Günther Einecke (Beitrag zum Germanistentag Bochum 1996)

 

        Rosa Monteros Roman „Geliebter Gebieter“ (Spanien 1988)

im interkulturellen Deutschunterricht

x

1. Das Programm der interkulturellen Unterrichtsreihe LK 13

2. Die spanische Autorin Rosa Montero

3. Der Text „Geliebter Gebieter“

4. Didaktische Reflexion

4.1 Interkulturelles Lernen

Begegnung durch Reisen und Lesen

„Studienfahrten“ ins Ausland

Fremdverstehen

Literatur des Auslands

Komparatistik und Imagologie

Intertextualität

4.2 Literatur der Gegenwart

Literatur und Arbeitswelt

TV-Spielfilm: Wer Kollegen hat...

Spanien - ökonomisch-politischer Wandel

Das Bild von Spanien

4.3  Die aktuellen Deutungsmuster „Burnout“ und „Mobbing“

 „Denkbilder“ und Deutungsmuster

das Burnout-Syndrom

die Mobbing-Strategien

historische Relativierung

5.   Methoden und Beispiele aus dem Unterricht

5.1 Kognitiv-analytische Verfahren

 5.2 Produktive Verfahren

5.3  Integration und Verknüpfung der interkulturellen Aspekte

Anhang

Didaktisierung

Folie:  Das Bild von Spanien

Material: Burnout-Syndrom

Folie: Interkultureller Vergleich

Analyse der „starken Bilder“: die Aufzugszenen

Rezensionen

Freies Schreiben nach der Reise

Interkultureller Vergleich - Methoden

Kommunikationsanalyse: Beispiel einer Analyse

Klausurvorschlag

Nationenklischees

Material zu Mobbing

Cover-Vergleich

zum TV-Film „Wer Kollegen hat braucht keine Feinde“

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

 

1. Das Programm

 

Zur Planung der Sequenz in einem Leistungskurs Deutsch Jg. 13, Gymnasium NRW[1]:

 

Problemorientierung

Die Ohnmacht des Kreativen im modernen Konkurrenzbetrieb

- das Burnout-Syndrom und Mobbing international -

Methodenorientierung

 

Verknüpfungsprinzip

       Jg.  12 - 13:

in einem  Kursprogramm

„Interkulturelle Begegnung

Spanien - Deutschland

in Literatur und Reise“

          kognitiv-analytisch: Kommunikationsanalyse und Erzähltechniken; Analyse der „bildkräftigen Szenen“ - soziale und nationale Stereotypen - images

          rezeptionsorientiert: Erwartungscluster, Buchcover als Folienimpulse etc.

          produktionsorientiert: verschiedene literarische Rollenspiele: Figuren-Briefe und -Interviews,  Mitarbeitervereinbarung, Therapiekonzept, Strategiepapier etc.;  Szenenanspiel; Schaubild, Normenkatalog; Rezension;

          handlungsorientiert: im Rahmen der Vor- und Nachbereitung einer Studienfahrt des Kurses nach Salamanca

          medienorientiert: Vergleich mit dem deutschen TV-Film: „Wer Kollegen hat, braucht keine Feinde“; Dokumentarfilm: Spanien nach Franco

 

Vermittelt werden soll

a) der interkulturelle Aspekt:

          durch die Erfahrung, wie eine Autorin im modernen Spanien nach Franco die nationalen „images“ im Blick auf die aktuellen europäischen Gemeinsamkeiten überschreitet

          durch den Vergleich des spanischen Romans mit einem aktuellen deutschen TV-Film, der Parallelen in den gegenwärtigen Lebensverhältnissen aufweist, die durch die moderne Wirtschaftsordnung mit einer Tendenz zur Globalisierung der ökonomisch-sozialen Konflikte bedingt zu sein scheinen

          durch Aufarbeitung von Reiseerfahrungen als Vergleich von Primär- und Sekundärerfahrungen.

b) die Methodenvarianz der Textarbeit für einen modernen Roman:

          kooperative und kombinierte Planung von Reise und Lektüre aus Anlaß einer Studienfahrt ins Ausland

          Koppe­lung analytischer, produktiver und kontrastierender Methoden

          Erörterung der Probleme der Arbeitswelt und des ökonomischen Systems sowie der Phänomene der natio­nalen image-Bildung unter literatursoziologischem Zugriff auf einen Text der littérature engagée[2]

 

Der Arbeitsansatz soll übertragbar sein für die Planung von Unterrichtssequenzen in der Oberstufe:

          Einbeziehung ausländischer, also niederländischer, französischer, polnischer... Literatur in guter Überset­zung in den Deutschunterricht, damit die 'transkulturelle Erfahrung' (s. Eröffnungsvortrag Prof. Welsch, Germanistentag Bochum 29.9.96) möglich wird, daß quer durch die Kulturen der Gegenwart  gemeinsame Bewußtseinslagen existieren und bestimmte kulturelle Phänomene und gesellschaftliche Probleme supra­national erscheinen

          Nutzung einer - dann früh zu planenden - Studienfahrt für die Schwerpunktsetzungen des Kursprogramms im Literaturunterricht, damit eine Verbindung von Reise- und Leseerfahrung möglich wird

          Entwicklung der Problemorientierung im Literaturunterricht durch eine Lektüreauswahl und durch Auf­nahme solcher Themen, die gegenwärtige Phänomene der deutschen und der „fremden“ Kultur in wechsel­seitiger Spiegelung vermitteln, damit „das Ich im Fremden erfahren“ werden kann

          Einsatz solcher Methoden, die den Kommunikationsproblemen der modernen Gesellschaft entsprechen: z.B. Kommunikationsanalyse, sowie solcher Methoden, die die Rezeptionsfreude und die Verarbeitungs­bereitschaft der Schülerinnen und Schüler steigern: produktive Verfahren und Problemerörterungen.

 

Die Schülerinnen und Schüler sind vor allem in folgender Weise an der Planung und Gestaltung einer sol­chen Sequenz beteiligt:

          Auswahl des ausländischen Reiseziels und damit der Lektürevorschläge für fremdsprachliche Literatur

          Vorbereitung von Beobachtungsperspektiven für die Reise, gewonnen aus der Konfrontation mit dem Text

          Gestaltung einer literarischen Aktion vor Ort mit weiteren Texten, Szenen etc. aus dem anderen Land (z.B. „literarisches happening“ an den Ufern des Río Tormes vor Salamanca)

          Einbeziehung von deutschen Paralleltexten und Medien

          bei der textinternen Arbeit: Auswahl der Textschwerpunkte (s. u. bildhafte Szenen) für die konzentrische und  themenorientierte Erarbeitung - Ideensammlung für produktive Verfahren (s.u.) - Produktion

          bei der kontextorientierten Arbeit: Hinzuziehung von außerschulischen Informationen zum Problemaspekt der Lektüre - hier: Erfahrungen von Personen im Arbeitsleben (s.u. „Amerikanisierung“, Mobbing etc.)

          Formen der freien Gestaltung und der freien Erörterung bei der Nachbereitung von Reise und Lektüre

 

2. Die spanische Autorin[3]

 

Rosa Montero, 1951 in Madrid geboren, bekannt als Journalistin in der angesehensten spanischen Tages­zeitung „El País“, wurde mit vielen Preisen für ihre Reportagen, Interviews und Essays ausgezeichnet. Sie sieht ihre große Leidenschaft im Schreiben von Romanen: „Crónica del desamor“ (Chronik der Gleichgültig­keit - oder Lieblosigkeit, 1979) zeigt noch in Formen dokumentarischer Litera­tur die Be­schränkungen in der Frauenrolle als Erbe der Franco-Zeit; „La función Delta“ (Die Delta-Funktion, 1981) zeigt besonders die Unwirtlichkeit der modernen Städte und setzt sich in Form eines Ta­gebuchs aus dem Jahre 2010 mit den Grundthemen Liebe, Einsamkeit und Tod sowie Schreiben ausein­ander; „Te trataré como a una reina“ (Ich werde dich behandeln wie eine Königin, 1983; dt. 1990) wirkt wie ein groteskes Melodrama und zugleich wie eine Sozialstudie gescheiterter Existenzen in einer Großstadt wie Madrid im Rahmen eines kriminali­stisch erscheinenden Falles; es folgen 1988 „Geliebter Gebieter“ und 1990 „Temblor“ (Zittern, dt. 1991), in dem in Form eines Science-Fiction-Romans die Protagonistin wie in einem Bildungsroman auf der Suche nach den Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens ist.

 

3. Der Text

 

Rosa Montero: Geliebter Gebieter“ (1988, dt. 1989) - Cesar ist als „freier Mitarbeiter“ Art-Director in ei­ner Werbeagentur, die sich von einem nationalen Unternehmen „Die Richtung“ zu einem internationa­len Unternehmen „Golden Line“ entwickelt hat; in seiner Kreativität ist er ausgebrannt (Burnout), jüngere Mitarbeiter wollen ihn verdrängen (Mobbing); er opfert seine Freundin Paula, sein privates Glück, um im Geschäft bleiben zu können. - In der Nach-Franco-Zeit erfolgt in Spanien ein Modernisierungsschub mit extremer ökonomischer Expansion; Spanien nimmt teil an der Globalisierung der kapitalistischen Prin­zipien. Auf der Ebene von Unternehmen entwickelt sich die bedrohliche Bindung von Herrschern und Beherrschten; zugleich sind es Zeiten steigender Arbeitslosigkeit. Die Konsequenz für das ins System einge­spannte Individuum ist der Persönlichkeitsverlust; mit der Akzentuierung der Phänomene „Burnout“ und „Mobbing“ (s.u.) geschieht eine zunehmend psychologisierende und individualisierende Be­trachtung der öko­nomisch-sozialen Konflikte. Aber gleichzeitig artikuliert der Roman in den Worten der Volkswirtschaft­lerin Clara eine explizite Systemkritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem: „und wäh­rend im übrigen Land neue Winde wehten, die Leistungsbezogenheit und Konkurrenzdenken mit sich brachten, betraten sie an der Hand ihrer neuen amerikanischen Besitzer direkt die Ära des unbarmherzi­gen Unternehmenskampfes, wobei rasant ein gutes Dutzend sozialer Zwischenstationen übersprungen wurde und man vom rückständig­sten Feudalismus in den extremsten Kapitalismus geriet.“ (Text S. 92) - (Vgl. Rezensionen)

 

 

 

4. Didaktische Reflexion

 

4.1 Interkulturelles Lernen

 

Begegnung durch Reisen und Lesen

In der Begegnung mit dem Fremden Gemeinsamkeit und Vielfalt zu erfahren, die Neugier am Fremden zu lernen und damit auch den Ethnozentrismus zu überwinden sowie sich selbst im Fremden besser kennenzu­lernen, u.a. darin besteht der Ansatz für das interkulturelle Lernen, das sich zugleich auf das lernende Ich und sein Umfeld wie auf das Fremde in Europa oder gar der Welt richtet.[4] Die unmittelbare interpersonelle Begegnung ist dabei das Ideal dieses Konzeptes, z.B. durch Schüleraustausch. Annäherung ist aber auch möglich durch literarische Begegnung und Reisen; so in neuen Text- und Materialsammlungen für einen interkulturellen Unterricht wie dem Oberstufen-Lesebuch Europäische Nachbarn“[5] oder dem Arbeitsbuch „WeltBilder“[6], aber auch durch Literaturunterricht mit Werken der Weltliteratur, freilich in Übersetzung; so auch durch Studienreisen ins Ausland.

Mit dem Stichwort von den „Zitadellengesellschaften“ wird heute auf die neuen Versuche hingewiesen, wie nach dem Ende der Blockpolitik die „Nation“ als „Imagination von Gemeinschaftlichkeit“ von einigen wieder höher bewertet wird, obwohl gerade die deutsche Jugend mehrheitlich dem Nationen-Begriff sehr skeptisch gegenübersteht. Abgrenzung wird in Opposition zur offiziellen Europapolitik proklamiert. Ein anderer Leitbegriff ist die „multikulturelle Gesellschaft“, die für die einen die Migrationsprobleme zu lösen scheint, für die anderen das Signal zu Ausländerhaß ist. Das Europa der Regionen ist mit Jaques Delors die offizielle französische Antwort auf ein übergewichtiges Brüssel oder Maastricht. Die „Region als Identifika­tionsraum in der interkulturellen Erziehung“[7] verlängert diesen Gedanken. Dabei wird mit „Region“ eine begriffliche Differenzierung gegenüber dem stark konnotativ besetzten sowie durch die nationalsozialisti­sche Ideologie kompromittierten Begriff „Heimat“ versucht. Die unbekümmert als Touristen durch Europa reisenden Bundesbürger erklären schließlich die engere Region als ihre eigentliche Heimat:

Die Stadt ist für die meisten ,,Heimat“

Hamburg - Die Heimat der Bundesbürger ist klein. Nicht ,,Deutschland“ nennen die meisten auf die Frage nach ih­rer Heimat, sondern ihr Bundesland oder ihre Stadt. Das fand das Marktforschungsinstitut Inra bei einer Repräsen­tativumfrage unter 1300 Bundesbürgern ab 14 Jahren heraus. Der Trend gehe weg vom Nationalen oder Bundes­staatlichen hin zur ,,kleinen Heimat“ der Region. Auf die Frage, wel­ches Gebiet sie als ihre Heimat bezeichnen würden, antworteten nur sieben Prozent: ,,Deutschland“. In ihrem Bundesland (19 Prozent) oder einer landschaftli­chen Region (21 Prozent) fühlten sich deutlich mehr Befragte heimisch. Den meisten jedoch, nämlich 41 Prozent, war die Stadt Heimat, in der sie ge­boren wurden oder leben. (dpa)                                                                 [Kölner Stadtanzeiger 27.1.1996]

Eine Identifikation mit einem lokalen Bezugssystem scheint für den einzelnen lebensnotwendig und für das friedliche Zusammenleben der Völker wichtig. Umstritten ist nur, welches es sein soll und inwieweit eine räumliche Sicherheit zugleich Offenheit gegenüber dem „Fremden“ ermöglicht. Die Vorstellungen und Erfahrungen der Schüler werden in  der Rahmung der Unterrichtssequenz zu Monteros Roman mit Literatur und Texten zum Thema „Reisen und Heimat“[8] thematisiert und an dem Wortfeld „Heimat - Europa - Nation - Region“ erörtert.

 

■ „Studienfahrten“ ins Ausland im Leistungskurs Deutsch - nach dem sog. Wandererlaß in NW

„Ziel und Inhalt mehrtägiger Studienfahrten ergeben sich aus der Bildungsarbeit der Schule. Die Fahrten werden im Unterricht vorbereitet und ausgewertet. ... Sie sollen auch der Vertiefung von Unterrichtsinhalten dienen, die wie z.B. die politische Bildung fächerübergreifenden Bezug haben.“ (12.1)

Ausgangspunkt war die Beobachtung, daß viele Studienfahrten touristisch geworden sind (Surfen und Strandleben an der Côte d'Azur o.ä.). Außerdem berichteten die Schüler, daß viele Familien zwar nach Spa­nien fahren, jedoch i.d.R. in die deutschen Kolonien nach Mallorca oder der Costa Brava o.ä. -  Spanien war 1994 Reiseziel der Deutschen an zweiter Stelle nach Österreich und vor der Schweiz, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Niederlande etc.[9] - Ziel war es daher, diese Reisegewohnheiten zu nutzen, aber mit einer Verlagerung auf die Begegnung mit Land und Leuten im Zentrum Spaniens abseits der deutschen Tou­risten­ströme. Es sollte also das „Reisen“ zum Thema im Deutschunterricht werden, und die Gegenstände im Literaturun­terricht sollten mit dem Reiseziel verbunden werden. Die Studienfahrt führte nach Salamanca. -

Es bot sich eine Kooperation mit einem Leistungskurs Spanisch an unserer Schule. Beide Kurse ergänzten sich in der Vorbereitung. Außerdem wurde durch eine Spanischre­ferendarin ein Crash-Kurs in Gebrauchs­spanisch angeboten, den knapp ein Drittel des Deutsch-LK nutzte. (Dabei zeigt sich, wie unsere Oberstufen­schüler terminlich durch Freizeit- und Vereinsaktivitäten sowie durch Jobben verplant sind.) Außerdem gab es zwei Schülerinnen, die Spanisch als Fach belegt hatten.

Die Vor- und Nachbereitung der Salamanca-Reise geschah im Leistungskurs durch Ausrichtung des gesam­ten Kursprogramms Jg. 12 und 13 auf einen interkulturellen Literaturunterricht (s.u.) und durch eigene Formen der Textproduktion zum Thema „Reisen“.

Eine Studienfahrt eines Deutsch-Leistungskurses ins fremdsprachliche Ausland ist also auch unter fachli­chem Aspekt durchaus genehmigungsfähig.

 

Fremdverstehen[10] und Selbstverständnis - Reisen

„Der Reisende sieht im Gegensatz zum Touristen, der vor allem seine häuslichen Probleme als Reiseballast mit sich herumschleppt, in der Regel nach seiner Rückkehr die eigenen heimatlichen Gefilde schärfer“.[11] Mit der Lektüre wird den Schülern ein Bild Spaniens vermittelt, das sie in Spanien selbst überprüfen sollen. Salamanca ermöglicht dabei diese Einblicknahme, zeigt es doch sehr gut die große Transición, den großen Übergang: im Herzen des ländlichen Kastilien und mit einer ausgeprägten Altstadt, zugleich mit neuen, wie aus dem Boden gestampften Stadtteilen, mit der Sanierung des Universitätsviertels und dem Einzug moder­nistischer Bauweise, mit agrarischer Umgebung, in der zugleich halb ausgestorbene Dörfer und florierende agrarindustrielle Großbetriebe auffallen.

Neben den aussterbenden Dörfern wirken auf die Schüler vor allem bestimmte Lebensgewohnheiten fremd und können sogar Mißverständnisse hervorrufen: das lange Treiben in den Straßen bis spät in die Nacht - die langen Öffnungs­zeiten der Läden am Abend bei gleichzeitig langer Mittagspause, wenn auch schwindender „siesta“ - die agencias, die die Behördengänge für die Bürger erledigen - die deutlich stärker geschminkten Frauen und die mit Kleidchen und Schleifchen ausstaffierten Mädchen sowie die Jungen in Tuchhosen - das starke Rauchen auch in der Öffentlichkeit, besonders auch der Frauen - das Promenieren und die Bedeutung des Kirchgangs - die späten Essenszeiten und Zeitpunkte für Abendveranstaltungen - die „piropos“, das offensichtlich stärkere Komplimente-Machen der Jungen gegenüber Mädchen, auch auf der Straße und von unbekannt zu unbekannt - das Frühstücken in den Bares - die Tapa-Kneipen, die mittags voll sind - das häufige Ausgehen zum Essen in den Jugendcliquen - die Sitte, daß immer nur einer für alle bezahlt und un­bedingt bezahlen will - etc., insgesamt der freiere Umgang mit Zeit, die starke Offenheit der Spanier und das Leben draußen unter freiem Himmel.

In der Unterrichtsreihe sollten die Schüler sich kontrastiv auch mit ihrem „Selbstbild“ auseinandersetzen.

Dazu werden sie mit dem Bild von den Deutschen konfrontiert, das Ausländer von uns haben: a) typische Eigenschaften: fleißig, tüchtig, kompetent und genau - aber eher kalt und verschlossen sowie unruhig und aggressiv bis überheblich; b) geprägt von Kultur (Bach, Beethoven, Goethe etc.) c) mit dem Kainsmal der Deutschen: NS-Zeit und weiterhin militärisch-bedrohlich.[12]  Andererseits wird auch die deutsche Freund­lichkeit und Höflichkeit sowie Zurückhaltung von Ausländern betont , die in Deutschland waren, neben den tatsächlich verbreiteten konkreten Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit. Auffällig war ihnen besonders auch die Berufstätigkeit der Frau und die geringe Kinderzahl bei sehr hohem Lebensniveau.[13]

Hier sollen in der Nachbereitung der Studienfahrt besonders die Unterschiede zwischen Stereotypen, Images und Vorurteilen thematisiert werden.

