Literarische Wertung – Sek. II

 

Belletristik: Seit der Aufklärung und der damit beginnenden Ausbildung der modernen Wissenschaften wird Literatur als „Schöne Wissenschaft“ (Belletristik) verstanden. Davon abgegrenzt ist die berufsbezogene wissenschaftliche Sachliteratur. Heute versteht man unter Belletristik v.a. Unterhaltungsliteratur. Diese Begriffsverengung finden wir allerdings schon bei Goethe, der wegen seines hohen Anspruchs an die Dichtung Literatur und Unterhaltung für unvereinbar hielt. Diese negative Beurteilung von Belletristik hat sich weitgehend erhalten. Eigentlich will Belletristik aber ein Bindeglied zwischen „trivialer“ und „hoher“ Literatur herstellen und v.a. ein vielfältiges Leseinteresse befriedigen. Häufig wurden gerade belletristische Werke Bestseller.

                                                                    [Zirbs: Lit.Lexikon, 98]

 

kurz und bündig:                                     

Kitsch oder Kunst?  /  U-Literatur oder E-Literatur?

(U wie Unterhaltung / E wie Ernst)

 

Recht auf Unterhaltung Vermarktung der Gefühle

 Kriterien für Kitsch (darin Kriterien für Kunst?):                                                     

1.   Vorrang der Gefühlswirkung: Entscheidend ist die Stimmung, hinter die der sachliche Ge­halt zurück­tritt. Alle nachfolgend genannten Mittel stehen im Dienste dieses Reizeffekts.

2.   Kumulation und Repetition: Die angestrebte Reizwirkung wird durch Häufung und Wiederholung der Effekte im­mer wieder gestützt.

3.   Preziosität: Ein besonders häufig verwendetes Wirkungsmittel ist die preziöse (= gezierte, gekünstelte) Überhöhung des Banalen.

4.   Lyrisierung: Die Kitscherzählung ist mit lyrischen Elementen bis hin zu Gedichteinlagen durchsetzt (Entgrenzung der Gattungen).

5.   Vermischung der Gefühlsbereiche: Emotionsbereiche wie z.B. Frömmigkeit, Nationalgefühl und Liebe werden häu­fig zusammengebracht, um sich wechselseitig zu intensivieren.

6.   Austauschbarkeit: Die verwendeten Mittel stehen nicht in einem sachlogischen Zusammenhang, sondern sind im Hinblick auf den intendierten Effekt auswechselbar.

7.   Assoziative Reihung: Bilder und Vergleiche werden rein assoziativ bis hin zur Beliebigkeit miteinander verknüpft, um die Skala der Reize zu erweitern.

8.   Pseudosymbolismus: Die verwendeten Symbole erhalten ihre Bedeutung nicht mit Notwendigkeit aus sich heraus, sondern sind mit Bedeutungsgehalt erst befrachtet und häufig eigens erläutert.

9.   Unrealistische Schwarzweißmalerei: Der Kitsch führt Personen, Verhaltensweisen und Haltungen meist in undiffe­renzierter, verabsolutierter und simplifizierter Weise vor.

10.     Vorhersagbarkeit: Die Handlung ist vorherzusehen, da die Konfliktsituation so pauschal und typisiert gerät, dass die Konfliktentwicklung mit der Personenkonstellation schon festgelegt ist.

11.     Banalisierung: Wirkliche Probleme der Menschen werden klischeehaft ohne das Bedingungsfeld vermit­telt, stereo­typ diskutiert oder ausgetragen und mit einfachen Lösungen versehen.

12.     Schlüssellochperspektive: Oftmals erfolgt eine Erotisierung der Geschlechterbegegnung durch gezielte Verwendung von Schlüsselreizen oder klischeehafte Handlungsmuster der sexuellen Befriedigung in voyeuristischen Formen.                                     

(z.T. nach Killy, in: Biermann/Klothen: Literatur und Leser. Text+Dialog. Kursbuch. Düsseldorf: Bagel 1979, 19 f.)

