Franz Kafka
„Kleine Fabel“ (Analyse und Interpretation)
„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird
enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief
weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne
Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich
schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich
laufe.“ - „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß
sie.
(Spätherbst
1920/Titel von Max Brod)
Der
Text beginnt mit einer klagenden Feststellung („Ach“, Aussage im Präsens „wird
enger“); diese bezieht sich auf etwas Bedrohliches: das „eng“-Werden, bei dem
man die Konnotation hat, dass einem die Luft ausgeht. Das Bedrohliche ist
zweimal gesteigert: einmal durch den Komparativ „enger“, zum anderen durch das
Zeitadverbial „mit jedem Tag“, das wie
ein Countdown wirkt. Gleichzeitig erhebt der Satz einen allgemeingültigen
Anspruch: „die Welt“. Allerdings bleibt
zunächst offen, was mit der „Welt“ gemeint sein kann, denn es handelt sich um
den Horizont einer kleinen „Maus“, die die Feststellung mit einem
Erfahrungsbericht in rückblickender Perspektive vom Anfangspunkt aus („zuerst“)
im Präteritum belegt: Die Welt „war [...] so breit“. In diesem Bericht zeigt
sich, dass von Beginn an ein Bedrohungsgefühl da ist, und zwar aus einer völlig
entgegengesetzten Erfahrung heraus: nicht bedrohlich eng, sondern „so breit,
dass ich Angst hatte“.
Die
Maus lebt und bleibt nun nicht in der „breiten Welt“, sondern die Angst treibt
sie: „ich lief weiter“. Das Weiterlaufen führt sie in einen „glücklich[en]“
Zustand. Worin das Glück besteht, wird in dem Inhaltssatz angegeben: „endlich
rechts und links [...] Mauern“. Das zeigt, dass mit dem „breit“ vom Anfang ein
„grenzenlos“ gemeint war. Denn die Begrenzung durch die Mauern befriedigt, die
Unbegrenztheit machte Angst. Allerdings gilt der Vorteil der Begrenzung nur so
lange, wie die Mauern „in der Ferne“ nur zu sehen sind, solange also noch ein
Spielraum bleibt.
Hier
nun erfolgt eine doppelte Zäsur. Das „aber“ und der Tempuswechsel vom
Präteritum zum Präsens zeigen eine Veränderung an. Dabei wird in einer naiven
Perspektivverschiebung dargestellt, dass die „Mauern [...] so schnell
aufeinander zu“ eilen. Dabei wird die Sinnestäuschung der perspektivischen
Wahrnehmung von am Horizont zusammenlaufenden Parallelen wörtlich genommen: das
Zusammenkommen der Linien im optischen Eindruck wird in einer Personifikation
als eine Tätigkeit der Mauern hingestellt („die Mauern eilen“). Hierdurch wird
ein neues Bedrohungsgefühl hervorgerufen: Am Ende ist der Weg „zu“; die Maus
hat die Bewegung auf das „zu“ hin ebenfalls vollzogen, denn im folgenden
Konsekutivsatz zeigt sich das Ergebnis ihrer Bewegung: „im letzten Zimmer“, „im
Winkel“, „die Falle, in die ich laufe“. Die perspektivische Einengung wird noch
durch die Abfolge der Lokalangaben „Zimmer“, „Winkel“ und „Falle“ betont. Die
Maus selbst also und die Umgebung („Mauern“) bewirken den tödlichen Endzustand.
