Günther Einecke: Vorsicht,
Falle! - Problemzonen in Deutschstunden
In: SEMINAR - Lehrerbildung und Schule 4/1999, 70 - 78
1.
Gliederungsfalle - 2. Charakterisierungsfalle - 3. Produktivitätsfalle - 4. Kreiselfalle
-
5.
Verpuffungsfalle - 6. Plauderfalle
- 7. Planschfalle - 8. Kommandofalle
- 9. Demokratisierungsfalle
-
neu (von Kollegen): 10. Eisbergfalle
Aus
der Erfahrung mit vielen Deutschstunden von Referendarinnen und Referendaren
sind die folgenden Hinweise zur Prävention
erwartbarer Mängel entstanden. Die Symptome und Vermeidungsstrategien sollten
frühzeitig zur Diskussion gestellt werden. - Hinter den Empfehlungen steht das
Bild eines Unterrichts, in dem es ums „Lernen“ geht, auch wenn es noch andere
Unterrichtsstunden gibt, Stunden mit musischen, gestaltenden, feiernden,
erlebnishaften u.a. Akzenten.
1. Die Gliederungsfalle
Phänomen:
In
einem schultypischen Zugriff auf Texte sollen Schülerinnen und Schüler einen
Text gliedern. Ein Schüler schlägt für den ersten Abschnitt Z. 1-24 vor; eine
Schülerin dagegen Z. 1-11; die Lehrperson möchte Z.1-13. Nun entwickelt sich
eine längere Diskussion, wo denn nun die Grenze zu ziehen ist; zumeist setzt
sich die Lehrperson durch. Der Text hat einen grafisch klaren Absatz bei Z. 15.
- Selbst wenn in der Diskussion auch mit dem Text argumentiert wird, ist der
Vorgang für die Schülerinnen und Schüler tödlich, denn stupide wird der Text so
bis Z. 88 in 9 Teile seziert, und die Schülerinnen und Schüler haben immer noch
nicht über die provozierende Handlung der Figur A gegen die Figur B in dem
spannenden dritten Abschnitt gesprochen.
Schultypischer Formalismus des Gliederns
tötet ab!
Veränderung:
●
Die Funktion der
Gliederung eines Textes für den Lernweg der Schülerinnen und Schüler ist in der
Planung klar zu bestimmen. Gliederung also nicht verordnen, nur weil sie
üblich ist.
●
Tatsächlich ist
die Segmentierung eines Textes ein Vorgang der Verständnissicherung oder auch
schon der Interpretation.
●
Aber: Den Streit
um die einzelnen Grenzziehungen zwischen Abschnitten vermeiden, indem man einen
oder zwei Schülervorschläge für einen ganzen Text zunächst einmal komplett wahrnimmt
und nur die Unterschiede sichtet: Was war bestimmten Lesern wichtig oder
auffällig? - Divergentes Denken ermöglichen; verschiedene Gliederungen zeigen
meist bereits unterschiedliches Textverständnis und sind nicht zu konvergieren.
Statt dessen ggf. nachträglich auf bestimmte zentrale
Abschnitte überlenken.
●
Varianten der
Segmentierung eines Textes sind in der Sachanalyse deutlich zu antizipieren; dabei
wird man feststellen, dass man für die Gliederung eine Orientierung an
Kriterien benötigt: z.B.
1. Gliederung eines Erzähltextes nach Handlungsschritten
(Handlung, Ortswechsel, Personenauftritt)
2. Gliederung eines Sachtextes nach Teilthemen
3. Gliederung einer Schilderung nach spotlights
4. Gliederung einer Vorgangsbeschreibung nach der
Chronologie
5. etc.
●
Formen der Gliederung
wären zu nutzen: mit dem Bleistift, mit Zwischenüberschriften etc.
●
Statt einer
eigenen Gliederung durch die Schülerinnen und Schüler lieber die vom Text her
grafisch vorgelegte Gliederung nachvollziehen, wenn sie die Erschließung
ermöglicht.
●
Die Gliederung
dürfte nicht der erste Zugriff auf einen Text sein, sonst wird der Leser nicht
ernst genommen.
●
Gliederung als
Übungsform nicht an zu langen Texten vornehmen und mit Überlegungen zur Textauswertung/Deutung
verbinden.
