Günther
Einecke (Beitrag zum Germanistentag Bochum 1996)
Rosa Monteros Roman „Geliebter
Gebieter“ (Spanien 1988)
im interkulturellen Deutschunterricht
1. Das Programm der interkulturellen Unterrichtsreihe LK 13
2. Die spanische Autorin Rosa Montero
3. Der Text „Geliebter Gebieter“
Begegnung durch Reisen und Lesen
TV-Spielfilm: Wer Kollegen hat...
Spanien - ökonomisch-politischer Wandel
4.3 Die
aktuellen Deutungsmuster „Burnout“ und „Mobbing“
„Denkbilder“ und
Deutungsmuster
5. Methoden und
Beispiele aus dem Unterricht
5.1 Kognitiv-analytische Verfahren
Folie: Interkultureller Vergleich
Analyse der „starken Bilder“: die Aufzugszenen
Freies Schreiben nach der Reise
Interkultureller Vergleich - Methoden
Kommunikationsanalyse: Beispiel einer Analyse
zum TV-Film „Wer Kollegen
hat braucht keine Feinde“
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
1. Das Programm
Zur
Planung der Sequenz in einem Leistungskurs Deutsch Jg. 13, Gymnasium NRW[1]:
|
Problemorientierung |
Die
Ohnmacht des Kreativen im modernen Konkurrenzbetrieb -
das Burnout-Syndrom und Mobbing international - |
|
Methodenorientierung Verknüpfungsprinzip Jg.
12 - 13: in
einem Kursprogramm „Interkulturelle Begegnung Spanien - Deutschland in Literatur und Reise“ |
▪
kognitiv-analytisch:
Kommunikationsanalyse und Erzähltechniken; Analyse der „bildkräftigen Szenen“
- soziale und nationale Stereotypen - images ▪
rezeptionsorientiert:
Erwartungscluster, Buchcover als Folienimpulse etc. ▪
produktionsorientiert:
verschiedene literarische Rollenspiele: Figuren-Briefe und -Interviews, Mitarbeitervereinbarung, Therapiekonzept,
Strategiepapier etc.; Szenenanspiel;
Schaubild, Normenkatalog; Rezension; ▪
handlungsorientiert:
im Rahmen der Vor- und Nachbereitung einer Studienfahrt des Kurses nach
Salamanca ▪
medienorientiert:
Vergleich mit dem deutschen TV-Film: „Wer Kollegen hat, braucht keine
Feinde“; Dokumentarfilm: Spanien nach Franco |
Vermittelt
werden soll
a) der interkulturelle
Aspekt:
▪
durch die Erfahrung, wie eine Autorin im modernen Spanien
nach Franco die nationalen „images“ im Blick auf die aktuellen europäischen
Gemeinsamkeiten überschreitet
▪
durch den Vergleich des spanischen Romans mit einem
aktuellen deutschen TV-Film, der Parallelen in den gegenwärtigen
Lebensverhältnissen aufweist, die durch die moderne Wirtschaftsordnung mit
einer Tendenz zur Globalisierung der ökonomisch-sozialen Konflikte bedingt zu
sein scheinen
▪
durch Aufarbeitung von Reiseerfahrungen als Vergleich
von Primär- und Sekundärerfahrungen.
b) die
Methodenvarianz der Textarbeit für einen modernen Roman:
▪ kooperative und kombinierte Planung von Reise und Lektüre aus Anlaß einer Studienfahrt ins Ausland
▪ Koppelung analytischer, produktiver und kontrastierender Methoden
▪
Erörterung der Probleme der Arbeitswelt und des ökonomischen
Systems sowie der Phänomene der nationalen image-Bildung unter
literatursoziologischem Zugriff auf einen Text der littérature engagée[2]
Der Arbeitsansatz soll übertragbar sein
für die Planung von Unterrichtssequenzen in der Oberstufe:
▪ Einbeziehung ausländischer, also niederländischer, französischer, polnischer... Literatur in guter Übersetzung in den Deutschunterricht, damit die 'transkulturelle Erfahrung' (s. Eröffnungsvortrag Prof. Welsch, Germanistentag Bochum 29.9.96) möglich wird, daß quer durch die Kulturen der Gegenwart gemeinsame Bewußtseinslagen existieren und bestimmte kulturelle Phänomene und gesellschaftliche Probleme supranational erscheinen
▪ Nutzung einer - dann früh zu planenden - Studienfahrt für die Schwerpunktsetzungen des Kursprogramms im Literaturunterricht, damit eine Verbindung von Reise- und Leseerfahrung möglich wird
▪ Entwicklung der Problemorientierung im Literaturunterricht durch eine Lektüreauswahl und durch Aufnahme solcher Themen, die gegenwärtige Phänomene der deutschen und der „fremden“ Kultur in wechselseitiger Spiegelung vermitteln, damit „das Ich im Fremden erfahren“ werden kann
▪
Einsatz solcher Methoden, die den
Kommunikationsproblemen der modernen Gesellschaft entsprechen: z.B.
Kommunikationsanalyse, sowie solcher Methoden, die die Rezeptionsfreude und die
Verarbeitungsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler steigern: produktive
Verfahren und Problemerörterungen.
Die Schülerinnen
und Schüler sind vor allem in folgender Weise an der Planung und Gestaltung
einer solchen Sequenz beteiligt:
▪ Auswahl des ausländischen Reiseziels und damit der Lektürevorschläge für fremdsprachliche Literatur
▪ Vorbereitung von Beobachtungsperspektiven für die Reise, gewonnen aus der Konfrontation mit dem Text
▪ Gestaltung einer literarischen Aktion vor Ort mit weiteren Texten, Szenen etc. aus dem anderen Land (z.B. „literarisches happening“ an den Ufern des Río Tormes vor Salamanca)
▪ Einbeziehung von deutschen Paralleltexten und Medien
▪ bei der textinternen Arbeit: Auswahl der Textschwerpunkte (s. u. bildhafte Szenen) für die konzentrische und themenorientierte Erarbeitung - Ideensammlung für produktive Verfahren (s.u.) - Produktion
▪ bei der kontextorientierten Arbeit: Hinzuziehung von außerschulischen Informationen zum Problemaspekt der Lektüre - hier: Erfahrungen von Personen im Arbeitsleben (s.u. „Amerikanisierung“, Mobbing etc.)
▪
Formen der freien Gestaltung und der freien Erörterung
bei der Nachbereitung von Reise und Lektüre
2. Die spanische Autorin[3]
Rosa Montero, 1951 in Madrid geboren,
bekannt als Journalistin in der angesehensten spanischen Tageszeitung „El
País“, wurde mit vielen Preisen für ihre Reportagen, Interviews und Essays
ausgezeichnet. Sie sieht ihre große Leidenschaft im Schreiben von Romanen:
„Crónica del desamor“ (Chronik der Gleichgültigkeit - oder Lieblosigkeit,
1979) zeigt noch in Formen dokumentarischer Literatur die Beschränkungen in
der Frauenrolle als Erbe der Franco-Zeit; „La función Delta“ (Die
Delta-Funktion, 1981) zeigt besonders die Unwirtlichkeit der modernen Städte
und setzt sich in Form eines Tagebuchs aus dem Jahre 2010 mit den Grundthemen
Liebe, Einsamkeit und Tod sowie Schreiben auseinander; „Te trataré como a una
reina“ (Ich werde dich behandeln wie eine Königin, 1983; dt. 1990) wirkt wie
ein groteskes Melodrama und zugleich wie eine Sozialstudie gescheiterter
Existenzen in einer Großstadt wie Madrid im Rahmen eines kriminalistisch
erscheinenden Falles; es folgen 1988 „Geliebter Gebieter“ und 1990 „Temblor“ (Zittern,
dt. 1991), in dem in Form eines Science-Fiction-Romans die Protagonistin wie in
einem Bildungsroman auf der Suche nach den Möglichkeiten menschlichen
Zusammenlebens ist.
3. Der Text
Rosa Montero:
Geliebter Gebieter“ (1988, dt. 1989)
- Cesar ist als „freier Mitarbeiter“ Art-Director in einer Werbeagentur, die
sich von einem nationalen Unternehmen „Die Richtung“ zu einem internationalen
Unternehmen „Golden Line“ entwickelt hat; in seiner Kreativität ist er
ausgebrannt (Burnout), jüngere Mitarbeiter wollen ihn verdrängen (Mobbing); er
opfert seine Freundin Paula, sein privates Glück, um im Geschäft bleiben zu
können. - In der Nach-Franco-Zeit erfolgt in Spanien ein Modernisierungsschub
mit extremer ökonomischer Expansion; Spanien nimmt teil an der Globalisierung
der kapitalistischen Prinzipien. Auf der Ebene von Unternehmen entwickelt sich
die bedrohliche Bindung von Herrschern und Beherrschten; zugleich sind es
Zeiten steigender Arbeitslosigkeit. Die Konsequenz für das ins System eingespannte
Individuum ist der Persönlichkeitsverlust; mit der Akzentuierung der Phänomene
„Burnout“ und „Mobbing“ (s.u.) geschieht eine zunehmend psychologisierende und
individualisierende Betrachtung der ökonomisch-sozialen Konflikte. Aber
gleichzeitig artikuliert der Roman in den Worten der Volkswirtschaftlerin
Clara eine explizite Systemkritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem: „und
während im übrigen Land neue Winde wehten, die Leistungsbezogenheit und
Konkurrenzdenken mit sich brachten, betraten sie an der Hand ihrer neuen
amerikanischen Besitzer direkt die Ära des unbarmherzigen Unternehmenskampfes,
wobei rasant ein gutes Dutzend sozialer Zwischenstationen übersprungen wurde
und man vom rückständigsten Feudalismus in den extremsten Kapitalismus
geriet.“ (Text S. 92) - (Vgl. Rezensionen)
■ Begegnung durch
Reisen und Lesen
In der Begegnung
mit dem Fremden Gemeinsamkeit und Vielfalt zu erfahren, die Neugier am Fremden
zu lernen und damit auch den Ethnozentrismus zu überwinden sowie sich selbst im
Fremden besser kennenzulernen, u.a. darin besteht der Ansatz für das
interkulturelle Lernen, das sich zugleich auf das lernende Ich und sein Umfeld
wie auf das Fremde in Europa oder gar der Welt richtet.[4] Die
unmittelbare interpersonelle Begegnung ist dabei das Ideal dieses Konzeptes,
z.B. durch Schüleraustausch. Annäherung ist aber auch möglich durch
literarische Begegnung und Reisen; so in neuen Text- und Materialsammlungen für
einen interkulturellen Unterricht wie dem Oberstufen-Lesebuch Europäische
Nachbarn“[5]
oder dem Arbeitsbuch „WeltBilder“[6], aber
auch durch Literaturunterricht mit Werken der Weltliteratur, freilich in
Übersetzung; so auch durch Studienreisen ins Ausland.