Der
gesamte Vorgang, der im ersten Satz kurz behauptet wurde, ist im zweiten Satz
in einer langen Syntax, die aus vier Hauptsätzen, drei Konjunktionalsätzen („dass“)
und einem Relativsatz besteht, entwickelt worden. Am Endpunkt der Reihe steht
die „Falle“, der das „ich“ nur noch in einem Relativsatz untergeordnet ist. Am
Anfang steht der Zustand der breiten Welt, am Ende die Ursache für die Katastrophe:
„ich laufe“. –
Vielleicht
wäre eine Lösung, zu bleiben, zu beharren; dagegen aber stehen die
angsterregenden Erfahrungen der Außenwelt, die in einem Widerspruch stehen: die
Breite der Welt und die Enge der aufeinander zulaufenden Mauern. Dieser
Widerspruch scheint unauflöslich, die Katastrophe für die Maus somit
unvermeidlich. -
Da
wird der in der Fabeltradition vorhandene Gegner der Maus, die Katze, ins Spiel
gebracht, und zwar als eine Figur, die wie von außen alles beobachtet hat oder
sogar in das Innere der Maus, in ihre Angstgefühle hineingehorcht hat. Denn sie
nimmt das letzte Wort der Maus auf: „ich laufe“ - „Laufrichtung ändern“. Die
Überlegenheit der Katze wird auch deutlich an ihrer Position, dass sie einen
Rat geben kann (s. Modalverb „musst“), und an ihrer Einschätzung, dass die
Bewegungsänderung eine Kleinigkeit wäre (s. „nur“).
Wieder
im völligen Widerspruch zu ihrer Empfehlung steht das konkrete Handeln der
Katze: „fraß sie“. Offen bleibt, ob die Maus keine Reaktion zeigte, ob sie die
Empfehlung nicht aufgreifen konnte, ob diese zu spät kam etc. Das Faktum ihres
Todes steht am Schluss, und er war doppelt abgesichert: durch die Falle und
durch die Katze; gleich in welche Richtung die Maus lief, sie lief wohl in den
Tod. Diese Zwangsläufigkeit ist in der Abfolge des langen mittleren Satzes
dieser dreigliedrigen „Kleinen Fabel“ schon angelegt. Das Beharren, eine „Nulllösung“, ist also auch keine Lösung,
denn mit der Katze tritt eine Figur in Erscheinung, die nun - nach der
seltsamen Eigentätigkeit der Mauern - tatsächlich selbst handeln kann und dies
auch tut. -
Der
Text gibt keine offensichtliche Fabel-Lehre und wendet sich dennoch an den
Leser. Das zeigt sich am Erzählgestus des Textes: Ein Erzähler betrachtet ja
alle Vorgänge im Text wiederum von außen und berichtet sie für ihn, den Leser:
„sagte die Maus“ und „sagte die Katze und fraß sie“. Und es zeigt sich an der
Analogie zur Fabelform mit der Einführung von Tierfiguren, die in Opposition
zueinander stehen, mit dem Wechsel von Erzähler und Figurenrede, mit einem
antithetischen Dialog und einer Pointe in der Handlungsebene, schließlich mit
der erkennbaren Verschlüsselung, dass Handlungs- und Umgebungskomponenten aus
der menschlichen in die tierische Welt verlegt wurden, so dass der Leser wieder
rückübersetzen soll: Im Bild des tierischen Verhaltens würde das menschliche
gespiegelt. Und traditionell sollte der Leser zu der Fabel eine „Lehre“ finden,
zumindest aber die Bedeutung des Verschlüsselten erschließen. -
Die
Bedeutung bei Kafkas ‚kleiner Fabel’ ergibt sich jedoch nicht durch einfache
Übertragung vom tierischen in den menschlichen Bereich. Der Text mit seiner
Situation und Handlung ist eher ein Gleichnis für eine Grunderfahrung des
Menschen, eine Parabel, deren Sinn sich nur in einer „Deutung“
erschließt.
► Hier beginnt nun die
Interpretation, die aus einem bestimmten Standpunkt zu deuten
versucht - Dazu muss es aber einen Bedarf für das Interpretieren geben. Mit
entsprechenden Fragen - und Kafka-Texte bieten da genug Anlass - wird man sein Interpretationsinteresse
schon entwickeln:
Wo
liegt nun der Grund für das zwangsläufige Untergehen? - Gibt es eine Lösung? -
- Welche Bedeutung hat der Text für den Leser? - Wird eine bestimmte Welt- und
Lebenserfahrung vermittelt, die zu einer bestimmten Zeit galt oder die
allgemeingültig ist? - Wie ist die Entstehung des Textes aus Kafkas Biografie
und seiner Zeit zu verstehen? - Was hat das mit mir zu tun? - Wie bewerte ich
den Text?