 

Literatur des Auslands im Leistungskurs Deutsch - Oberstufenrichtlinien Deutsch NW

Es ist weithin „üblich, im Deutschunterricht nicht nur die großen Texte der deutschen Nationalliteratur zu lesen, sondern auch Texte aus Nachbarländern oder anderen Erdteilen. Literarische Bildung wird nämlich in einem quasi universellen Sinn verstanden. [...] Damit ist es eigentlich keine Frage, daß Literaturunterricht interkulturell sein kann oder gar muß.“[14] Oomen-Welke nimmt dabei die Tatsache als Ausgangspunkt, daß in unseren Schulklassen inzwischen viele immigrierte Schüler mit einer anderen Herkunftssprache und Deutsch als Zweitsprache lernen und daß insgesamt eine gesellschaftliche Mehrsprachigkeit sich einstellt oder er­wünscht ist. Bei der Zusammenführung von Texten aus verschiedenen Ländern „bildet nicht der Vergleich das eigentliche Ergebnis, sondern die Auseinandersetzung mit dem anderen, die Schulung der Wahrneh­mung, die Bereitschaft zur Übernahme neuer Perspektiven und letztlich die bewußte Entscheidung für eine angemessene Form der Lebensführung in der interkulturellen Gesellschaft“.

Die z.Zt. gültigen Richtlinien Deutsch der Gymnasialen Oberstufe NW nennen als „Mindestfestlegungen“  für Deutsch zunächst „Einsichten in Geschichte und Struktur der (deutschen) Spra­che sowie exemplarisch vertiefte... Kenntnisse bedeutsamer Werke der (deutschen) Literatur und ihrer Geschichte“, und als Aufgabe des Faches Deutsch wird die Entfaltung der „muttersprachlichen Erkenntnis- und Darstellungs­möglichkei­ten“ genannt.[15] - Eine Überarbeitung der Richtlinien mit einer interkulturellen Perspektive und dem explizi­ten Bezug auf „Weltliteratur“ wäre also wünschenswert!

Die Ausrichtung des Kursprogramms der Oberstufe auf einen Vergleich von deutscher und ausländi­scher Literatur / „Weltliteratur“[16] ist jedoch jetzt schon ohne weiteres möglich, wenn ansonsten die Auflagen der Richtlinien Deutsch Sek. II eingehalten werden. Zudem sind Richtlinien ja auch in der Praxis weiterzuent­wickeln. Mit Texten von Sophokles, Becket, Ionesco und anderen Autoren sind die Grenzen der Nationalli­teratur im Deutschunterricht ja auch in den Richtlinien schon überschritten. In der Gegenstandsebene und bei der Textauswahl sind zunächst nur die derzeit gültigen „Mindestanforderungen“[17] im Bereich „fiktionale Texte“ abzusichern: zwei  strukturell unterschiedliche Dramen und zwei Romane je aus verschiedenen Epo­chen sowie zwei Lyrikreihen und schließlich zwei literaturgeschichtliche Epochen. Die „obligatorischen The­men“[18] (ästhetische Strukturen - Gattungen im geschichtlichen Zusammenhang - Einblick in literaturge­schichtliche Epochen - in literarische Kommunikationsprozesse sowie Wertung) lassen sich schließlich sowohl an deutscher wie an ausländischer Literatur erarbeiten.

Allerdings gilt es noch zu beachten, daß durch die Lektürewahl im Fach Deutsch den Fremdsprachen nicht die Standardtitel „weggenommen“ werden, es sei denn, man geht fächerübergreifend auch das Thema „literarische Übersetzung“ an.

 

Komparatistik und Imagologie - Vergleichende Lektüre

Die vergleichende Literaturwissenschaft (Komparatistik) zeigt ähnliche Ziele wie ein bewußtes Reisen ins Ausland: „Eine der großen Aufgaben der Literaturwissenschaft besteht heute unbestreitbar im Überwinden der nationalen Denkungs­art.“ (Peter André Bloch (Pichois/Rousseau, 11)[19] - Nach komparatistischem Ansatz muß man „bei der Erforschung der Synchronismen [...] dem Studium der Lebensbedingungen einen wichtigen Platz einräumen.“ „Der Einfluß der Reisen“ ist für eine komparatistische Sicht auf Literatur grundlegend. (ebd. 60, 103) Reisen soll Grenzen überwinden, und kom­paratistisches Lesen ebenfalls. „Die Sprache, in der eine Literatur geschrieben ist, oder die geistige Einheit des Kollektivs, dessen Ausdruck sie ist [...], teilen die Literatur natürlicherweise in begrenzte Zellen auf. Der Komparatist erhebt sich über diese Begrenzungen, indem er sich bemüht, diese Zellen nicht zu isolieren, sondern in einem größeren Zusammen­hang zu betrachten.“ (ebd. 171) Im interkulturellen Deutschunterricht wird man also auf jeden Fall verglei­chend vorge­hen, um damit einen höheren Standpunkt zu gewinnen, der Unterschiede und Gemeinsamkeiten bewußt macht.

Wie das Deutschlandbild in der Selbstwahrnehmung der Schüler ist und wie ihr Spanienbild aussieht, wie es in ihrem Kopf entstanden ist und entsteht und wie es sich durch Erfahrungen ggf. verändert, das ist ein Thema im Unterricht, das durch Überlegungen der „Imagologie“[20] gestützt werden kann. Die „Erforschung nationenbezogener Images“ durch die komparatistische Imagologie zielt auf die „nationalen Fremd- und Selbstbilder“. Dabei gibt es eine Unterscheidung von benutzten Begriffen: „Stereotypen“ sind kulturell und gesellschaftlich geprägte, relativ feststehende „Bündel von Merkmalen“, die einem Volk zugeordnet werden und schwer beeinflußbar sind. Im Gegensatz dazu „sind Images in stärkerem Maße historisch variabel und lassen sich gezielter aufbauen und pflegen [...] Unter 'nationenbezogenen Images' versteht man ein Bündel von weit verbreiteten Vorstellungen über andere Nationen. [...] Während Stereotype und Images zumindest an reale Situationen und Sachverhalte anknüpfen, ist es dem Vorurteil eigen, daß es negative Gefühlsurteile bündelt und 'bestimmten Bevölkerungsteilen spezifische Eigenschaften zuspricht, die mit der Wirklichkeit nichts mehr gemein haben, ja sie verdrehen müssen'„.[21] Schließlich erscheint einerseits „'Image' [...] wertneu­traler und eher ein der Fluktuation unterworfenes Phänomen zu sein.“[22] Es wird andererseits definiert als „'die gesamte kognitive, affektive und wertgeladene Struktur einer Verhaltenseinheit'„(Boulding 1956). Dieser affektive Aspekt wurde von den Schülern sehr zurückgewiesen: Sie wollten sich wenig mit ihrer Urteils- und Vorurteilsstruktur auseinandersetzen und zeigten dies, indem sie jede wertende generalisierende Äußerung zum Vorurteil oder „Pauschalurteil“  degradieren wollten und nicht bereit waren subjektive Wer­tungen auch als Kernbestandteil eines Image zu akzeptieren. Sie argumentierten immer, man könne nur über konkrete Einzelerfahrungen sprechen und nicht kollektiv charakterisieren. Andererseits war ihnen klar, daß sie selbst feste Bilder von sich als Deutschen und traditionelle, typisierte Bilder von „den Spaniern“ besit­zen. Ihre Bereitschaft, sich durch unmittelbares Erleben, durch Primärerfahrungen, ein Bild von Spanien vor Ort zu machen, war hingegen groß und damit die Zustimmung zum Ziel der Studienfahrt. Für die Weiter­entwicklung durch Erfahrungen und Informationen werden verschiedene Möglichkeiten unterschieden:

1. Verstärkung eines Image, 2. kein Wandel, 3. Auffüllung eines Image, 4. Reduktion von Ungewißheit,

5. Reorganisation des Image, 6. Veränderung in der subjektiven Relevanz.[23] Vor allem die Ziele 3, 4 und 6 waren für die Reise von Interesse.

 

Intertextualität - Verknüpfungen in der Kursfolge

Mit dem Blick auf die Zusammenstellung von Texten in der Kursfolge läßt sich zusätzlicher Erkenntnisge­winn für eine aktuelle Unterrichtssequenz erzielen. „Was bietet die Textkombination, das der einzelne Text nicht bieten kann?“[24] Im Rahmen der vorliegenden Sequenz lassen sich die im Unterricht zuvor schon angesprochenen Themen „Handlungsspielräume der Männer“ und „Formen der Lebensbewältigung der Frauen“ weiterführen. - Der gesamten Kursfolge liegt das an der Schule beschlossene „historische Verknüp­fungsprinzip“ zugrunde, das zugleich die Gattungsorientierung beachtet und hier in der Konkretisierung zusätzlich komparatistisch angelegt ist:

 

Jg.  12 - 13:  

epische und dramatische Literatur:

 

Männerfiguren und Handlungsspielräume

          Lazarillo de Tormes (Über­setzung im deutschen Humanismus, 1614) und  Spiel­film: Nostradamus

          ältere deutsche Schwankliteratur und Texte aus Oskar Maria Grafs: Das bayrische Dekameron

          Goethe: Faust I /Faust (Prometheus) und Film: Gründgens-Inszenierung

          Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts und Hörfassung

          Sternheim: Bürger Schippel und Besuch der Kölner Inszenierung

          Kafka: Die Verwandlung und Darstellungen der Bildenden Kunst

          Rosa Montero: Geliebter Gebieter und TV-Film Gabriela Sperl/Martin Enlen: Wer Kollegen hat, braucht keine Feinde (ARD/BR 1995)

 

Frauenfiguren und Lebensbewältigung

          Sophokles: Antigone

          Cervantes: Das Zigeunermädchen und Film: Carmen (Saura)

          Lorca: Das Haus der Bernarda Alba und TV-Mitschnitt der Leipziger Inszenie­rung

          Goethe: Faust I / Gretchen

          Brecht: Die Gewehre der Frau Carrar und Hörspielfassung

          Joningk: Von blutroten Sonnen, die am Himmelszelt sinken und Besuch der Kölner Inszenie­rung

 

Lyrik aus beiden Ländern: Themen „Landschaft - Heimat - Region“ und „Wald - Bäume“

expositorische Texte zu den Lyrikreihen, zum Tourismus, zur Literaturtheorie, zu images etc.

eigene Textproduktion z.B. zum Thema „Reisen“ - Erörterungen zu Problemen des Tourismus; Reiseta­gebuch, freie Texte, Schilderung, Anekdoten/Schwänke etc.

 

 

4.2 Literatur der Gegenwart im Rahmen eines politischen Deutschunterrichts

 

  Literatur und Arbeitswelt - Problemorientierung - thematische Relevanz - historische Relevanz

Rosa Monteros Roman kann als ein Beispiel für eine Etappe in der Entwicklung der Literatur der Arbeits­welt gelesen werden. Dabei ist auf deutscher Seite tendenziell eine Schwerpunktverlagerung zu beoachten, die auch an dem Paralleltext „Wer Kollegen hat, braucht keine Feinde“ wahrzunehmen ist:

          60er Jahre: Literatur zur industriellen Produktion - Schwerindustrie, Fabrikarbeit

z.B. Max von der Grün: Irrlicht und Feuer (1963) - Hauer Jürgen Fohrmann lebt im politisch-ökonomi­schen Kontext von Zechenschließungen, Lohnkämpfen, Gewerkschaftsarbeit, proletarischer Solidarität, Problemen mit dem Arbeitsschutz, Kampf um Mitbestimmung etc.; er will den Aufstieg vom Arbeiter zum Angestellten im weißen Kittel

          70er Jahre: Literatur zu gehobeneren Formen der Produktion - z.B. Medienindustrie

z.B. Jürgen Breest: Dünnhäuter (1979) - Problem der Thematisierung des Politischen in einem TV-Film des Fernsehmannes Feldmann; die Schere im Kopf, der Druck von oben zur Entpolitisierung, Hinter­grund „Berufsverbote“, Verweigerung der Anpassung, Vernichtung der Karriere, Resignation

          80er Jahre: Literatur zu Dienstleistungen - der klassische Angestellte, Aufsteiger

z.B. Die dtv-Anthologie „Menschen im Büro“ (1984) - nicht mehr „Reportagen aus der grauen Arbeits­welt“, sondern „Geschichten ihrer Menschen“ in einem soziologischen Mikrokosmos, Abhängigkeitsver­hält­nisse, mangelnde Solidarität, Karrierestreben, Individualisierung der Konflikte   

          und 80er Jahre: Literatur zur Unternehmerseite  - Spitzenpositionen, Management

- z.B. Dieter Wellershoff  „Der Sieger nimmt alles“ (1983) - Ulrich Vogtmann steigt über die Beziehung zur Tochter des Unternehmers Pattberg zum Geschäftsführer der Firma auf, mit riskanten Geschäften betreibt er ohne Rücksicht auf die Familie die Expansion der Firma, fällt auf Devisengeschäfte herein, um Kon­kurrenten auszustechen, verliert alles.

- z.B. Karl Otto Mühls Hörspiel „Kellermanns Prozeß“ (1980) zeigt den zum Leiter aufgestiegenen Meister einer Kartonagenfabrik, der in Konflikt mit seinem ambitionierten Assistenten gerät. „Mobbing“ ist latent zu beobachten, ist in dieser Epoche jedoch als strukturelles Phänomen der Betriebswelt noch nicht er­forscht.

          90er Jahre: Literatur zu gehobeneren Formen der Dienstleistungen -  z.B. Freiberufler (Grafiker, Designer, Journalisten, Juristen...) - als Beispiel:

 

TV-Spielfilm: Gabriela Sperl (Buch) / Martin En­len (Regie): „Wer Kollegen hat, braucht keine Fein­de“ (BR 1995, ) - Mit der Thematik von Monteros Roman „Geliebter Gebieter“ vergleichbar ist auf deutscher Seite z.B. dieser TV-Film. - Aufsteiger und Juniorchef Mark Heller will den kreativen Soft­ware-Entwickler Georg Meier aus­booten. Er nutzt alle Mittel des Mobbings wie Aktenunterschlagung, Kopie von Meiers Programmen, Ir­reführungen im Terminkalender, Gerüchte über das Privatleben etc. Hel­lers Motto: „Die Welt ist ein gro­ßer Selbstbedienungsladen. You want it, you take it. ... Es zählen nur die winner, nie die loser.“  Die Controllerin Sylvie Schmidtbauer, eine Karrierefrau, in die sich Meier verliebt, deckt die In­trigen auf; dies führt zu einem Happy-End. - Medienspezifisch ist natürlich, daß nicht wie im Roman die Innensicht  vorherrscht; die Auseinandersetzung mit den Problemen ist in Dialoge umgesetzt. Der Pro­tagonist unterscheidet sich ebenfalls: Zwar ist Meier auch ein Kreativer, aber keiner mit Burnout-Syn­drom; ihm wird auch Erfolglosigkeit vorgeworfen; dies gehört jedoch bereits zum Mobbing, dem Thema, das Roman und Film verbindet. - Gesendet wurde der Film am 13.12.95 in der ARD. (Vgl. Rezensionen)

 

     Das spanische Beispiel: zum Text und seiner Thematik s.o. - Monteros Text zeigt deutlich den Paradig­menwechsel in der Literatur der Arbeitswelt: von ehemals politisch begriffenen Prozessen und Konflik­ten, oft mit Parteinahme,  zu heute eher psychosozial interpretierten Prozessen vor dem Hintergrund einer ganz allgemeinen Systemkritik: politisches Handeln tritt hinter den individuellen Überlebenskampf zu­rück, der bei Montero aber kein Happy-End mehr ermöglicht.

 

Spanien - ökonomisch-politischer Wandel - Verspätung und Beschleunigung

Für den literatursoziologischen Zugriff sind Hintergrundinformationen nötig, die in der Reihe durch Lehrer­vortrag, Schülerreferat und einen Dokumentarfilm „Spanien nach Franco“ vermittelt wurden.

Spanien hat - mit einem Zeitunterschied von ca. 30 Jahren gegenüber Deutschland - eine extrem schnelle ökonomisch-politische Wandlung nach Francos Tod 1975 vollzogen: Öffnung der nationalen Wirtschaft für die Weltwirtschaft und den Freien Markt in der Europäischen Union. - Nach dem Bürgerkrieg 1936-39 herrschten unter dem Diktator Franco bis ca. 1953 Autarkiestreben in peninsularer Lage mit der Barriere der Pyrenäen gegenüber Europa, internationale Isolierung und Selbstisolierung sowie ökonomische Blockade vor; 1953-59 gab es einen ökonomischen Wandel mit Versuchen zur Überwindung der Isolation (Bauboom im Rahmen des Mittelmeertourismus, Gastarbeiter etc.); 1960-73 erfolgte ein ökonomischer Ausbau mit starkem sozialem Wandel, z.B. zunehmende Urbanisierung, Exklusivität der privilegierten Oberschicht bei gleichzeitiger Zunahme der Arbeitslosigkeit. Ab 1975 trat Spanien in der Nach-Franco-Ära aus der interna­tionalen Isolation seit 1939 heraus: Festigung der Demokratie, schlagartige wirtschaftliche Expansion und Internationalisierung mit Verschärfung der sozialen Konflikte einer entwickelten Marktwirtschaft; erkennbar wird die umfassende Übernahme der Spielregeln der freien Marktwirtschaft an den immensen ausländischen Investitionen einerseits, an der hohen Arbeitslosigkeit in großen unterentwickelten Regionen andererseits und schließlich an der durch Korruptionsskandale bestimmten Endphase der Ära Gonzales. - Spiegelung der Entwicklung in spanischer Literatur:  „Der Bienenkorb“ von Camilo José (La Colmena, 1963) zeigt z.B. das zugleich durch den Bürger­krieg entwurzelte, sich aber, wenn auch in pessimistischer Weltsicht, in der Franco-Ära einrich­tende Klein­bürgertum in Madrid während des 2. Weltkriegs. „Die Kohlengrube“ von Armando López Salinas (La mina, 1960) zeigt den Übergang aus dem scheinbar behüteten Landleben in die Industriearbeit mit all ihren Gefah­ren und der Unsicherheit des Arbeitsplatzes. - „Geliebter Gebieter“ von Rosa Montero stellt als ein aktueller Endpunkt die Entwicklung der modernen Berufs- und Arbeitswelt im Bild der „Amerikanisierung“ dar.

 

 Das Bild von Spanien - das Bild der Firma „Golden Line“

In der vorgestellten Unterrichtsreihe sollte es einerseits vornehmlich um die eigene Sicht der Schüler zu Deutschland und zu Spanien gehen, nicht um die Sicht von Spaniern auf  Deutschland und Spanien. Die Komplikation, „'daß die Eigenbilder eines Volkes und die Bilder, die von ihm im Bewußtsein anderer Völker existieren, gewöhnlich nicht nur voneinander verschieden sind, sondern sich sogar widersprechen'„ sollte nicht weiter verfolgt werden. Andererseits würde bewußt werden können, daß die Charakterisierung einer anderen Nation immer auch eine implizite Selbstcharakterisierung zeigt. „Wenn man über andere spricht, spricht man in Wirklichkeit nur über sich selbst.“(Ostergård 1991)

Die Lektüre spanischer Literatur vermittelt natürlich indirekt auch in gewisser Weise die „Eigenbilder“ der spanischen Autoren zu ihrem Land. Dabei ist bewußt zu halten, daß Dichter im Umgang mit der Wirklichkeit Fiktionen bilden. „Denn die Fiktionen werden dann problematisch, wenn sie in den gesellschaftlichen und politischen Raum hineinverweisen und Leser finden, die für bare Münze nehmen, was nur Dichtung ist“.[25]  So muß man beim Reisen erst recht die Augen offen halten.