Mit dem
Stichwort von den „Zitadellengesellschaften“ wird heute auf die neuen Versuche
hingewiesen, wie nach dem Ende der Blockpolitik die „Nation“ als „Imagination
von Gemeinschaftlichkeit“ von einigen wieder höher bewertet wird, obwohl gerade
die deutsche Jugend mehrheitlich dem Nationen-Begriff sehr skeptisch
gegenübersteht. Abgrenzung wird in Opposition zur offiziellen Europapolitik
proklamiert. Ein anderer Leitbegriff ist die „multikulturelle Gesellschaft“,
die für die einen die Migrationsprobleme zu lösen scheint, für die anderen das
Signal zu Ausländerhaß ist. Das Europa der Regionen ist mit Jaques Delors die
offizielle französische Antwort auf ein übergewichtiges Brüssel oder
Maastricht. Die „Region als Identifikationsraum in der interkulturellen
Erziehung“[7]
verlängert diesen Gedanken. Dabei wird mit „Region“ eine begriffliche
Differenzierung gegenüber dem stark konnotativ besetzten sowie durch die
nationalsozialistische Ideologie kompromittierten Begriff „Heimat“ versucht.
Die unbekümmert als Touristen durch Europa reisenden Bundesbürger erklären
schließlich die engere Region als ihre eigentliche Heimat:
Die Stadt
ist für die meisten ,,Heimat“
Hamburg - Die Heimat der Bundesbürger ist klein.
Nicht ,,Deutschland“ nennen die meisten auf die Frage nach ihrer Heimat,
sondern ihr Bundesland oder ihre Stadt. Das fand das Marktforschungsinstitut
Inra bei einer Repräsentativumfrage unter 1300 Bundesbürgern ab 14 Jahren
heraus. Der Trend gehe weg vom Nationalen oder Bundesstaatlichen hin zur
,,kleinen Heimat“ der Region. Auf die Frage, welches Gebiet sie als ihre
Heimat bezeichnen würden, antworteten nur sieben Prozent: ,,Deutschland“. In
ihrem Bundesland (19 Prozent) oder einer landschaftlichen Region (21 Prozent)
fühlten sich deutlich mehr Befragte heimisch. Den meisten jedoch, nämlich 41
Prozent, war die Stadt Heimat, in der sie geboren wurden oder leben.
(dpa) [Kölner
Stadtanzeiger 27.1.1996]
Eine
Identifikation mit einem lokalen Bezugssystem scheint für den einzelnen
lebensnotwendig und für das friedliche Zusammenleben der Völker wichtig.
Umstritten ist nur, welches es sein soll und inwieweit eine räumliche
Sicherheit zugleich Offenheit gegenüber dem „Fremden“ ermöglicht. Die
Vorstellungen und Erfahrungen der Schüler werden in der Rahmung der Unterrichtssequenz zu Monteros Roman mit
Literatur und Texten zum Thema „Reisen und Heimat“[8]
thematisiert und an dem Wortfeld „Heimat - Europa - Nation - Region“ erörtert.
■ „Studienfahrten“ ins Ausland im Leistungskurs
Deutsch - nach dem sog. Wandererlaß in NW
„Ziel
und Inhalt mehrtägiger Studienfahrten ergeben sich aus der Bildungsarbeit der
Schule. Die Fahrten werden im Unterricht vorbereitet und ausgewertet. ... Sie
sollen auch der Vertiefung von Unterrichtsinhalten dienen, die wie z.B. die
politische Bildung fächerübergreifenden Bezug haben.“ (12.1)
Ausgangspunkt
war die Beobachtung, daß viele Studienfahrten touristisch geworden sind (Surfen
und Strandleben an der Côte d'Azur o.ä.). Außerdem berichteten die Schüler, daß
viele Familien zwar nach Spanien fahren, jedoch i.d.R. in die deutschen
Kolonien nach Mallorca oder der Costa Brava o.ä. - Spanien war 1994 Reiseziel der Deutschen an zweiter Stelle nach
Österreich und vor der Schweiz, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Niederlande
etc.[9]
- Ziel war es daher, diese Reisegewohnheiten zu nutzen, aber mit einer
Verlagerung auf die Begegnung mit Land und Leuten im Zentrum Spaniens abseits
der deutschen Touristenströme. Es sollte also das „Reisen“ zum Thema im
Deutschunterricht werden, und die Gegenstände im Literaturunterricht sollten
mit dem Reiseziel verbunden werden. Die Studienfahrt führte nach Salamanca. -
Es bot
sich eine Kooperation mit einem Leistungskurs Spanisch an unserer Schule. Beide
Kurse ergänzten sich in der Vorbereitung. Außerdem wurde durch eine Spanischreferendarin
ein Crash-Kurs in Gebrauchsspanisch angeboten, den knapp ein Drittel des
Deutsch-LK nutzte. (Dabei zeigt sich, wie unsere Oberstufenschüler terminlich
durch Freizeit- und Vereinsaktivitäten sowie durch Jobben verplant sind.)
Außerdem gab es zwei Schülerinnen, die Spanisch als Fach belegt hatten.
Die Vor-
und Nachbereitung der Salamanca-Reise geschah im Leistungskurs durch
Ausrichtung des gesamten Kursprogramms Jg. 12 und 13 auf einen
interkulturellen Literaturunterricht (s.u.) und durch eigene Formen der
Textproduktion zum Thema „Reisen“.
Eine
Studienfahrt eines Deutsch-Leistungskurses ins fremdsprachliche Ausland ist
also auch unter fachlichem Aspekt durchaus genehmigungsfähig.
■ Fremdverstehen[10] und
Selbstverständnis - Reisen
„Der
Reisende sieht im Gegensatz zum Touristen, der vor allem seine häuslichen
Probleme als Reiseballast mit sich herumschleppt, in der Regel nach seiner
Rückkehr die eigenen heimatlichen Gefilde schärfer“.[11]
Mit der Lektüre wird den Schülern ein Bild Spaniens vermittelt, das sie in
Spanien selbst überprüfen sollen. Salamanca ermöglicht dabei diese
Einblicknahme, zeigt es doch sehr gut die große Transición, den großen
Übergang: im Herzen des ländlichen Kastilien und mit einer ausgeprägten
Altstadt, zugleich mit neuen, wie aus dem Boden gestampften Stadtteilen, mit
der Sanierung des Universitätsviertels und dem Einzug modernistischer
Bauweise, mit agrarischer Umgebung, in der zugleich halb ausgestorbene Dörfer
und florierende agrarindustrielle Großbetriebe auffallen.
Neben
den aussterbenden Dörfern wirken auf die Schüler vor allem bestimmte
Lebensgewohnheiten fremd und können sogar Mißverständnisse hervorrufen: das
lange Treiben in den Straßen bis spät in die Nacht - die langen Öffnungszeiten
der Läden am Abend bei gleichzeitig langer Mittagspause, wenn auch schwindender
„siesta“ - die agencias, die die Behördengänge für die Bürger erledigen - die
deutlich stärker geschminkten Frauen und die mit Kleidchen und Schleifchen
ausstaffierten Mädchen sowie die Jungen in Tuchhosen - das starke Rauchen auch
in der Öffentlichkeit, besonders auch der Frauen - das Promenieren und die
Bedeutung des Kirchgangs - die späten Essenszeiten und Zeitpunkte für
Abendveranstaltungen - die „piropos“, das offensichtlich stärkere
Komplimente-Machen der Jungen gegenüber Mädchen, auch auf der Straße und von
unbekannt zu unbekannt - das Frühstücken in den Bares - die Tapa-Kneipen, die
mittags voll sind - das häufige Ausgehen zum Essen in den Jugendcliquen - die
Sitte, daß immer nur einer für alle bezahlt und unbedingt bezahlen will -
etc., insgesamt der freiere Umgang mit Zeit, die starke Offenheit der Spanier
und das Leben draußen unter freiem Himmel.
In der
Unterrichtsreihe sollten die Schüler sich kontrastiv auch mit ihrem
„Selbstbild“ auseinandersetzen.
Dazu
werden sie mit dem Bild von den Deutschen konfrontiert, das Ausländer von uns
haben: a) typische Eigenschaften: fleißig, tüchtig, kompetent und genau - aber
eher kalt und verschlossen sowie unruhig und aggressiv bis überheblich; b)
geprägt von Kultur (Bach, Beethoven, Goethe etc.) c) mit dem Kainsmal der
Deutschen: NS-Zeit und weiterhin militärisch-bedrohlich.[12] Andererseits wird auch die deutsche Freundlichkeit
und Höflichkeit sowie Zurückhaltung von Ausländern betont , die in Deutschland
waren, neben den tatsächlich verbreiteten konkreten Erfahrungen mit
Ausländerfeindlichkeit. Auffällig war ihnen besonders auch die Berufstätigkeit
der Frau und die geringe Kinderzahl bei sehr hohem Lebensniveau.[13]
Hier
sollen in der Nachbereitung der Studienfahrt besonders die Unterschiede zwischen
Stereotypen, Images und Vorurteilen thematisiert werden.
■ Literatur des Auslands im
Leistungskurs Deutsch - Oberstufenrichtlinien Deutsch NW
Es ist
weithin „üblich, im Deutschunterricht nicht nur die großen Texte der deutschen
Nationalliteratur zu lesen, sondern auch Texte aus Nachbarländern oder anderen
Erdteilen. Literarische Bildung wird nämlich in einem quasi universellen Sinn
verstanden. [...] Damit ist es eigentlich keine Frage, daß Literaturunterricht
interkulturell sein kann oder gar muß.“[14]
Oomen-Welke nimmt dabei die Tatsache als Ausgangspunkt, daß in unseren
Schulklassen inzwischen viele immigrierte Schüler mit einer anderen
Herkunftssprache und Deutsch als Zweitsprache lernen und daß insgesamt eine
gesellschaftliche Mehrsprachigkeit sich einstellt oder erwünscht ist. Bei der
Zusammenführung von Texten aus verschiedenen Ländern „bildet nicht der
Vergleich das eigentliche Ergebnis, sondern die Auseinandersetzung mit dem
anderen, die Schulung der Wahrnehmung, die Bereitschaft zur Übernahme neuer
Perspektiven und letztlich die bewußte Entscheidung für eine angemessene Form
der Lebensführung in der interkulturellen Gesellschaft“.