2. Die Charakterisierungsfalle
Phänomen:
Schülerinnen
und Schüler sollen ständig mit einem traditionell schultypischen Zugriff auf
Literatur Figuren „charakterisieren“. Die Charakterisierung erfolgt dann zu kurz
greifend zumeist mit einer Etikettierung durch Adjektive: Schülerinnen und
Schüler bestimmen die Eigenart eines grau gekleideten Menschen: Er ist alt, er
ist wie erstarrt, wie erdrückt von Leiden, 'vereist'. (Jg. 9) - Sie
kennzeichnen zu einem Gedicht eine Frau als ruhig, sanft, zufrieden,
diplomatisch und einen Mann als stolz, streng, kräftig, gefühllos. (Jg. 8) -
Sie erinnern sich an das Figurenklischee aus Fabeln: Löwe als stark, mutig,
stolz, mächtig, faul, groß, gierig - Maus als schwach, ängstlich, klein,
schnell. (Jg.6) - Sie finden Atahualpa mächtig,
erhaben, reich, abweisend. (Jg. 9)
Die
Lehrperson ist oft zufrieden, wenn dieser Akt erfolgt ist; manchmal wird noch
nach einer Textstelle gefragt, an der die „Eigenschaft“ „belegbar“ ist. So
häufen sich die Klischees; Maßstäbe der Beurteilung werden nicht reflektiert,
erst recht nicht die historische Differenz im Normengefüge; Ursachen für
Einstellungen und Verhalten werden zu wenig beachtet.
Verhaltensmerkmale,
Persönlichkeitsmerkmale, Einstellungen etc. - alles wird unter dem Vorzeichen
„Eigenschaften - Charaktermerkmale“
erfasst; aber welcher Begriff von „Charakter“ entsteht hier? Zu wenig wird
unterschieden und im Kontext betrachtet. Zu wenig wird gesehen, dass die
Schülerinnen und Schüler unter der Operation „charakterisiere“ sehr
verschiedene Teiloperationen zu leisten haben und erst ein Begriff von den
unterschiedlichen Anforderungen aufzubauen ist.
Die „Charakterisierung“ ist eine Tretmühle
im Literaturunterricht!
Veränderung:
●
Planen, was
wirklich gefordert werden soll: z.B.
-
Personenbeschreibung
-
Verhaltensbeschreibung
-
Motivanalyse
-
Bedingungs- und
Ursachenanalyse
-
Beurteilung von
Personen - Anlegen eines Maßstabs
-
Wirkungsanalyse
●
Die folgenden
Zugriffe auf Figuren in literarischen Texten unterscheiden: analytische Schritte zur Beobachtung
einer Figur in bestimmten Situationen (Textstellen, Kontexte...), synthetische Schritte zur Zusammenführung
von Teilbeobachtungen (Verhalten, Äußerungen, Motive, Situationsbedingungen
etc. in einen Zusammenhang bringen), bewertende
Schritte (mit dem textimmanenten Maßstab der dort erkennbaren Normen - mit
einem heutigen Maßstab - mit einer Relativierung
im Bewusstsein der historischen Differenz etc.) und in allen Schritten die argumentierenden Formen (Argumentation
mit dem Text).
●
Die tatsächlich
gewollte Operation bei Arbeitsaufträgen angeben: Also nicht immer „Charakterisiere
X.Y.!“, sondern einen differenzierten Auftrag erteilen, je nach den Teilverfahren,
die - aufeinander aufbauend - eingeführt und geübt sind: Beschreibe das Aussehen
der Person - beschreibe deinen Eindruck von ihrem Verhalten - untersuche ihr
Handeln in der Situation - beschreibe
ihre Art zu argumentieren - bewerte ihren Standpunkt in dem Dialog - erkläre,
wie das Verhalten der Person und ihre soziale Herkunft zusammenhängen -
untersuche, wie andere Personen im Text diese Figur einschätzen - vergleiche
das Handeln und die Äußerungen der Person - stelle die Person für andere
Zuhörer vor - führe eine „Figurenbefragung“ durch - spielt die Sendung „Heißer
Stuhl mit XY.“ - führt ein (fiktives) Interview mit dem Gegenspieler -
entwickelt eine Talkshow etc.