Und
man kann aus einer bestimmten Perspektive, aus einem spezifischen Erkenntnisinteresse
einen Text verstehen und deuten (s.u.):
philosophisch/existenziell, soziologisch,
psychologisch, theologisch, biografisch-historisch...
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Vergleiche Kafkas Text mit einer traditionellen Fabel:
Der Löwe und die Maus
Eines
Tages lief eine Maus versehentlich über die Tatzen eines schlafenden Löwen. Das
mächtige Raubtier erwachte und griff verärgert die kleine Missetäterin, um sie
zu zermalmen.
Da
rief die Maus flehentlich: „Großmächtiger Herrscher, schone mich! Ich wäre doch
nur ein winziger Bissen für dich, und was nützte ich dir. Aber wenn du mich am
Leben lässt, könnte ich dir vielleicht doch eines Tages einen Dienst erweisen
oder von Nutzen sein - man kann das nie wissen.“
Den
Löwen belustigte der Gedanke, dass dieses kleine Tierchen ihm einmal helfen
oder nützen könnte, derart, dass er die kleine Gefangene großmütig laufen ließ.
Einige
Zeit später geriet der Löwe, den Wald durchstreifend, in das Fangnetz eines
Jägers, und je mehr er sich aus ihm zu befreien mühte, desto mehr verstrickte
er sich. Sein Wutgebrüll dröhnte durch den Wald und erreichte die Maus. Diese
kam gelaufen und begann, die Stricke durchzunagen, in denen der Löwe gefesselt
war, und ruhte nicht eher, bis die letzte Schnur von ihren kleinen Zähnen durchgebissen
und der Löwe befreit war.
Sind deine Freunde noch so klein, sie können dir von
Nutzen sein.
(Aesop/Hagelstange)
Andere Interpreten zu
Kafkas Fabel:
(www.teachsam.de/ufa_deutsch.htm)
1. Wilhelm Emrich,
1965 (Auszüge)
Diese
Erzählungen sind reine Tiergeschichten in dem Sinne, dass nicht mehr Tier und
Mensch konfrontiert werden, sondern ausschließlich die Tierebene eingehalten wird.
Alles wird unter dem Blickpunkt der Tiere erzählt. Die Menschenwelt tritt nicht
in Erscheinung, selbst nicht bei Hunden und Mäusen, die doch räumlich innerhalb
einer Menschenwelt leben. Andererseits aber leben und reflektieren diese Tiere
die Probleme der Menschen. Die Tiere werden nicht etwa auf dem Boden einer
zoologischen Tierpsychologie geschildert, im Bemühen, das Eigenleben der Tiere
zu gestalten Dennoch wäre es falsch, diese Tiere Kafkas einfach mit Menschen zu
identifizieren, in ihnen eine Weiterbildung der Äsopischen Fabeln zu sehen, in
denen Tiere menschliche Zustände spiegeln und moralische Weisheitslehren in
Tierverkleidung ausgesprochen werden. Wenn Kafka hier ausschließlich
Tiergestalten wählt, so hat dies anderen, künstlerischen Sinn:
Diese Tiere manifestieren - wie alle Tiere Kafkas - einen Zustand, in dem die
verdeckenden Hüllen der begrenzten empirischen Vorstellungswelt des Menschen
verlassen sind, in dem also die Ganzheit menschlichen Daseins unverhüllt
ausbricht und damit zugleich die grundsätzlichen Antinomien dieses Daseins
gelebt und durchreflektiert werden. Indem Kafka Tiergestalten zum Gegenstand
seiner Darstellung wählt, versetzt er den Leser sofort auf eine andere
Bewusstseins- und Daseinsstufe, in der die normale menschliche Welt überschritten
ist, ähnlich wie in den Gerichts- und Schlossbehörden oder in den rätselhaften
Vorgängen der Erzählung "Beim Bau der chinesischen Mauer".
