Schiller: Über die tragische Kunst und  Über das Pathetische (1792)

- Analyse eines Sachtextes -

 [Schiller: Über die tragische Kunst  und  Über das Pathetische, Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 148850, 149091


Analyse des Sachtextes

 

Der vorliegende Text von Friedrich Schiller „Über die tragische Kunst“ aus dem Jahre 1791 ist ein Ausschnitt aus einer längeren Abhandlung, da es um einen vierten Aspekt geht (Z. 1). Es handelt sich um einen expositorischen Text, einen Aufsatz, in dem ein kunsttheoretisches Problem abgehandelt wird: Merkmale der Tragödie werden bestimmt.

 

Im Überblick über den ganzen Text kann man eine dialektische Struktur erkennen, denn Schiller stellt die „poetische Nachahmung“ und die „historische“ Darstellung (Z. 1/2) einer Handlung sowie die „historische Wahrheit“ und die „poetische Wahrheit“ (14 f.) einander gegenüber und leitet daraus die besondere Aufgabe des Dichters („Dichterpflicht“, 19) und die „ästhetische Wirkung“ (34) der Tragödie ab.

Diese Leitbegriffe zeigen schon, dass es sich um einen sehr abstrakten und grundsätzlichen Text handelt.  Die vielen logischen Verknüpfungen durch Signalwörter wie „aber, also, so etc.“ machen deutlich, dass der Verfasser argumentativ schreibt. Es fehlt völlig an konkreten Beispielen, die seine Überlegungen veranschaulichen würden. Statt dessen geht er normativ mit Definitionen und Forderungen vor. So definiert der Text, dass die Tragödie eine „poetische Nachahmung einer mitleidswürdigen Handlung“ (1) ist, und stellt die These auf, dass sie als solche der „historischen entgegengesetzt“ ist (2). Damit ist das antithetische Thema des Textes festgelegt, der nun die beiden Pole (poetisch - historisch) entfaltet und bei dieser Aufgliederung im Einzelnen begründet, warum diese Entgegensetzung notwendig ist. Dass am Textanfang eine Definition vorliegt, erkennt man u.a. an der Gleichsetzung mit dem Kopulaverb „sein“: x ist y.

Schillers Position besteht darin, dass er für den Dichter eine eigengesetzliche Behandlung der Stoffe geradezu fordert: Der Dichter ist nur den Gesetzen der Kunst unterworfen (18 f.), da die Tragödie den „poetischen Zweck (verfolgt), [...] zu rühren und durch Rührung zu ergötzen“ (6 f.). Strittig könnte sein, ob der Dichter freier mit Handlungen, auch tatsächlichen, umgehen darf als der Historiker. Durch die Angabe des besonderen Zwecks der Tragödie und die Hinführung auf die besondere Art der poetischen Wahrheit am Schluss des Texts (34 f.) sowie durch den normativen Ton („sie hat einen poetischen Zweck“, 6; „die poetische Wahrheit besteht...“, 34; „die ästhetische Kraft muss“, 36) weist Schiller  jeden möglichen Widerspruch zurück.

 

Im einzelnen arbeitet der Verfasser die besondere Art der poetischen Nachahmung in folgenden Argumentationsschritten nach der Eingangsthese heraus:

 

In einem ersten Argumentationsschritt (1 - 11) vergleicht er den „Zweck“ der historischen und der poetischen Dar­stel­lung, indem er zunächst mit einer Unterstellung im Konjunktiv irrealis durchspielt, wie es wäre, wenn die Tragödie „einen historischen Zweck verfolgte“ (3). Dabei erklärt er durch Verdopplung des „wenn"-Satzes, was unter dem hi­storischen Zweck zu verstehen ist; er definiert den historischen Zweck als Unterrichtung über Geschehenes, also als reine Information. Dazu präzisiert er noch („in diesem Fall“, 4)  in doppelter Weise das entscheidende Kriterium für histori­sche Information, die „historische Richtigkeit“ oder „treue Darstellung“.  Die Signalwörter „müsste“, „einzig“ und „nur“ zeigen, dass hier eine strenge Forderung vorliegt. Die wirklichkeitsgetreue Information ist also der Zweck der historischen Darstellung. Dass die Tragödie nicht diese „Absicht“ verfolgt, wird durch die adversative Konjunktion „aber“ am Beginn des Satzes (6) verdeutlicht, der nun den „poetischen Zweck“ der Tragödie erklärt: „Rührung“. Hierbei fällt eine weitere Untergliederung des Zwecks durch eine modale adverbiale Bestimmung auf: „durch Rührung ergötzen“ (7). Die Schlussfolgerung („also“, 8) lautet, dass die Tragödie „frei“ ist in der Nachahmung. Diese Freiheit wird mit dem Wort von den eigenen „Bedürfnis“ umschrieben und genauer erklärt als „Macht, [...] die historische Wahrheit den Gesetzen der Dicht­kunst unterzuordnen“ (9 f.). Die machtvolle Sonderrolle der Dichtung wird durch die expressive gleichordnende Kon­junktion „ja“ verstärkt und mit dem Wort „Verbindlichkeit“ zur Norm erhoben.