3. Die Produktivitätsfalle
Phänomen:
Zur
höheren Motivierung der heutigen Leser literarischer Texte werden im
produktionsorientierten Literaturunterricht verschiedenste Verfahren als
Alternative zur Textanalyse genutzt: Der Text wird zum Puzzle zerschnipselt,
und die Schülerinnen und Schüler setzen ihn wieder zusammen; vom Text wird das
Ende weggelassen, und die Schülerinnen und Schüler schreiben den Text fort; der
Text erhält Lücken, die auszufüllen sind; Textabschnitte werden umgestellt,
und nun ist die richtige Reihenfolge zu rekonstruieren; es wird eine neue
Textfigur eingeführt, die mit den Protagonisten ins Gespräch kommt; der Text
wird aus einer anderen Perspektive umgeschrieben etc. etc. - Dabei entwickeln
die Schülerinnen und Schüler hohen Eifer und gehen auch intensiv mit dem Originaltext
um. Und doch. In der Regel fehlt eine Kognitivierungsphase:
Die Schülerinnen und Schüler machen sich zum einen nicht bewusst, was sie da
geschaffen haben, und sie machen sich zum andern nicht mehr bewusst, was ihre
Produkte an neuen Erkenntnissen über den Originaltext leisten. - Oftmals
entfällt die Rückbindung an den Originaltext; die Produktion hat sich also verselbständigt
und ist nicht mehr funktional für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem
literarischen Originaltext. Die Lehrperson unterscheidet nicht genug zwischen kreativem Schreiben, für das
literarische Texte z.B. Auslöser und Impulse sein können, und produktivem Schreiben, das im Dienste
der Erschließung von literarischen Texten steht. - Die Kognitivierungsphase
aber ist notwendig, damit Erkenntnisse beim Lesen eines literarischen Originaltextes
überhaupt kommunizierbar und intersubjektiv überprüfbar werden; reines
Nacherleben der eigenen Produkte reicht da nicht aus.
Nun macht mal schön
- das war’s denn auch!
Veränderung:
●
Nach der Produktionsphase
ist unbedingt eine Phase der Rückbindung
an den Originaltext zu planen, und dazu sind Varianten zu überlegen: z.B.
-
offener Vergleich
des Schülerprodukts mit dem Original
-
Vergleich unter
bestimmten Aspekten: Inhaltsebene, Ebene der Gestaltung, ...
-
Vergleich sehr
eigenwilliger Schülerprodukte mit dem Rahmen, den der Originaltext eigentlich
nur ermöglicht
-
Beobachtung,
welche Steuerungssignale im Original die Schülerinnen und Schüler bei der
eigenen Produktion gelenkt haben und ob sie im Original zentral sind
-
Analyse des
Originaltextes, damit die Schülerlösung überhaupt zugeordnet werden kann
-
Wertung der sogen. „Überstrukturierung“ literarischer Texte
im Vergleich mit Laientexten
-
Unterscheidung
von Imitation und selbständigen Lösungen der Schülerinnen und Schüler
-
Rückschlüsse auf
Handlungsspielräume, Leerstellen o.Ä. im Original
-
Vergleich
überarbeiteter Fassungen eines Originals mit den Arbeitsprozessen der Schülerinnen
und Schüler bei der Produktion
●
Diese Phase der
Rückbindung ist für sich wieder in den Arbeits- und Sozialformen sowie in den
Gesprächsformen zu planen: i.d.R. ist sie diskursiv , da es um ein Nachdenken
geht, das im Unterrichtsgespräch kommunikativ vermittelt werden muss, und sie
ist kognitiv-analytisch orientiert, da man im Vergleich, Kontrast, Rückbezug
den Originaltext erneut genauer lesen und erschließen muss, um überhaupt Bezüge
herstellen zu können. - Allerdings dürften diese Analysephasen dann nicht mehr
Übergewicht erhalten, sonst wäre der produktionsorientierte Zugriff
überflüssig; und sie dürften auch nicht mehr systematisch erfolgen, da die
Schülerprodukte nun die aspektorientierten Zugriffe auf den Originaltext ergeben.
●
Mit den Schülerinnen und Schülern ist explizit
der Unterschied von kreativem Schreiben und produktiver Textrezeption
aufzuarbeiten.
●
Literarische
Beispiele für produktive Textrezeption ließen sich einbeziehen:
Kontrafrakturen, Parodien, Modernisierungen, Gegentexte, Textvarianten anderer
Schriftsteller zu Texten etc.
