Erläuterung
eines Begriffs - Begriffsexplikation (Jg.
9/10 und Sek. II)
-
z. B. im Anschluss an einen oder mehrere Sachtexte, in denen der Begriff
verwendet wird (schon ab Jg. 10)
-
z. B. zu einem in der öffentlichen Diskussion verwendeten zentralen Begriff -
auf der Basis von Materialien
-
vgl. Kernlehrplan Jg. 9/10 Aufgabentyp 2: Verfassen eines informativen Textes
(Materialauswahl und -sichtung, Gestaltung des Textes, Reflexion über
Mittel und Verfahren)
-
und KLP Jg. 9/10 Aufgabentyp 4 b: durch Fragen bzw. Aufgaben geleitet: aus
kontinuierlichen und/oder diskontinuierlichen Texten Informationen ermitteln,
Informationen vergleichen, Textaussagen deuten und abschließend reflektieren
und bewerten
Begriffsexplikation auf der Grundlage des
Textes (RLL 1999, S. 77)
Begriff:
die allgemeine (abstrakte) verstandesmäßige Vorstellung eines
Gegenstandes/Sachverhalts; Resultat eines Erkenntnisprozesses: z.B.
„Wert“, „Wahrheit“, „Bewusstsein“, „Epoche“...
s.: Wort, Idee, Gedanke, Konzept
Analyse
der kontextuellen Bedeutung
Ein Begriff erhält seine Bedeutung
durch seinen Gebrauch
in bestimmten Kontexten: schriftliche, mündliche, mediale Texte. Dabei können
Wörter in ihrer Bedeutung positiv oder negativ aufgeladen werden.
Kollokationen:
ein Begriff kommt in Texten in typischen Wortkoppelungen
vor: arme Leute, arme Seele, bittere Armut, ...
semantisches Feld:
Ein Begriff steht in Texten in einem Feld benachbarter, in der Bedeutung
verwandter Wörter: z.B. in einem Text →
Armut - Entbehrung, Ohnmacht,
bescheiden, sparsam, Scham, bedürfnislos, Mangel, hungrig, sich sorgen,
verzichten müssen, Existenzangst...
Textintention:
Zur Erklärung eines zentralen Begriffs ist zu untersuchen, mit welcher Absicht
ein Text geschrieben ist; dazu sind
auffällige Thesen und Argumente im Zusammenhang mit dem Begriff
zu beachten.
Begriffsverwendung:
In einem Text kann ein Begriff eine strategische
Verwendung finden: Aufwertung
- Abwertung; Euphemismus; Polarisierung; Verharmlosung; Präzisierung...
Darstellungsform:
In einem Text kann die Vorgehensweise im Umgang mit einem Begriff
auffallen: Kontrastierung von Begriffen; explizite (philosophische) Erklärung
eines Begriffs; (scheinbare) Definition;
perspektivische, subjektive Füllung eines Begriffs; ungewöhnliche Verwendung
eines Begriffs; Entwicklung eines „Begriffskomplexes“ aus mehreren
zusammengehörigen Begriffen: z.B. klassische Bildung:
Selbstbildung, das Wahre, Schöne und Gute, die Humanität, die Autonomie, etc.
Semantische Analyse
Bei der Untersuchung des Begriffs kann man sich auch
über den Text und Kontext hinaus noch mit weiteren grundsätzlichen
Bedeutungsaspekten befassen und die Ergebnisse ggf. mit der Verwendung des
Begriffs in einem Text in Verbindung bringen:
historische Bedeutung: Verständnis
des Wortes im Sprachgebrauch einer (bestimmten) Zeit
Etymologie:
Herkunft und Bedeutungsentwicklung des Begriffs (ggf. nachzuschlagen)
Synonyme:
Armut - Elend, Not, Dürftigkeit, ...
Antonyme
(Gegenwörter):
Armut - Reichtum
Konnotation:
das Hinzugedachte - Konnotationen
entstehen durch Assoziationen (gedankliche, emotionale, sprachliche
Koppelungen), die ein bestimmtes Wort hervorruft; Konnotationen werden aus der
individuellen oder gemeinsamen Erfahrung einer sozialen Gruppe, einer Subkultur,
einer Bewegung oder der gesamten Gesellschaft abgeleitet; sie erscheinen so in
der Kommunikation und sind eine „Kategorie der sozialen Praxis“.