Während die in der Sequenz gelesenen Texte von Cervantes oder Lorca noch eher zu dem bestehenden Spanienbild passen und einen Beleg für die These zu bilden scheinen, „daß gerade die Li­teratur dazu dispo­niert sei, 'Bilder' vom Fremden zu entwerfen“[26], ist die Erfahrung mit Rosa Montero völlig verschieden: Das Bild Spaniens ist in Monteros Text nur noch in viel geringerem Maße typisch, ja überhaupt greifbar. Noch spanisch: Alltägliches wie die spanischen Namen außer „Golden Line“, wie Tagesgewohnhei­ten, also z.B. mittags vom Büro in die umliegenden Tapa-Kneipen zu ziehen. Die Chefs sind die neuen „Diktatoren der Demokratie“, Paula nennt sie auch Faschisten (25, 76, 109); hierin findet sich eine typische Anspielung auf die überstandene politische Diktatur. Tess stammt aus einer reichen andalusischen Familie; die reichen Großgrundbesitzer in Andalusien repräsentieren heute noch das Fortwirken der feudalistischen Epoche in Spanien. Die Schilderung der Lebensverhältnisse von Nacho und Tess belegen die Exklusivität der heutigen spanischen Oberschicht (34 f.). Vergleichbar ist die Figur des Eigentümers der  Agentur Zarra­luque aus dem baskischen Großbürgertum, der Gewohnheiten hatte, „die sich zwischen pharaonenhaft und feudal bewegten, und er gestattete niemandem, mit ihm im selben Aufzug zu fahren“(82). Den Privilegierten gegenüber stehen z.B. Cesars Eltern, die zu den großen Verlierern des spanischen Bürgerkriegs gehören (35 f.); die Rehabili­tation oder gar Anerkennung der unterlegenen Gegner Francos ist ja in der spanischen De­mokratie bis heute nicht gelungen. Es gibt Hinweise auf die Doppelmoral im katholischen Spanien (80). Die Modernisierung Spaniens wird nicht nur an der Übernahme der Agentur durch Amerikaner deutlich - „der allerhöchste und allmächtigste Oberboß in Los Angeles“(88) - , sondern auch an der Herausstellung „frecher Freiheiten“ im Zuge der Liberalisierung der neuen Demokratie nach Franco, als die Konkurrenz als neues Prinzip aufkam: „die Welt veränderte sich in rasendem Tempo“(92) und bereits ein Telegrammbote darauf bestand, „mit Zarraluque im selben Aufzug zu fahren“. Die Veränderung in Spanien wird auch deutlich durch die Ironisie­rung traditioneller Normen wie „Spanier zu sein ist eine Ehre“ (85) und durch das reflektie­rende Unterlaufen eines kirchlichen Zeremoniells bei der Beerdigung des von eigener Hand gestorbenen Matias (Kap. 6), der als Mobbing-Opfer am Anfang des Romans begegnet und dessen Totenmesse ausge­rechnet den Hintergrund für Cesars Überlegungen zum „Seelenmechanismus“ vom „Geliebten Gebieter“ (87 ff.) abgibt.

Neu und nicht mehr „typisch spanisch“ ist die Amerikanisierung der Arbeitswelt mit dem Wechsel „vom rückständigen Feudalismus in den extremsten Kapitalismus“ (92): das Konkurrenz- und das Leistungsprinzip sind international. Im Zentrum des Romans steht die Darstellung dieser neuen ökonomischen Strukturen am Beispiel der Agentur „Golden Line“, ihre Auswirkungen auf das Betriebsleben und auf des Privatleben der Mitarbeiter: In einem streng auf Effizienz organisierten Betrieb sind alle durch das System korrumpiert bis hin zur psychischen Deformation aller Beteiligten, sowohl der Opfer mit ihrer „hündischen Hingabe an die Chefs“ als auch der Herrscher wie Morton, der seine Tyrannei „mit Hilfe der Verführung“(88) ausübt, aber selbst wieder in einer Hierarchie unter den allerhöchsten Generaldirektoren in Amerika steht. Schließlich erscheinen nur noch die „Magnaten“, die Firmenbesitzer  wie „Zarraluque, seines Zeichens Multimillionär und supermächtig“, ohne Chefs und sind daher nicht mehr in der Lage, „das Maß ihrer eigenen Würdelosig­keit“ zu erkennen: sie scheinen „weiter vom menschlichen Wesen entfernt als ein Schimpanse“ (89), weil „alle diese Magnaten das Buckeln nicht kannten“, das doch zur menschlichen Existenz gehört. Dies ist die verzweifelte personale Perspektive des Protagonisten Cesar, der als einziger, nämlich als „Kreativer“, sich hätte außerhalb dieses Systems stellen können; doch bis auf die kleinen Freiheiten, wie ein „freier Mitarbei­ter“ nicht den geregelten Arbeitszeiten folgen zu müssen, gelingt es ihm nicht, die große Freiheit des Künst­lers zu erreichen; er wurde eben zum „Designer“, der nur noch auf Auftragsdruck zu reagieren hätte und hier versagt.

Diese textinterne Kritik an einem vom internationalen Kapitalismus geprägten modernen Leben im nach­frankistischen Spanien liegt natürlich in der Angriffslinie der Autorin Rosa Montero, wie ein Werkvergleich zeigt. Sie setzt sich - nicht nur in ihren Zeitungsartikeln - explizit mit der sozialen Realität auseinander, die „nicht mehr die des früheren ländlichen Spaniens der sechziger Jahre [ist]; Spanien ist überwiegend eine Gesellschaft der Mittelklasse und des städtischen Lebens“[27] geworden.  Wie Vázquez Montalbán richtet sie ihren Blick auf die neuen Zentren wirtschaftlicher und politischer Macht. In ihrem Roman „Chronik der Lieblosigkeit“ (1979) thematisierte sie schon die Einsamkeit und Kommunikationslosigkeit „in der großen Stadt, in der modernen Stadt mit modernen Menschen, sei es Madrid, Berlin oder Amsterdam. Unter diesem Aspekt ist der Roman nicht nur modern, sondern auch kosmopolitisch.“[28] Werden die menschlichen Proble­me in jenem Roman vor allem auf das Fehlen der Liebe zurückgeführt, so sind es in dem Roman „Geliebter Gebieter“ vor allem die neuen ökonomischen Strukturen, die das menschliche Leben beeinträchtigen. „Rosa Montero ging es nicht nur darum, dem Geheimnis der Macht ein Stück weit näherzukommen (ein Thema, das sie immer wieder umtreibt), sie wollte auch den absurden Konkurrenzkampf schildern, der die Arbeit in den Industriegesellschaften bestimmt, den Menschen aber nur Unglück beschert. Um Lösungen geht es ihr nicht, sie will keine Botschaft vermitteln, sondern nur Dinge entwickeln, die sie beschäftigen, ja schmerzen.“[29]

 

 

4.3  Die aktuellen Deutungsmuster „Burnout“ und „Mobbing“

 

■ „Denkbilder“ und Deutungsmuster

In der Frage der Text- und Themenwahl für den Deutschunterricht löst Harro Müller-Michaels die Diskus­sion um den Kanon von Buchtiteln ab durch einen „Kanon der Denkbilder“.[30]  Nach den Kriterien der Exemplarität, Aktualität und Wirkungsmächtigkeit kommt er zu „Denkbildern“, nämlich „Bildern, in denen sich, wie in einem Hohlspiegel, die Erfahrungen sammeln“: „Erkenntnis ist [...] ein schöpferischer Akt, der die Vielfalt der Erfahrungen in Sinnbildern sammelt. Gemeinsame Denkbilder vergesellschaften die Erfah­rungen und machen sie diskurszugänglich. Literarische Bilder werden zu einem Mittel von Erkenntnis und der Verständigung über sie.“  Als solche Denkbilder, die sich durch literarische Texte wahrnehmen lassen, schlägt er vor: Identifikation, Erschrecken, Mitleid, Entdecken, Kritik, Lehre, Tagträume.  In Diskussion mit Müller-Michaels sieht Hildegard Funhoff[31] in seinen Denkbildern eher „Wirkungen/Funktionen“ von Literatur und ergänzt den Katalog um Irritation und Spaß als Kriterien für eine Textauswahl.

Für die Auswahl von Rosa Monteros Text sprach die Möglichkeit, durch diesen Roman und den zugeordne­ten Film die Schüler in zweifacher Hinsicht über das Denkbild „Entdecken“ zu motivieren. Sie können sich zum einen einen recht fremden sozialen Raum erschließen: die aktuellen Probleme der Arbeitswelt und Betriebswelt; und sie könne sich zum andern auf eine andere europäische Region einlassen: Spanien im Vergleich zu Deutschland. Hinzu kommt die Wirkung des Denkbildes „Kritik“: Sie werden konfrontiert mit den Folgen moderner Wirtschaftsstrukturen und der textinternen Kritik an ihnen, so daß sie mit den literari­sche Erfahrungen und den Reiseerfahrungen selber in die Auseinandersetzung gezogen werden.

Dabei ist von Bedeutung, daß beide Texte, Buch und Film, geprägt sind von sehr aktuellen Deutungsmu­stern für die gegenwärtigen Schwierigkeiten des Menschen in der Arbeitswelt: auf der einen Seite die text­intern sehr kritisch dargestellte kapitalistische Leistungsgesellschaft mit ihren rigiden betriebliche Struktu­ren und sozialen Folgen, auf der anderen Seite die aus diesen Strukturen erwachsenden psychosozialen Probleme der dem System unterworfenen Arbeitnehmer höherer oder auch niederer Stellung, die sich am Burnout-Syndrom und an den Strategien des Mobbing ablesen lassen.

 

 

■ das Burnout-Syndrom

Mit den Begriffen Burnout, Flame-out, Meltdown o.ä. sollen Formen des „Ausgebranntseins“ in der berufli­chen Rolle erfaßt werden, die in einem psychodynamischen Prozeß der „inneren Erschöpfung“ zu hohem Streß bis hin zu mentalen Störungen und Arbeitsunfähigkeit führen. [32]  Besonders in den Berufsgruppen der „Helferberufe“ und damit auch der Pädagogen wurde das Phänomen diagnostiziert: „Mit diesem inzwischen auch schon wieder fast modischen Begriff des 'Burnout' wird ein Sachverhalt gefaßt, der mit zunehmender Dienstzeit viele Kollegen/-innen betrifft. Das 'Ausbrennen' meint einen schleichenden Motivationsverlust, geistige, seelische und körperliche Erschöpfung, die im Endstadium zu Resignation, Apathie und psychoso­matischen Erkrankungen führen können. [...] Das Ausbrennen ergibt sich aus einer Wechselwirkung von individuellen und institutionellen Bedingungen. In einem guten beruflichen Umfeld wird man länger zufrie­den und lebendig seine Arbeit tun“[33] Mehr Autonomie des Individuums, bessere Kooperation und Arbeits­bedingungen sowie eine sinnvolle Zukunftsperspektive könnten nach Bönsch abhelfen. Nach Daniel Gole­man wären für Erfolg gerade die emotionalen Fähigkeiten entscheidend, die sich im Burnout-Prozeß gerade­zu auflösen: Selbstbeherrschung, Mitgefühl, Beharrlichkeit, Eifer und Selbstmotivation.[34]  - Aber auch für viele andere Berufsgruppen, einschließlich der kreativen Berufe und der Führungseliten, wurde das Phäno­men erforscht.

Vor allem in den Bettszenen und in der Aufzugsszene in Monteros Roman werden Cesars Probleme des Ausgebranntseins deutlich. Für ihn kommen zwei Problemüberlagerungen hinzu: Zum einen könnte er ein Künstler sein und wurde Grafiker, und er muß als Kreativer zusätzlich nach Auftrag und mit Termindruck arbeiten. Zum anderen führt er eher das Leben eines Single in urbanen Zentren, der gewöhnlich den Spagat zwischen einem hohen Grad an Autonomie und dem Mangel an „emotionaler Sicherheit“ zu schaffen hat.[35] Nach Goleman müßte er es lernen, intelligent mit seinen Emotionen umzugehen: „Die eigenen Emotionen kennen - Emotionen handhaben - Emotionen in die Tat umsetzen - Empathie entwickeln - Umgang mit Beziehungen optimieren“ . Statt dessen zeigt Cesar alle Symptome eines fortgeschrittenen Stadiums von Burnout: Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, reduziertes Engagement, Probleme mit den Rollenerwar­tungen, Schuldgefühle und Schuldzuweisungen, Abbau an Kreativität, Verflachung des emotionalen und sozialen Lebens.[36] Im großen Bild seiner Fesselung ans Bett (13-15) und im ständigen Kreisen seiner Ge­danken um einen Punkt (z.B. sechs Varianten der Aufzugsszene, Kap. 4) drückt sich seine Handlungsunfä­higkeit aus: „Er schloß die Augen, müde vom Nichtstun.“ (14) Er vermag nicht mehr positiv zu denken und unter­läuft sich sogar selbst, sobald er eine positive Idee entwickelt. (15) In der Licht-Metapher des Romans wird vermittelt, daß Cesar, der vom Licht doch abhängige Maler oder Grafiker, Licht bereits nicht mehr zu ertragen vermag. (13, 102)

 

 

■ die Mobbing-Strategien

Gymnasiasten beherrschen die 'feineren Waffen' des verbalen 'Ärgerns', des Witzelns, des Verhöhnens, des Ausgrenzens, dies übrigens gerne auch als gemeinschaftliches Vorgehen gegen einzelne: Stichwort 'Mobbing'.“[37] Das Phänomen dürfte für die Schüler also leicht aufzuschließen sein, und das an den Figuren des Romans. Miguel z.B. ist ein Konkurrent von Cesar, ehedem ein Freund. „Und kurze Zeit später hatte er angefangen, Messer in Rücken zu rammen, um sich seinen Weg zur Spitze freizukämpfen.“(89/90) Darum geht es beim Mobbing: „Psychoterror am Arbeitsplatz“.[38] Leymann schätzt, daß in Deutschland ständig über eine Million Menschen unter Terror an ihrem Arbeitsplatz leiden. Viele werden krank, Arbeitsfreude und Produktivität gehen zurück, bis hin zur freiwilligen Kündigung und Selbstmord. Beim Mobbing sind in einem Täter-Opfer-Verhältnis Betriebsmitglieder aneinander gebunden und in Konflikte verwickelt. „Der Begriff Mobbing beschreibt negative kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder mehreren anderen) und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen. „[39] Dabei gibt es sowohl Mobbing von unten, wenn Arbeitnehmer einen Vorgesetzten drangsalieren, als auch Mobbing von oben, wenn Vorgesetzte einen Untergebenen entfernen wollen: 44% Mobbing auf derselben Ebene; Mobbing von oben nach unten: 37%; beides in Kombination: 10%; Mobbing von unten nach oben: 9%. (Leymann, 47) Die Typologie der Täter und Opfer und die Stationen im Mobbing-Ablauf sind erforscht. Gegenstrategien werden vorgeschlagen. Inzwischen gibt es Selbsthilfegruppen und Mobbing-Beauftragte in Behörden und Großunternehmen um Konfliktmanagement zu erreichen.

Schon die Eingangsszene des Romans im Parkhaus bietet ein Szenario der Mobbingstrategien, hier aus der Perspektive der Opfer: Am Beispiel des Opfer-Kollegen Matias, dem der Firmenparkplatz im Parkhaus entzogen wurde und dessen Fehler zu „Hauptgesprächsthemen des Hauses werden“ (Text S. 9) und über den dann weitere Storys aus dem Privatleben verbreitet werden, wird Cesar die Bedrohung deutlich, wie leicht man herabgestuft werden kann und dann zu den Verlierern gehört. Matias endet im Selbstmord. Seine Be­erdigung ist eine zynisch wirkende zentrale Szene im Roman, in die die Reflexionen über den „Seelenmechanismus“ des „geliebten Gebieters „ und die Amerikanisierung der Firma eingelagert sind. (Kap. 6) Am Beispiel des Täter-Kollegen Nacho werden die Mobbing-Strategien auf gleicher Ebene vorgeführt, die „Messerstiche in den Rücken“(40): „Da war zum Beispiel dieser heimliche Krieg, den Nacho gegen ihn in Gang gesetzt hatte, ohne ihn jemals öffentlich zu erklä­ren.“(39) - Cesar ist nun sein Opfer. Mehrmals muß Cesar sein Büro verkleinern, andere wie Miguel werden befördert etc. „Belohnungen und Bestrafungen der Firma“, „Erhöhung und Erniedrigung“(52) bilden die Mechanik in der Werbeagentur. Cesar kann sich nur durch Verrat an seiner Freundin vor dem endgültigen beruflichen Aus retten.

Die Probleme des Burnout und des Mobbing greifen in diesem Roman in der Person Cesars eng ineinander, so daß individuelle und institutionelle Faktoren tatsächlich völlig ineinanderwirken.(s.o.)

 

 

■ historische Relativierung

Für die Schüler wie für eine Referendargruppe war des Phänomen des Mobbing recht neu. Über das Einho­len von Informationen aus dem Berufsleben der Eltern oder Bekannter in der freien Wirtschaft, in Behörden etc. erwies es sich jedoch als faktisch deutlich abgestützt. Ich selbst sammelte Erfahrungen in einem VHS-Seminar „Mobbing und Psychoterror am Arbeitsplatz“ (März 1996), in dem mir die schwierige arbeitsrecht­liche Position von Mobbingopfern klar wurde. -  Zu dem Burnout-Syndrom hatten die Schüler zunächst nur die Antwort, man müßte diese „lahme Figur Cesar“ nur einmal „richtig aufscheuchen“. Ihnen wider­strebte geradezu die Antriebslosigkeit und Handlungsunfähigkeit des Protagonisten. Mit Hintergrundinfor­mationen über berufliche Karrieren mußte eine kritisch-verstehende Verarbeitung ermöglicht werden (s. Anhang). -

In Auseinandersetzung mit diesen Deutungsmustern wird man jedoch zusätzlich zu einer histori­schen Relativierung kommen müssen. Mobbing ist seit Mitte der 90er Jahre „in“; als Buchtitel ganz vorne in der Bestsellerliste z.B. Wolf­hart Berg mit „Mit den Wölfen heulen“ (Bestsellerliste Platz 4, Focus 15/1996), der dafür plädiert, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten lieber selbst die Ellenbogen einzusetzen. Indem er die „Karriere auf die 'fiese' Art“ befürwortet, geht er den entgegengesetzten Weg der Forscher (Leymann u.a.), die für eine Huma­nisierung der Arbeitswelt und eine neue Unternehmensethik plädieren. - Burnout war ein modischer Begriff seit dem Ende der 80er Jahre. „Psychosomatische Erkrankungen passen sich dem Zeitgeist an: Zur Zeit sind Schmerz, Burnout und Allergien in Mode.“[40]  Dies klingt allzu locker, denn beide Phänomene sind in der modernen Arbeitswelt existent, unabhängig von den jeweils aktuellen Psycho-Mo­den. Doch hier setzt auch die kritische Reflexion an: Mit beiden Phänomen wird vor allem die psychosoziale Seite der Arbeitskonflik­te erfaßt. In anderen Epochen standen die sozialpolitischen Probleme der Arbeits­welt im Vordergrund oder gar die grundsätzlichen Menschenrechte im Rahmen der Arbeit. Die vorherr­schenden psychologisierenden Deutungsmuster für die Probleme der Arbeitswelt sind also um andere Erfah­rungen zu ergänzen. Dazu kann es im Rahmen der Sequenz aber nur Leseempfehlungen geben oder den Blick auf aktuelle sozialpolitische Konflikte und den Verlust gewerkschaftlicher Positionen. - Historisch zu relativieren wäre aber auch der Siegeszug der „mörderischen Welt“ des Kapitalis­mus, wie er sich textintern in der bildhaften Szene vom land run in Claras Theorie­entfaltung (121-123) darstellt. Errungenschaften der „sozialen und ökologischen Marktwirtschaft“ wären zumindest einzublenden. Dies kann z.B. in einer textkritischen Auseinandersetzung im Rahmen von Re­zensionen geschehen.