4. Die Kreiselfalle
Phänomen:
Ein
und derselbe Arbeitsgang wird mehrmals wiederholt, so dass die Schülerinnen und
Schüler auf der Stelle treten. Erhebliche Zeit wird vergeudet. Die Schülerinnen
und Schüler sind unterfordert. -
So
wird z.B. eine Untersuchung der Handlungsmotive von Figuren in einem Text
bereits in der vorbereitenden Hausaufgabe durchgeführt (1); die Motive werden
dann zunächst mündlich am Anfang der Stunde in einer Sammelphase von allen
Schülerinnen und Schülern zusammengetragen (2); danach trägt eine Schülerin die
Motive aus der Hausaufgabe vor (3); hiernach werden die Motive unter
übergeordneten Ordnungsgesichtspunkten in einem Raster an die Tafel
geschrieben (4); schließlich sollen die Schülerinnen und Schüler dies Tafelbild
abschreiben (5). Dann erst geht es mit den Folgen der Handlungen weiter...
Durch überflüssige
Wiederholungen kommt der Unterricht nicht vom Fleck!
Veränderung:
●
Bereits in der
Planung komplexere Verarbeitungsideen für einfache Vorgänge entwickeln und die
Schülerinnen und Schüler sofort mit höherem Anspruch konfrontieren.
●
Bereits in der
Planung für vorbereitende Hausaufgaben Ordnungsgesichtspunkte entwickeln und
nutzen lassen.
●
Im Unterricht
nicht Vorgetragenes noch einmal vortragen lassen, um es an die Tafel zu bringen;
sondern sofort beim Zuhören z.B. in ein Raster, über dessen Kategorien man sich
zuvor verständigt hat, eintragen (auf Folie / Tafel).
●
Tafeltexte nicht
abschreiben lassen, wenn die Schülerinnen und Schüler Ähnliches schon zu Hause
ins Heft eingetragen haben.
●
Sich entscheiden:
Entweder mit der ganzen Klasse etwas erarbeiten oder aber durch repräsentative
Schülerarbeiten etwas vorstellen lassen und dann auf anderem Niveau
verarbeiten.
●
Steilheitsgrad
der Progression in der Verlaufsplanung und Lernzielliste vorab klären.
●
Unterscheiden,
was schwierig und was einfach ist; nur das Schwierige wäre durch immanente
Wiederholung zu sichern.
5. Die Verpuffungsfalle
Phänomen:
Es
wurde eine Stillarbeitsphase eingeleitet, die in Einzelarbeit, Partnerarbeit
oder Gruppenarbeit erfolgte. Dabei wurde eine exemplarische Textstelle mit
einem einzelnen Auftrag oder einer bestimmten Methode oder Fragestellung
genauer untersucht, oder es wurden mehrere Textseiten unter einem Aspekt
ausgekämmt, oder es wurde ein Problem intensiv mit der Aufgabe erörtert, die
Ergebnisse zu fixieren.
Und
nun.... wird nach
der Stillarbeit der Unterricht im fragend-entwickelnden Gespräch fortgeführt,
als wären die Schüler nicht zu eigenen Ergebnissen gekommen. Die Lehrperson
nimmt wieder das Heft in die Hand, erfragt alle Aufgabenelemente, die
anstanden, einzeln und fällt so im lehrergelenkten UG hinter die von den
Schülerinnen und Schülern erreichte Lage zurück. Ihre Arbeit war überflüssig.
Fehlervarianten:
-
Eine Spontanphase
wird nicht genutzt: Aus den erkennbaren Schülerinteressen, dem Schülerhorizont,
dem Suchinteresse wird keine Problemeröffnung oder Arbeitsperspektive abgeleitet.
Statt dessen vergibt die Lehrperson von sich aus eine
eigene Aufgabe. (s. Kommandofalle)
-
Eine
vorbereitende Hausaufgabe wird nicht genutzt: Sie wird nicht in die laufende
Stunde eingebaut, gleich ob am Stundenbeginn oder später.
Die Eigenaktivität der Schülerinnen und Schüler verpufft!
Veränderung:
●
Nach der Stillarbeitsphase
wäre eine weitere schülerorientierte Phase der Ergebnissichtung durch Ergebnisdarstellung,
Vermittlung der Ergebnisse, Integration der Teilergebnisse, Schülervorträge o.Ä. zu planen.