(aus: Emrich, Walter: Franz Kafka, Frankfurt/M.:
Athenäum-Verlag, 4. Aufl. 1965, S.151)
Arbeitsanregungen:
Arbeiten
Sie die wesentlichen Interpretationsaussagen aus dem Text heraus.
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2. Klaus Doderer, 1965
(Auszüge)
Klaus
Doderer meint, dass in der Erzählung Kafkas eine Fabel entstanden ist aus
"pointierter Handlung, dem Einsatz von surrealen Textfiguren und einer
mitgeteilten Lebensweisheit". Mit seiner Auffassung widerspricht er dem
Kafka-Biographen Wilhelm Emrich, der nicht annimmt, dass man in Kafkas Text
eine "Weiterbildung der Äsopischen Fabel" sehen könne.
Das
Leben einer Maus wird uns berichtet, vom Anfang bis zum Ende. Es wird ihr Weg
beschrieben. Kommend aus einer angsteinflößenden Weite hat sie sich auf Mauern
zubewegt, die allerdings ihre Bewegungsbreite immer stärker eingeengt und sie
zuletzt in die ganz ausweglose Position eines Eingeschlossenen gebracht haben.
Am Ende ist die Welt dreifach verschlossen: Der Gang endet im Zimmer (hinter
ihr die verlorene Weite, vor ihr die Wand), vor der Wand steht in Laufrichtung die
Falle und hinter ihr, jeden Ausweg verrammelnd, wartet gelassen die Katze. Das
Leben der Maus endet im Rachen der Katze.
Was wir eben umschreibend als die Handlung der "Kleinen Fabel" zu
rekonstruieren versucht haben [...] ist nun aber nicht von Kafka als
Lebensgeschichte in einem folgerichtigen Nacheinander ausgebreitet. Vielmehr
erfährt es der Leser aus dem kurzen Dialog zwischen den beiden Kontrahenten
Maus und Katze. Der auf ein Minimum reduzierte epische Teil - will man nicht
die Ankündigung der jeweiligen Rede ("sagte die Maus" - "sagte
die Katze") hinzurechnen - steckt in den zwei Wörtern "fraß
sie". Mit anderen Worten: Während die erzählte Zeit das Leben der
Maus umschließt, beträgt die Erzählzeit die kurze Wechselrede im
ausweglosen Zimmer und den Akt des Fressens. Uns gibt diese Diskrepanz zwischen
den epischen Zeitlichkeiten insofern zu denken, weil hier in dieser Fabel nicht
etwa das erzählte Leben den Akt des Fressens erklärt und begründet. Der
Erzähler holt also gar nicht aus, um die Vorgeschichte eines Mordes
darzustellen in der Absicht, Ursachen und Erklärungen für eine Katastrophe zu
finden. Wir werden durch keine auch noch so karge Bemerkung auf die Feindschaft
zwischen Katze und Maus verwiesen, keine Andeutung bereitet uns auf die Tat der
Katze vor, etwa dass sie sich duckte, dass sie auf ihr Opfer zuspringt, gierig
wird oder hungrig ist. Die von Kafka genutzte Kargheit ist Stilprinzip und
Regulativ im Hinblick auf die Atmosphäre in der von ihm erzeugten poetischen
Eigenwelt. Die Kargheit allein ist eine Abwehr gegen psychologische Intentionen
in die Welt der Fabel. [...]