 

Mit dem Wort von den  „Gesetzen der Dichtkunst“ ist bereits das Thema des zweiten Argumentationsschritts (11-14) eingeleitet worden. Es wird die Gesetzhaftigkeit der historischen und der poetischen „Wahrheit“ als Gegensatz her­ausgearbeitet. In einem Kausalsatz („da“, 11) nimmt der Autor die Zweckbestimmung der Tragödie - die Rührung - wieder auf und macht das Erreichen dieses Zwecks davon abhängig („Bedingung“, 12), dass die Tragödie „mit den  Gesetzen der Natur“ oder „dem strengen Gesetz der Naturwahrheit“ (13 f.) übereinstimmt. Diese Erklärung soll defi­nieren, was er unter „poetische Wahrheit“ im Gegensatz zur historischen Wahrheit versteht. In einem abstrakten Beispiel soll die Bedeutung des Begriffs 'poetische Wahrheit' verdeutlicht werden: Ohne den Dichter zu nennen, nur im Nominal­stil („Beobachtung“; „Verletzung“, 15 f.) wird der Effekt beschrieben, wenn ein Dichter eher historisch getreu schriebe - dann wäre die Tragödie weniger poetisch - oder eher frei  mit dem Geschehenen umgeht - dann wäre sein Werk poeti­scher.

 

Damit ist die Thematik des dritten Argumentationsschritts (17-28) wiederum angekündigt: Die Rolle und Pflicht des Dichters. Mit der Begründung, der Dichter unterstehe nur dem „Gesetz der poetischen Wahrheit“, schließt Schiller aus, dass ein Dichter, der auch noch historisch genau darstel­len will, die poetische Wahrheit verletzen darf. Dies wird als zentrale Forderung mehrfach herausgehoben: „nur“, dreimal „nie“, „...pflicht“. Und es wird fast eine moralische Verfeh­lung suggeriert: „lossprechen“, „Übertretung“, „Entschuldi­gung“ - also Schuld!

Diese Stelle kommt mir allerdings fast wie eine tautologische Argumentation vor: Weil der Dichter Poet ist, muss er Poet sein!?

In einer Folgerung („daher“, 21), die Schiller erneut in einer Verallgemeinerung vom Tragödiendichter auf alle Dichter („ja...überhaupt“, 22) ausweitet, wird die Rolle des Dichters aus der Perspektive des Zuschauers oder Kritikers betrachtet. Der Be­trachter wird durch eine Abwertung („sehr beschränkte Begriffe“, 21) scharf zurückgewiesen, der das Werk eines Dichters nach historischen Kriterien (s.o.) misst; in einer Wiederholung der Definition von oben: also auf genaue histori­sche Information („Unterrichtung“) prüft. In einem Relativsatz werden dabei ebenfalls noch einmal die zwei Absichten des Tragödiendichters wiederholt („Rührung und Ergötzung“). In einer gedankli­chen Konstruktion, in einem konditionalen Satzgefüge, wird wiederum ein abstraktes Beispiel herausgehoben („sogar“, 24):  Mit den antithetischen Begriffen „Unterwürfigkeit“ und Vorrecht“ wird der Fall durchgespielt, dass ein Dichter seine poetische Freiheit aufgibt und die historische Wahrheit darstellt. Für diesen Fall entwickelt Schiller eine metaphorische Sanktion: Dann „fordert die Kunst (diesen Dichter) [...] vor ihren Richterstuhl“ (27 f.).  Ein negatives Urteil wird durch den juristischen Sprachgebrauch des Metaphernkomplexes in diesem ganzen Abschnitt nahe gelegt: „Tribunal“, „Richterstuhl“, „mit allem Recht“; es stünde wohl eine Aburteilung des unpoetischen Dichters an! Damit wird wie mit einer Drohung die zentrale Forderung an den Dichter (s.o.) erneut verstärkt, und es wird wie mit einer Rechtsnorm ein hoher Geltungsanspruch von Schiller erhoben. (Wegen einer Auslassung kann man die vermutete Sanktion nicht vom Text her rekonstruieren.)