Die
z.Zt. gültigen Richtlinien Deutsch der Gymnasialen Oberstufe NW nennen als
„Mindestfestlegungen“ für Deutsch
zunächst „Einsichten in Geschichte und Struktur der (deutschen) Sprache sowie
exemplarisch vertiefte... Kenntnisse bedeutsamer Werke der (deutschen)
Literatur und ihrer Geschichte“, und als Aufgabe des Faches Deutsch wird die
Entfaltung der „muttersprachlichen Erkenntnis- und Darstellungsmöglichkeiten“
genannt.[15]
- Eine Überarbeitung der Richtlinien mit einer interkulturellen Perspektive und
dem expliziten Bezug auf „Weltliteratur“ wäre also wünschenswert!
Die
Ausrichtung des Kursprogramms der Oberstufe auf einen Vergleich von deutscher
und ausländischer Literatur / „Weltliteratur“[16] ist
jedoch jetzt schon ohne weiteres möglich, wenn ansonsten die Auflagen der
Richtlinien Deutsch Sek. II eingehalten werden. Zudem sind Richtlinien ja auch
in der Praxis weiterzuentwickeln. Mit Texten von Sophokles, Becket, Ionesco
und anderen Autoren sind die Grenzen der Nationalliteratur im
Deutschunterricht ja auch in den Richtlinien schon überschritten. In der
Gegenstandsebene und bei der Textauswahl sind zunächst nur die derzeit gültigen
„Mindestanforderungen“[17] im
Bereich „fiktionale Texte“ abzusichern: zwei
strukturell unterschiedliche Dramen und zwei Romane je aus verschiedenen
Epochen sowie zwei Lyrikreihen und schließlich zwei literaturgeschichtliche
Epochen. Die „obligatorischen Themen“[18]
(ästhetische Strukturen - Gattungen im geschichtlichen Zusammenhang - Einblick
in literaturgeschichtliche Epochen - in literarische Kommunikationsprozesse
sowie Wertung) lassen sich schließlich sowohl an deutscher wie an ausländischer
Literatur erarbeiten.
Allerdings
gilt es noch zu beachten, daß durch die Lektürewahl im Fach Deutsch den
Fremdsprachen nicht die Standardtitel „weggenommen“ werden, es sei denn, man
geht fächerübergreifend auch das Thema „literarische Übersetzung“ an.
■ Komparatistik
und Imagologie - Vergleichende Lektüre
Die
vergleichende Literaturwissenschaft (Komparatistik) zeigt ähnliche Ziele wie
ein bewußtes Reisen ins Ausland: „Eine der großen Aufgaben der
Literaturwissenschaft besteht heute unbestreitbar im Überwinden der nationalen
Denkungsart.“ (Peter André Bloch (Pichois/Rousseau, 11)[19]
- Nach komparatistischem Ansatz muß man „bei der Erforschung der Synchronismen
[...] dem Studium der Lebensbedingungen einen wichtigen Platz einräumen.“ „Der
Einfluß der Reisen“ ist für eine komparatistische Sicht auf Literatur
grundlegend. (ebd. 60, 103) Reisen soll Grenzen überwinden, und komparatistisches
Lesen ebenfalls. „Die Sprache, in der eine Literatur geschrieben ist, oder die
geistige Einheit des Kollektivs, dessen Ausdruck sie ist [...], teilen die
Literatur natürlicherweise in begrenzte Zellen auf. Der Komparatist erhebt sich
über diese Begrenzungen, indem er sich bemüht, diese Zellen nicht zu isolieren,
sondern in einem größeren Zusammenhang zu betrachten.“ (ebd. 171) Im
interkulturellen Deutschunterricht wird man also auf jeden Fall vergleichend
vorgehen, um damit einen höheren Standpunkt zu gewinnen, der Unterschiede und
Gemeinsamkeiten bewußt macht.
Wie das
Deutschlandbild in der Selbstwahrnehmung der Schüler ist und wie ihr
Spanienbild aussieht, wie es in ihrem Kopf entstanden ist und entsteht und wie
es sich durch Erfahrungen ggf. verändert, das ist ein Thema im Unterricht, das
durch Überlegungen der „Imagologie“[20]
gestützt werden kann. Die „Erforschung nationenbezogener Images“ durch die
komparatistische Imagologie zielt auf die „nationalen Fremd- und Selbstbilder“.
Dabei gibt es eine Unterscheidung von benutzten Begriffen: „Stereotypen“ sind
kulturell und gesellschaftlich geprägte, relativ feststehende „Bündel von
Merkmalen“, die einem Volk zugeordnet werden und schwer beeinflußbar sind. Im
Gegensatz dazu „sind Images in stärkerem Maße historisch variabel und lassen
sich gezielter aufbauen und pflegen [...] Unter 'nationenbezogenen Images'
versteht man ein Bündel von weit verbreiteten Vorstellungen über andere
Nationen. [...] Während Stereotype und Images zumindest an reale Situationen und
Sachverhalte anknüpfen, ist es dem Vorurteil eigen, daß es negative
Gefühlsurteile bündelt und 'bestimmten Bevölkerungsteilen spezifische
Eigenschaften zuspricht, die mit der Wirklichkeit nichts mehr gemein haben, ja
sie verdrehen müssen'„.[21]
Schließlich erscheint einerseits „'Image' [...] wertneutraler und eher ein der
Fluktuation unterworfenes Phänomen zu sein.“[22] Es
wird andererseits definiert als „'die gesamte kognitive, affektive und
wertgeladene Struktur einer Verhaltenseinheit'„(Boulding 1956). Dieser
affektive Aspekt wurde von den Schülern sehr zurückgewiesen: Sie wollten sich
wenig mit ihrer Urteils- und Vorurteilsstruktur auseinandersetzen und zeigten
dies, indem sie jede wertende generalisierende Äußerung zum Vorurteil oder
„Pauschalurteil“ degradieren wollten
und nicht bereit waren subjektive Wertungen auch als Kernbestandteil eines
Image zu akzeptieren. Sie argumentierten immer, man könne nur über konkrete
Einzelerfahrungen sprechen und nicht kollektiv charakterisieren. Andererseits
war ihnen klar, daß sie selbst feste Bilder von sich als Deutschen und
traditionelle, typisierte Bilder von „den Spaniern“ besitzen. Ihre
Bereitschaft, sich durch unmittelbares Erleben, durch Primärerfahrungen, ein
Bild von Spanien vor Ort zu machen, war hingegen groß und damit die Zustimmung
zum Ziel der Studienfahrt. Für die Weiterentwicklung durch Erfahrungen und
Informationen werden verschiedene Möglichkeiten unterschieden:
1.
Verstärkung eines Image, 2. kein Wandel, 3. Auffüllung eines Image, 4.
Reduktion von Ungewißheit,
5.
Reorganisation des Image, 6. Veränderung in der subjektiven Relevanz.[23]
Vor allem die Ziele 3, 4 und 6 waren für die Reise von Interesse.
■ Intertextualität
- Verknüpfungen in der Kursfolge
Mit dem
Blick auf die Zusammenstellung von Texten in der Kursfolge läßt sich
zusätzlicher Erkenntnisgewinn für eine aktuelle Unterrichtssequenz erzielen.
„Was bietet die Textkombination, das der einzelne Text nicht bieten kann?“[24]
Im Rahmen der vorliegenden Sequenz lassen sich die im Unterricht zuvor schon
angesprochenen Themen „Handlungsspielräume der Männer“ und „Formen der
Lebensbewältigung der Frauen“ weiterführen. - Der gesamten Kursfolge liegt das
an der Schule beschlossene „historische Verknüpfungsprinzip“ zugrunde, das
zugleich die Gattungsorientierung beachtet und hier in der Konkretisierung
zusätzlich komparatistisch angelegt ist:
Jg.
12 - 13:
epische und dramatische Literatur:
Männerfiguren und Handlungsspielräume
▪
Lazarillo de Tormes (Übersetzung im deutschen
Humanismus, 1614) und Spielfilm:
Nostradamus
▪
ältere deutsche Schwankliteratur und Texte aus Oskar
Maria Grafs: Das bayrische Dekameron
▪
Goethe: Faust I /Faust (Prometheus) und Film:
Gründgens-Inszenierung
▪
Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts und
Hörfassung
▪
Sternheim: Bürger Schippel und Besuch der Kölner
Inszenierung
▪
Kafka: Die Verwandlung und Darstellungen der Bildenden
Kunst
▪
Rosa Montero:
Geliebter Gebieter und TV-Film Gabriela Sperl/Martin Enlen: Wer Kollegen hat,
braucht keine Feinde (ARD/BR 1995)
Frauenfiguren und Lebensbewältigung
▪
Sophokles: Antigone
▪
Cervantes: Das Zigeunermädchen und Film: Carmen (Saura)
▪
Lorca: Das Haus der Bernarda Alba und TV-Mitschnitt der
Leipziger Inszenierung
▪
Goethe: Faust I / Gretchen
▪
Brecht: Die Gewehre der Frau Carrar und Hörspielfassung
▪
Joningk: Von blutroten Sonnen, die am Himmelszelt
sinken und Besuch der Kölner Inszenierung
Lyrik aus beiden Ländern: Themen
„Landschaft - Heimat - Region“ und „Wald - Bäume“
expositorische Texte zu den
Lyrikreihen, zum Tourismus, zur Literaturtheorie, zu images etc.
eigene Textproduktion z.B. zum Thema
„Reisen“ - Erörterungen zu Problemen des Tourismus; Reisetagebuch, freie
Texte, Schilderung, Anekdoten/Schwänke etc.