●
Die Lehrperson
hätte zunächst nur die Aufgabe, zu koordinieren, zuzuhören, welche Aspekte und
Ergebnisse danach in einer Phase der Vertiefung aufzugreifen wären, und zu
überlegen, mit welcher komplexeren oder weiterführenden Fragestellung die
Teilergebnisse zusammengeführt, kritisch ausgewertet oder auf ein höheres
Abstraktionsniveau gebracht und zu Ergebnissen umgesetzt werden könnten.
●
Ggf. ließe sich
der Nutzen der erreichten Ergebnisse für die vor der Stillarbeit entwickelte Fragestellung
im Rückblick oder für die weitere Zielverfolgung im Vorausblick auf der
Metaebene mit den Schülerinnen und Schülern erörtern.
●
In der Planung
müsste man dreistufig vorgehen:
1.
ein Auftrag /
eine Fragestellung für die Stillarbeit
2.
ein Auftrag /
Kriterien für die Ergebnissichtung (speziell nach GA für die Zuhörer aus den
anderen Gruppen)
3.
ein Auftrag /
eine Fragestellung für die Vertiefung - für diese Phase insbesondere wären die
Teilthemen zu antizipieren (s. Planschfalle)
●
Mindestens aber
müssten die Schülerergebnisse bei einem weiterführenden Gespräch durch
explizites Abrufen in das Gespräch integriert werden. (die schwierigere
Variante!)
6. Die Plauderfalle
Phänomen:
Die
zentrale Gesprächsphase nach einer Erarbeitungsphase wird verplaudert. Es kommt zu keiner Vertiefung. Die
Gesprächsteilnehmer verstehen sich gut, sie kommen aber nicht über ihren schon
erreichten Lernstand hinaus.
Schülerinnen
und Schüler bringen eher das ein, was sie naturwüchsig schon können. Sie
spielen mit, scheinen aktiv. Doch fehlt das Ziel, das Neue, die
Ergebnisorientierung. Es fehlt oft auch der Rückgriff auf den
Unterrichtsgegenstand, den Text, das Material.
Die
Lehrperson hat das Gefühl: Das Gespräch läuft ja. Sie bringt keine
weiterführenden Impulse, greift keine von Schülerinnen und Schülern auf, führt
keine neue Zielausrichtung durch, kein Fixieren von Zwischenergebnissen, zeigt
keine gedanklichen Provokationen, kein Bemühen und Ringen um erweiterte
Erkenntnisse, fachliches Wissen oder Problemdurchdringung.
Fehlervarianten:
-
Eine Spontanphase
wird verplaudert. Die Lehrperson lässt sich ziellos auf Einzelaspekte,
Anekdoten oder Abwege der Schülerinnen und Schüler ein und nutzt nicht die
Schülerangebote für die Entwicklung einer Arbeitsperspektive. Vor allem im
ersten Drittel einer Stunde wird viel Zeit verschenkt!
-
Eine Transferphase
wird verplaudert. Die Schülerinnen und Schüler ergehen sich in Beispielen, ohne
dass ein Rückbezug zum vorigen Ergebnisstand hergestellt wird.
Die
Gesprächsteilnehmer verplaudern Thema und Zeit!
Veränderung:
In
der Planung bereits wäre zu entscheiden: das Neue in der Stunde - die
Progression.
Zu
unterscheiden wären Vorkenntnisse, die reaktiviert werden können, und das neu
Einzuführende.
Dazu
muss der Unterrichtsgegenstand in der Sachanalyse gut ausgelotet sein.
Das
Lernkonzept ist zu erstellen: Problemstellung - Problemlösung -
Lösungsvarianten.
Zu
klären wäre, ob es sich um eine Stunde der Einführung, der Übung oder der
Anwendung handelt.
Zu
planen wären die Wege der Vertiefung:
-
Vertiefung in der
Problemebene
-
Vertiefung in der
fachlichen Ebene (Kenntnisse, Methoden, Begriffe, Daten...)
-
Vertiefung im
Schülerbezug über Anwendung, Erfahrung, Transfer
-
Vertiefung in der
Produktionsleistung der Schülerinnen und Schüler
-
Vertiefung in der
Abstraktion
-
Vertiefung in der
Rückbindung an den Text etc.