Nicht umsonst wird wohl Kafka das, was er in der Geschichte zum Ausdruck
bringen wollte, in die Form einer Wechselrede gebracht haben. Diese ist dazu
angelegt, die gegeneinander gerichteten Gedanken verschiedener Figuren zum
Ausdruck zu bringen. In unserem Fall erteilt die Katze als Gesprächspartner der
Maus den Rat, die Laufrichtung zu ändern. Einen einleuchtenderen Rat kann man
sich nicht denken. Er folgt ja auf die Äußerung der Maus über die für sie
ausweglose Situation. Aber zwischen Rat und Tat, zwischen verbalem Helfen und
existentialem Verschlingen ist eine schlechthin unüberbrückbare Spanne, die der
Dichter [...] in einen Satz zusammen rückt. Schon dieses gelungene Kunststück
der schockierenden Pointe gibt uns Anlass, die Geschichte nicht nur als
Geschichte hinzunehmen, sondern ihr Transparenz und Bedeutung zu unterschieben.
Dass hier am Ende Sinnlosigkeit sichtbar wird, provoziert die Suche nach dem
Sinn des Gesagten durch den Leser. Was also wird in der Fabel an Aussage
bedeutsam? Die Maus hatte Angst, als es um sie weit war, sie suchte nach
Begrenzung. Deshalb war sie glücklich, als sie Mauern sah. Aber diese
Begrenzungen engten ihre Freiheit immer mehr ein, sie führten, zunächst das
Gefühl von Sicherheit gebend, zu immer größerer Fesselung. Die Maus wendet sich
in ihrer Not an den Nächsten, den Einzigen neben ihr, den uns die Fabel
präsentiert. Dieser Andere macht ihr den Ausweg einsichtig, aber offeriert ihr
zugleich auch brutal die Unbegehbarkeit. Der Ausweg ist nur denkbar, nicht aber
begehbar. Die Angst der Maus ist im Bilde gesehene menschliche Angst, die Angst
vor der richtungslosen Weite, die Angst vor der uns in Sackgassen führenden
Welt, aus denen uns Helfer herausleuchten wollen, diese aber sind wiederum
"Sackgassen" beziehungsweise Mausefallen. Es gibt hier keinen Weg zurück
und keinen nach vorwärts. Überall stehen Fallen; wohin wir uns auch wenden, wir
bewegen uns auf den Abgrund zu. Das Großartige dieser Fabel ist nun, dass sie
diesen Gedanken der [...] Ausweglosigkeit in den letzten beiden Worten nicht
vordiskutiert, sondern beweist. Allerdings nur im Bild. [...]
(aus: Doderer, Klaus: Fabeln. Formen, Figuren, Lehren.
München: dtv 1977, S. 35f.)
Arbeitsanregungen:
Arbeiten
Sie die wesentlichen Interpretationsaussagen aus dem Text heraus.
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3. Hans-Christoph Nayhauss, 1974 (Auszüge)
Die
nachfolgende Interpretation ist im schwierigen Stil der sogenannten Frankfurter
Schule verfasst. (Zu ihr gehören u.a. Philosophen und Soziologen, die nach 1968
die literatur-wissenschaftliche Diskussion beherrschten.) Von Nayhauss geht von
der Annahme aus, dass man bei dem Wort Fabel unwillkürlich daran denkt, was die
Gattung zur Zeit ihrer Blüte, also im achtzehnten Jahrhundert, bedeutet hat.
Für den heutigen Leser / Rezipienten entsteht dadurch eine Verunsicherung, dass
er der Fabel Kafkas keine Lehre zu entnehmen kann, keine Lebensanweisung, wie
sie sonst bei der Textsorte üblich.. Sie hat, nach Nayhauss keine
"zivilisatorischen effekte", spiegelt keine "selbst- und
fremdzwänge" wider, also auch keinerlei zeitgebundene Verhaltensregeln und
-vorstellungen, die man sich auferlegt oder die einem auferlegt werden, weil es
so üblich oder Sitte ist.
Von
der gattung fabel ist die rede; das attribut "klein" tritt zunächst
hinter diesem leitwort zurück. Aufgrund welcher elemente der form und des
aufbaus der fabel, wie sie traditionellen vorstellungen entsprechen, konnte
Brod den text als kleine fabel einordnen? Es treten tiergestalten auf als
spieler und gegenspieler. Letzeres hat einen antithetischen aufbau zur folge.