4.2 Literatur
der Gegenwart im Rahmen eines politischen
Deutschunterrichts
■
„Literatur und Arbeitswelt“ - Problemorientierung
- thematische Relevanz - historische Relevanz
Rosa
Monteros Roman kann als ein Beispiel für eine Etappe in der Entwicklung der
Literatur der Arbeitswelt gelesen werden. Dabei ist auf deutscher Seite
tendenziell eine Schwerpunktverlagerung zu beoachten, die auch an dem
Paralleltext „Wer Kollegen hat, braucht keine Feinde“ wahrzunehmen ist:
▪
60er Jahre: Literatur zur industriellen Produktion - Schwerindustrie, Fabrikarbeit
z.B. Max
von der Grün: Irrlicht und Feuer (1963) - Hauer Jürgen Fohrmann lebt im
politisch-ökonomischen Kontext von Zechenschließungen, Lohnkämpfen,
Gewerkschaftsarbeit, proletarischer Solidarität, Problemen mit dem
Arbeitsschutz, Kampf um Mitbestimmung etc.; er will den Aufstieg vom Arbeiter
zum Angestellten im weißen Kittel
▪
70er Jahre: Literatur zu gehobeneren Formen der Produktion - z.B. Medienindustrie
z.B.
Jürgen Breest: Dünnhäuter (1979) - Problem der Thematisierung des Politischen
in einem TV-Film des Fernsehmannes Feldmann; die Schere im Kopf, der Druck von
oben zur Entpolitisierung, Hintergrund „Berufsverbote“, Verweigerung der
Anpassung, Vernichtung der Karriere, Resignation
▪
80er Jahre: Literatur zu Dienstleistungen - der klassische Angestellte, Aufsteiger
z.B. Die
dtv-Anthologie „Menschen im Büro“ (1984) - nicht mehr „Reportagen aus der
grauen Arbeitswelt“, sondern „Geschichten ihrer Menschen“ in einem
soziologischen Mikrokosmos, Abhängigkeitsverhältnisse, mangelnde Solidarität,
Karrierestreben, Individualisierung der Konflikte
▪
und 80er Jahre: Literatur zur Unternehmerseite -
Spitzenpositionen, Management
- z.B.
Dieter Wellershoff „Der Sieger nimmt alles“
(1983) - Ulrich Vogtmann steigt über die Beziehung zur Tochter des Unternehmers
Pattberg zum Geschäftsführer der Firma auf, mit riskanten Geschäften betreibt
er ohne Rücksicht auf die Familie die Expansion der Firma, fällt auf
Devisengeschäfte herein, um Konkurrenten auszustechen, verliert alles.
- z.B.
Karl Otto Mühls Hörspiel „Kellermanns Prozeß“ (1980) zeigt den zum Leiter
aufgestiegenen Meister einer Kartonagenfabrik, der in Konflikt mit seinem
ambitionierten Assistenten gerät. „Mobbing“ ist latent zu beobachten, ist in
dieser Epoche jedoch als strukturelles Phänomen der Betriebswelt noch nicht erforscht.
▪
90er Jahre: Literatur zu gehobeneren Formen der Dienstleistungen - z.B. Freiberufler (Grafiker, Designer, Journalisten, Juristen...)
- als Beispiel:
TV-Spielfilm:
Gabriela
Sperl (Buch) / Martin Enlen (Regie): „Wer
Kollegen hat, braucht keine Feinde“ (BR 1995, ) - Mit der Thematik
von Monteros Roman „Geliebter Gebieter“ vergleichbar ist auf deutscher Seite
z.B. dieser TV-Film. - Aufsteiger und Juniorchef Mark Heller will den kreativen
Software-Entwickler Georg Meier ausbooten. Er nutzt alle Mittel des Mobbings
wie Aktenunterschlagung, Kopie von Meiers Programmen, Irreführungen im
Terminkalender, Gerüchte über das Privatleben etc. Hellers Motto: „Die Welt
ist ein großer Selbstbedienungsladen. You
want it, you take it. ... Es zählen nur die winner, nie die loser.“ Die Controllerin Sylvie Schmidtbauer, eine
Karrierefrau, in die sich Meier verliebt, deckt die Intrigen auf; dies führt
zu einem Happy-End. - Medienspezifisch ist natürlich, daß nicht wie im Roman
die Innensicht vorherrscht; die
Auseinandersetzung mit den Problemen ist in Dialoge umgesetzt. Der Protagonist
unterscheidet sich ebenfalls: Zwar ist Meier auch ein Kreativer, aber keiner
mit Burnout-Syndrom; ihm wird auch Erfolglosigkeit vorgeworfen; dies gehört
jedoch bereits zum Mobbing, dem Thema, das Roman und Film verbindet. - Gesendet
wurde der Film am 13.12.95 in der ARD. (Vgl. Rezensionen)
Das
spanische Beispiel: zum Text und seiner Thematik s.o. - Monteros Text zeigt
deutlich den Paradigmenwechsel in der Literatur der Arbeitswelt: von ehemals
politisch begriffenen Prozessen und Konflikten, oft mit Parteinahme, zu heute eher psychosozial interpretierten
Prozessen vor dem Hintergrund einer ganz allgemeinen Systemkritik: politisches
Handeln tritt hinter den individuellen Überlebenskampf zurück, der bei Montero
aber kein Happy-End mehr ermöglicht.
■ Spanien - ökonomisch-politischer Wandel -
Verspätung und Beschleunigung
Für den
literatursoziologischen Zugriff sind Hintergrundinformationen nötig, die in der
Reihe durch Lehrervortrag, Schülerreferat und einen Dokumentarfilm „Spanien
nach Franco“ vermittelt wurden.
Spanien
hat - mit einem Zeitunterschied von ca. 30 Jahren gegenüber Deutschland - eine
extrem schnelle ökonomisch-politische Wandlung nach Francos Tod 1975 vollzogen:
Öffnung der nationalen Wirtschaft für die Weltwirtschaft und den Freien Markt
in der Europäischen Union. - Nach dem Bürgerkrieg 1936-39 herrschten unter dem
Diktator Franco bis ca. 1953 Autarkiestreben in peninsularer Lage mit der
Barriere der Pyrenäen gegenüber Europa, internationale Isolierung und
Selbstisolierung sowie ökonomische Blockade vor; 1953-59 gab es einen
ökonomischen Wandel mit Versuchen zur Überwindung der Isolation (Bauboom im
Rahmen des Mittelmeertourismus, Gastarbeiter etc.); 1960-73 erfolgte ein
ökonomischer Ausbau mit starkem sozialem Wandel, z.B. zunehmende Urbanisierung,
Exklusivität der privilegierten Oberschicht bei gleichzeitiger Zunahme der
Arbeitslosigkeit. Ab 1975 trat Spanien in der Nach-Franco-Ära aus der internationalen
Isolation seit 1939 heraus: Festigung der Demokratie, schlagartige
wirtschaftliche Expansion und Internationalisierung mit Verschärfung der
sozialen Konflikte einer entwickelten Marktwirtschaft; erkennbar wird die
umfassende Übernahme der Spielregeln der freien Marktwirtschaft an den immensen
ausländischen Investitionen einerseits, an der hohen Arbeitslosigkeit in großen
unterentwickelten Regionen andererseits und schließlich an der durch
Korruptionsskandale bestimmten Endphase der Ära Gonzales. - Spiegelung der
Entwicklung in spanischer Literatur:
„Der Bienenkorb“ von Camilo José (La Colmena, 1963) zeigt z.B. das
zugleich durch den Bürgerkrieg entwurzelte, sich aber, wenn auch in
pessimistischer Weltsicht, in der Franco-Ära einrichtende Kleinbürgertum in
Madrid während des 2. Weltkriegs. „Die Kohlengrube“ von Armando López Salinas
(La mina, 1960) zeigt den Übergang aus dem scheinbar behüteten Landleben in die
Industriearbeit mit all ihren Gefahren und der Unsicherheit des
Arbeitsplatzes. - „Geliebter Gebieter“ von Rosa Montero stellt als ein
aktueller Endpunkt die Entwicklung der modernen Berufs- und Arbeitswelt im Bild
der „Amerikanisierung“ dar.
■
Das
Bild
von Spanien - das Bild der Firma „Golden Line“
In der
vorgestellten Unterrichtsreihe sollte es einerseits vornehmlich um die eigene
Sicht der Schüler zu Deutschland und zu Spanien gehen, nicht um die Sicht von
Spaniern auf Deutschland und Spanien.
Die Komplikation, „'daß die Eigenbilder eines Volkes und die Bilder, die von
ihm im Bewußtsein anderer Völker existieren, gewöhnlich nicht nur voneinander
verschieden sind, sondern sich sogar widersprechen'„ sollte nicht weiter
verfolgt werden. Andererseits würde bewußt werden können, daß die
Charakterisierung einer anderen Nation immer auch eine implizite
Selbstcharakterisierung zeigt. „Wenn man über andere spricht, spricht man in
Wirklichkeit nur über sich selbst.“(Ostergård 1991)
Die
Lektüre spanischer Literatur vermittelt natürlich indirekt auch in gewisser
Weise die „Eigenbilder“ der spanischen Autoren zu ihrem Land. Dabei ist bewußt
zu halten, daß Dichter im Umgang mit der Wirklichkeit Fiktionen bilden. „Denn
die Fiktionen werden dann problematisch, wenn sie in den gesellschaftlichen und
politischen Raum hineinverweisen und Leser finden, die für bare Münze nehmen,
was nur Dichtung ist“.[25] So muß man beim Reisen erst recht die Augen
offen halten.
Während
die in der Sequenz gelesenen Texte von Cervantes oder Lorca noch eher zu dem
bestehenden Spanienbild passen und einen Beleg für die These zu bilden
scheinen, „daß gerade die Literatur dazu disponiert sei, 'Bilder' vom Fremden
zu entwerfen“[26],
ist die Erfahrung mit Rosa Montero völlig verschieden: Das Bild Spaniens ist in
Monteros Text nur noch in viel geringerem Maße typisch, ja überhaupt greifbar.
Noch spanisch: Alltägliches wie die spanischen Namen außer „Golden Line“, wie
Tagesgewohnheiten, also z.B. mittags vom Büro in die umliegenden Tapa-Kneipen
zu ziehen. Die Chefs sind die neuen „Diktatoren der Demokratie“, Paula nennt
sie auch Faschisten (25, 76, 109); hierin findet sich eine typische Anspielung
auf die überstandene politische Diktatur. Tess stammt aus einer reichen
andalusischen Familie; die reichen Großgrundbesitzer in Andalusien
repräsentieren heute noch das Fortwirken der feudalistischen Epoche in Spanien.