Eine grundsätzliche Reflexion der psychosozialen Deutungsmuster für die Konflikte an der Nahtstelle zwi­schen Arbeitswelt und Privatexistenz sowie des ideologischen Deutungsmusters der Kapitalismuskritik angesichts der (vergangenen) Boom-Epoche in Spanien und der sozialen Krise in ganz Europa ergibt sich aus dem Ansatz von Ludwig Fleck, wonach ein Denkkollektiv im historischen Längsschnitt epochale „Denkstile“[41] wechselt und in einer historische Lage ein „stilgemäßer Denkzwang“ sich entwickelt: „Wir können also Denkstil als gerichtetes Wahrnehmen, mit entsprechendem gedanklichen und sachlichen Verar­beiten des Wahrgenomme­nen, definieren.“ So ist zur Zeit eine Verlagerung der aktuellen Interpretation der gesell­schaftlich-ökonomischen Konflikte auf die Phänomene „Vernetzung“ und „Globalisierung“ der Probleme zu erkennen.

 

 

5.   Methoden und Beispiele aus dem Unterricht

 

Die Methodisierung der Sequenz (von 16 Doppelstunden) soll hier nur durch die Wiedergabe der möglichen und in Auswahl durchgeführten Verfahren sowie durch Materialbeispiele (s. Anhang) vermittelt werden.

 

5.1 Kognitiv-analytische Verfahren

 

1)   Analyse der „starken Bilder“ - bildhafte Szenen in der Leseerinnerung:

Konzentration auf einzelne Textstellen nach der Focus-Methode[42]  (Rangfolge der Schüler) - von ihnen her konzentrische und themenorientierte Interpretation des Romans:

         die Hundeszene (Kap. 3) - die Zusammensetzung eines Bildkomplexes aus Einzelbildern und deren Funktion - Karikatur der Handlungsunfähigkeit und soziale Unterschiede

         die Parkhausszene (Kap. 1) - Thema „Mobbing“

         die Bettszenen (Kap. 2 mit Kap. 5 und 8) - Themen „Burnout“ und Beziehungsschwierigkei­ten

         die Aufzugsszene (Kap. 4) - die Variation eines Motivs in sechsfacher Form: statarische Reflexion - Vergleich mit der Aufzugsszene im TV-Film

         die Arztszene (Kap. 7) - Schuldzuweisungen und Verfolgungswahn

         die Beerdigungsszene (Kap. 6) - „Seelenmechanismus“ sowie himmlische und irdische Hierarchie

         die Wasserszene (Kap. 8) - bedrohliche Träume

         die Büroszenen (Kap. 9 mit Kap. 4) - Abstieg und Rettung durch Verrat - Vergleich mit Büroszenen im TV-Film

2)    Figurenanalyse:

         Analyse der Frauenbilder: Clara, Paula, Conchita, die Mutter, die Journalistikstudentin, die Blon­dinen - Vergleich mit den Frauenfiguren im TV-Film

         Analyse der Figur Cesar und Charakterisierung

3)    Problem- und Motivanalyse:

         Analyse des Themas „Mobbing“: 9, 30, 38-43 (die 5 Varianten von Nacho), 51-53, 92, 121-123 (land run), 127

         Analyse des „Burnout“- Syndroms: 10, 13-15, 17, 19 f., 24, 27, 84, 102-104

         Analyse des Betriebslebens und der Firmenaktivitäten - „Amerikanisierung“

         Vergleich mit der Darstellung derselben Probleme im TV-Film

 

4)   Kommunikationsanalyse[43]  kombiniert mit der Analyse der Erzählmittel und Redeformen:

       Die aus der Sprechhandlungstheorie abgeleitete Kommunikationsanalyse mit ihren drei Analyseteilen der „Situations-, Handlungs- und Redeanalyse“ ist für die Thematik des Romans besonders geeignet, da es beim Thema Mobbing vor allem um eine Konfliktlage aufgrund spezifischer Kommunikationsformen geht (s. Definition Leymann) und da es beim Burnout-Syndrom neben der Handlungsunfähigkeit auch eine Unfähigkeit zur kommunikativen Aufarbeitung der persönlichen Lage geht. Die betroffenen Perso­nen müßten lernen, ihre innere und äußere Konfliktlage kommunikativ aufzuarbeiten. Statt dessen ereig­net sich in Monteros Roman eine sehr reduzierte dialogische Kommunikation, verbunden mit einer Kommunikationslosigkeit des Protagonisten sowie stark vorherrschender intrapersonaler Kommunika­tion. Typisch für die Kommunikationsanalyse ist die Herausarbeitung des Zusammenhangs von situati­ven Einflüssen auf die Kommunikation sowie der Blick auf die konkreten Handlungen, welche die Kommunikationakte verursachen, sie begleiten oder auf sie folgen. - Gut ergänzt werden kann diese Analyse durch die Untersuchung der Erzähltechniken, da das personale Erzählen, die erlebte Rede und der Bewußtseins­strom sowie die Rückblenden- und Vorausdeutungstechnik dem Thema und der Situa­tion des Protagoni­sten sehr angemessen verwendet sind. - Geeignete, überschaubare und in sich ge­schlossene Situationen, an denen die Kommunikationsanalyse angewendet werden kann: S.  7-11, 13-15, 97-99, 102-104, 122-124, 125-128 - Vergleich mit einer Dialogszene im TV-Film

 

5)    Strukturanalyse:

         Analyse der Kapitelfolge - Spannungskurve

         Beziehungen zwischen der Handlungsentwicklung und den thematischen Schwerpunkten (s. 1)

         Leitmotiv-Technik: z.B. „Licht“

         Vergleich von Textanfang und Textende

6)    Sprachanalyse:

         Analyse der „sozialen Charakterisierung“[44] im Gespräch: 125 (Nacho streckte..) - 129

         Sprachliche Vermittlung der verschiedenen Gruppen: die Chefs - die Direktoren (18 f., 25 f.), die einfachen Angestellten und Sekretärinnen, die Herrscher, die Aufsteiger etc.

         Metaphorik: Wasser-Metapher (105 ff.), Licht-Metapher (13 ff., 102), Tier-Metapher (65 ff.), himmlische Hierarchie (91), land run (122 ff.) - Vergleich mit der Schuh-Metapher im TV-Film

 

 

5.2 Produktive Verfahren

 

Darunter werden hier Verfahren der produktiven Textrezeption[45] verstanden: sie haben keinen Selbstzweck, sondern die Funktion, die Textrezeption zu unterstützen und das Textverständnis in nicht-analytischer Weise artikulieren zu helfen. Dabei geht es vor allem um die Verfahren des literarischen Rollenspiels. Die Aufgabenstellungen werden aus Situationen der Textfiguren abgeleitet. - Daneben rücken freiere, assoziative Verfahren den Textrezipienten mit seinen Vorstellungen und Wertungen in den Vordergrund. - An der „Erfindung“ vieler produktiver Aufgabenstellungen konnten die Schüler bei guter Kenntnis des Textes hervorragend mitplanen. Sie erwiesen sich als äußerst ideenreich.

 

1)   Cluster zum Titel: Entwickle ein Cluster zum Titel des Buches, - also dazu, was du von einem Roman mit dem Titel „Geliebter Gebieter“ vor der Lektüre erwartest.

2)    Mein Bild von Spanien: Schreibe einen Text, indem du von deinen Vorstellungen ausgehst. - Schreibe einen zweiten Text, bei dem du von deinen Reiseerfahrungen ausgehst.

3)   Andalusisches Bild - Folienimpuls ( mit einem Bild von den „typisch spanischen Geschlechterrollen“): Setze die Bildszene in erlebnishafte Sprache um: Schilderung einer Straßen- und Festszene in Ich-Form.

4)    „Das Bekannte, das Fremde und das Befremdliche“ in Rosa Monteros Roman: Schreibe deine Leseeindrücke unmittelbar nieder.

5)   Schaubild zur Hierarchie in der Firma:  Lege ein Schaubild (Flußdiagramm o.ä.) zum Machtaufbau in der Firma Golden Line an, das im Foyer des Firmengebäudes ausgehängt wird. -  S. 7-11, 24-27, 81-83,  91, 119, 121-123

6)   Ideenkatalog eines Karrieristen für das große Mobbing: u.a. 9, 30, 39-43, 51, 121-123, 127

7)   Die „internen Büronormen“: Schreibe einige der „internen Büronormen“ in Form eines Aushangs für alle Mitarbeiter auf.  - S. 108/109 (126)

8)   Mitarbeitervereinbarung: Führe eine vertragliche Mitarbeitervereinbarung aus, die die Arbeitsweise und den Spielraum für „freie Mitarbeiter“ wie Cesar regelt.

9)   Szenenanspiel: Bereitet zu zweit die Begegnung zwischen Morton und Cesar im Aufzug vor. - S. 45 ff. / Spielt Varianten, die Cesars gedanklichen Variationen entsprechen könnten.

10) Ergebnisprotokoll zu einem Gespräch zwischen Cesar und seinem Arzt (und Psychotherapeu­ten): Schreibe ein Ergebnisprotokoll aus der Sicht des Arztes zu einem möglichen Diagnosegespräch mit Therapievorschlag. - S. 120 u. und Kap. 7

11) Interview mit Cesar: Schreibe das Interview, das die junge Journalistikstudentin mit Cesar durchführte. S. 63-65 (70 f.)

12) Claras Betrachtung über ihr Leben mit Cesar: Schreibe als Tagebuchtext oder als inneren Monolog Claras Betrachtungen und Überlegungen über ihr Leben mit Cesar. - 65-67 (69, 72 f., 84, 105-108, 121)

13) Paulas Urlaubsbrief an Cesar: Schreibe einen Brief aus Venedig an Cesar. - S. 69 (63, 67, 75, 108-113)

14) Definition zum „Seelenmechanismus“ Geliebter Gebieter: Schreibe eine Definition und führe ein Beispiel aus einem anderen Lebensbereich aus. - 87-91

15) Claras Theorie von der modernen Gesellschaft: Definiere und erkläre wichtige Prinzipien. - S. 121-123

16) Das Bild von Spanien: Schreibe einen Text „Spanien heute“ - gemäß dem Bild von Spanien, welches der Roman vermittelt. - 25, 34 f., 76, 80, 84, 92, 109, 121-123

17) Bildimpuls („nationale Chicken“) - nationale Stereotypen: Zeichne ein „spanish chicken“

18) Vergleich von Coverbildern: a) Schreibe einen freien Text zu einem der drei  Coverbilder. Beziehe dabei die Ergebnisse unserer gemeinsamen Lektüre mit ein.  -  Oder b) Schreibe in der Rolle des Buch­lektors eine begründete Stellungnahme, welches Ti­telbild nun für den Roman genommen werden soll.

19) Rezension: Verfasse eine Rezension zu Rosa Monteros Roman. - Verfasse eine Rezension zum TV-Film. - Vergleiche Roman und Fernsehspiel.

 

 

5.3  Verknüpfung der interkulturellen Aspekte

 

1)   Kontrastierung: 

Vergleiche: Das Bild von Spanien in meiner ersten Vorstellung, nach der Lektüre und nach meiner Reiseerfahrung - Das Bild von Spanien im Vergleich zu Deutschland

Vergleiche: Der Roman - Der Fernsehfilm

Die Vorteile der Methode der Kontrastierung lassen sich besonders bei dem Vergleich der literarischen Produkte (Montero - TV-Film) sowie der images und der Probleme in der Arbeitswelt (Spanien - Deutsch­land) nutzen. Nach der Gestaltpsychologie[46] führen spezifische strukturelle Unterschiede in einer Ebene bei Gleichartig­keit in einer anderen, wobei die „Unterganzen noch zusammengesehen werden“,  zu besonderer Aufmerksamkeit und „produktivem Denken“.

 

2)   Problemerörterung: Das Problem der Begegnung: nationale „images“ - globale Systeme.

Schreibe Thesen für ein offenes Gespräch - für eine Podiumsdiskussion über die Ergebnisse der Reihe.

 

zusätzliche Literaturhinweise:

Rezensionen zum Roman: A) Sabine Lange: die tageszeitung 24.7.1992  -  B) Andrea Rössler: TAZ 1.9.1990 - C) Eva Karnofsky: Börsenblatt 78 / 1.10.1991, S.3482

Rezensionen zum Film: A) Christine Dössel: Süddeutsche Zeitung 13.12.1995 - B) Alfons Kaiser: Frankfurter Allgemeine Zeitung 15.12.1995

Zu Burn out:  Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom. Heidelberg: Springer 1989

Leymann, Heinz: Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz... Reinbek: Rowohlt 1993, 33 f.

Zu Mobbing: A) Brommer, Ulrike: Mobbing. München: Heyne 1995, 37  -  B) Leymann, a.a.O., 89

Zeitmagazin, Sept. 1986

Zu nationalen Stereotypen: A) Wilke, Jürgen: Imagebildung durch Massenmedien. In: Völker und Nationen im Spiegel der Medien. Bonn: Bundes­zentrale für politische Bildung 1989 , S. 12 f.

B) Quandt, Siegfried: Zur Wahrnehmung der Deutschen im Ausland. In: (s. Wilke), 36 ff. 

C) Hoffmann, Rolf: Mit den Augen der anderen. Bonn: Alexander von Humboldt-Stiftung 1988

D) Gast, Wolfgang: Das Bild der Deutschen im amerikanischen Fernsehen. In: (s. Wilke)

E) Quandt, Siegfried: Zur Wahrnehmung der Deutschen im Ausland. In: (s. Wilke), 36 ff.


 

Anhang:

 

Didaktisierung

 

Rosa Montero: Geliebter Gebieter  - ein spanischer Roman der Gegenwart (1988) im LK 13

 

1.    Didaktische Reflexion

 

1.1 Interkulturelles Lernen

          Begegnung durch Reisen und Lesen

          „Studienfahrten“ ins Ausland - Wandererlaß in NW

          Literatur des Auslands - Oberstufenrichtlinien Deutsch

          Intertextualität - Verknüpfungsprinzip

 

1.2 Literatur der Gegenwart im Rahmen eines politischen Deutschunterrichts

          „Literatur und Arbeitswelt“ - Problemorientierung - thematische Relevanz - historische Orientierung

          Die spanische Autorin

          Der spanische Text

          Der deutsche Fernsehfilm

          Spanien - ökonomisch-politischer Wandel - Verspätung und Beschleunigung

 

1.3 Literatur in einem interkulturellen Deutschunterricht

          Komparatistik und Imagologie

          Das Bild von Spanien - das Bild der Firma „Golden Line“

          Fremdverstehen und Selbstverständnis - Reisen

 

1.4  Die aktuellen Deutungsmuster „Burnout“ und „Mobbing“

          „Denkbilder“ und Deutungsmuster

          das Burnout-Syndrom

          die Mobbing-Strategien

          historische Relativierung

          Ergebnisse -  Interkultureller Vergleich

 

2.   Methoden und Beispiele aus dem Unterricht

 

2.1 Kognitiv-analytische Verfahren

1)   Analyse der „starken Bilder“ - bildhafte Szenen in der Leseerinnerung

2)   Figurenanalyse

3)   Problem- und Motivanalyse

4)   Inventaranalyse

5)   Kommunikationsanalyse + Analyse der Erzählmittel und Redeformen

6)   Strukturanalyse

7)   Sprachanalyse

 

2.2 Produktive Verfahren

1)   Cluster zum Titel

2)   „Mein Bild von Spanien“ - assoziativer Text

3)   Folienimpuls: Andalusisches Bild - Schilderung

4)   „Das Bekannte, das Fremde und das Befremdliche“ - Lesetagebuch

5)   Schaubild zur Hierarchie in der Firma

6)   Ideenkatalog eines Karrieristen für das große Mobbing

7)   Die „internen Büronormen“

8)   eine Mitarbeitervereinbarung

9)   Szenenanspiel „Im Aufzug“

10) Ergebnisprotokoll zu einem Gespräch zwischen Cesar und seinem Arzt

11) Interview mit Cesar

12) Claras Betrachtung über ihr Leben mit Cesar

13) Paulas Urlaubsbrief an Cesar

14) Definition zum „Seelenmechanismus 'Geliebter Gebieter'„

15) Claras Theorie von der modernen Gesellschaft

16) Bildimpuls:  nationale Stereotypen

17) Vergleich von Coverbildern

18) Rezension

19) Produktion eines Dialogs nach einem Hörspiel-Exposé mit verwandter  

          Thematik

 

2.3  Integration und Verknüpfung der interkulturellen Aspekte

1)   Das Bild von Spanien in meiner ersten Vorstellung

2)   Das Bild von Spanien nach meiner Reiseerfahrung

3)   Das Bild von Spanien im Text

4)   Das Bild von Spanien im Vergleich zu Deutschland

5)   Das Bild eines Landes - nationale „images“ - globale Systeme

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


 

Folie:  Das Bild von Spanien - Verspätung und Beschleunigung

                                        

Die alte spanische Gesellschaft

Die moderne span. Industriegesellschaft

          Anklänge im Text:

          Chefs wie „Diktatoren“

          Quesada - Franco

          katholische Tradition - s. Beerdigung

          die Blondinen - Frauen in traditioneller Rolle als Anhängsel

          patriarchalische Struktur

          Lebensfreude, mediterraner Stil

          Tapa-Kneipen und Freundschaften

          lässige Dienstauffassung - s. Cesar

          aussterbende Dörfer

          kapitalistische Struktur - „Amerikanisierung“

          moderne Berufe - Modernisierung des Betriebs

          Gewinnmaximierung und Profit

          Effizienz: der Beste ist erfolgreich

          Ellbogengesellschaft: der Stärkere gewinnt - s. land run

          rücksichtsloser Umgang mit dem Konkurrenten: Mobbing

          Untergang des Kreativen - Cesar als Künstler / Grafiker: Burnout

          Verschärfung der Arbeitslosigkeit und soziale Konflikte neben sozialer Absicherung

          Urbanisierung: Leben in Madrid

(nach: Schüler-Tafelbild)

 

 

 

Spanien seit dem Bürgerkrieg:

 

1936-39: Bürgerkrieg (Monarchisten, Republikaner, Sozialisten, Anarchisten, Faschisten...)

1939-53: - Franco-Ära -  Nachkriegszeit mit Autarkie, Isolierung von Europa; ökonomische Blockade

1953-59: ökonomischer Wandel und teilweise Ende der Isolierung (Tourismus, Gastarbeiter)

1960-73: ökonomische Expansion, radikaler sozialer Wandel: von der harten Dikatur zur „gemäßigten 

               Diktatur“; soziale Konflikte der unentwickelten Gesellschaft

1973-82: - 1975 Francos Tod -  politischer Übergang in moderne Demokratie; Amnestie, aber keine

               Vergangenheitsbewältigung

1982 ff.:  Festigung der Demokratie; ökonomische Expansion; Öffnung für die freie Marktwirtschaft;

               Spanien im Konzert der europ. Staaten; soziale Konflikte der entwickelten Gesellschaft

(nach: Mskr. d. span.Botsch. Schulabteilg.)

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Material: Burnout-Syndrom

 

auch: Burnout, Flame-out, Meltdown - das Ausgebranntsein in der berufli­chen Rolle - ein psychodynamischer Prozeß der „inneren Erschöpfung“.

