, Namen, Zeichensetzung

- semantische Felder (dem Sinn nach verwandte Wörter), stilistische, rhetorische, klangliche Mittel,

- Gefühle, Motive und Ziele, Pointe  etc.

 

- gattungstypische Darstellungstechniken:

z.B. Erzählung: Gestaltung von Raum, Zeit, Personen, Handlung, Erzählsituationen, Redeformen, Leitmo­tive, Pro­blem­kreise...; spezifische Mittel der Novelle: finale Gestaltung, Wendepunkt..., - des Romans: Problem- und Hand­lungs­schichten, Helden, moderne Formen des Erzählens wie BewusstseinsstromBewußtseinsstrom, er­lebte Rede...; Psychologie der Figuren; gesellschaftliche und ästhetische Intention des Werks...

 

z.B. Drama: Szenengestaltung, Dialogformen, Personenauftritte, Konfliktlage, Handlungsalternativen, Handlungs­ziele, -motive, Sprach­handlungen u. konkrete Handlungen, Bedingungen der Sprechsituation, Inhalts- und Bezie­hungsebene, Funktion der Szene im Werk/der Gesamthandlung/der Konfliktfolge; Ar­gumentation, rhetorische Mit­tel; zeitgebundener Texthori­zont, vermittelte Ideen (Ideologie), epochentypi­sche Bedingungen

 

z.B. Lyrik: lyrische Formen (traditionelle Strophik, Metrum, Reim, Kadenzen - moderne Formen wie Reihungen, assoziative Ketten, freie Rhythmen, ...), Wirklichkeitsausschnitt und seine lyri­sche Gestaltung durch: lyrische Situa­tion (lyrisches Ich als authentisches Ich, Rollen-Ich...), Stimmungen, Blickführung, semanti­sche Felder, Metaphern, Motive, rhetorische Mittel, stilistische Mittel (Wortwahl, Satz­bau...), Verfremdungen, Topoi, Appelle etc.

3.  leser- und textorientiert ■ Interpretation:

      den Sinn des Textes deuten - dabei von Schlüsselstellen ausgehen → wichtige Erklärungen  mit  Zitaten stützen - ggf. einen bestimmten Interpretationsan­satz wählen: biografisch, politisch, theologisch, philosophisch, psychologisch etc.

- die Bedeutung des ganzen Textes und seiner Teile erklären: die „Botschaft“

- zentrale Aussagen oder Stellen (ggf. noch einmal) hervorheben, Verschlüsseltes entschlüsseln

- die Textintention (evtl. Absicht des Autors) erschließen

- die Bedeutung für mich, für damals - heute - immer erläutern

- den Text und seine Wirkung beurteilen;

- den Text im Zusammenhang der Epoche, des Werkes etc. sehen

ggf. 4.  Anwendung:

      die Leseerfahrung, den Textanstoß, den Wissenszuwachs auf neue Problemstellun­gen an­wenden; Zusammenhänge mit dem Unterrichtsrahmen, mit dem Leben, dem Alltag herstellen; das Problem erörtern

 

Achtung: Eine Textparaphrase (Textwiedergabe in eigenen Worten) mit eingestreuter Kommentierung reicht für die „Analyse eines Textes“ nicht aus!  - Man schreibt die Textanalyse für Leser, die nicht mit dem Text vertraut sind, muss also explizit an Textbeispielen erklären, d.h. Andeutungen und Verweise reichen nicht aus. - Man muss im analytischen Teil mit Distanz und Überblick den Text untersuchen, d.h. mit dem Blick aufs Ganze und auf die Details, mit dem Blick auf Inhalt und Gestalt, d.h. die Formelemente, die die Botschaft des Textes besonders verdeutlichen, einfärben, effekt­voll vermitteln. - Man kann den eigenen Text unterschiedlich aufbauen: textchronologisch, thema­tisch, systematisch nach Analyseverfahren oder zentralanalytisch (d.h. von einem Schwerpunkt der Beobachtung aus­gehend und anderes darauf beziehend).

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