Die Schilderung der Lebensverhältnisse von Nacho und Tess belegen die
Exklusivität der heutigen spanischen Oberschicht (34 f.). Vergleichbar ist die
Figur des Eigentümers der Agentur Zarraluque
aus dem baskischen Großbürgertum, der Gewohnheiten hatte, „die sich zwischen
pharaonenhaft und feudal bewegten, und er gestattete niemandem, mit ihm im
selben Aufzug zu fahren“(82). Den Privilegierten gegenüber stehen z.B. Cesars
Eltern, die zu den großen Verlierern des spanischen Bürgerkriegs gehören (35
f.); die Rehabilitation oder gar Anerkennung der unterlegenen Gegner Francos
ist ja in der spanischen Demokratie bis heute nicht gelungen. Es gibt Hinweise
auf die Doppelmoral im katholischen Spanien (80). Die Modernisierung Spaniens
wird nicht nur an der Übernahme der Agentur durch Amerikaner deutlich - „der
allerhöchste und allmächtigste Oberboß in Los Angeles“(88) - , sondern auch an
der Herausstellung „frecher Freiheiten“ im Zuge der Liberalisierung der neuen
Demokratie nach Franco, als die Konkurrenz als neues Prinzip aufkam: „die Welt
veränderte sich in rasendem Tempo“(92) und bereits ein Telegrammbote darauf
bestand, „mit Zarraluque im selben Aufzug zu fahren“. Die Veränderung in
Spanien wird auch deutlich durch die Ironisierung traditioneller Normen wie
„Spanier zu sein ist eine Ehre“ (85) und durch das reflektierende Unterlaufen
eines kirchlichen Zeremoniells bei der Beerdigung des von eigener Hand
gestorbenen Matias (Kap. 6), der als Mobbing-Opfer am Anfang des Romans
begegnet und dessen Totenmesse ausgerechnet den Hintergrund für Cesars
Überlegungen zum „Seelenmechanismus“ vom „Geliebten Gebieter“ (87 ff.) abgibt.
Neu und
nicht mehr „typisch spanisch“ ist die Amerikanisierung der Arbeitswelt mit dem
Wechsel „vom rückständigen Feudalismus in den extremsten Kapitalismus“ (92):
das Konkurrenz- und das Leistungsprinzip sind international. Im Zentrum des
Romans steht die Darstellung dieser neuen ökonomischen Strukturen am Beispiel
der Agentur „Golden Line“, ihre Auswirkungen auf das Betriebsleben und auf des
Privatleben der Mitarbeiter: In einem streng auf Effizienz organisierten
Betrieb sind alle durch das System korrumpiert bis hin zur psychischen
Deformation aller Beteiligten, sowohl der Opfer mit ihrer „hündischen Hingabe
an die Chefs“ als auch der Herrscher wie Morton, der seine Tyrannei „mit Hilfe
der Verführung“(88) ausübt, aber selbst wieder in einer Hierarchie unter den
allerhöchsten Generaldirektoren in Amerika steht. Schließlich erscheinen nur
noch die „Magnaten“, die Firmenbesitzer
wie „Zarraluque, seines Zeichens Multimillionär und supermächtig“, ohne
Chefs und sind daher nicht mehr in der Lage, „das Maß ihrer eigenen Würdelosigkeit“
zu erkennen: sie scheinen „weiter vom menschlichen Wesen entfernt als ein
Schimpanse“ (89), weil „alle diese Magnaten das Buckeln nicht kannten“, das
doch zur menschlichen Existenz gehört. Dies ist die verzweifelte personale
Perspektive des Protagonisten Cesar, der als einziger, nämlich als „Kreativer“,
sich hätte außerhalb dieses Systems stellen können; doch bis auf die kleinen
Freiheiten, wie ein „freier Mitarbeiter“ nicht den geregelten Arbeitszeiten
folgen zu müssen, gelingt es ihm nicht, die große Freiheit des Künstlers zu
erreichen; er wurde eben zum „Designer“, der nur noch auf Auftragsdruck zu
reagieren hätte und hier versagt.
Diese
textinterne Kritik an einem vom internationalen Kapitalismus geprägten modernen
Leben im nachfrankistischen Spanien liegt natürlich in der Angriffslinie der
Autorin Rosa Montero, wie ein Werkvergleich zeigt. Sie setzt sich - nicht nur
in ihren Zeitungsartikeln - explizit mit der sozialen Realität auseinander, die
„nicht mehr die des früheren ländlichen Spaniens der sechziger Jahre [ist];
Spanien ist überwiegend eine Gesellschaft der Mittelklasse und des städtischen
Lebens“[27]
geworden. Wie Vázquez Montalbán richtet
sie ihren Blick auf die neuen Zentren wirtschaftlicher und politischer Macht.
In ihrem Roman „Chronik der Lieblosigkeit“ (1979) thematisierte sie schon die
Einsamkeit und Kommunikationslosigkeit „in der großen Stadt, in der modernen
Stadt mit modernen Menschen, sei es Madrid, Berlin oder Amsterdam. Unter diesem
Aspekt ist der Roman nicht nur modern, sondern auch kosmopolitisch.“[28]
Werden die menschlichen Probleme in jenem Roman vor allem auf das Fehlen der
Liebe zurückgeführt, so sind es in dem Roman „Geliebter Gebieter“ vor allem die
neuen ökonomischen Strukturen, die das menschliche Leben beeinträchtigen. „Rosa
Montero ging es nicht nur darum, dem Geheimnis der Macht ein Stück weit
näherzukommen (ein Thema, das sie immer wieder umtreibt), sie wollte auch den
absurden Konkurrenzkampf schildern, der die Arbeit in den
Industriegesellschaften bestimmt, den Menschen aber nur Unglück beschert. Um
Lösungen geht es ihr nicht, sie will keine Botschaft vermitteln, sondern nur
Dinge entwickeln, die sie beschäftigen, ja schmerzen.“[29]
4.3 Die aktuellen Deutungsmuster
„Burnout“ und „Mobbing“
■ „Denkbilder“ und Deutungsmuster
In der
Frage der Text- und Themenwahl für den Deutschunterricht löst Harro Müller-Michaels
die Diskussion um den Kanon von Buchtiteln ab durch einen „Kanon der
Denkbilder“.[30] Nach den Kriterien der Exemplarität,
Aktualität und Wirkungsmächtigkeit kommt er zu „Denkbildern“, nämlich „Bildern,
in denen sich, wie in einem Hohlspiegel, die Erfahrungen sammeln“: „Erkenntnis
ist [...] ein schöpferischer Akt, der die Vielfalt der Erfahrungen in
Sinnbildern sammelt. Gemeinsame Denkbilder vergesellschaften die Erfahrungen
und machen sie diskurszugänglich. Literarische Bilder werden zu einem Mittel
von Erkenntnis und der Verständigung über sie.“ Als solche Denkbilder,
die sich durch literarische Texte wahrnehmen lassen, schlägt er vor: Identifikation, Erschrecken, Mitleid,
Entdecken, Kritik, Lehre, Tagträume.
In Diskussion mit Müller-Michaels sieht Hildegard Funhoff[31]
in seinen Denkbildern eher „Wirkungen/Funktionen“ von Literatur und ergänzt den
Katalog um Irritation und Spaß als Kriterien für eine Textauswahl.
Für die
Auswahl von Rosa Monteros Text sprach die Möglichkeit, durch diesen Roman und
den zugeordneten Film die Schüler in zweifacher Hinsicht über das Denkbild
„Entdecken“ zu motivieren. Sie können sich zum einen einen recht fremden
sozialen Raum erschließen: die aktuellen Probleme der Arbeitswelt und
Betriebswelt; und sie könne sich zum andern auf eine andere europäische Region
einlassen: Spanien im Vergleich zu Deutschland. Hinzu kommt die Wirkung des
Denkbildes „Kritik“: Sie werden konfrontiert mit den Folgen moderner
Wirtschaftsstrukturen und der textinternen Kritik an ihnen, so daß sie mit den
literarische Erfahrungen und den Reiseerfahrungen selber in die
Auseinandersetzung gezogen werden.
Dabei
ist von Bedeutung, daß beide Texte, Buch und Film, geprägt sind von sehr
aktuellen Deutungsmustern für die
gegenwärtigen Schwierigkeiten des Menschen in der Arbeitswelt: auf der einen
Seite die textintern sehr kritisch dargestellte kapitalistische
Leistungsgesellschaft mit ihren rigiden betriebliche Strukturen und sozialen
Folgen, auf der anderen Seite die aus diesen Strukturen erwachsenden
psychosozialen Probleme der dem System unterworfenen Arbeitnehmer höherer oder
auch niederer Stellung, die sich am Burnout-Syndrom und an den Strategien des
Mobbing ablesen lassen.
■
das Burnout-Syndrom
Mit den
Begriffen Burnout, Flame-out, Meltdown o.ä. sollen Formen des
„Ausgebranntseins“ in der beruflichen Rolle erfaßt werden, die in einem
psychodynamischen Prozeß der „inneren Erschöpfung“ zu hohem Streß bis hin zu
mentalen Störungen und Arbeitsunfähigkeit führen. [32] Besonders in den Berufsgruppen der
„Helferberufe“ und damit auch der Pädagogen wurde das Phänomen diagnostiziert:
„Mit diesem inzwischen auch schon wieder fast modischen Begriff des 'Burnout'
wird ein Sachverhalt gefaßt, der mit zunehmender Dienstzeit viele
Kollegen/-innen betrifft. Das 'Ausbrennen' meint einen schleichenden
Motivationsverlust, geistige, seelische und körperliche Erschöpfung, die im
Endstadium zu Resignation, Apathie und psychosomatischen Erkrankungen führen
können. [...] Das Ausbrennen ergibt sich aus einer Wechselwirkung von
individuellen und institutionellen Bedingungen. In einem guten beruflichen
Umfeld wird man länger zufrieden und lebendig seine Arbeit tun“[33]
Mehr Autonomie des Individuums, bessere Kooperation und Arbeitsbedingungen
sowie eine sinnvolle Zukunftsperspektive könnten nach Bönsch abhelfen. Nach
Daniel Goleman wären für Erfolg gerade die emotionalen Fähigkeiten
entscheidend, die sich im Burnout-Prozeß geradezu auflösen:
Selbstbeherrschung, Mitgefühl, Beharrlichkeit, Eifer und Selbstmotivation.[34] - Aber auch für viele andere Berufsgruppen,
einschließlich der kreativen Berufe und der Führungseliten, wurde das Phänomen
erforscht.