 

nach  - z.T. zu hohem und zu idealistischem  -   Engagement

Hyperaktivität - Verleugnung eigener Bedürfnisse - Verdrängung von Mißerfolgen

schleichender Motivationsverlust - Reduzierung des Engagements - hoher Streß 

Desillusionierung - Schuldzuweisungen - Fluchtphantasien - Widerwille - Distanz

mentale Störungen wie Konzentrationsprobleme - Resignation - Apathie und psychoso­matische Erkrankungen  -  körperlicher Abbau - Arbeitsunfähigkeit - Verzweiflung - Depression -  Selbstmordabsichten

Wechselwirkung von individuellen und institutionellen Bedingungen

„Helferberufe“ und Pädagogen + viele andere Berufsgruppen, einschließlich der kreativen Berufe und der Führungseliten

 

Abhilfen:

 

Mehr Autonomie des Individuums, bessere Kooperation und Arbeits­bedingungen sowie eine sinnvolle Zukunftsperspektive

(Bönsch)

 

frühes Ausprägen der für „Erfolg“ notwendigen emotionalen Fähigkeiten: Selbstbeherrschung, Mitgefühl, Beharrlichkeit, Eifer und Selbstmotivation

(Daniel Gole­man)

 

s.a.:

Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung. Heidelberg: Springer 1989

Bönsch, Manfred: Die alltägliche Tretmühle. In: Neue Deutsche Schule 16/1990

oleman, Daniel: Emotionale Intelligenz. München: Hanser 1996

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Ziele und Ergebnisse:

 

Folie: Interkultureller Vergleich

 

 

zwei nationale

 

Perspektiven

 

Rosa Montero: Geliebter Gebieter Roman

 

Sperl/Enlen: Wer Kollegen hat, braucht keine Feinde - TV-Film

 

 

nationale Phänomene

 

spanisch

 

deutsch

 

different:   Personen, Alltagsgewohnheiten und Ambiente, historische Situation

 

 

 

                                       

 

 

 

eine europäische / globale Perspektive:

 

 

 

 

gemeinsam:                     supranationale Phänomene

 

 

 

 

 hochentwickelte Industriegesellschaften

 

 

 

 

Konkurrenz- und Leistungsprinzip im kapitalistischen System

 

 

 

 

„Burnout“ und „Mobbing“

 

 

 

 

Rosa Montero: Geliebter Gebieter

S. 88/89: „die Welt, ... eine Kette... aus zitternden Untergebenen..., die ihrer­seits die Chefs anderer zitternder Untergebener waren ... Das war sie, die grundlegende Konstruktion der Welt....“

S. 92: „nach Francos Tod... betraten sie an der Hand ihrer neuen ameri­kani­schen Besitzer direkt die Ära des unbarmherzigen Unternehmens­kampfes, wobei ... man übergangslos vom rückständigsten Feudalismus in den extrem­sten Kapitalismus geriet.“

S. 121: „Schließlich leben wir in einer mörderischen Welt. Die moderne Ge­sellschaft ... war im Europa der industriellen Anfänge ausgebrütet worden... Aber es war in den Vereinigten Staaten gewesen, wo sich im Laufe der letzten hundert Jahre Russen, Iren, Italiener, Polen, Walliser und andere Menschen­stämme eingefunden hatten, um in dieser neuen Welt das vollkommene Mo­dell einer gewalttätigen und alles verschlin­genden Gesellschaft zu errichten.“ (Clara)            

(fett von mir)

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


-          Analyse der „starken Bilder“ - bildhafte Szenen in der Leseerinnerung

-          Szenenanspiel „Im Aufzug

 

Die Aufzugszene (Kapitel 4) - Variation eines Motivs:

Basisszene: (S. 45)

[...] Das Schlimmste war die Art gewesen, in der er ihn angesehen hatte. Oder besser gesagt: die Tatsache, daß er ihn überhaupt nicht angesehen hatte. Cesar war zufällig im Aufzug mit Morton zusammengetroffen, und acht Stockwerke waren eine unendlich lange Zeit. Hallo Cesar, wie geht's, sagte Morton in diesem rhetorischen Ton, in dem man aus­drückt, daß man keine Antwort erwartet. Gut, antwortete Cesar, der vor aufgesetzter Freundlichkeit strahlte, während sich der Apparat in Bewegung setzte. Zwischen Erdgeschoß und Zwischen­geschoß gab es den Bruchteil einer sehr be­klemmenden Sekunde: Morton betrachtete seine Schuhspitzen und schwieg hartnäckig. Zwischen erstem und zweitem Stock dachte Cesar, daß er vielleicht nicht nett genug gewesen wäre, worauf er sein Lächeln verstärkte: ein verkrampfter Ausdruck, der ihm unter die Nase geheftet war wie die Fahne eines Waffenstillstands. Aber Morton war jetzt damit be­schäftigt, sich die Flusen vom Revers zu entfernen. Zwischen zweitem und drittem Stock sagte Cesar: Ja, ja. Und Mor­ton verlegte das Gewicht seines Körpers von einem Fuß auf den anderen. Zwischen drittem und viertem Stock fragte Cesar, wie fandest du es bei Nacho, obwohl er um nichts in der Welt das Thema hätte erwähnen wollen und ihn schon die Möglichkeit, davon sprechen zu müssen, mit Entsetzen erfüllte. Du hast ja eine schöne Show mit dem Hund abge­zogen, antwortete Morton zwischen viertem und fünftem Stock. So lächelte Cesar zwischen sechstem und siebtem Stock gequält, daß seine Hände schweißnaß waren. Zwischen siebtem und achtem Stock gähnte Morton: Mensch, bin ich müde. Der Aufzug hielt an, die Türen öffneten sich, Morton stürzte heraus: Bis später, Cesar. [...]

 

1. Variante: (S. 47)

 [...] Er trat außerordentlich bedrückt in sein Büro.

Weil nämlich, da bestand kein Zweifel, Morton sehr komisch gewesen war. Trocken und kurz angebunden. Wie verär­gert. Oh, oh, wie schrecklich, Morton war böse auf ihn, soviel war sicher. Hallo Cesar, hatte er zuerst gesagt. Eine übli­che Begrüßung, in einem distanzierten Ton ausgesprochen. Aber er hatte ihm ja nicht einmal ins Gesicht gesehen! Und dann dieses quälende Schweigen, das sich zwischen ihnen ausbreitete. Morton war verärgert. Er, der Cesar immer gegen die Angriffe Quesadas und der anderen in Schutz genom­men hatte. Morton war enttäuscht! Du hast ja eine schöne Show mit dem Hund abgezogen, hatte er gesagt, als Cesar den unseligen Einfall hatte, das Thema zu erwähnen. Eine schöne Show. Seit Ewigkeiten rührst du schon keinen Finger mehr, hätte er in demselben, mißbilligenden Ton sagen können. Eine schöne Show, du hast mich enttäuscht. Das war die Botschaft seines Satzes. Und dann dieses verächtliche Gähnen; um der Langeweile Ausdruck zu geben, die Cesar in ihm erweckte; vielleicht auch, um ihn zu demütigen. Und diese Art, aus dem Aufzug zu stürzen, kaum waren sie im achten Stock angekommen. Er hatte Morton enttäuscht. Cesar fühlte sich, als wäre er beim Jüngsten Gericht durchgefallen. Du hast nicht genug gelernt, donnerte ein Gott mit struppi­gen und dichten Augenbrauen. Faulpelz, Nichtsnutz, Rumtreiber sangen dazu im Chor die verfluchten Cherubine. Cesar hob den Blick von der Mappe mit Zeichnungen, die er zu studieren vorgab. [...] 

 

2. Variante: (S.48)

 [...] Aber mal sehen: Wenn man das Gespräch in Ruhe analysierte, war es doch gar nicht so schrecklich gewesen. Hallo Cesar, wie geht's, hatte Morton gesagt; das war zwar ein ganz gewöhnlicher, aber doch netter Gruß. Eigentlich persön­lich, ja man könnte fast sagen vertraut. Hallocesarwiegeht's, tatsächlich war es gar nicht so schlecht, Morton hätte zum Beispiel ganz einfach hallo sagen können. Oder auch: hallo Cesar. Und: hallo, wie geht's. Oder sogar: wie geht's, Cesar. Oder nur: Wie geht's. Aber nein, Morton hatte drei Dinge gesagt, hallo-Cesar-wie geht's, in Wirklichkeit klang das ziem­lich herzlich. Vor allem, wenn man in Betracht zog, daß es früh am Morgen war und es sich um ein Gespräch im Aufzug handelte, das schließlich immer absurd und nichtssagend ist. Du hast ja eine schöne Show mit dem Hund abgezogen. Dieser Satz brauchte auch nicht unbedingt mißbilligend gemeint gewesen zu sein; schließlich war Cesar ins Fettnäpf­chen getre­ten, indem er das Thema der Party erwähnte; und Morton hatte mit einer witzigen Bemerkung reagiert. Du hast ja eine schöne Show mit dem Hund abgezogen. Das war eine Redewendung, klang mehr nach Komplize als nach Tadel. Und es war offensichtlich, daß Morton müde war; deshalb gähnte er und sagte: Mensch, wie müde ich bin. Dann war es doch ganz natürlich, daß er sich ziemlich schweigend verhielt. Und außerdem: daß Morton so ungeniert vor ihm gähnte, war das nicht ein Zeichen von Vertrauen? Sogar von Vertrautheit? [...]

 

3. Variante: (S. 57)

 [...] Lassen wir einmal Besonnenheit walten, sagte sich Cesar; die Agentur war kein Platz florentinischer Intri­gen, wie es ihn seine Phantasie in den schlimmsten Momenten befürchten ließ. Zum Beispiel: Nichts war natürlicher als die Tatsa­che, daß Morton ihn heute morgen mit diesem Hallocesarwiegeht's begrüßt hatte. Es war ein Satz der Umgangssprache, freundlich, unwichtig; das genau war die Lösung, die Unwichtigkeit der Angelegenheit, daß nämlich für Morton die Strecke im Aufzug nichts weiter war als eben eine kurze Strecke im Aufzug. Während er, Cesar, das Offensichtliche mit Geheimnissen ausstaffieren wollte und aus dem Nichts auf Katastrophen schloß. Was für eine Besessenheit, was für eine Ruhelosigkeit, was für eine krank­hafte Phantasie: Die Wirklichkeit war viel einfacher als dieses Labyrinth, das Pro­dukt seiner Angst war. Es war lächerlich, man könnte fast sagen pathetisch, daß er geheime Absichten suchte. Und vor allem, wer war eigentlich Morton, daß er, Cesar, ein erwachsener Mensch, ein gestandener Mann, sich derartig um seine Meinung über ihn sorgte? [...]

 

4. Variante: (S. 60)

 [...] Hallo Cesar, wie geht's, hatte Morton gesagt; und der Ton seiner Stimme war weder gereizt, noch schläfrig, noch gleichgültig. Es war viel schlimmer: Es war eine mitleidige Stimme. Morton wußte, daß Cesar keine Zukunft mehr hatte; er hatte aufgehört, ihm zu vertrauen. Er, Cesar, hatte ihn enttäuscht; und diese Enttäu­schung stimmte ihn traurig,  [...]

 

5. Variante: (S. 61)

 [...] Du hast ja eine schöne Show mit dem Hund abgezogen, hatte Morton gesagt, und in dem Satz schwang dieser Ton von vertrauter Erbitterung, mit der die Ehefrau ihren Gatten tadelt, wenn sie glaubt, daß er auch sie bloßgestellt habe. Morton hatte ihn doch immer unterstützt, o ja, ja immer. Und jetzt hatte er, Cesar, auf diese Weise versagt und ihn gewissermaßen in eine verzwickte Situation gebracht. Es war augenscheinlich, daß Morton über all die Kritiken, die ge­gen Cesar vorgebracht worden waren, auf dem laufenden war, viel­leicht war sein Name schon auf mehreren Konferen­zen gefallen, vielleicht hatten Quesada und die anderen von Morton Cesars Kopf verlangt. Und Morton, enttäuscht, hatte sich endlich von den einen und den anderen überzeugen lassen und hatte aufgehört, ihn zu schützen. Deshalb hatte er sich nicht getraut, ihn im Aufzug anzusehen: wegen der Verwirrung, die man spürt, wenn man sich jemandem gegen­über sieht, den man einst geliebt hatte und den man jetzt nüchtern betrachtet. Und deshalb hatte er gesagt: Mensch, bin ich müde, und sogar so getan, als ob er gähnte; aus einer letzten Rücksichtnahme heraus, einem nachträglichen Mitleid, damit er, Cesar, diese Müdigkeit als Rechtfertigung für sein Schweigen nehmen könnte, wo doch Morton tatsächlich schwieg, weil er ihn enttäuscht hatte. Morton schwieg, weil er ihn endlich so gesehen hatte, wie er wirklich war, und er bereute, ihn jemals geschätzt zu haben. [...]

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Rezensionen

[Rosa Monteros Roman Geliebter Gebieter] Es ist ein schnelles, plakatives Buch, das mit dem amerikani­sierten spani­schen Kapitalismus der achtziger Jahre oftmals klischeehaft abrechnet. Erzählt wird aus der Perspektive des ehemals er­folgreichen Werbedesigners Cesar, der sich in der hierarchischen, einem unerbitt­lichen Leistungsprinzip folgenden Struktur einer Madrider Werbeagentur verfängt. Im Spannungsverhältnis zwischen aggressiver Auflehnung und masochistischer Unterwürfigkeit kapituliert er schließlich und liefert sich vollends dem entfremdenden Machtapparat aus. Dieser Roman über das Wesen der Macht und die Ichspaltung jener, die das Denken in Hierarchien verinnerlicht haben, erreichte in Spanien eine noch größere Auflagenzahl als Ich werde dich behandeln wie eine Königin. Rosa Mon­tero hatte es endgültig geschafft, sich auf dem Literaturmarkt zu etablieren.

Die viel beschworene spezifisch weibliche Imagination freilich ist dabei auf der Strecke geblieben. Die Au­torin hat sich in einem atemberaubenden Tempo zu einer routinierten, aber traditionellen Erzählerin entwic­kelt, die ihr Handwerk ver­steht, es perfektionieren, aber nicht revolutionieren will. Jetzt ist in erster Linie eine „Universalisierung der Themen“ angesagt. Wer sich darunter wenig vorstellen kann, warte auf die Übersetzung ihres neuesten, im Februar dieses Jahres in Spanien erschienenen Romans (Zittern): ein in Science-Fiction-Form gekleideter Bildungsroman, dessen Protagoni­stin auf der Suche nach den Grundbe­dingungen menschlichen Seins und Zusammenlebens ist.-Andrea Rössler  TAZ 1.9.90

 

 

In ihren ersten Romanen hat sie noch oberflächlich geschrieben, vor allem beschrieben, was sie sah, weil sie noch nicht viel wußte über das Leben, doch mit den Jahren, glaubt sie, geht sie den Dingen mehr auf den Grund, bemüht sich, immer mehr in das Unterbewußtsein einzudringen, denn nur so könne sie Erscheinungen nachgehen, die nicht nur per­sönlich, sondern universell sind.

 »Amado amo« (»Geliebter Gebieter« 1985, deutsch 1989) war bereits der erste Schritt dazu. Sie stellte sich der Heraus­forderung, in die Haut eines Mannes zu schlüpfen, ihr eigentliches Ziel war es jedoch, in die Tiefen der menschlichen Vorstellungswelt vorzudringen, und den Extrakt daraus, da ist sie sicher, fühlen beide Geschlechter. Der geliebte Gebie­ter ist nicht etwa ein diktatorischer Ehemann, sondern der omnipräsente Chef einer Werbeagentur, der über Aufstieg und Fall seiner Mitarbeiter bestimmt.

Rosa Montero ging es nicht nur darum, dem Geheimnis der Macht ein Stück weit näherzukommen (ein Thema, das sie immer wieder umtreibt), sie wollte auch den absurden Konkurrenzkampf schildern, der die Arbeit in den Industriegesell­schaften bestimmt, den Menschen aber nur Unglück beschert. Nicht daß sie eine Lösung hätte, wie man diesem Konkur­renzkampf ausweichen könnte. Um Lösungen geht es ihr nicht, sie will keine Botschaft vermitteln, sondern nur Dinge entwickeln, die sie beschäftigen, ja schmerzen.                                     Eva Karnofsky    Börsenblatt 78 / 1.10.1991

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


 

Schülertext - Freies Schreiben nach der Reise

 

Spanische Landschaft

 

Das Land - gelb und hart

eine lange Trockenzeit

Risse in der Erde

Hoffnung auf einen Tropfen Regen

 

Die Tiere - mager und dürr

suchen nach letztem Grün

durstig warten

Leben mit jedem Tropfen Wasser

 

Die Steine - ocker und heiß

staubig der Weg

erstarrt das Land

Alles dürstet nach Regen

 

Der Himmel - blau und grell

die Sonne brennt

kein Regen - dann

Endlich Wolken, ersehntes Wasser

 

Die Pflanzen - trocken und braun

fehlende Blätter, traurig und grau

vertrocknete Sonnenblumen

Endlich wieder grün vom Regen

Freier Text: N.C.

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


 

 

Interkultureller Vergleich - Methoden

 

 

Erfahrung:

 

Leseerfahrungen:

Medienerfahrung:

 

 

Reiseerfahrungen:

          deutsche und spanische Literatur Jg. 12 - 13

          spanischer Roman: Rosa Montero, Geliebter Gebieter

          deutsches Fernsehspiel: Gabriela Sperl (Buch) / Martin Enlen (Regie): Wer Kollegen hat, braucht keine Feinde

          konkrete Reise - Salamanca

          innere Reise - Gedichte: „Wald - Bäume“, „Landschaft - Reisen“

 

 

Analyse:

 

Problemanalyse:

 

 

 

 

 

Textanalyse:

 

 

 

 

 

Medienanalyse:

          nationale Images: textbezogen -  leserbezogen

          Berufs- und Arbeitswelt: Burnout und Mobbing

          sozio-historische Lage: Verspätung und Beschleunigung im modernen Spanien

          Reisen und Tourismus: ins Innere vordringen

 

          Erzähltextanalyse (Erzählsituationen, Redeformen, Sprache, Motive, Spiegelungen, Metaphorik)

          Kommunikationsanalyse

          literatursoziologischer Zugriff: Text und Kontext

          entspr. Klausur: Analyse eines fiktionalen Textes

 

          Medienvergleich: Buch - Film

          Medienkritik: Rezension - Buchempfehlung

+

 

Produktion:

 

Reisevorbereitung:

Reisebegleitung:

Reisenachbereitung / freie Produktion:

 

produktive Textrezeption:

          Referate zu Spanien -Tagesplanung für Salamanca

          Reisetagebuch, täglich verteilt auf die Teilnehmer

          Reiseeindrücke - Schilderung: Landschaftsbilder - Essay: Der Deutsche im Urlaub - Erörterung: Ausländische Literatur im Deutschunterricht

          Titelcluster - Coverassoziationen - literarische Rollenspiele - Schaubild - Texte nach Folienimpulsen

 

Synthese:

 

Vergleich:

histor. Relativierung:

Intertextualität:

Wertung:

Transfer:

          die nationalen und supranationalen Phänomene

          ökonomische Situation - Deutungsmuster

          Bezüge in der Kursfolge

          kritische Stellungnahme: Texte, Urteile

          mit eigenen Erfahrungen verknüpfen

 

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


 

                   Kommunikationsanalyse  -   Jg. 9-13                                       Textfeld:                    

 

Um das sprachliche Verhalten von Dialogpartnern in Sprechsituationen zu verstehen, muss man beobachten, wie ihre Kommunikation in größere Handlungszusammenhänge eingebettet ist, wie sprachliche Handlungen zur Verständigung, zur Kooperation oder zum Konkurrenzkampf eingesetzt werden und woran es liegt, dassdaß Kommunikation gelingt oder misslingtmißlingt. Dabei ist zu untersuchen, wie sich die spezifischen Umstände der Situation, die Handlungen und die Rede- oder Gesprächsbeiträge gegenseitig beeinflussen. Dies Analyseverfahren ist anwendbar auf szenische Texte, sowohl auf dialogische Partien in Erzähltexten als auch auf Szenen in Schauspielen, Hörspielen etc.

 

1. Situationsanalyse:

 

·   Welche Faktoren der Situation bestimmen vor allem die Art und das Zusammenspiel des Handelns und des Redens?

