Literarische Charakteristik -
Sek. II
1.
Die literarische Charakteristik ist die Wesensschilderung
einer Textfigur, gestützt auf
Textinformationen. Es kommt darauf an, nicht alles Mögliche, sondern nur
das Bezeichnende, Unterscheidende, also das Individuelle hervorzuheben. Dabei geht es nicht um die Etikettierung
von „Charaktermerkmalen“ durch wertende
Adjektive wie „fleißig, feige...“, sondern um die Analyse der Figur in verschiedenen Hinsichten. -
2.
Die Charakteristik will nicht nur - wie die Beschreibung - eine Person genau
und vollständig darstellen, sondern den Menschen in seiner wesentlichen Prägung
durch Anlage und soziale Umwelt verstehen.
3.
Die Charakteristik will den Zusammenhang
zwischen der psycho-sozialen Ausgangslage einer Figur und ihrem Handeln und
Verhalten sowie Sprechen und Denken aufdecken. Sie ist somit um die Aufklärung
des Kausalzusammenhanges von Ursachen und Wirkungen bemüht; dabei sind
monokausale Erklärungen in der Regel unzureichend. - Sie will die Entwicklung einer Figur beobachten, da
Menschen nicht statisch sind.
4.
Die Charakteristik wird die einzelne Figur immer im Zusammenspiel mit anderen
Figuren sehen, da der Mensch sozial lebt, da er „nicht nicht-kommunizieren“
kann und da Wechselwirkungen zwischen den Figuren bedeutend sind; so muss man
sich die Position der Figur in der Personenkonstellation
klar machen.
5.
In historisch-kritischer Sicht müssen die Mentalität und die Normen einer Epoche zur Zeit der Entstehung eines
Textes als Einflussfaktoren für der Figurengestaltung
einbezogen werden.
6.
Wertende Adjektive als „Charaktermerkmale“ sind nur mit Vorsicht zu gebrauchen
und immer unter ihrem historischen bzw. aktuellen Wertmaßstab zu sehen: Was heißt schon „tyrannisch“ bei einem
Herrscher im Absolutismus und bei einem 16jährigen Bruder heute?! - Stellung
und Verhalten wären zu rekonstruieren!
7.
Nicht immer ist die „Charakteristik“ als Charakterisierung einer Figur der textangemessene Zugriff: z.B. wenn es bei der Figur in
einer Parabel gar nicht um eine konkrete Person geht oder wenn es in einem
Gedicht eher um Gefühle als um Wesenszüge („Charaktermerkmale“) eines Menschen
geht oder wenn die Textbasis für eine „Charakteristik“ viel zu schmal ist.
8.
So gibt es statt der generellen „Charakteristik“ verschiedene Teilverfahren zur Beschäftigung mit
Figuren in Texten. Die Charakteristik sollte reserviert bleiben für die Fälle,
in denen es tatsächlich um komplexe Charaktere in einer Ganzschrift, in einem
Roman oder Drama, geht.
Verfahren
zur Analyse einer Figur: separat
als... / in Kombination als...
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1. Personenbeschreibung und Analyse der Personenkonstellation 2.
Verhaltensanalyse - Motivanalyse 3.
Bedingungsanalyse - Ursachenanalyse 4.
Analyse der Beziehungen zu anderen Figuren im Text 5.
Erzählerkommentare - Erzählersympathie 6.
Wirkungsanalyse - Leserurteile |
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„Charakteristik“: vom Eindruck über die
Analyse zur Synthese - Deutung und Beurteilung
der Figur nur mit Textargumenten - Reflexion des eigenen relativen Maßstabs
für Urteile |
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1. äußeres
Erscheinungsbild und Auftreten in Situationen |
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Beschreibung ► Deutung: |
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2. Handeln,
Verhalten, Reden der Person - Motive und Ziele |
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3. Zusammenagieren
mit anderen Personen, Konflikte ... |
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▪ Verhalten, Sprechen, Motive,
Einstellungen |
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4. Einstellungen,
Meinungen, Entwicklung der Person |
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beschreiben und erklären! |
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5.
sichtbare Einflüsse von sozialer Herkunft, Erziehung, Stellung, Beruf, Politik, Kultur,
Umgebung... |
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(nicht einfach Adjektive zu„Eigenschaften“ sammeln !!!) |
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▪ Individuelles oder Typisches |
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6. Urteile anderer
Textfiguren über die Person |
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7.
Urteile des Erzählers über die Person |
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▪ Ausgangslage und Entwicklung |
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8.
meine zusammenfassende Deutung der Figur |
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9.
ggf. mein Urteil - mit Relativierung durch Vergleich meines heutigen Maßstabs mit den Werten, Normen
und Rollenerwartungen zur
Text-Entstehungszeit |
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Beweise durch Textbeispiele (Zitate / Belege) |
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