Vor
allem in den Bettszenen und in der Aufzugsszene in Monteros Roman werden Cesars
Probleme des Ausgebranntseins deutlich. Für ihn kommen zwei
Problemüberlagerungen hinzu: Zum einen könnte er ein Künstler sein und wurde
Grafiker, und er muß als Kreativer zusätzlich nach Auftrag und mit Termindruck
arbeiten. Zum anderen führt er eher das Leben eines Single in urbanen Zentren,
der gewöhnlich den Spagat zwischen einem hohen Grad an Autonomie und dem Mangel
an „emotionaler Sicherheit“ zu schaffen hat.[35] Nach
Goleman müßte er es lernen, intelligent mit seinen Emotionen umzugehen: „Die
eigenen Emotionen kennen - Emotionen handhaben - Emotionen in die Tat umsetzen
- Empathie entwickeln - Umgang mit Beziehungen optimieren“ . Statt dessen zeigt
Cesar alle Symptome eines fortgeschrittenen Stadiums von Burnout: Erschöpfung,
Konzentrationsstörungen, reduziertes Engagement, Probleme mit den Rollenerwartungen,
Schuldgefühle und Schuldzuweisungen, Abbau an Kreativität, Verflachung des
emotionalen und sozialen Lebens.[36] Im
großen Bild seiner Fesselung ans Bett (13-15) und im ständigen Kreisen seiner
Gedanken um einen Punkt (z.B. sechs Varianten der Aufzugsszene, Kap. 4) drückt
sich seine Handlungsunfähigkeit aus: „Er schloß die Augen, müde vom
Nichtstun.“ (14) Er vermag nicht mehr positiv zu denken und unterläuft sich
sogar selbst, sobald er eine positive Idee entwickelt. (15) In der
Licht-Metapher des Romans wird vermittelt, daß Cesar, der vom Licht doch
abhängige Maler oder Grafiker, Licht bereits nicht mehr zu ertragen vermag.
(13, 102)
■
die Mobbing-Strategien
Gymnasiasten
beherrschen die 'feineren Waffen' des verbalen 'Ärgerns', des Witzelns, des
Verhöhnens, des Ausgrenzens, dies übrigens gerne auch als gemeinschaftliches
Vorgehen gegen einzelne: Stichwort 'Mobbing'.“[37] Das
Phänomen dürfte für die Schüler also leicht aufzuschließen sein, und das an den
Figuren des Romans. Miguel z.B. ist ein Konkurrent von Cesar, ehedem ein
Freund. „Und kurze Zeit später hatte er angefangen, Messer in Rücken zu rammen,
um sich seinen Weg zur Spitze freizukämpfen.“(89/90) Darum geht es beim Mobbing:
„Psychoterror am Arbeitsplatz“.[38]
Leymann schätzt, daß in Deutschland ständig über eine Million Menschen unter
Terror an ihrem Arbeitsplatz leiden. Viele werden krank, Arbeitsfreude und
Produktivität gehen zurück, bis hin zur freiwilligen Kündigung und Selbstmord.
Beim Mobbing sind in einem Täter-Opfer-Verhältnis Betriebsmitglieder aneinander
gebunden und in Konflikte verwickelt. „Der Begriff Mobbing beschreibt negative
kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder
mehreren anderen) und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus
vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen. „[39]
Dabei gibt es sowohl Mobbing von unten, wenn Arbeitnehmer einen Vorgesetzten
drangsalieren, als auch Mobbing von oben, wenn Vorgesetzte einen Untergebenen
entfernen wollen: 44% Mobbing auf derselben Ebene; Mobbing von oben nach unten:
37%; beides in Kombination: 10%; Mobbing von unten nach oben: 9%. (Leymann, 47)
Die Typologie der Täter und Opfer und die Stationen im Mobbing-Ablauf sind
erforscht. Gegenstrategien werden vorgeschlagen. Inzwischen gibt es
Selbsthilfegruppen und Mobbing-Beauftragte in Behörden und Großunternehmen um
Konfliktmanagement zu erreichen.
Schon
die Eingangsszene des Romans im Parkhaus bietet ein Szenario der
Mobbingstrategien, hier aus der Perspektive der Opfer: Am Beispiel des
Opfer-Kollegen Matias, dem der Firmenparkplatz im Parkhaus entzogen wurde und
dessen Fehler zu „Hauptgesprächsthemen des Hauses werden“ (Text S. 9) und über
den dann weitere Storys aus dem Privatleben verbreitet werden, wird Cesar die
Bedrohung deutlich, wie leicht man herabgestuft werden kann und dann zu den
Verlierern gehört. Matias endet im Selbstmord. Seine Beerdigung ist eine
zynisch wirkende zentrale Szene im Roman, in die die Reflexionen über den
„Seelenmechanismus“ des „geliebten Gebieters „ und die Amerikanisierung der
Firma eingelagert sind. (Kap. 6) Am Beispiel des Täter-Kollegen Nacho werden
die Mobbing-Strategien auf gleicher Ebene vorgeführt, die „Messerstiche in den
Rücken“(40): „Da war zum Beispiel dieser heimliche Krieg, den Nacho gegen ihn
in Gang gesetzt hatte, ohne ihn jemals öffentlich zu erklären.“(39) - Cesar
ist nun sein Opfer. Mehrmals muß Cesar sein Büro verkleinern, andere wie Miguel
werden befördert etc. „Belohnungen und Bestrafungen der Firma“, „Erhöhung und
Erniedrigung“(52) bilden die Mechanik in der Werbeagentur. Cesar kann sich nur
durch Verrat an seiner Freundin vor dem endgültigen beruflichen Aus retten.
Die
Probleme des Burnout und des Mobbing greifen in diesem Roman in der Person
Cesars eng ineinander, so daß individuelle und institutionelle Faktoren
tatsächlich völlig ineinanderwirken.(s.o.)
■
historische Relativierung
Für die Schüler
wie für eine Referendargruppe war des Phänomen des Mobbing recht neu. Über das
Einholen von Informationen aus dem Berufsleben der Eltern oder Bekannter in
der freien Wirtschaft, in Behörden etc. erwies es sich jedoch als faktisch
deutlich abgestützt. Ich selbst sammelte Erfahrungen in einem VHS-Seminar
„Mobbing und Psychoterror am Arbeitsplatz“ (März 1996), in dem mir die
schwierige arbeitsrechtliche Position von Mobbingopfern klar wurde. - Zu dem Burnout-Syndrom hatten die Schüler
zunächst nur die Antwort, man müßte diese „lahme Figur Cesar“ nur einmal
„richtig aufscheuchen“. Ihnen widerstrebte geradezu die Antriebslosigkeit und
Handlungsunfähigkeit des Protagonisten. Mit Hintergrundinformationen über
berufliche Karrieren mußte eine kritisch-verstehende Verarbeitung ermöglicht
werden (s. Anhang). -
In
Auseinandersetzung mit diesen Deutungsmustern wird man jedoch zusätzlich zu
einer historischen Relativierung kommen müssen. Mobbing ist seit Mitte der
90er Jahre „in“; als Buchtitel ganz vorne in der Bestsellerliste z.B. Wolfhart
Berg mit „Mit den Wölfen heulen“ (Bestsellerliste Platz 4, Focus 15/1996), der
dafür plädiert, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten lieber selbst die
Ellenbogen einzusetzen. Indem er die „Karriere auf die 'fiese' Art“ befürwortet,
geht er den entgegengesetzten Weg der Forscher (Leymann u.a.), die für eine
Humanisierung der Arbeitswelt und eine neue Unternehmensethik plädieren. -
Burnout war ein modischer Begriff seit dem Ende der 80er Jahre.
„Psychosomatische Erkrankungen passen sich dem Zeitgeist an: Zur Zeit sind
Schmerz, Burnout und Allergien in Mode.“[40] Dies klingt allzu locker, denn beide
Phänomene sind in der modernen Arbeitswelt existent, unabhängig von den jeweils
aktuellen Psycho-Moden. Doch hier setzt auch die kritische Reflexion an: Mit
beiden Phänomen wird vor allem die psychosoziale Seite der Arbeitskonflikte
erfaßt. In anderen Epochen standen die sozialpolitischen Probleme der Arbeitswelt
im Vordergrund oder gar die grundsätzlichen Menschenrechte im Rahmen der
Arbeit. Die vorherrschenden psychologisierenden Deutungsmuster für die
Probleme der Arbeitswelt sind also um andere Erfahrungen zu ergänzen. Dazu
kann es im Rahmen der Sequenz aber nur Leseempfehlungen geben oder den Blick
auf aktuelle sozialpolitische Konflikte und den Verlust gewerkschaftlicher
Positionen. - Historisch zu relativieren wäre aber auch der Siegeszug der
„mörderischen Welt“ des Kapitalismus, wie er sich textintern in der bildhaften
Szene vom land run in Claras Theorieentfaltung
(121-123) darstellt. Errungenschaften der „sozialen und ökologischen
Marktwirtschaft“ wären zumindest einzublenden. Dies kann z.B. in einer
textkritischen Auseinandersetzung im Rahmen von Rezensionen geschehen.
Eine
grundsätzliche Reflexion der psychosozialen Deutungsmuster für die Konflikte an
der Nahtstelle zwischen Arbeitswelt und Privatexistenz sowie des ideologischen
Deutungsmusters der Kapitalismuskritik angesichts der (vergangenen) Boom-Epoche
in Spanien und der sozialen Krise in ganz Europa ergibt sich aus dem Ansatz von
Ludwig Fleck, wonach ein Denkkollektiv im historischen Längsschnitt epochale
„Denkstile“[41]
wechselt und in einer historische Lage ein „stilgemäßer Denkzwang“ sich
entwickelt: „Wir können also Denkstil als
gerichtetes Wahrnehmen, mit entsprechendem gedanklichen und sachlichen Verarbeiten
des Wahrgenommenen, definieren.“ So ist zur Zeit eine Verlagerung der
aktuellen Interpretation der gesellschaftlich-ökonomischen Konflikte auf die
Phänomene „Vernetzung“ und „Globalisierung“ der Probleme zu erkennen.