 

Im vierten Argumentationsschritt (29-36) wird der Gedankengang erweitert („noch mehr“, 29). Nach den Grund­sätzen am Anfang und dem folgenden Blick auf die Pflicht des Dichters geht es nun um die „ästhetische Wir­kung“ (33) der Tragödie. Die Schlüsselwörter „Eindruck“, „unser Wohlgefallen“, „Wirkung“ und „vorgestellt“ verwei­sen auf die Seite der Rezipienten einer Tragödie. Das wiederholte „man“ spricht ganz allgemein diese Rolle an und be­zieht den Leser dieser Abhandlung mit ein. Dem Leser wird in einem Bedingungssatz die Aufgabe zugewiesen, nachzu­denken (s. 29), denn der Verfasser will „überzeugen“ (29). In einer neuen These heißt es - ex negativo formuliert („wie wenig“) -, dass die „poetische Kraft“ den Eindruck einer Tragödie bewirkt und nicht die „historische[...] Realität“. Die Detaillie­rung der Tragödie in die Formelemente „sittliche Charaktere oder Handlungen“ (Z. 30) bezeichnet zugleich die am stärk­sten wirksamen Elemente der dramatischen Form. Der frühere Gegensatz von poetischer und historischer Wahrheit wird nun dynamischer als „poetische Kraft“ und „historische Realität“ formuliert. Eine Einschränkung („verliert“, 32) wird zur Hervorhebung der poetischen Wahrheit benutzt: Die Charaktere sind zwar fiktiv, aber sie erre­gen „Wohlgefallen“. Damit wird eine letzte Erklärung eingeleitet, was die poetische Wahrheit ist: Es geht nicht um das wirklich Geschehene, sondern um das vorgestellte, um „Fiktionen“. In einer erneuten Definition der „poetischen Wahr­heit“ (s.o.) wird in einer antithetischen Satzkonstruktion („aber nicht“ - „sondern“, 34 f.) dem Wirklichen das Mög­liche gegenübergestellt.

In einer abschließenden Grundsatzerklärung („also“, „muss“, 36 f.) wird behauptet, dass die „ästhetische Kraft“ in der „vorgestellten Möglichkeit“ liegt. Es wird also die Ursache aller Wirkung der Tragödie in der Kopplung von „Vorstel­lung“ und „Möglichkeit“ gesehen. Dabei wirkt der Begriff „Vorstellung“ doppeldeutig, da es vom Dichter her bedeutet 'was er vorstellt' und vom Zuschauer her 'was dieser sich vorstellt'. Kraft und Wirkung fallen in dem Begriff zusammen. Und die „Möglichkeit“ ist gemäß der antithetischen Konstruktion des gesamten Textes der Gegenpol zu dem „wirklich Geschehenen“ (s. 6), dem 'historisch Tatsächlichen'. Die Dichtung wirkt also, weil etwas so geschehen sein „konn­te“. Mit diesem Schluss wird die Freiheit des Dichters noch einmal deutlich, die doch zugleich in der Begrenzung der "Dichterpflicht" (19) verstanden wird.

 

Der Leser dieser Abhandlung kann diese Theorie akzeptieren oder nicht. Sie wird ganz apodiktisch vorgetragen (das ist so, das muss so sein!) und zeigt, dass der Verfasser selbst von seinen Thesen völlig überzeugt ist.

Es wäre aber auch eine Gegentheorie denkbar: Ein Dichter hat sich streng an die Geschichte zu halten (vgl. Historienstücke, Dokumentar­theater etc.); nach Schiller wäre ein solches Werk dann aber wenig poetisch. Das Künstlertum des Dichters steht bei ihm also im Vor­dergrund.      

                                                                                              (G. Einecke 1995)

 

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