Generell
sind der Leistungsanspruch und das Stufenniveau zu bestimmen:
Sekundarstufe
I - Unter- und Mittelstufenanspruch:
Nutzung der primären Motivation, dann der Identitätssuche und Lebensplanung -
Problemorientierung - Aufbau einer Arbeitshaltung - Solidität und klare Arbeitsvorhaben,
Übersichtlichkeit, Anschaulichkeit unter Elementarisierung und Dekomplexierung - Differenzierung in Förderung und Hilfen
- kurze Phasen und Schriftlichkeit - Gesprächsfähigkeit
Gymnasiale
Oberstufe - Oberstufenanspruch:
Aufbau der wissenschaftsorientierten Motivation: Zielaufbau und
Problemeröffnung, forschendes, problemlösendes Arbeiten - Ausbau im Kenntnisstand,
fachliche und kognitive Ziele, Progression - Schüler- und Methodenorientierung
- Weiträumigkeit in der Gestaltung des Lernwegs statt eng fragend-entwickelnd /
abfragend (Ping-Pong-Stil) - Phase(n) für Eigenaktivitäten und Lernerautonomie
der Schülerinnen und Schüler - fächerübergreifende Aspektuierung,
Varianten des Lernwegs - Ergebnisorientierung, Methodenreflexion und
Kompetenzvermittlung - Verstehenstiefe und Durchdringung des
Unterrichtsgegenstandes - Umgang mit Lösungsvarianten der Schülerinnen und
Schüler
7. Die Planschfalle
Phänomen:
In
der Phase der Verarbeitung und Vertiefung der Ergebnisse nach einer Phase der
Erarbeitung, d.h. besonders in der zweiten Hälfte der Stunde, entwickelt sich
i.d.R. ein längeres Unterrichtsgespräch.
- Hierbei kommt es oft dazu, dass die Schülerinnen und Schüler von einem Thema
zum andern springen, hin und wieder zurück, sie kommen von Hölzchen auf Stöckchen und verfolgen alle Abwege. Die
Lehrperson überlässt sich völlig dem Strom und den Strudeln der Zufälligkeiten,
wie einzelne Schülerinnen und Schüler gerade ihre Beiträge einbringen. Das
Gespräch erhält keinerlei Strukturierung.
Alle
Gesprächsteilnehmer kommen ins Schwimmen!
Veränderung:
●
Für diese
schwierigsten Phasen im Deutschunterricht, in denen die Ergebnisse der Schülerinnen
und Schüler diskursiv verarbeitet werden und in denen Produktionsleistungen auf
ein kognitives Niveau gebracht werden, müssen unbedingt die zentralen
Teilthemen bestimmt werden. Das geschieht durch eine Antizipation der
erwarteten Ergebnisse aus der eigenen Sachanalyse heraus sowie unter Berücksichtigung
des Schülerhorizonts durch die didaktische Schwerpunktsetzung bei der
Bestimmung der Lernziele.
●
Diese Teilthemen
sind dann als „Themeninseln“ im
Gespräch zu nutzen, auf denen man eine Zeit lang bleibt. Die Teilthemen können
aus Schülerbeiträge abgeleitet werden; sie sind dann den Schülern transparent
zu machen, z.B. als Themenbegriffe explizit mündlich oder an der Tafel fixiert,
damit die Schüler auch am Thema bleiben. (Auf der Basis solcher Themabegriffe
lässt sich oft auch ein strukturiertes Tafelbild erstellen.)
●
Schülerbeiträge
lassen sich auch im moderierten Gespräch bündeln und somit zu Teilthemen
zusammenführen und als Grundlage für die Strukturierung
des UG nutzen.
●
Diese Teilthemen
müssen nicht in der Abfolge der Planung abgehandelt werden; die Kunst besteht
darin, sie aus den Schülerbeiträgen zu erkennen und dann auch in anderer Folge
aufzugreifen. Dabei sind die geplanten Themen nicht sklavisch abzuhandeln; vielleicht
legen die Schülerinnen und Schüler ja auch neue Spuren, die dann mit den
geplanten Zielen zu verbinden wären.
●
Während der
Gesprächsmoderation gibt die Lehrperson Impulse, verknüpft und bündelt
Beiträge, spiegelt den Schülerinnen und Schülern auf der Metaebene ihren
Erkenntnisweg oder Ergebnisstand, betreibt Methodenreflexion, verteilt das Wort
etc. und führt allmählich zu anspruchsvolleren Ergebnissen.