5. Methoden und Beispiele aus dem Unterricht
Die
Methodisierung der Sequenz (von 16 Doppelstunden) soll hier nur durch die
Wiedergabe der möglichen und in Auswahl durchgeführten Verfahren sowie durch
Materialbeispiele (s. Anhang) vermittelt werden.
5.1 Kognitiv-analytische Verfahren
1) Analyse der „starken Bilder“ - bildhafte
Szenen in der Leseerinnerung:
Konzentration
auf einzelne Textstellen nach der Focus-Methode[42] (Rangfolge der Schüler) - von ihnen her
konzentrische und themenorientierte Interpretation des Romans:
▪
die Hundeszene (Kap. 3) - die Zusammensetzung eines
Bildkomplexes aus Einzelbildern und deren Funktion - Karikatur der
Handlungsunfähigkeit und soziale Unterschiede
▪
die Parkhausszene (Kap. 1) - Thema „Mobbing“
▪
die Bettszenen (Kap. 2 mit Kap. 5 und 8) - Themen
„Burnout“ und Beziehungsschwierigkeiten
▪
die Aufzugsszene (Kap. 4) - die Variation eines Motivs
in sechsfacher Form: statarische Reflexion - Vergleich mit der Aufzugsszene im
TV-Film
▪
die Arztszene (Kap. 7) - Schuldzuweisungen und
Verfolgungswahn
▪
die Beerdigungsszene (Kap. 6) - „Seelenmechanismus“
sowie himmlische und irdische Hierarchie
▪
die Wasserszene (Kap. 8) - bedrohliche Träume
▪
die Büroszenen (Kap. 9 mit Kap. 4) - Abstieg und
Rettung durch Verrat - Vergleich mit Büroszenen im TV-Film
2)
Figurenanalyse:
▪ Analyse der Frauenbilder: Clara, Paula, Conchita, die Mutter, die Journalistikstudentin, die Blondinen - Vergleich mit den Frauenfiguren im TV-Film
▪
Analyse der Figur Cesar und Charakterisierung
3)
Problem- und Motivanalyse:
▪ Analyse des Themas „Mobbing“: 9, 30, 38-43 (die 5 Varianten von Nacho), 51-53, 92, 121-123 (land run), 127
▪ Analyse des „Burnout“- Syndroms: 10, 13-15, 17, 19 f., 24, 27, 84, 102-104
▪ Analyse des Betriebslebens und der Firmenaktivitäten - „Amerikanisierung“
▪
Vergleich mit der Darstellung derselben Probleme im
TV-Film
4) Kommunikationsanalyse[43]
kombiniert mit der Analyse der Erzählmittel und Redeformen:
Die aus der Sprechhandlungstheorie
abgeleitete Kommunikationsanalyse mit ihren drei Analyseteilen der
„Situations-, Handlungs- und Redeanalyse“ ist für die Thematik des Romans
besonders geeignet, da es beim Thema Mobbing vor allem um eine Konfliktlage aufgrund
spezifischer Kommunikationsformen geht (s. Definition Leymann) und da es beim
Burnout-Syndrom neben der Handlungsunfähigkeit auch eine Unfähigkeit zur
kommunikativen Aufarbeitung der persönlichen Lage geht. Die betroffenen Personen
müßten lernen, ihre innere und äußere Konfliktlage kommunikativ aufzuarbeiten.
Statt dessen ereignet sich in Monteros Roman eine sehr reduzierte dialogische
Kommunikation, verbunden mit einer Kommunikationslosigkeit des Protagonisten
sowie stark vorherrschender intrapersonaler Kommunikation. Typisch für die
Kommunikationsanalyse ist die Herausarbeitung des Zusammenhangs von situativen
Einflüssen auf die Kommunikation sowie der Blick auf die konkreten Handlungen,
welche die Kommunikationakte verursachen, sie begleiten oder auf sie folgen. -
Gut ergänzt werden kann diese Analyse durch die Untersuchung der
Erzähltechniken, da das personale Erzählen, die erlebte Rede und der
Bewußtseinsstrom sowie die Rückblenden- und Vorausdeutungstechnik dem Thema
und der Situation des Protagonisten sehr angemessen verwendet sind. -
Geeignete, überschaubare und in sich geschlossene Situationen, an denen die
Kommunikationsanalyse angewendet werden kann: S. 7-11, 13-15, 97-99, 102-104, 122-124, 125-128 - Vergleich mit
einer Dialogszene im TV-Film
5)
Strukturanalyse:
▪ Analyse der Kapitelfolge - Spannungskurve
▪ Beziehungen zwischen der Handlungsentwicklung und den thematischen Schwerpunkten (s. 1)
▪ Leitmotiv-Technik: z.B. „Licht“
▪
Vergleich von Textanfang und Textende
6)
Sprachanalyse:
▪ Analyse der „sozialen Charakterisierung“[44] im Gespräch: 125 (Nacho streckte..) - 129
▪ Sprachliche Vermittlung der verschiedenen Gruppen: die Chefs - die Direktoren (18 f., 25 f.), die einfachen Angestellten und Sekretärinnen, die Herrscher, die Aufsteiger etc.
▪
Metaphorik: Wasser-Metapher (105 ff.), Licht-Metapher
(13 ff., 102), Tier-Metapher (65 ff.), himmlische Hierarchie (91), land run
(122 ff.) - Vergleich mit der Schuh-Metapher im TV-Film
5.2 Produktive
Verfahren
Darunter
werden hier Verfahren der produktiven Textrezeption[45]
verstanden: sie haben keinen Selbstzweck, sondern die Funktion, die
Textrezeption zu unterstützen und das Textverständnis in nicht-analytischer
Weise artikulieren zu helfen. Dabei geht es vor allem um die Verfahren des
literarischen Rollenspiels. Die Aufgabenstellungen werden aus Situationen der
Textfiguren abgeleitet. - Daneben rücken freiere, assoziative Verfahren den
Textrezipienten mit seinen Vorstellungen und Wertungen in den Vordergrund. - An
der „Erfindung“ vieler produktiver Aufgabenstellungen konnten die Schüler bei
guter Kenntnis des Textes hervorragend mitplanen. Sie erwiesen sich als äußerst
ideenreich.
1) Cluster zum Titel: Entwickle ein Cluster
zum Titel des Buches, - also dazu, was du von einem Roman mit dem Titel
„Geliebter Gebieter“ vor der Lektüre erwartest.
2) Mein Bild von Spanien: Schreibe einen
Text, indem du von deinen Vorstellungen ausgehst. - Schreibe einen zweiten
Text, bei dem du von deinen Reiseerfahrungen ausgehst.
3) Andalusisches Bild - Folienimpuls ( mit
einem Bild von den „typisch spanischen Geschlechterrollen“): Setze die
Bildszene in erlebnishafte Sprache um: Schilderung einer Straßen- und Festszene
in Ich-Form.
4) „Das Bekannte, das Fremde und das
Befremdliche“ in Rosa Monteros Roman: Schreibe deine Leseeindrücke
unmittelbar nieder.
5) Schaubild zur Hierarchie in der Firma:
Lege ein Schaubild (Flußdiagramm o.ä.) zum Machtaufbau in der Firma
Golden Line an, das im Foyer des Firmengebäudes ausgehängt wird. - S. 7-11, 24-27, 81-83, 91, 119, 121-123
6) Ideenkatalog eines Karrieristen für das große Mobbing: u.a. 9, 30,
39-43, 51, 121-123, 127
7) Die „internen Büronormen“: Schreibe einige der „internen
Büronormen“ in Form eines Aushangs für alle Mitarbeiter auf. - S. 108/109 (126)
8) Mitarbeitervereinbarung: Führe eine
vertragliche Mitarbeitervereinbarung aus, die die Arbeitsweise und den
Spielraum für „freie Mitarbeiter“ wie Cesar regelt.
9) Szenenanspiel: Bereitet zu zweit die Begegnung
zwischen Morton und Cesar im Aufzug vor. - S. 45 ff. / Spielt Varianten, die
Cesars gedanklichen Variationen entsprechen könnten.
10) Ergebnisprotokoll zu einem Gespräch zwischen
Cesar und seinem Arzt (und Psychotherapeuten): Schreibe ein Ergebnisprotokoll
aus der Sicht des Arztes zu einem möglichen Diagnosegespräch mit
Therapievorschlag. - S. 120 u. und Kap. 7
11) Interview mit Cesar: Schreibe das
Interview, das die junge Journalistikstudentin mit Cesar durchführte. S. 63-65
(70 f.)
12) Claras Betrachtung über ihr Leben mit Cesar:
Schreibe als Tagebuchtext oder als inneren Monolog Claras Betrachtungen und
Überlegungen über ihr Leben mit Cesar. - 65-67 (69, 72 f., 84, 105-108, 121)
13) Paulas Urlaubsbrief an Cesar: Schreibe
einen Brief aus Venedig an Cesar. - S. 69 (63, 67, 75, 108-113)
14) Definition zum „Seelenmechanismus“ Geliebter Gebieter: Schreibe eine
Definition und führe ein Beispiel aus einem anderen Lebensbereich aus. - 87-91
15) Claras Theorie von der modernen Gesellschaft: Definiere und erkläre wichtige
Prinzipien. - S. 121-123
16) Das Bild von Spanien: Schreibe einen Text „Spanien heute“ - gemäß dem Bild
von Spanien, welches der Roman vermittelt. - 25, 34 f., 76, 80, 84, 92, 109,
121-123
17) Bildimpuls („nationale Chicken“) -
nationale Stereotypen: Zeichne ein „spanish chicken“
18) Vergleich von Coverbildern: a) Schreibe
einen freien Text zu einem der drei
Coverbilder. Beziehe dabei die Ergebnisse unserer gemeinsamen Lektüre
mit ein. - Oder b) Schreibe in der Rolle des Buchlektors eine begründete
Stellungnahme, welches Titelbild nun für den Roman genommen werden soll.