Die handlung setzt ohne umschweife ein. Das geschehen endet mit der niederlage
des einen und dem sieg des anderen parts. Der dialog ist alleiniger
handlungsträger. Der text enthält eine lehre, die häufig zugleich zur pointe
wird. Die bildhälfte der fabel hat dabei die sachhälfte zu unterstützen, d.h.,
die lehre zu veranschaulichen. Es soll also nichts verrätselt werden wie bei der
allegorie. Soweit die hauptkennzeichen der gattungsform!
Sie mögen Brod veranlasst haben, den text als fabel
zu überschreiben. [...]
Liegt nach diesen feststellungen im sinne der fabel nun auch "ein typischer Fall vor, der als
Beispiel für viele Fälle gilt und hier in ein besonderes Gewand gekleidet
ist"? Oder, um es mit Lessing fabelideologisch zu sagen, wird hier einem
besonderen falle wirklichkeit erteilt und eine geschichte daraus gedichtet, "in welcher man den
allgemeinen (moralischen) Satz anschauend erkennt" (Lessing)? Wenn Lessing
demonstrativ von dem allgemeinen satz spricht, kann
er sich auf ein allgemein als gültig postuliertes moral-, wert- und ordnungsgefüge als bezugspunkt
aller menschlichen verbindlichkeiten stützen. Die konsequenz dieser anschauung
beruht darin, dass man glaubt, die allgemein gültige wahrheit
enträtseln, entschlüsseln zu können. [...]
Das im 18. jahrhundert propagierte ordnungsgefüge
hatte zivilisatorische effekte. Die lehre hingegen,
die Kafkas katze der maus erteilt, ist nur
egoistischen zwecken. Sie ist aus der perspektive
einer von katzen bestimmten welt
gesprochen, die den mäusen keinen raum
lässt. [...]
Haben wir hier im traditionellen fabelsinne einen dialog vor uns? Wir erfahren im ersten teil
nichts von einem dialogpartner. Es heisst: "Ach, sagte die Maus,...".
Wie erfahren nicht, dass sich die maus dabei an jemanden wendet, wie es in der fabel sonst üblich ist, damit man die konfliktsituation
sofort überblickt. Hier referiert und reflektiert die maus ihr leben und ihre situation. Deren kennzeichen sind
orientierungslosigkeit und angst. Beide aber sind als
bedrängende fixierung nur aus der subjektiven
sichtweise der maus verständlich. Daher ist die klage letztlich monologisch, selbstgespräch mit dem fixierten und sich permanent
fixierenden eigenen bewusstsein. Ebenso bleibt die katze monologisch, die freilich aus anderem grund für sich spricht. Sie spricht für sich aus
persönlichem nutzen, egoistisch, ohne bezugnahme auf
etwas intersubjektiv verbindliches. Ihre äusserung ist allein den absichten und zwecken des
persönlichen bewusstseins verhaftet [...]
Aus der notwendigkeit, eine persönliche wahrheit produzieren zu müssen, um überhaupt leben zu
können, sucht die maus nach richtungsgebenden mauern.
Sie produziert die mauern selbst, sie sind produkte
ihres wunschdenkens. Als ausstrahlung
ihres individuellen bewusstseins gewinnt jedoch
dieser schein der dinge zugleich etwas vernichtendes, die maus tödlich
fixierendes. Kafka bezeichnet daher diesen schein der dinge als das böse. Da
das bewusstsein der fabelfigur
immer nur ansichten von den dingen besitzt, kann noch
will es letztlich die wahre situation erkennen.
Objektiv gibt es also keine weite und keine mauern, sondern diese sind
subjektive wahrheiten, sie sich das bewusstsein selber von seiner Situation geschaffen hat.
Kafka entlarvt hier den verinnerlichten seit der romantik als selbstschöpferisch
gepriesenen subjektivismus in seiner ganzen gefährlichkeit.