8. Die Kommandofalle
Phänomen:
Es
kommt zu Vorgängen der völligen Fremdbestimmung
im Unterricht, wenn die Lehrperson unvermittelt sagt:
a) So, hier habe ich einen neuen Text für euch, an dem
wir jetzt arbeiten...
b) Ich habe ein Arbeitsblatt mitgebracht, das ihr jetzt
bearbeitet...
c) Dazu machen wir jetzt eine Gliederung...
d) Sagt mir
mal...; ich will jetzt aber wissen...
Der
neue Text wird nicht in den Reihenkontext eingebettet (a); die Aufgabenstellung
wird nicht aus dem vorhergehenden Gespräch abgeleitet (b, c); die Lehrperson
stellt sich als Kontrolleur und Ansprechpartner in den Vordergrund (d), statt
Anforderungen für die Lerngemeinschaft der Schülerinnen und Schüler zu entwickeln.
So
entstehen Ablehnung und Orientierungslosigkeit durch ungewöhnlichen
Kommandostil. An die Stelle des Lernzusammenhangs, in dem ein neuer Texte, eine
neue Aufgabe eine Funktion hat, tritt die bestimmende Autorität.
Überraschende
Setzungen bewirken Fremdbestimmung!
Veränderung:
●
Für neue Texte
sind Beziehungen zu den Vorgängertexten herzustellen; eine inhaltliche Spannung
auf einen neuen Text wäre aufbauen (s. Motivation)
●
Aufgaben und
Aufträge sind aus dem bisherigen Umgang mit einem Text oder Problem sowie aus
dem vorhergehenden Lernweg explizit abzuleiten; ggf. wäre der Sinn und Nutzen
einer Aufgabe anzuzeigen: Wozu dient die Gliederung, die Inhaltsangabe...?
●
Schreibanlässe
wären kommunikativ einzubetten: z.B. eine Vorgangsbeschreibung - Für wen? Für
welchen Zweck? In welcher Situation? ...
●
Die Phasen der
Problemeröffnung und / oder der Methodenreflexion sind gezielt zu nutzen, um mit
den Schülerinnen und Schülern eine Arbeitsperspektive und einen Lösungsweg aufzubauen.
●
Das Prinzip der Eigenaktivierung der Schülerinnen und
Schüler ist bereits in der Planung zu berücksichtigen.
●
Die Lehrperson
müsste versuchen, sich nicht als Hauptansprechpartner und Schaltstelle im
Unterrichtsgespräch zu verstehen, und langfristig das Gesprächsverhalten
entsprechend auf S-S-Gespräch umstellen.
9. Die Demokratisierungsfalle
Phänomen:
Schülerinnen
und Schüler hören:
-
Wir stimmen nun darüber
ab, ob es sich hierbei um eine Satzreihe oder ein Satzgefüge handelt. Hände
‘mal hoch!
-
Wer glaubt alle,
dass diese Geschichte eine Sage ist? Wir stimmen ab.
-
Ich möchte euch
vorschlagen, dass ihr euch für diese Arbeit 10 Minuten Zeit nehmt und die Stelle
in Einzelarbeit untersucht.
-
Wollt ihr das
nicht lieber in Textform statt in Stichworten notieren?
-
Ihr könnt, wenn
ihr wollt, bei der Klassenarbeit das Analyseraster benutzen.
Zum
einen werden manchmal Sachverhalte zur Meinungsbefragung und Abstimmung
gestellt, für die man keinen Entscheidungsspielraum hat, für die vielmehr nur
„richtig“ oder „falsch“ gilt. Zum andern gibt es Auftragslagen und Aufträge,
die die Lehrperson klar vorbereitet hat und für die eine Auswahl durch die
Schülerinnen und Schüler gar nicht sinnvoll ist; ein Handlungsspielraum ist
darüber hinaus auch gar nicht wirklich gemeint, und dennoch traut sich die
Lehrperson nicht, deutlich anzuordnen oder zu beauftragen. Schließlich
verursacht eine undeutliche Auftragslage in Prüfungssituationen Verunsicherung
und mangelnde Vergleichbarkeit der Ergebnisse.
Scheindemokratische
Vorgänge verundeutlichen!
Veränderung:
●
In Aufträgen klar
und fordernd agieren.