Euphemismen
(Beschönigungen):
statt arm: anspruchslos, bescheiden,
... - statt Arme:
Geringerverdienende,
Abwertungen:
statt Arme: Penner, Schnorrer,
Hungerleider, Schmarotzer, Stützenjäger...
Redewendungen:
arm, aber glücklich; arm, aber sauber; ...
Sprichwörter:
Armen Mann kennt niemand. Arm oder reich, der Tod macht alles
gleich. Besser arm in Ehren als reich in Schanden. Ein armer Mann
hat keine Neider. Armer Leute Pfennige sind auch Geld. Das Unglück
trifft nur den Armen. Armut ist keine Schande. Der Arme mästet dem Reichen die
Kühe.
Definition:
Man kann ein Phänomen definieren, indem man
-
einzelne Merkmale
aufzählt: Armut liegt vor, wenn jemand obdachlos ist, nichts zu
essen hat, seine Ausbildung nicht bezahlen kann, zumeist arbeitslos ist, sich
keine Vergnügungen leisten kann ...
-
das Phänomen einem Oberbegriff
zuordnet und es von den übrigen Unterbegriffen, von
verwandten Phänomenen durch seine besonderen Merkmale abgrenzt: Armut
ist eine wirtschaftliche Lebenssituation, in der sowohl Reichtümer
als auch ein normales Auskommen fehlen; sie liegt gerade beim Existenzminimum
und ist gegenüber einer akuten Notsituation eher ein Dauerzustand...
-
Definition ex negativo:
indirekte Definition; Definition mit dem, was etwas nicht ist
(s. auch Semantische Analyse - Polysemie)
Explikation: erklären, erläutern,
definieren
Die
Aufgabenstellung verlangt, dass komplexe und inhaltsreiche Begriffe in
konzentrierter Form vorgestellt werden. Dabei können Einzelheiten oft der
Textvorlage entnommen werden. Es geht darum, Verständnis für historische,
ideengeschichtliche, kulturelle oder sprachliche Gegebenheiten nachzuweisen, die
den Inhalt und das Verständnis eines Begriffs bestimmen. Dies bedeutet, dass
man den Gegenstand der Erklärung sowohl im Kontext als auch in seinem
historischen Umfeld betrachtet und ggf. mit dem aktuellen Begriffsgebrauch
kontrastiert. Man baut dabei sein Vorwissen aus Unterricht und privatem Lernen
ein.
Bei
dieser Aufgabenstellung ist es ratsam, sich in die Situation eines
Fachmanns zu versetzen, der einem unwissenden Fragesteller in eindeutiger und
konzentrierter Form darzustellen versucht, was mit dem Begriff gemeint ist.
Gütekriterien
für den eigenen Text sind: Genauigkeit im Umgang mit Begriffen; Klarheit in der
sprachlichen Form des Erklärens; analytische Haltung zur Textvorlage; Fähigkeit,
Bezüge aufzudecken; Argumentation aus Kontexten; eingebrachtes Wissen.
Die
Begriffserläuterung als weiterführender Auftrag im Anschluss an die
Analyse eines Sachtextes ist von der Sachtextanalyse selbst deutlich zu
unterscheiden: Die Analyse bezieht sich auf Inhalt, Struktur, Sprache,
Gestaltung und Aussage des gesamten Textes. Die Begriffsexplikation nimmt sich
dagegen nur ein Element vor, auch wenn die Erläuterung z.T. aus dem Text
abzuleiten ist (s. kontextuelle Bedeutung).
Erörterung eines Begriffs:
Es gibt einen Übergang von der Erläuterung, bei der man in der informierenden
und erklärenden Schreibhaltung bleibt, zur Erörterung eines Begriffs:
-
man kommentiert die Verwendung und
Bedeutung eines Begriffs kritisch
-
man kann seine eigene Perspektive und
eigene Erfahrung zum Sachverhalt einbringen
-
man vergleicht den vorgefundenen
Begriffsgebrauch mit dem von anderen Autoren
-
man kann zu einer Beurteilung der
sprachlichen Ausdruckform vordringen.
grafische Darstellung eines begrifflichen Komplexes
(Konspekt) zu Beginn
der Darstellung:

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