(aus: Nayhauss,
Hans-Christoph; Franz Kafkas "Kleine Fabel", in: Wirkendes Wort, 24. Jg., 1974, S. 242-245)
Arbeitsanregungen:
-
Arbeiten Sie die wesentlichen Interpretationsaussagen aus dem Text
heraus.
-
Vergleichen Sie die drei Interpretationen nach ihrem unterschiedlichen
Erkenntnisinteresse und Ergebnis
Zur Gattungsorientierung:
Franz
Kafka: Von den Gleichnissen
Viele beklagen sich, dass die Worte der Weisen immer wieder nur
Gleichnisse seien, aber unverwendbar im täglichen Leben, und nur dieses allein
haben wir. Wenn der Weise sagt: »Gehe hinüber«, so meint er nicht, dass man auf
die andere Seite hinübergehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn
das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes
Drüben, etwas, das wir nicht kennen, das auch von ihm nicht näher zu bezeichnen
ist und das uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen
eigentlich nur sagen, dass das Unfassbare unfassbar ist, und das haben wir
gewusst. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen, sind andere Dinge.
Darauf
sagte einer: »Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann
wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.«
Ein anderer sagte: »Ich wette, dass auch das ein Gleichnis ist.«
Der erste sagte: »Du hast gewonnen.«
Der zweite sagte: »Aber leider nur im Gleichnis.«
Der erste sagte: »Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du
verloren.«
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Wie
die Fabel ist die Parabel eine Form allegorischer Rede. Sie zielt
auf die Verbildlichung unanschaulicher Gedanken, indem sie eine Übertragung
eines allgemeinen Sachverhalts in eine anschauliche Erzählung leistet. Wie die
Fabel enthält die Parabel einen Bildteil und einen Sachteil. [ ... ]
Die
Beziehung von Bild- und Sachteil ist anders als in der Fabel. Innerhalb des
Bildteils finden sich keine eindeutig zu entschlüsselnden semantischen
Indikatoren des gemeinten Sachverhaltes. Der Gleichnischarakter der Parabel
ergibt sich nicht bereits explizit aus dem Bildteil wie in der Fabel; die Relation
zwischen Bild- und Sachteil muss im Denkvorgang der Analogie erschlossen
werden. Entweder können einzelne semantische Indikatoren innerhalb des
Bildteils Hinweise auf das Gemeinte geben, oder die Beziehung von Gesagtem und
Gemeintem muss vom Autor im nachgestellten Sachteil selbst formuliert oder vom
Leser ermittelt werden. Monika Schrader (1980)
In:
Deutsch in der Oberstufe. Paderborn: Schöningh 1998, 429
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Produktionsorientierte
Aufgabe im Anschluss an Franz Kafka, Kleine Fabel:
»Und
es gibt einen ausführlichen Brief vom Dezember 1917, in dem Kafka seinem Freund
und Vertrauten Max Brod auf vier Seiten seine panische „platte Angst“ vor
Mäusen beschreibt: „Gewiss hängt sie wie auch die Ungezieferangst mit dem
unerwarteten, ungebetenen, unvermeidbaren, gewissermaßen stummen, verbissenen,
geheimabsichtlichen Erscheinen dieser Tiere zusammen, mit dem Gefühl, dass sie
die Mauern ringsherum hundertfach durchgraben haben und dort lauern, dass sie
sowohl durch die ihnen gehörige Nachtzeit als auch durch ihre Winzigkeit so
fern uns und damit noch weniger angreifbar sind.“« (in: Stefan Koldehoff: »Stumm, verbissen, geheimabsichtlich«.
DIE ZEIT Nr. 16, 14.4.2011, S. 52)
1.
Erläutern Sie,
das Problem, das Kafka umtreibt.
2.
Nehmen Sie diese
biografische Notiz als einen Ansatz, die KLEINE FABEL neu zu verstehen.
Erläutern Sie Ihr neues Verständnis.
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© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de