●
Bei Klärungen
nicht ausweichen oder Ausweichen ermöglichen.
●
Bei
Aufgabenstellungen eindeutig sein und alle gleich behandeln.
●
Wenn es um Fakten
geht: Kriterienorientiert und argumentativ zu Entscheidungen kommen, nicht meinungsorientiert.
●
Die Lehrerrolle
akzeptieren: Gut vorgeplante Arbeitswege einhalten, nicht ohne wichtigen Grund
davon abgehen oder so tun, als wäre man dazu bereit.
●
Erwiesen ist: Ein
klar strukturierter Unterricht erhöht die Lernleistung der Schülerinnen und
Schüler. (Baumert- und Weinert-Studien zum Lernen
nach TIMMS)
●
Wirkliche
Schülerorientierung und offene Phasen an angemessenen Stellen einplanen.
●
Vom weiteren
Lernweg abhängig machen, wie Schülerprodukte aussehen sollten, nicht von der
augenblicklichen Stimmung. Dabei berücksichtigen, dass die Schülerinnen und
Schüler nur wenige Gelegenheiten haben,
Texte auszuformulieren; solche Gelegenheiten also nutzen.
●
Keine
Hausaufgaben nach dem Motto: „Überlegt ‘mal...!“ - sondern klare Operationen
planen.
●
Nicht den
Standpunkt: „Das kann jeder interpretieren, wie er will.“ stehen lassen.
Unbestimmtheiten bei Interpretationsvorgängen mit Rückgriff auf die
objektivierende Textanalyse verdeutlichen und klären. - Intersubjektiv
Unterschiede in den Ergebnissen herausstellen und Plausibilität sowie Textnähe
als Kriterien für eine angemessene Beweisführung einsetzen.
© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de
neu – von Kollegen:
10. Die Eisbergfalle
Phänomen:
Einem
literarischen Text, z.B. Lessings „Nathan“, wird eine Metapher entnommen - etwa
„Wolf im philosophischen Schafspelz“ -, flugs an die Tafel geschrieben und von
den Schülerinnen und Schülern in ihr Heft übertragen. Oft entstehen auf diese
Weise ganze Schlagwortlisten oder Tabellen, zu denen die Schülerinnen und
Schüler, wenn man sie fragt, nichts sagen können, denn „Begriffe ohne
Anschauung sind leer“ (Kant). Sichtbar ist nur der Eisberg oberhalb des
Wasserspiegels; 9/10, sprich: die eigentliche Bedeutungstiefe, bleiben
verborgen. Mit diesem „Eisbergunterricht“, oft ein Ergebnis der Arbeitsanweisung
„Markiert euch die wichtigsten Begriffe“, erzieht man die Schülerinnen und
Schüler geradezu zu einem oberflächlichen Textverständnis, ja sie verlieren auf
die Dauer das Gefühl für die Erklärungsnotwendigkeit von Begriffen. Als Folge
eines solchen Unterrichts begegnet man in Hausarbeiten, Referaten, Texterörterung
u. dgl. immer wieder unverstandenen Begriffen, die aus irgendeinem Werk der
Sekundärliteratur abgeschrieben wurden.
Schlagwortunterricht
verhindert nachhaltiges Lernen!
Veränderung:
●
Begriffe und
Schlagwörter unbedingt erläutern.
●
Bei der Planung
des Unterrichts bereits auf die vermutliche Erklärungsnotwendigkeit von Begriffen,
Schlagwörtern etc. achten.
●
Lieber sich
weniger Stoff vornehmen und exemplarisch unterrichten, indem Begriffe mit Inhalten
versehen werden, z.B. durch
1. Assoziationscluster,
2. Recherchen,
3. geeignete Kontexte,
4. auch einmal einen geeigneten Lehrervortrag, eine Anekdote, einen Transfer in
die Schülerwirklichkeit.
Aber:
Ein Unterricht, der sich nur auf der Ebene der Beispiele und Anekdoten bewegt,
gerät in die „Plauderfalle“, denn „Anschauungen ohne Begriffe sind blind“
(Kant). Guter Unterricht pendelt zwischen der Ebene der Begrifflichkeit und der
Ebene der Anschaulichkeit.
Von:
Winfried Harst, Stuttgart, 30.1.2011
Staatliches
Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Gymnasien) Stuttgart
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