Äußere Einflüsse: Ort, Raum, Zeit, Gegenstände, Umstände, Atmosphäre, Personenkonstellation, Rollenverteilung, persönliche Situation, Gefühle, gesellschaftliche Bedingungen und Normen, wirtschaftliche Lage, etc.

 

2. Handlungsanalyse:

 

·   Welche Handlungen wirken vor allem auf die Situation und das Gespräch ein oder gehen aus ihnen hervor?

Konkrete Handlungen: Art der Handlungen - alltäglich: aufstehen, Fenster öffnen, Kaffee eingießen - beruflich: Formular reichen...- symbolisch: Blumen überreichen...; Handlungsträger: Personen, Gruppen; Handlungsablauf: Handlungsziel, Auslöser, Verlauf, Ergebnis, Folgehandlungen; Handlungsspielraum, Handlungsalternativen; Handlungsebene: erinnerte, aktuelle, geplante/erahnte Handlungen; Art der Steuerung: bewusst, unbewusst; emotional, rational...

 

3. Rede‑/Gesprächsanalyse:

 

·   Welche Bedeutung haben Gesprächs‑ oder Redeteile für die Situation und die konkreten Handlungen?

Sprachliche Handlungen: Verbalsprache, Körpersprache; Intentionen, Konventionen, Rituale; Themenfolge; Redeorganisation: Initiativen, Sprecherwechsel, Redeanteile, Dominanz; Inhalts‑ und Beziehungsaspekt; Rederichtung: dialogisch, monologisch, innerer Monolog, öffentliche Rede; „Sprachhandlungen“: Ankündigung, Bitte, Dank, Empfehlung, Forderung, Gruß, Herabsetzung, Information, Kompliment, Lüge, Mutmaßung, Nötigung, Problematisierung, Ratschlag, Schmeichelei, Tadel, Unterstellung, Vertröstung, Widerspruch, Zurückweisung...; Redesequenzen, d.h. typische Abfolge der Beiträge: „Interview“ mit Frage - Antwort - Gegenfrage...,  „Argumentation“ mit These ‑ Zweifel ‑ Argument ‑ Gegenargument ‑ Argumentenwürdigung ‑ Schlussfolgerung,  „Streitgespräch“ mit Vorwurf ‑ Rechtfertigung/Gegenvorwurf ‑ Ausweichen ‑ Verstärken des Vorwurfs - Aggression ‑ Beschwichtigung...Abschluß; Redemittel: rhetorische Mittel, bildliche Mittel, Redewendungen...

 

In: Einecke, Günther: Unterrichtsideen Textanalyse und Grammatik. Vorschläge für den integrierten Grammatikunterricht. Klett: Stuttgart (1993)  31995, 157 f.


Beispiel: Kommunikationsanalyse

Der Text:

Rosa Montero: Geliebter Gebieter  (st 1879, S. 7-11)

 

1

/S.7/ Als er in das Parkhaus hineinfuhr, hatte er sich fast in das Hinterteil eines roten Wagens verkeilt. Der andere Fahrer streckte den Kopf zum Fenster raus: spärlicher Haarwuchs, blasse, jetzt gerötete Wangen, geschwol­lene Augenlider. Entschuldige, Junge, aber irgendein Schwachkopf hat sich auf meinen Platz ge­setzt. Es war Matias. Cesar wich aus, um ihm das Manövrieren zu erleichtern, das rote Auto setzte brum­mend zurück, kam ins Schleudern und zerkratzte sich die Seite an einer der Betonsäulen. Matias stürzte wutentbrannt aus dem Wagen: Verfluchte Scheiße, verdammt noch mal, so ein Mist. Halb zu sich selbst, halb zu Cesar gewandt, murmelte er Verwünschungen; sie galten auch dem zerquetsch­ten Kotflügel seines Autos, vor allem aber galten sie dem Parkhauswächter, der jetzt, eingehüllt in seinen blauen, fettver­schmier­ten Overall, auf sie zukam: langsam, sehr langsam, so als wollte er Matias Zeit geben, seine Flüche loszu­werden; vielleicht aber auch nur, um ihn zu ärgern. Wer ist eigentlich der Idiot gewesen, der sein Auto auf meinen Platz gestellt hat? Der Mensch kratzte sich am Kinn, zuckte die Schultern: Das sind Anordnungen, ich weiß von nichts. An­ordnun­gen? Was für Anordnungen? Mir hat man gesagt, daß dieser Platz ab heute Herrn Martinez gehört, antwortete der ande­re wortkarg, dabei spuckte er ab und zu irgend etwas Unsichtba­res aus, ganz so, als hätte er eine Tabakfaser im Mund, die er nicht völlig herausbekam.

Matias klappte den Mund auf und wieder zu. Und Cesar dachte: Der ist erledigt. Wer hat das angeordnet, fragte der Halbtote mit heiserer Stimme. Der Herr Pibu, sagte der Wächter, ich weiß von nichts. Pittbourg, der stellvertretende Verwaltungsdirektor. Matias blinzelte, schluckte geräuschvoll, vollführte eine halbe Kehrtwendung und begann mit den Schritten eines Blinden dem Eingang zuzustreben. Cesar übergab dem Parkhauswächter seine Wagenschlüssel und lief hinter seinem Kollegen her. Unter seinen rosigen Wangen ließ Matias' Gesichtsfarbe eine phosphoreszierende Blässe durchscheinen; die dunkelvioletten kleinen Ve­nen seiner Nase glichen einer hydrographischen Karte. Mach dir keine Sorgen, Matias, begann er. Und im selben Moment wurde ihm klar, /S.8/ daß Matias derartig besorgt war, daß der Satz fast brutal klingen mußte. Es war, als ob man einen Buckligen an seinen Buckel erinnerte. Ärgere dich nicht, Matias, verbes­serte er sich deshalb, denn schließlich war der Ärger immer ein würdigeres Gefühl, die Wut war eine göttli­che Eigen­schaft. Komm, Mensch, reg dich nicht auf, auch mir haben sie vor einigen Monaten den Parkplatz wegge­nommen, das ist noch lange kein Grund zur `Panik. Nein! murmelte Matias und warf ihm aus den Augen­winkeln einen raschen Blick zu. Nein, Mensch, du weißt doch, daß es immer Probleme wegen des Parkens gegeben hat, weil nicht genügend Plätze da sind. Ich gebe jetzt immer dem Parkhauswächter den Schlüssel und damit hat sich die Sache. Das ist viel bequemer. So sprach Cesar, verlogen und großmütig. Was er ver­schwieg, war, daß sein Fall ganz anders lag, daß ihm in Wirklich­keit niemand diesen verfluchten Platz weg­genommen hatte. Cesar hatte keine feste Arbeitszeit, er war einer der Stars des Hauses, er nahm eine Sonder­stellung ein. Und es war Morton selbst gewesen, der ihm eines Tages gesagt hatte: Es macht dir doch sicher nichts aus, wenn jemand anderes deinen Platz im Parkhaus benutzt? Du kommst ja so selten hier­her, und es ist schade, Platz so sinnlos zu vergeuden ... Matias war neben der Ausgangstür stehengeblie­ben, wühlte un­geschickt in seinen Taschen, zog ein völlig verknittertes Taschentuch heraus und trocknete sich damit den kalten Schweiß ab. Mit einer kräftigen Handbewegung kämmte er sein fettiges, spärliches Haar zurück. Dann drehte er sich zum Parkwächter um, der sich im Hintergrund des Parkdecks, in einiger Entfernung, aufhielt. Ich werde mit Pittbourg reden, hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen worden! brüllte er, und spuckte dabei mit Geschossen aus Speichel und Fetzen aus Stolz um sich. Und das Männchen im Overall zuckte verächtlich die Schultern.

Ich sag' dir ganz ehrlich, ohne festen Platz ist es viel bequemer, du überläßt einfach dem Parkhauswächter den Schlüssel, und am Ende des Monats gibst du ihm ein anständiges Trinkgeld, beharrte Cesar, berauscht von seiner Großmütigkeit und Stärke, während sie die Treppe hochgingen. Tatsächlich hatte man es kommen sehen, dachte er bei sich: Wie hatte es ihm bisher nur entgehen können. Zufällig wurde schon seit einer Woche über Matias hergezogen. Und Cesar hatte begriffen, daß das Leben der Firmen voll war von Zufällen dieser Art. Eines schönen Tages scheinen ein paar Leute plötzlich und zur gleichen Zeit die furchtbar schwe­ren /S.9/ Fehler des Soundso zu entdecken; Fehler, die über Nacht zum Hauptgesprächsthema des Hauses werden. Aber das Verblüffendste war, daß sich wenige Tage nach dem Ausbruch die­ses Geschwätzes heraus­stellte, daß der Soundso jetzt ganz sicher zurückgestuft, in die Ecke abgeschoben oder sogar ent­lassen wurde. Oder er verlor den Parkplatz, wie der arme Matias. Jetzt erinnerte sich Cesar, während der letzten Wochen von mindestens zwei oder drei Leuten kritische Äußerungen über Matias gehört zu haben, ohne daß er sich wei­tere Ge­danken darüber gemacht hätte. Mal sehen. Einer war natürlich Miguel. Wißt ihr eigentlich schon die letzte Story von Matias? ließ er beim Aperitif verlauten, obwohl, soweit Cesar wußte, nie von einer vorletz­ten, einer vorvorletzten, ja nicht einmal von einer ersten Story die Rede gewesen war. Dann selbstverständ­lich Quesada, während einer Sitzung, in der die Werbekampagne für Ford vorbereitet wurde; und Cesar hatte sich schon gewundert, daß Matias nicht dabei war. An diesem Tag, gegen Ende der Sitzung, erwähnte Quesada so ganz nebenbei Matias' Alkoholismus und sprach von nicht zu übertretenden Grenzen, die Matias augenscheinlich überschritten hatte. Morton nickte ernst und zeichnete mit seinem Mont-Blanc-Füller Dreiecke auf ein Papier. Und dann Nacho, jetzt erinnerte er sich, Nacho griff Quesadas Aus­sage auf und fügte ihr einen seiner messerscharfen Kommentare bei. Reiner Stahl.

Sie riefen den Aufzug. Matias neben ihm schnaufte und keuchte, vielleicht lag es an der Anstrengung des Treppenstei­gens; er griff sich an die Brust, als ob er Schmerzen hätte. Man sollte mit dem Rauchen aufhö­ren, witzelte Cesar, und steckte sich dabei eine Zigarette an. Und du sagst, daß du den Schlüssel dem Park­wächter gibst? So ist es. Aber ich muß mit Pittbourg reden, beharrte Matias eigensinnig. Armer Kerl, sagte sich Cesar. In gewisser Weise verdiente er diesen Schlag. Da stand er, an seiner Seite, mit weit aufgerissenen Augen, und er schwitzte wie ein Schüler, der vor dem Lehrer steht und auf seine Frage keine Antwort weiß. Er war kein übler Typ; oder anders ausgedrückt, er war derartig durch­schnittlich, daß es ihm gar nicht mög­lich war, sehr schlecht zu sein. Matias gehörte zu der Sorte Leuten, die aus ihrer Firma eine Herzensangele­genheit machten und die mit größerer Zärtlichkeit von den jährlichen Bilanzen ihres Unter­nehmens als von den Schulnoten ihrer Kinder redeten.

Matias war schon genauso lang in der Firma wie er, er kam vor /S.10/ zwanzig Jahren, als die Firma noch Richtung hieß und ein kleines und vollständig spanisches Unternehmen war. Später hatte er sich, im Gleich­schritt mit dem zunehmenden Erfolg der Firma, heraufgearbeitet, und als die Agentur dann von der Golden Line aufge­kauft wurde, bewegte er sich schon auf Direktionsebene. Er war einer von diesen Typen, die, mit wenig Mut und noch weniger Stolz ausgestattet, vom Erfolg in unterwürfigste Sklaven verwandelt wurden. Und so war Matias ein treuer Zerberus, ein loyaler Denunzi­ant: nur daß er nicht denunzierte, um persönlich davon zu profitieren, sondern zum größeren Ruhm der Agentur. Kurz und gut, schloß Cesar erbarmungslos, während er Matias nachsah, der sich, zusammengefallen und mit hängendem Kopf, im Gang entfernte: Kurz und gut, soll er doch zum Teufel gehen.

Außerdem gab es nicht den geringsten Zweifel daran, daß die ganze Angelegenheit lächerlich war. Eine solche Tragödie wegen so einer Kleinigkeit, wegen ein paar Quadratmeter Parkplatz. Natürlich hatte er, Cesar, sich nicht so aufgeführt. Na ja, sein Fall lag ja auch anders. Du kommst ja so selten hierher, es ist schade, den Platz so zu vergeuden, sagte Mor­ton zu ihm. Lächelnd. Aber es war da etwas in seinem Ton, das ihm in den Ohren klingelte. Daß ich so selten komme, soll das ein Vorwurf sein? antwortete Cesar mit erzwungener Heiterkeit. Morton klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter; eines Tages wirst du dir Lungenkrebs einfangen vom vielen Rauchen, bemerkte er leutselig, dabei rümpfte er vor der Zigarette die Nase, und fügte hinzu: Ich habe gehört, daß du eine Ausstellung vorbereitest. Was meinst du? hatte Cesar da etwas zu heftig gefragt. Was meinst du damit? und glücklicherweise unterdrückte er das Folgende: Ist das viel­leicht eine Anspielung darauf, daß ich, statt in der Agentur zu arbeiten, male? Aber selbst so, auf die Hälfte reduziert, war es eine zu emotionsgeladene Frage gewesen. Wie, was ich damit meine? Du bist aber empfindlich, Cesar; und Mor­tons Augen waren ein dunkelblaues Loch. Verzeih, mußte er sich entschuldi­gen; also nein, ich bereite keine Ausstellung vor, nein, ich male nicht, ich male schon seit Jahren nicht mehr, blockiert, es sieht so aus, als habe mich die Inspiration verlassen. Mortons Augen wurden jetzt fast schwarz, und er sagte lediglich: Ich verstehe. Und es war, als ob er gesagt hätte: Seit vier Jahren gewinnst du keinen Preis mehr, seit drei Jahren führst du keine Werbekampagne mehr anständig durch, seit zwei Jahren habe ich keine originelle Idee mehr von dir gehört, seit einem Jahr /S.11/ fragen mich die Kunden nicht mehr nach dir, sie verlangen nicht nach dir, sie erinnern sich nicht an dich, sie haben dich vergessen. Aber vielleicht wollte auch Morton nichts von all dem andeuten, und Cesars Verdächtigungen waren nichts anderes als das Pro­dukt eines Verfolgungswahns. In letzter Zeit nämlich, das mußte er sich eingestehen, war er nicht auf der Höhe. Er fühlte sich unsicher. Bedrückt. Eine Sache der Nerven.   [...]

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Die Textanalyse und Interpretation (G. Einecke)

 

Rosa Montero: Geliebter Gebieter  Kapitel I, Anfang

(st 1879, S. 7 „Als er in das Parkhaus hineinfuhr...“ - S. 11 „... Eine Sache der Nerven.“)

 

1. Gesamteindruck und Hypothese zur Textaussage:

Phase der „bornierten Subjektivität“ (Kreft) - der Konkretisation (Frommer) -

Wirkungen und Interpretationsbedarf

2. Textanalyse - Phase der „Objektivierung“, der Rückbindung an den Text - z.B. als:

 

Kommunikationsanalyse: Situations-, Handlungs- und Redeanalyse        

 

Der Roman beginnt mit einer Situation in einem Parkhaus, einer betonierten urbanen Umgebung, die assoziativ Gefühle des Bedrohtseins, des Weg-von-hier, der Konkurrenz um einen Platz ... auslöst; ein un­heimliches Gefühl, das sich nicht mit der Einführung von Überwachungskameras und Frauen­parkplätzen erledigt hat. Diese Szenerie wird auf den ersten fünf Seiten zu einem Szenario tatsächlichen Bedrohtseins entwickelt: Mit der Situation wird in den Verdrängungswettbewerb zwischen den Mitarbeitern der Firma Golden Line eingeführt. Aus der Perspektive von unten, also derer, die sich um einen festen Firmenparkplatz im Parkhaus wie auch um eine feste Position in der Firma bemühen müssen, werden mit den Vorgängen im Parkhaus zugleich die Vorgänge in der Firma gespiegelt. Der Wirklichkeitsausschnitt des Romans erfaßt eine soziale Grundsituation im Lebensbereich der Arbeitswelt. Das sächliche Inventar der konkreten Situation besteht aus Parkhaus, Parkdeck, Betonsäulen, zwei Autos, Autoschlüsseln, Treppen, Aufzug, Zigaretten, hinzu kommen in vorgestellten Situationen Papier und Füller während einer Sitzung; wirklich keine exoti­schen Details. Das Interesse muß also aus der Handlung und der Rede erregt werden.

Als Protagonisten treten real auf:

- Matias, dem auf Weisung der Firma der gewohnte Parkplatz genommen wurde und der in Wut darüber seinen Wagen beim Manövrieren beschädigt. Er wird in seiner völligen Erregung und Hilflosigkeit charak­terisiert: als „Halbtoter“ mit der Physiognomie eines völlig Gestreßten: „spärlicher Haarwuchs, blasse, jetzt gerötete Wangen, geschwollene Augenlider“, die „Gesichtsfarbe [zeigt] eine phosphoriszierende Blässe...; die dunkelvioletten Venen seiner Nase glichen einer hydrographischen Karte“ (7); als einer, der „mit den Schritten eines Blinden“ geht und „erledigt“ ist (7). Matias' Überreaktion mag überraschen, sie wird jedoch verständlich, wenn man Cesars Gedanken über ihn auf ihn selbst bezieht: er steht in einem Existenz­kampf auf verlorenem Posten, versteht die Wegnahme des Parkplatzes als Kampfsignal und gerät in Panik.

- Cesar Miranda, der die Situation von außen betrachtet, in dessen kommentierende Innensicht der Leser durch Formen des personalen Erzählens aber sogleich einbezogen wird. Er führt in seinen Reflexionen über die aktuelle Parkhausszene hinaus in die dahinterliegenden Konflikte der Firma und in ihre Geschichte ein, weil er selber - ehemals ein „Star des Hauses“ - plötzlich auf eine unheimliche Weise Matias' Abstieg ahnend auf sich bezieht.

- der Parkwächter, der - obwohl einer der untersten - in aller Ruhe an diesem Ort die Hierarchie der Firma vertritt, indem er nur die Anordnungen von oben vollzieht.

In Cesars Gedanken, in dem Kommentar des Parkwächters und in Dialogteilen mit Matias tritt also durch Figurenrede mittelbar das Personal der Mächtigen und der Konkurrenten hinzu:

- Herr Martinez, dem Matias den Parkplatz abtreten muß

- Herr Pittbourg, der stellvertretende Verwaltungsdirektor, der die Anordnung gab

- Morton, Cesars Vorgesetzter und Förderer, der dem Grafiker Cesar bereits in freundschaftlicher Form dessen Parkplatz abgehandelt hatte, weil er wie ein freier Mitarbeiter ihn nur selten benutze

- Miguel, Quesada und Nacho, die in der letzten Zeit verbal und durch Handeln den Abstieg von Matias vorbereitet haben.