 

Kriterien anwenden bei der Lektüre von z.B.:

Alessandro Baricco: Seide. Roman. München: Pieper 1997

Lavilledieu, Südfrankreich 1861 - Herve Joncour, erfolgreicher Seidenraupenhändler, hat es dank guter Geschäfte zu ansehnlichem Wohlstand gebracht. Auf Anraten seines Freundes Baldabiou macht er sich auf nach Japan um dort neue Raupen zu kaufen. Als er nach langer Reise dort ankommt, lernt er nicht nur den Edelmann und für ihn wichtigen Geschäftspartner Hara Kei kennen, sondern auch dessen Geliebte. Obwohl Joncour von der Frau fasziniert ist, kommt es bei ihren zahlreichen Begegnungen über die späteren Jahre nie zu einer Annäherung. Bei seinem Besuch in Japan nach dem Krieg kann Joncour die Frau nicht mehr finden, worauf er seinen Brief von ihr übersetzen lässt, den er Jahre zuvor erhalten hatte: ein glühender Liebesbrief, als Zeugnis der nie gelebten Leidenschaft. Der Roman ist so leicht und fließend wie der Stoff, dessen Titel er trägt: poetisch und stimmungsvoll.

 

Für die Auseinandersetzung:

 

Thomas Hettche, Schriftsteller: "Es gibt keine Kriterien für Texte - außer ihrem Gelingen."

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=4035&ausgabe=200112

 

Klassikerforum: Gibt es Werke, die ihr für gut haltet, aber gar nicht mögt? - Beitrag von: finsbury am 28. Mai 2008, 12:49

Ich zum Beispiel liebe Austen, weil ich intelligente und witzige Dialoge mag, die sanfte Gesellschaftskritik sowie den insgesamt doch sehr menschenfreundlichen Blickwinkel. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass viele diesen eingeengten ländlichen Blickwinkel nicht mögen und diese ewige Partnersuche, die nun einmal einfach aus der Lebenswirklichkeit Jane Austens heraus die Thematik der Romane bestimmt, sterbenslangweilig finden und vielleicht auch ein deutlich kritischeres Menschenbild bevorzugen.
Und solche oder andere Aspekte bestimmen nun mal die Wahl unserer Lieblingswerke und -autoren.

http://www.klassikerforum.de/index.php?action=printpage;topic=2691.0

 

Raoul Schrott, Schriftsteller:

Das ausschlaggebendste Kriterium eines Textes ist deshalb die Irritation, die er auszulösen vermag. Je heftiger und kontroverser die Reaktionen ausfallen, desto ehrenvoller; je milder und einstimmiger, desto beschämender letztlich.

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturfragen/513957/

 

Dr. Rutger Booß, grafit-Verleger: „Die akademischen Kritiker beschäftigen sich gern mit solchen Kriterien wie "Intertextualität" oder "Welthaltigkeit", was wiederum den gemeinen Leser weitaus weniger interessiert als ein überraschender Plot, der wiederum den Literaturwissenschaftler nicht interessiert.“

http://www.hinternet.de/weblog/2006/12/bestenlistediskussion-eine-kommentierte-zusammenfassung.php

Die beliebtesten Bücher der Woche

Die Top 10 werden nach mehreren KCW-internen Kriterien wie Nachfrage, Qualität, Trend und dem Voting unserer Abstimmung (siehe unten) erstellt. Sie können sich somit von Instituten erstellten Listen unterscheiden - zumal hier eine Mischung zwischen Trend, Verkaufs- und Beliebtheitsbestenliste vorliegt.

KCW Media. Internet-Service für Online-Marketing, Information und Unterhaltung. http://www.kcw.de/buecher.htm

 

 

Aus der Praxis  - Kritiker in Medien:

 

Kriterien des Kritikers Marcel Reich-Ranicki:

Da es kein Gesetzbuch gibt, auf das sich ein Kritiker berufen kann, muss jeder seine Kriterien „aus dem zur Debatte stehenden Gegenstand ableiten“ und kann die literarischen Werke ansonsten „nur durch die Konfrontation mit der eigenen Person messen.“ Das bedeutet in der Praxis: „Ich reagiere mit meiner ganzen Person auf ein neues Buch, das heißt, mit Bildung und Erfahrung, mit meinen Erlebnissen und meinen Vorlieben, meinen Schwächen, Tugenden und Untugenden.“

http://www.literaturkritik.de/reich-ranicki/index.php?content=http://www.literaturkritik.de/reich-ranicki/content_themen_literaturkritik.html

 

 