Die konkrete Situation im Parkhaus wird von Cesar ergänzt um Situationen in der Erinnerung:

- wie Morton „eines Tages“ mit Cesar über dessen Parkplatz verhandelte,

- wie „schon seit einer Woche über Matias hergezogen“ wurde

- wie ganz allgemein und scheinbar zufällig in der Firma „eines schönen Tages ... ein paar Leute plötzlich und zur gleichen Zeit die furchtbar schweren Fehler des Soundso ... entdecken; Fehler, die über Nacht zum Hauptgesprächsthema des Hauses werden.“ Diese Erinnerung wird konkretisiert an dem Abgeschobenwerden von Matias, an einer Kette von Einzelsituationen der letzten Wochen (9) - Mit dieser Erinnerung macht Cesar das „Mobbing“ zum Thema der gesamten Eingangsszene; er führt geradezu die Strategien des Mob­bens im Detail vor Augen. Diese Konfliktlage wird aber in verallgemeinernder Form vermittelt: „das Leben in der Firma“ (8), sie erhält so auch einen futurischen Aspekt: „eines schönen Tages scheinen ein paar Leute plötzlich...“; kann natürlich auch erst noch eintreten. Und dies - so wird es an Cesars Gefühlslage gegen Ende der Szene deutlich - kann natürlich auch Cesar zustoßen: „Er fühlte sich unsicher. Bedrückt.“ (11)

Die konkrete, aktuelle Situation wird somit durch Cesar ergänzt um diffuse Vorstellungen zukünftiger Si­tuationen, aber auch durch Matias ergänzt um seine Vorstellungen von konkreten Handlungsmöglichkeiten in nächster Zukunft: „ich muß mit Pittbourg reden“ (9).

Die Personenkonstellation in der Situation könnte eigentlich zum einen kollegial sein: Matias und Cesar sind Kollegen aus der „Direktionsebene“ (10) der Firma, die nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Aller­dings fällt Cesar ein sehr negatives Urteil über Matias; er als Star mit einer „Sonderstellung“ in der Firma findet Matias „durchschnittlich“ (9) und sieht ihn als einen jener „Typen, die [...] in unterwürfigste Sklaven ver­wandelt wurden“ (10). Die Konstellation zeigt zum anderen einen Kontrast zwischen der Seite Matias und Cesar sowie der Seite der Mächtigen und der Karrieristen, die in Cesars Phantasie eine gemeinsame Phalanx der Mobber gegen Matias und womöglich gegen ihn selbst bilden, wie er in seinen „Verdächtigungen“ (11) summiert.

Die Handlungen in der Situation erscheinen z. T. banal, sind aber anfangs durch Redeteile höchst dramati­siert und verlieren sich dann völlig im Bewußtseinsstrom Cesars.

Die ersten Handlungen nonverbaler Art sind durch das Ambiente mitbestimmt und bestehen - auch typisch für die urbane Umgebung - im Einsatz von Apparaten: Verkeilen, Manövrieren und Schrammen der Autos. Darin drückt sich die Konfliktlage schon aus; sie wird unterstützt durch Verhaltensweisen von Matias und dem Parkwächter: der eine stürzt „wutentbrannt aus dem Wagen“, der andere kommt „langsam, sehr langsam“ hinzu, kratzt sich, zuckt die Schultern, denn er ist nicht der eigentliche Gegenpart für Matias. Matias' Mimik und Gestik zeigen seine Schwäche: er „klappte den Mund auf und wieder zu“, „blinzelte, schluckte geräusch­voll, vollführte eine halbe Kehrtwendung...“(7), „wühlte ungeschickt in den Taschen, zog ein völlig zerknit­tertes Taschentuch - schon selbst ein Zeichen des nervösen Menschen - heraus und trocknete sich damit den kalten Schweiß ab“(8).  Cesar seziert sorgfältig das Bild des Opfers. Während der Parkwächter anfangs ganz lässig spuckt, „als hätte er eine Tabakfaser im Mund“ (7), schimpft Matias und „spuckte dabei mit Geschos­sen aus Speichel und Fetzen aus Stolz um sich“(8). Dieser Kontrast dramatisiert, auch in der martialischen Übertreibung und der bildlichen Überhöhung von Matias' Verhalten. Die Wirkungslosigkeit der Aggression wird vom Parkwächter mit einem verächtlichen Schulterzucken (8) verdeutlicht; die Aggression ist an den falschen Adressaten gerichtet.

Cesar vermittelt Matias aus überlegener Position als Zuschauer heraus ein Bild von souveräner nonverbaler Reaktion: Man „überläßt einfach dem Parkwächter den Schlüssel und [... gibt] ihm ein anständiges Trink­geld“ (8). Das folgende Treppensteigen führt bei Matias zu einer körperlichen Handlung wie vor einem drohenden Infarkt: „er griff sich an die Brust“ und zu einer körperlichen Reaktion: Matias „schwitzte wie ein Schüler, der vor dem Lehrer steht“. Cesar, der mit dem Vergleich Matias' Unterle­genheit betont, betrachtet im Aufzug seinen Nebenmann genau, er nimmt also wieder die Beobachterrolle ein. So schaut er auch Ma­tias hinterher, „der sich, zusammengefallen und mit hängendem Kopf, im Gang entfernte“(10). Vor allem die Körpersignale verdeutlichen, daß Matias „erledigt“ ist und sich bereits mit seinen psychosomatischen Er­scheinungsformen in einer späten Phase des Mobbing-Verlaufs befindet. - Cesars Handeln besteht vor allem im Zuschauen, zunächst in der kalten Perspektive des noch überlegenen Beobachters, der ein Opfer betrach­tet, das er dazu nicht mag. In ironischem Kontrast zu Matias' Atemnot entzündet sich Cesar vor dem Aufzug dann eine Zigarette. Das einzige gemeinsame Interesse drückt sich im gemeinsamen Rufen des Aufzugs aus (sie riefen...,9). - Viel wichtiger sind bei Cesar alle assoziierten Handlungen, die er sich vor das in­nere Auge holt: Zum einen verbindet er mit dem erlebten Vorfall die geschickte Wegnahme seines eigenen Parkplatzes durch Morton, im­merhin entschuldbar mit der geringen Benutzung. Zum andern aber stellt er einige Hand­lungen von Kollegen zusammen, die deutlich als komplexe 'Psychokriegshandlungen' nonverbale und verbale Handlungen kombi­nieren und wie Mobbing-Strategien einzustufen sind; und auch Cesar hat sie als solche „begriffen“ (8):

- bei einem Kollegen einen Fehler entdecken und zum Hauptgesprächsthema machen;

- Mitarbeiter zurückstufen, in eine Ecke abschieben, entlassen;

- dem Betroffenen den Parkplatz nehmen;

- den Betroffenen kritisieren;

- von ihm die „letzte Story“ erzählen;

- ihn von wichtigen Sitzungen ausschließen;

- auf seinen Alkoholkonsum anspielen. (9)

 

Die Redebeiträge der Szene sind aufzuteilen in einen Teil der interpersonellen Rede: die direkte Rede in Dia­logteilen zwischen Matias und Cesar sowie Matias und dem Parkwächter, sowie in einen Teil der intra­per­sonellen Rede mit erinnerten Gesprächen zwischen Cesar und Morton sowie mit Cesars Bewußtsseins­strom in personalem Erzählgestus, in monologischen Formen und erlebter Rede.

Die Szene beginnt mit einer Entschuldigung von Matias gegenüber Cesar in eher freundlichem Ton, steigert sich dann aber zu Sprachhandlungen des Schimpfens (Schwachkopf, Idiot, 7), mit dem sich Matias allge­mein Luft macht und den Parkwächter verwünscht. Mit einer sachlichen Feststellung „Das sind Anordnun­gen“ kann sich der Wächter entlasten. Da Matias aber nichts von Anordnungen weiß, merkt man, daß an ihm eine Kommunikation vorbeigelaufen ist, obwohl sie ihn unmittelbar betrifft. Hier liegt also schon zu Anfang eine betriebliche Kommunikationsstörung vor. Durch Nachfragen erfährt Matias den Verantwortlichen, Pittbourg, den der Wächter in vertraulichem Ton Pibu bezeichnet.

Cesar beginnt nun mit doppelgleisigem Kommunikationsverhalten: intrapersonal gibt er ein krasses Urteil ab: „Der ist erledigt.“ - er wendet sich aber im Dialog scheinbar fürsorglich an Matias und beruhigt ihn mit dem imperativischen Appell: „Mach dir keine Sorgen.“(7) In einer Selbstkorrektur variiert er die Aufforde­rung in: „Ärgere dich nicht.“(8) In der Form der erlebten Rede erfährt der Leser Cesars Motiv für diese Änderung in der Argumentation: „denn schließlich war der Ärger immer ein würdigeres Gefühl, die Wut war eine göttliche Eigenschaft [dachte Cesar].“(8) Vor allem das Adverb zeigt die Unmittelbarkeit der personalen Perspektive. Die inneren und geäußerten Redeteile Cesars umfassen hier ein Wortfeld von Gefühlsbegriffen, das Matias' emotionale Lage umkreist: Sorgen, Ärger, Würde, Wut, Aufregung, Panik. Cesar versucht Matias zu be­schwichtigen, indem er dessen Problem mit dem Parkplatz mit einem eigenen Erlebnis abtut und dann verallgemeinert: „immer Probleme wegen des Parkens“. Mit einem Bericht von seiner Lösung des Problems (Abgabe des Schlüssels) will er Matias Mut machen; er betrachtet aber seine eigenen Wort und verurteilt sie als „verlogen“.

In Gedanken rekonstruiert er, wie es zu seinem eigenen Parkplatzverlust kam, und meint zunächst noch mit der Sprachhandlung der eigenen Beruhigung, „daß sein Fall ganz anders lag“. (8) Später (10) entwickelt sich sein Fall in seinem Bewußt­seinsstrom jedoch zu einem deutlich parallelen Ereignis, auch wenn Cesar durch fast wörtliche Wiederholung noch einmal bestärkt, daß „sein Fall ja auch ganz anders lag“. Indem er die Gesprächssituation mit Morton genauer ausführt und seziert, wächst seine Ahnung, daß womöglich ein Zusammenhang zwischen seiner mangelnden Leistung für die Firma und dem Verlust seines Parkplatzes besteht. Cesar vergegenwärtigt sich das Gespräch mit Morton und bewertet Mortons Reden und Handeln zunächst positiv: lächelnd, freundschaftlich, leutselig, dann aber auch schon nachdenklicher, indem er mehrdeutiges Verhalten anführt und uminterpretiert: „Ich verstehe. Und es war als ob er gesagt hätte...“ (10) Fragen und Rückfragen sowie Redekommentierungen kennzeichnen die Unsicherheiten im Dialog: „Wie, was ich damit meine?“ Aus eigenen Versa­gensängsten heraus, weil ihn seine „Inspiration verlassen“ hat, schlußfolgert er in subjektiver Argumentation, daß Mortons scheinbar harmlose Frage, ob er eine Ausstel­lung vorbereitet, eine Attacke gegen seinen z.Zt. erfolglosen Mitarbeiter sei. Cesar verschärft seinerseits das Gespräch, indem er Morton einen Vorwurf unterstellt und als Beweggrund für Mortons Handeln selber seinen Verlust an Kreativität ansieht. So interpretiert Cesar Mortons Äußerungen und kommt zu den „Verdächtigungen“ (11), daß Morton mit seiner Leistung nicht zufrieden sei. Das Burnout-Thema wird in diesem Gespräch unmittelbar eröffnet.

Cesars Reaktionen weisen zwei für ihn typische Arten der Sprachhandlungen der intrapersonalen Rede auf: zum einen arbeitet er mit Unterstellungen und bald auch Schuldzuweisungen, zum anderen sind seine Inter­pretationen fremder Rede Ausdruck seiner Selbstvorwürfe und Symptom für seine Ängste.

In der Parkhaussituation entwickelt Cesar somit nach der direkten Rede mit Matias ein inneres Bild einer früheren Gesprächssituation, in das er dialogische Passagen einbaut und in dem er zusätzlich eine zweite innere Ebene der Selbstreflexion und eine Metaebene des Gesprächs aufbaut. Dies durchschaut Cesar und führt es auf eine Art „Verfolgungswahn“(11) zurück. Indem er sich „eingestehen“ kann, daß „er nicht auf der Höhe“ ist, sich „unsicher“ fühlt und „bedrückt“, wird durch diese Selbstkommentierung zum einen deut­lich, daß er ein Problem in dem angerührten Thema hat, und zum anderen, daß er noch nicht so weit ist wie Matias. Ihn hatte er in dem vorhergehenden inneren Monolog „erbarmungslos“ (10) nach einem kurzen Report seiner Karriere als einen 'loyalen Denunzianten' verurteilt und „zum Teufel“ gewünscht. Seine Einstu­fung, daß der Vorgang im Parkhaus keine „Tragödie“ sei, sollte zunächst den Vorfall erledigen; durch seine Rekonstruktion des Morton-Gesprächs gerät aber die tief darunterliegende Thematik schließlich auf die Spur einer sich anbahnenden Tragödie, nämlich seiner eigenen.

Als Kommunikationssituation weist die Parkhausszene somit viele Störungen auf. Sie hängen zum einen mit dem sich vollziehenden Untergang von Matias zusammen. Andererseits stellen sich Störungen ein, die in Cesars Befürchtungen und in dem betrieblichen Klima liegen.

So ist Cesar auch nicht in der Lage, seinem Kollegen Matias zu helfen, der dann Selbstmord begehen wird. Er ist viel zu sehr mit der auf ihn selbst zukommenden Bedrohung befaßt. Insofern ist der Beinahe-Crash zwi­schen Cesar und Matias von deutlichem Zeichencharakter: Jedem kann jederzeit etwas zustoßen! Die An­fangsseiten des Romans führen sowohl in die Mobbing- wie in die Burnout-Situation des ausgebrannten Künstlers und Werbegrafikers Cesar Miranda ein, der im weiteren Verlauf der „Tragödie“ in selbstzer­fleischenden und schuldzuweisenden Reaktionen immer handlungsunfähiger wird und damit seinen erahnten Untergang erst recht heraufbeschwört.

Die berufliche Grundsituation und die aktuelle Konfliktsituation im Parkhaus bedingen gleichermaßen zum einen Matias' jämmerliches Handeln und Reden und zum andern Cesars  Handeln und Reden, äußerlich scheinbar sicher, aber sehr unsicher im Innern. Beide Protagonisten können und wollen nicht als Kollegen kommunikativ aufeinander zugehen und ggf. die innerbetrieblichen Kommunikationsprobleme handelnd anpacken, die sich deutlich an der plötzlichen „Anordnung“ von oben am Anfang des Romans kundtun. Andererseits ist diese Lage der Ungewißheit, der latenten Bedrohung und der Unsicherheit in der beruflichen Position, bedingt durch unterlassene Kommunikation auch ein Machtinstrument der betrieblichen Hierarchie bei einem „kapitalistischen“ Unternehmen ohne fortentwickelten Führungsstil, ohne professionelles Kon­flikt­management und ohne eine entsprechende „betriebliche Ethik“(Leymann, 175 ff.).

 

3. Interpretation und Phase der „Aneignung“ (Kreft):

          den Sinn des Textes deuten

          die Bedeutung des ganzen Textes und seiner Teile abschließend erklären

          im Rückgriff auf Schritt 1 die Hypothese begründen, vertiefen, präzisieren, einschränken, erweitern, korrigieren, falsifizieren

          die Absicht des Autors erschließen

          den Text in Zusammenhänge stellen: Gesamtwerk; historischer, biografischer, literarischer ... Kontext

          die Bedeutung für damals - heute - immer, für mich erklären

          den Text und seine Wirkung beurteilen.

 

(Günther Einecke - zur Methode vgl.: Ders.: Unterrichtsideen Textanalyse und Grammatik. Vorschläge für den integrierten Grammatikunterricht. 5. - 10. Schuljahr. (Hauptbd. u. Materialien). Stuttgart: Klett (1993) 21994)

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Klausurvorschlag

 

Jg. 13.1 - Deutsch LK - / 6 Unterrichtsstunden

 

Analyse eines fiktionalen Textes / Rosa Montero: Geliebter Gebieter

Ausschnitt:       S. 13, oben „Beim Öffnen...“ - S. 15, knapp unter Mitte „... und fühlte sich klein und                          unglücklich.“

Aufgabenstellung:

1. Analysiere den Text  (denkbare Analyseverfahren: Struktur/Aufbau, Inhaltsanalyse, Erzählmittel und Redeformen, semantische Mittel, Situations-, Handlungs- und Redeanalyse)

2. Weiterführender Auftrag:  Interpretiere den Text unter den Interpretationsaspekten: Bedeutung der Szene in sich, für die Zeichnung des Protagonisten, für die Entfaltung der Problematik, für die Entwicklung der Erzählung - Wirkung und Bedeutung für mich

 

 

Text:

Beim Öffnen der Augen beobachtete er, daß das Licht sich von außen gegen die heruntergelassenen Jalousien drängte, sie anstieß, sie sozusagen aufblähte, sie mit dieser Sonne, die kraftvoll durch die Ritzen drängte, fast zum Bersten brach­te. Es war also ganz sicher schon sehr spät, der Tag war wahrscheinlich schon auf seinem Höhepunkt angelangt, und die Pflicht schlug mit anklagendem Licht auf sein Fenster ein. Aufstehen, Faulpelz, Faultier, Nichtsnutz. Cesar schloß die Augenlider und drehte sich in dem zerwühlten Bett auf die andere Seite. Morgens war sein Bett ein gemütlicher Platz, eine weiße Rüstung gegen die Welt, die letzte Zuflucht. Nachts dagegen verwandelte es sich in eine Startbahn zu weiß Gott was für entlegenen und ungastlichen Orten. Er schlief schon seit einer Ewigkeit nicht mehr richtig. Um die Augen über all seine Ängste schließen zu können, mußte er sich mit Pillen vollstopfen, und selbst dann vergingen noch Stun­den, bevor er es fertigbrachte, einzuschlafen. Deshalb stand er auch morgens so spät auf; deshalb und weil er es nicht schaffte, einen ausreichenden Grund zu finden, um sich zu erheben. Cesar griff nach der Uhr, die auf dem Nachttisch lag, und hielt das Zifferblatt unter einen dieser dichten und staubigen Sonnenstrahlen: Viertel nach zwölf. Er ließ sich wieder ins Bett fallen. Der Morgen zerrann ihm unter den Händen. Er hatte so viele Dinge zu erledigen, daß ihm schon bei dem Gedanken daran übel wurde. Der graue Anzug mußte aus der Reinigung abgeholt werden, falls ihn die Ange­stellten inzwischen nicht unter sich verlost hatten, denn schließlich hing er schon ein halbes Jahr dort; die Handwerker mußten benachrichtigt werden, um den tropfenden Wasserhahn in der Küche zu reparieren; der Wagen mußte in die Werkstatt gebracht werden, bevor er endgültig zusammenbrach; er mußte seinen Steuerberater anrufen, Papiere und Rechnungen ordnen, seinen Paß verlängern lassen, und eine endlose Reihe von ähnlichen Besorgungen waren zu erledi­gen. Und ganz zu schweigen von der sich seit Monaten anhäufenden Post, den Telefonanrufen, die sein automatischer Anrufbeantworter punktpünktlich aufzeichnete, und von denen er nichts wußte, den Freunden, die er nicht mehr sah, weil er keine Zeit fand, sie anzurufen. Alles Verpflichtungen, die jede für sich schon lästig genug waren, die aber, aufge­bläht durch die enorme Verspätung ihrer Ausführung, schließlich die Dimension eines Alptraumes angenommen hatten. Und dann war da noch die Last der Arbeit, oder besser gesagt der Nichtarbeit; sein Bedürfnis, in der Agentur etwas zu tun, was der Mühe wert wäre, und seine Unfähigkeit, dies in die Tat umzusetzen; und diese makellos weißen Leinwände, auf denen es ihm nicht möglich war, auch nur eine Linie zu ziehen. Oje, oje, oje. Cesar kam sich vor wie eine Raupe, und das Bett war sein gemütlicher Kokon. Er sah nach der Uhr. Fünf nach eins. Sein Problem war nur, daß er sich mit der Zeit nicht in einen Schmetterling verwandeln würde.

Er schloß die Augen, müde von soviel Nichtstun. Wenn er nur eine feste Arbeitszeit hätte, irgendeine konkrete Verant­wortung; könnte er nur an die Notwendigkeit glauben, sich an einer bestimmten Verpflichtung festhalten zu müssen, dann wäre es ihm ein leichtes, morgens aus dem Bett zu springen und die Tage schwungvoll und unternehmungslustig zu beginnen. Aber Cesar hatte den Glauben an die kleinen Routinen verloren; die kleinen alltäglichen Gesten, die für die anderen den Halt im Leben bildeten, kamen ihm absurd vor. Deshalb wuchte er immer so spät auf und verbrachte dann, was noch schlimmer war, Stunden bei dem Versuch, sich von der Notwendigkeit zu überzeugen, aufzustehen; sich aus diesen warmen und ein wenig verschwitzten Bettlaken zu schälen, die ihn umarmt hielten wie eine eifersüchtige Gelieb­te: süß, aber erstickend. Ein Kaffee, ein Kaffee und eine Zigarette. Fünf vor halb zwei. Vielleicht würde es sich lohnen, aufzustehen, um einen Kaffee zu trinken und die erste Zigarette zu rauchen. Im Halbdunkel des Zimmers hallten die nur allzu bekannten tagtäglichen Geräusche der Nachbarn wider; das Absatzgeklapper der über ihm wohnenden Frau, die vom Einkauf zurückkam; das gewaltsame Türenschlagen der Nachbarskinder, die hungrig und streitsüchtig aus der Schule kamen; das ohrenbetäubende laute Radio des tauben Rentners. Er hatte sich nie ernsthaft damit auseinanderge­setzt, aber sicherlich bedauerte er jetzt manchmal, keine Kinder zu haben. Er sah sich um acht Uhr morgens beherzt aus dem Bett springen, um die Kinder in die Schule zu bringen: es war ein wohltuendes und freundliches Bild. Natürlich würde diese Vater-Kinder-Idylle auch andere, weniger angenehme Verpflichtungen mit sich bringen: das eingefahrene Familienleben, jede Nacht der Fernseher; und am Samstag, wenn der Babysitter käme, würde man mit einem anderen Paar zum Abendessen in ein Restaurant gehen. Wenn irgend möglich mit einem Arbeitskollegen, der dazu noch inner­halb der Firma in Aufsteigerposition war. Vielleicht sogar mit Quesada und seiner Frau, ein nettes Ehepaaressen mit Quesadas. Mit der Zeit, und nach dem Besuch mehrerer Moderestaurants, könnte er dann Quesada zu sich nach Hause einladen. Der stellvertretende Direktor würde mit einer Flasche Rioja eintreffen und das blonde Köpfchen seines Soh­nes, Cesars Sohnes, streicheln; Quesada würde mit seinen Menschenfresserhänden, noch fettig von den Erdnüssen des Aperitifs, dem Kind die Wangen tätscheln, und alles wäre höchst anständig und wie es sich gehört.

Aber schließlich würden Kinder mangelnde Bewegungsfreiheit mit sich bringen; um zu kommen und zu gehen, wann immer man wollte; um zu reisen; um Frauen aufzureißen; sogar um zu arbeiten, zu schaffen, zu malen, wenn er das Bedürfnis dazu hätte. Aber halt: seit Jahren hatte er keinen Strich mehr gezogen, keine einzige, und sei es auch noch so elende Idee zustande gebracht. Wozu nutzte ihm also eine derartig sterile Freiheit. Ebensogut hätte er sich in der Zwi­schenzeit der Aufzucht von anderthalb Dutzend Rabauken widmen können. Aber das war ebenfalls eine absurde Über­legung: Woher kam bloß dieses Nachdenken darüber, ob es nicht besser gewesen wäre, ein Kind zu haben? Als ob die Entscheidung von ihm abhängig gewesen wäre. Keine Frau wollte sich je von seinem Samen schwängern lassen. Zu­mindestens soviel er wußte. Cesar kuschelte sich in die Bettlaken ein und fühlte sich klein und unglücklich. [...]

(Ausschnitt aus: Rosa Montero, Geliebter Gebieter. Kap. 2 Anfang. st 1879, S. 13 - 15)

 

 

Erwartungshorizont:

 

Zu erwartende Schülerleistungen unter Verweis auf die unterrichtlichen Voraussetzungen:

Die Analyse- und Interpretationsaufgaben setzen generell einen Bestand an Verfahren voraus, die in 12/13 explizit eingeführt wurden. Aus diesem methodischen Repertoire können die Schülerinnen und Schüler generell frei auswählen und Methoden einsetzen, die der Textlage gerecht werden.

 

Die Analyse von Erzähltexten war Gegenstand in 12.1, 12.2, 13.1 und 13.2. Dabei wurden als Verfahren vor allem eingeführt: Analyse der Erzähltechniken (Erzählsituation, Redeformen, Struktur und finale Gestaltung, stilistische Mittel) sowie textinterne Kommunikationsanalyse (Situations-, Handlungs- und Redeanalyse). Die Schüler haben den Roman im Unterricht als Beispiel moderner Romantechnik (verunsicherter Held, personale Sicht etc.) und als Beispiel übernational-europäischer Problematik (Verknüpfung der Probleme im Berufs- und Privatleben) kennengelernt. Neben anderen Teilen wurde auch Kap. 7 nicht behandelt.

 

Bei der Analyse können die Schüler erarbeiten:

-          enge, alltägliche Situation des Wartens beim Arzt als Spannungsgrundlage

-          Spannungssteigerung über Gefühlsdetails mit Zeitdehnung

-          Körpersprache mit Anzeichen von Nervosität - Minimalhandlungen

-          Innensicht der Textfigur mit erlebter Rede, Appellen, Hypothesen und Infragestellungen, geprägt von Erwartungs- und Versagensängsten

-          kritische Sicht der Firma durch parallelisierende Rückblende auf Militärdienst und knappe Theorieent­wicklung

-          Schuldzuweisungen an Quesada im Rahmen des Themas „Mobbing“

-          Thematisierung seiner Unangepasstheit als Kontrast zur Unterwerfungstechnik der Firma

-          Symbolische Überhöhung des Fluchtmotivs

ggf. Einbettung der Szene in den Textzusammenhang mit Überlegungen zur Konkurrenzgesellschaft

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

s. auch: Klausuraufgabe und Klausur zu einem anderen Textausschnitt

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Nationenklischees

 

 

 

 


 

 

 

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 


 

 

Material zu Mobbing

 

„Der Begriff Mobbing beschreibt negative kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder mehreren anderen) und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen.“

 

Die 45 Handlungen - was die «Mobber» tun

 

Hier folgt nun eine Auflistung der 45 Handlungen, von denen uns in jenen 300 eingangs erwähnten Interviews berichtet wurde.

1. Angriffe auf die Möglichkeiten, sich mitzuteilen:

- Der Vorgesetzte schränkt die Möglichkeiten ein, sich zu äußern.

- Man wird ständig unterbrochen.

- Kollegen schränken die Möglichkeiten ein, sich zu äußern.

- Anschreien oder lautes Schimpfen.

- Ständige Kritik an der Arbeit.

- Ständige Kritik am Privatleben.

- Telefonterror.

- Mündliche Drohungen.

- Schriftliche Drohungen.

- Kontaktverweigerung durch abwertende Blicke oder Gesten.

- Kontaktverweigerung durch Andeutungen, ohne daß man etwas direkt ausspricht.

 

2. Angriffe auf die sozialen Beziehungen:

- Man spricht nicht mehr mit dem/der Betroffenen.

- Man läßt sich nicht ansprechen.

- Versetzung in einen Raum weitab von den Kollegen.

- Den Arbeitskollegen/innen wird verboten, den/die Betroffene/n anzusprechen.

- Man wird «wie Luft» behandelt.

 

3. Auswirkungen auf das soziale Ansehen:

- Hinter dem Rücken des Betroffenen wird schlecht über ihn gespro­chen.

- Man verbreitet Gerüchte.

- Man macht jemanden lächerlich.

- Man verdächtigt jemanden, psychisch krank zu sein.

- Man will jemanden zu einer psychiatrischen Untersuchung zwin­gen.

- Man macht sich über eine Behinderung lustig.

- Man imitiert den Gang, die Stimme oder Gesten, um jemanden lächerlich zu machen.

- Man greift die politische oder religiöse Einstellung an.

- Man macht sich über das Privatleben lustig.

- Man macht sich über die Nationalität lustig.

- Man zwingt jemanden, Arbeiten auszuführen, die das Selbstbe­wußtsein verletzen.

- Man  beurteilt den  Arbeitseinsatz  in  falscher und  kränkender Weise.

- Man stellt die Entscheidungen des/der Betroffenen in Frage.

- Man ruft ihm/ihr obszöne Schimpfworte oder andere entwürdi­gende Ausdrücke nach.

- Sexuelle Annäherungen oder verbale sexuelle Angebote.

 

4. Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation:

- Man weist dem Betroffenen keine Arbeitsaufgaben zu.

- Man nimmt ihm jede Beschäftigung am Arbeitsplatz, so daß er sich nicht einmal selbst Aufgaben ausdenken kann.

- Man gibt ihm sinnlose Arbeitsaufgaben.

- Man gibt ihm Aufgaben weit unter seinem eigentlichen Können.

- Man gibt ihm ständig neue Aufgaben.

- Man gibt ihm «kränkende» Arbeitsaufgaben.

- Man gibt dem Betroffenen Arbeitsaufgaben, die seine Qualifika­tion übersteigen, um ihn zu diskreditieren.

 

5. Angriffe auf die Gesundheit:

- Zwang zu gesundheitsschädlichen Arbeiten.

- Androhung körperlicher Gewalt.

- Anwendung leichter Gewalt, zum Beispiel um jemandem einen «Denkzettel» zu verpassen.

- Körperliche Mißhandlung.

- Man verursacht Kosten für den/die Betroffene, um ihm/ihr zu schaden.

- Man richtet physischen Schaden im Heim oder am Arbeitsplatz des/der Betroffenen an.

- Sexuelle Handgreiflichkeiten

 

(Leymann, Heinz: Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz... Reinbek: Rowohlt 1993)

-------------------------------------------------------

Stellt mögliche Ursachen und Motive für das Mobben zusammen. Unterscheidet dabei

a) nach Privatunternehmen und Behörden sowie

b) nach Mobben von unten und Mobben von oben sowie

c) nach männlichen und weiblichen Tätern und Opfern.

 

--------------------------------------------------------

Ursachen für Mobbing:

 

Zunehmender Leistungsdruck

Konkurrenzdenken

Angst vor Arbeitsplatzverlust

Persönliche Egoismen

Mangelnde Konfliktfähigkeit

Mangel in der Organisation

Mangel in den Produktionsablaufen

Fehlende Freiraume bei der Gestaltung der Arbeit

Unterforderung/Überforderung

Unzureichende Personalführung

Fehlende Mitarbeiterorientierung

Schlechte Arbeitsbedingungen

Mangel an Toleranz

Niederes ethisches Firmenniveau

 

 

Mobbing-Situationen können nur deshalb entstehen, well

 

alle es zulassen,

niemand sich kümmert,

keiner etwas dagegen tut,

die Täter ungehindert ihre Opfer quälen können,

die Opfer Angst haben,

jeder zuerst an sich selbst denkt,

Egoismus vor Mitmenschlichkeit steht.

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 


Cover-Vergleich

Madrid 1988

Deutsche Erstausgabe  1989

Deutsch Taschenbuchausgabe 1991

Taschenbuch-Neuauflage 1993

 

 


 

Wer Kollegen hat braucht keine Feinde (TV today, 13.12.1995)

Georg Meier (Heino Ferch) kann auf einige Erfolge in seiner Informatikerkarriere zurückblicken ‑ aber eben nur zurück. Zur Zeit machen ihm familiäre Probleme zu schaffen. Auf eine solche Situation hat sein smarter Vorgesetzter Mark Heller (Hans Werner Meyer) nur gewartet. Er will nämlich Georgs ganze Abteilung loswerden und setzt seine Ex­-Freundin Sylvie (Martina Gedeck) auf den Kollegen an. Die attraktive Controllerin soll nachweisen, daß Georg ausgepowert ist. Allerdings laufen die Dinge anders, als Mark es sich vorgestellt hat. Der Kreative und die Schöne verstehen sich besser, als ihm lieb ist, mit seinem Intrigenspiel treibt er sich selbst immer mehr in die Enge.

Regisseur Martin Enlen studierte an der Münchner Filmhochschule. Sein Kurzfilm »Aus gutem Grund« wurde für den Hochschulfilm­Oscar nominiert.

 

Fazit: Fröhliches Massenmobbing ‑ hart am, Puls der Zeit, drastisch, satirisch und lehrreich für den Arbeitsalltag. 89 Min.

Tagestip

Action Spannung         Humor             Erotik

                        ***                  *                      *

D1995 R: Martin Enlen D: Heino Ferch, Martina Gedeck,  Hans Werner Meyer, Udo Schenk, Bettina Kupfer FSK: -

***­

 

 



[1] Rosa Montero, Geliebter Gebieter. 1988. Wuppertal: Hammer 1989. als suhrkamp-taschenbuch Nr. 1879 (1991), hiernach zitiert - seitenidentisch mit st Nr 2245 (1993)

[2] vgl. z.B. Kuttenkeuler, Wolfgang (Hrsg.): Poesie und Politik. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 1973

[3] aktuelle Zeitungsausschnitte zur Biographie und zu den Werken ausländischer Autoren, Rezensionen etc. erhältlich bei: Internationale Autorendokumentation (IAD), Königswall 21 (Harenberg-City-Center), 44122 Dortmund

[4] Nieke, Wolfgang: Interkulturelles Lernen und Interkulturelle Erziehung. In: Landesinstitut für Schule und Weiterbil­dung (Hrsg.): Lernen für Europa-Informationen. Heft 2. Soest 1992

[5] Wittenberg, Hildegard (Hrsg.): Europäische Nachbarn. Stuttgart: Klett 1991

[6] Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hrsg.) - Holzbrecher, Alfred / Krüger-Knobloch, Uli: WeltBilder. Lese- und Arbeitsbuch. Soest 1993

[7] Lauer, Jürgen: Die Region als Identifikationsraum in der interkulturellen Erziehung. In: Landesinstitit für Schule und Weiterbildung (Hrsg.):  - Informationen zu Projekten des sprachlichen und interkulturellen Lernens. Heft 3. Soest 1992, S. 59 ff.

[8] s. Lindemann, Klaus (Hrsg.): "Heimat". Arbeitstexte für den Unterricht. Stuttgart: Reclam 1992 - Prahl, H.-W. /  Steinecke, A. (Hrsg.): Tourismus. ebd. 1981 - Waldherr, Franz / Weiß, Norbert: Reisen - Das Ich in der Fremde suchen. In: deutsch betrifft uns 1/1994. Aachen: Bergmoser und Höller

[9] EU-Informationen 1/1994, S. 7

[10] Bredella, Lothar / Christ, Herbert (Hrsg.): Zugänge zum Fremden. Gießen: Ferber 1993 - vgl. "Fremdes Verstehen." Themenheft DU 4/1989

[11] Eggert, Hartmut / Scharf, Kurt (Hrsg): Literatur fremder Kulturen. DU 1/1992, S. 7

[12] Quandt, Siegfried: Zur Wahrnehmung der Deutschen im Ausland. In: Völker und Nationen im Spiegel der Medien. Bonn: Bundes­zentrale für politische Bildung 1989, 36 ff. 

[13] Hoffmann, Rolf: Mit den Augen der anderen. Bonn: Alexander von Humboldt-Stiftung 1988

[14] Oomen- Welke, Ingelore: Umrisse einer interkulturellen Didaktik für den gegenwärtigen Deutschunterricht. In: DU 2/1991, 16

[15] Kultusminister NW: Richtlinien Deutsch - Gymnasiale Oberstufe. Frechen: Ritterbach (Köln: Greven 1982), S.26, 29

[16] Högy, Tatjana (Hrsg.): Weltliteratur. Frankfurt: Diesterweg 1979

[17] Richtlinien Deutsch, s. Anm. 15, 70 f.

[18] ebd. 65 - 67

[19] Pichois, Cl / Rousseau, A.-M.: Vergleichende Literaturwissenschaft. Düsseldorf: Schwann 1971

[20] Nünning, Ansgar: Das Image der (häßlichen?) Deutschen. Die Neueren Sprachen 93. 2/1994, S. 160-184

[21] ebd. 162 f.

[22] Wilke, Jürgen: Imagebildung durch Massenmedien. In: s. Anm.12, S. 12 f.

[23] ebd. 20

[24] Decke-Cornill, Helene: Intertextualität als literaturdidaktische Dimension. In: Die Neueren Sprachen 93, 3/1994, 272-287 - auch: Broich, U./Pfister,M. (Hrsg.): Intertextualität. Tübingen: Niemeyer 1985

[25] Brenner, Peter J.: Die Lügen der Dichter und die Illusion der Literaturwissenschaft. Probleme und Funktion literatur­wissenschaftlicher Stereotypenforschung. In: Mitt. d. dt. Germ.verbandes 1/1995, 11

[26] ebd., 15

[27] Consejería de Educación / Embajada de España (Ed.): Trayectoria de la novela española en las últimas décadas. Bonn 1990, 6 (aus dem Span.)

[28] ebd. 7 f.

[29] Karnofsky, Eva: In ihren Büchern teilt sie etwas über ihre Welt mit. In: Börsenblatt 78/1.10.1991, S.3482

[30] Müller-Michaels, Harro: Kanon der Denkbilder - Streit für das Recht auf Lektüre. In: LV NW im Dt. Germ.vb. (Hrsg.): Arbeit am Kanon - Arbeit ohne Kanon. 1993, 5 ff.

[31] ebd. S. 18 ff.

[32] Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung. Heidelberg: Springer 1989

[33] Bönsch, Manfred: Die alltägliche Tretmühle. In: Neue Deutsche Schule 16/1990, 10 ff.

[34] Goleman, Daniel: Emotionale Intelligenz. München: Hanser 1996

[35] vgl. Quoirin, Marianne: Die modernen Einzelgänger. In: Kölner Stadt-Anzeiger 8.1.1996, S. 3

[36] Burisch, s. Anm. 32, S. 12

[37] Kindler, Wolfgang / Linneborn, Ludger: SchülerInnen engagieren sich. In: PD SH "Schüler 1995". Velber: Friedrich 1995, S. 106

[38] Leymann, Heinz: Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz... Reinbek: Rowohlt 1993 - vgl.: Huber, Brigitte: Mobbing. Niedernhausen: Falken 1993 - Hesse, Jürgen / Schrader, Hans Christian: Krieg im Büro. Frankfurt: Fischer 1995 - Brommer, Ulrike: Mobbing. München: Heyne 1995 - Berg, Wolfhart: Mit den Wölfen heulen. Mn.: mvg 1996

[39] ebd. 21

[40] Fritsch, Sybille: Hitparade der Hysterien. In: profil Nr. 46, Nov. 1994, S. 78 f.

[41] Fleck, Ludwig: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. (1935). Frankfurt: Suhrkamp 1980, 130 f.

[42] vgl. Grzesik, J.: Textverstehen lernen und lehren. Stuttgart: Klett 1990, 186-346

[43] Einecke, Günther: Unterrichtsideen Textanalyse und Grammatik. Vorschläge für den integrierten Grammatikunter­richt. Stuttgart: Klett 1993 (21995), S. 157 - 161

[44] neben der in der Sequenz enthaltenen Charakterisierung nach nationalen Images kann hier zur Differenzierung eine "Soziale Kategorisierung" als ein verwandter Umgang mit Images und Stereotypen erfolgen; vgl. Hausendorf, Heiko: Selbst- und Fremdbilder im Gespräch: Linguistische Aspekte der sozialen Charakterisierung. In: Mitt. d. Dt. Germ.verbandes 1/1995, S. 16 ff.

[45] vgl. Ingendahl, Werner: Umgangsformen. Produktive Methoden zum Erschließen poetischer Literatur. Frankfurt: Diesterweg 1991 - Eggert, Hartmut / Rutschky, Michael: Literarisches Rollenspiel in der Schule. Heidelberg: Quelle & Meyer

[46] Wertheimer, Max: Produktives Denken. Frankfurt: Kramer (2) 1964, 46-49