SWR - Bestenliste

Die Qualitätsliste

1975 hatte der damalige Literaturredakteur des Südwestfunks Jürgen Lodemann eine weitreichende Idee. Der am Verkauf orientierten Bestsellerlisten sollte eine Qualitätsliste entgegengesetzt werden. Das Ergebnis: die SWF-BESTENLISTE.
Zusammengestellt wurde sie von Deutschlands bekanntesten Literaturkritikerinnen und Literaturkritikern.
Längst haben sich die harschen Differenzen zur Bestsellerliste geschleift, Qualität und Unterhaltung schließen sich nicht aus. Was als Unterhaltungsliteratur erscheint, findet sich auf der BESTENLISTE wieder und Ernstes wie Martin Walsers "Springender Brunnen" verkauft sich gut. Kurz: die alte Unterscheidung von unterhaltender und ernster Kultur hat doch erheblich an Macht eingebüßt.

Aber damit hat die BESTENLISTE ihre Bedeutung nicht verloren. Sie ist ein Kompass auf dem Büchermeer der Neuerscheinungen, sie ist ein Pfadfinder im Bücherdschungel, das Trüffelschwein in den Papierbergen. Kurz: während die Bestsellerlisten aufs Bekannte und Etablierte vertrauen, ist die SWR-BESTENLISTE auf der Suche nach neuen Gefilden, nach unbekannten Büchern und Autoren, egal ob Lyrik, Romane, Autobiografisches, Tagebücher, Briefbände.
Es gibt nur ein Kriterium: Das Lesen muss sich lohnen.

 

Das Konzept

Eine Jury aus renommierten deutschsprachigen LiteraturkritikerInnen wählt jeden Monat die Bücher, "denen sie möglichst viele Leser und Leserinnen wünscht".
Jedes Jurymitglied nennt vier Buchneuerscheinungen, die mit Punkten (15, 10, 6 und 3) bewertet werden. Die zehn Bücher, die bei der Gesamtwertung die höchste Punktzahl erreichen, erscheinen auf der Liste mit Angaben zu Verlag, Preis, Schwierigkeitsgrad und einer kurzen inhaltlichen Einordnung. Ein Buch darf nicht häufiger als drei Mal auf der Liste erscheinen

http://www.swr.de/bestenliste/ueberuns/index.html

 

Aus der Theorie  - Literaturwissenschaft:

 

Kriterien für die literarische Wertung

Mit solchen Literaturlisten, wie sie nicht nur in den Lehrplänen, sondern auch in den Feuilletons immer wieder veröffentlicht werden, ist die Frage der literarischen Wertung verknüpft, die zum Alltag des Journalisten, Lehrers oder Bildungspolitikers gehört. Dabei hat sich immer wieder gezeigt, dass die Wertung von Lessing bis zum heutigen Feuilleton perspektivgebunden ist – warum und in welcher Hinsicht ein Text als ›gut‹, ›akzeptabel‹ oder ›schlecht‹ bezeichnet wird, sollte also immer transparent  gemacht werden.

-         Formale Werte: Geschlossenheit oder Offenheit, Stimmigkeit oder Brüchigkeit, Einfachheit oder Komplexität eines Textes.

-         Inhaltliche Werte: Wahrheit und Erkenntnis, Moral, Humanität, Gerechtigkeit, kritische Perspektiven.

-         Relationale Werte: Traditionszugehörigkeit oder Normbruch und Innovation, Wirklichkeitsnähe oder -ferne.

-         Wirkungsbezogene Werte: die individuelle, beim Leser erzeugte Wirkung, Spannung oder Langeweile, Leidenseffekte oder Interessantheit

(vgl. Heydebrand/Winko 1996)

Benedikt Jeßing/Ralph Köhnen: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Stuttgart:  J.B. Metzler 2007

https://www.metzlerverlag.de/buecher/leseproben/978-3-476-02142-7.pdf

 

 

Literatur/Links:

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/einfuehrungsvorlesungen/2002/Literarische_Wertung.pdf

Hans-Dieter Gelfert: Was ist gute Literatur? Wie man gute Bücher von schlechten unterscheidet. München: Beck, 2004. (Beck'sche Reihe. 1591). dazu: http://www.literaturhaus.at/buch/fachbuch/rez/Gelfert/

Stefan Neuhaus: Revision des literarischen Kanons. Göttingen: Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2002.

Literarische Wertung. In: Lexikon der deutschsprachigen Literatur. Hrsg. von Walther Killy. Bd. 14. München: Bertelsmann 1993. S. 21-26.

 

 

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