19) Rezension: Verfasse eine Rezension zu Rosa
Monteros Roman. - Verfasse eine Rezension zum TV-Film. - Vergleiche Roman und
Fernsehspiel.
5.3
Verknüpfung der interkulturellen Aspekte
1) Kontrastierung:
Vergleiche: Das Bild von Spanien in meiner ersten Vorstellung, nach der Lektüre und nach meiner Reiseerfahrung - Das Bild von Spanien im Vergleich zu Deutschland
Vergleiche: Der Roman - Der Fernsehfilm
Die Vorteile der Methode der Kontrastierung lassen sich besonders bei dem Vergleich der literarischen Produkte (Montero - TV-Film) sowie der images und der Probleme in der Arbeitswelt (Spanien - Deutschland) nutzen. Nach der Gestaltpsychologie[46] führen spezifische strukturelle Unterschiede in einer Ebene bei Gleichartigkeit in einer anderen, wobei die „Unterganzen noch zusammengesehen werden“, zu besonderer Aufmerksamkeit und „produktivem Denken“.
2) Problemerörterung:
Das Problem der Begegnung: nationale
„images“ - globale Systeme.
Schreibe Thesen für ein offenes Gespräch - für
eine Podiumsdiskussion über die Ergebnisse der Reihe.
zusätzliche
Literaturhinweise:
Rezensionen
zum Roman: A) Sabine Lange: die tageszeitung
24.7.1992 - B) Andrea Rössler: TAZ
1.9.1990 - C) Eva Karnofsky:
Börsenblatt 78 / 1.10.1991, S.3482
Rezensionen
zum Film: A) Christine Dössel:
Süddeutsche Zeitung 13.12.1995 - B)
Alfons Kaiser: Frankfurter Allgemeine Zeitung 15.12.1995
Zu Burn out: Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom. Heidelberg: Springer 1989
Leymann, Heinz: Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz... Reinbek: Rowohlt 1993, 33 f.
Zu
Mobbing: A) Brommer, Ulrike: Mobbing.
München: Heyne 1995, 37 - B)
Leymann, a.a.O., 89
Zeitmagazin, Sept. 1986
Zu nationalen Stereotypen: A) Wilke, Jürgen: Imagebildung durch Massenmedien. In: Völker und Nationen im Spiegel der Medien. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 1989 , S. 12 f.
B)
Quandt, Siegfried: Zur Wahrnehmung der Deutschen im Ausland. In: (s. Wilke), 36
ff.
C)
Hoffmann, Rolf: Mit den Augen der anderen. Bonn: Alexander von
Humboldt-Stiftung 1988
D)
Gast, Wolfgang: Das Bild der Deutschen im amerikanischen Fernsehen. In: (s.
Wilke)
E)
Quandt, Siegfried: Zur Wahrnehmung der Deutschen im Ausland. In: (s. Wilke), 36
ff.
Rosa Montero:
Geliebter Gebieter - ein spanischer
Roman der Gegenwart (1988) im LK 13
1. Didaktische Reflexion
1.1
Interkulturelles Lernen
▪
Begegnung
durch Reisen und Lesen
▪
„Studienfahrten“
ins Ausland - Wandererlaß in NW
▪
Literatur des Auslands
- Oberstufenrichtlinien Deutsch
▪
Intertextualität
- Verknüpfungsprinzip
1.2
Literatur der Gegenwart im Rahmen eines politischen Deutschunterrichts
▪
„Literatur
und Arbeitswelt“ - Problemorientierung - thematische Relevanz - historische
Orientierung
▪
Die
spanische Autorin
▪
Der
spanische Text
▪
Der
deutsche Fernsehfilm
▪
Spanien
- ökonomisch-politischer Wandel - Verspätung und Beschleunigung
1.3 Literatur in einem interkulturellen
Deutschunterricht
▪
Komparatistik
und Imagologie
▪
Das
Bild von Spanien - das Bild der Firma „Golden Line“
▪
Fremdverstehen
und Selbstverständnis - Reisen
1.4 Die aktuellen Deutungsmuster „Burnout“ und
„Mobbing“
▪
„Denkbilder“
und Deutungsmuster
▪
das
Burnout-Syndrom
▪
die
Mobbing-Strategien
▪
historische
Relativierung
▪
Ergebnisse
- Interkultureller Vergleich
2. Methoden und Beispiele aus dem Unterricht
2.1 Kognitiv-analytische Verfahren
1) Analyse
der „starken Bilder“ - bildhafte Szenen in der Leseerinnerung
2) Figurenanalyse
3) Problem-
und Motivanalyse
4) Inventaranalyse
5) Kommunikationsanalyse
+ Analyse der Erzählmittel und Redeformen
6) Strukturanalyse
7) Sprachanalyse
2.2
Produktive Verfahren
1) Cluster
zum Titel
2) „Mein
Bild von Spanien“ - assoziativer Text
3) Folienimpuls:
Andalusisches Bild - Schilderung
4) „Das
Bekannte, das Fremde und das Befremdliche“ - Lesetagebuch
5) Schaubild
zur Hierarchie in der Firma
6) Ideenkatalog
eines Karrieristen für das große Mobbing
7) Die
„internen Büronormen“
8) eine
Mitarbeitervereinbarung
9) Szenenanspiel
„Im Aufzug“
10) Ergebnisprotokoll
zu einem Gespräch zwischen Cesar und seinem Arzt
11) Interview
mit Cesar
12) Claras
Betrachtung über ihr Leben mit Cesar
13) Paulas
Urlaubsbrief an Cesar
14) Definition
zum „Seelenmechanismus 'Geliebter Gebieter'„
15) Claras
Theorie von der modernen Gesellschaft
16) Bildimpuls: nationale Stereotypen
17) Vergleich
von Coverbildern
18) Rezension
19) Produktion
eines Dialogs nach einem Hörspiel-Exposé mit verwandter
Thematik
2.3
Integration und Verknüpfung der interkulturellen Aspekte
1) Das
Bild von Spanien in meiner ersten Vorstellung
2) Das
Bild von Spanien nach meiner Reiseerfahrung
3) Das
Bild von Spanien im Text
4) Das
Bild von Spanien im Vergleich zu Deutschland
5) Das
Bild eines Landes - nationale „images“ - globale Systeme
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Folie: Das Bild von Spanien - Verspätung und
Beschleunigung
|
Die alte spanische Gesellschaft |
Die moderne span. Industriegesellschaft |
|
▪
Anklänge im Text: ▪
Chefs wie „Diktatoren“ ▪
Quesada - Franco ▪
katholische Tradition - s. Beerdigung ▪
die Blondinen - Frauen in traditioneller Rolle als
Anhängsel ▪
patriarchalische Struktur ▪
Lebensfreude, mediterraner Stil ▪
Tapa-Kneipen und Freundschaften ▪
lässige Dienstauffassung - s. Cesar ▪
aussterbende Dörfer |
▪
kapitalistische Struktur - „Amerikanisierung“ ▪
moderne Berufe - Modernisierung des Betriebs ▪
Gewinnmaximierung und Profit ▪
Effizienz: der Beste ist erfolgreich ▪
Ellbogengesellschaft: der Stärkere gewinnt - s. land
run ▪
rücksichtsloser Umgang mit dem Konkurrenten: Mobbing ▪
Untergang des Kreativen - Cesar als Künstler /
Grafiker: Burnout ▪
Verschärfung der Arbeitslosigkeit und soziale
Konflikte neben sozialer Absicherung ▪
Urbanisierung: Leben in Madrid |
(nach: Schüler-Tafelbild)
Spanien seit dem Bürgerkrieg:
1936-39: Bürgerkrieg (Monarchisten, Republikaner,
Sozialisten, Anarchisten, Faschisten...)
1939-53: - Franco-Ära -
Nachkriegszeit mit Autarkie, Isolierung von Europa; ökonomische Blockade
1953-59: ökonomischer Wandel und teilweise Ende der
Isolierung (Tourismus, Gastarbeiter)
1960-73: ökonomische Expansion, radikaler sozialer Wandel:
von der harten Dikatur zur „gemäßigten
Diktatur“; soziale Konflikte der unentwickelten Gesellschaft
1973-82: - 1975 Francos Tod - politischer Übergang in moderne Demokratie; Amnestie, aber keine
Vergangenheitsbewältigung
1982 ff.: Festigung
der Demokratie; ökonomische Expansion; Öffnung für die freie Marktwirtschaft;
Spanien im Konzert der europ. Staaten; soziale Konflikte der entwickelten
Gesellschaft
(nach: Mskr. d. span.Botsch. Schulabteilg.)
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
auch: Burnout,
Flame-out, Meltdown - das Ausgebranntsein
in der beruflichen Rolle - ein psychodynamischer Prozeß der „inneren
Erschöpfung“. |
|
nach
- z.T. zu hohem und zu idealistischem
- Engagement |
▼
|
Hyperaktivität - Verleugnung eigener Bedürfnisse
- Verdrängung von Mißerfolgen |
|
schleichender Motivationsverlust -
Reduzierung des Engagements - hoher Streß
|
|
Desillusionierung - Schuldzuweisungen -
Fluchtphantasien - Widerwille - Distanz |
|
mentale Störungen wie
Konzentrationsprobleme - Resignation - Apathie und psychosomatische
Erkrankungen - körperlicher Abbau - Arbeitsunfähigkeit -
Verzweiflung - Depression -
Selbstmordabsichten |
▼
|
Wechselwirkung von individuellen und
institutionellen Bedingungen |
|
„Helferberufe“ und Pädagogen + viele andere
Berufsgruppen, einschließlich der kreativen Berufe und der Führungseliten |
Abhilfen:
|
Mehr Autonomie des Individuums, bessere
Kooperation und Arbeitsbedingungen sowie eine sinnvolle Zukunftsperspektive |
(Bönsch)
|
frühes Ausprägen der für „Erfolg“
notwendigen emotionalen Fähigkeiten: Selbstbeherrschung,
Mitgefühl, Beharrlichkeit, Eifer und Selbstmotivation |
(Daniel Goleman)
s.a.:
Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom.
Theorie der inneren Erschöpfung. Heidelberg: Springer 1989
Bönsch, Manfred: Die alltägliche
Tretmühle. In: Neue Deutsche Schule 16/1990
oleman,
Daniel: Emotionale Intelligenz. München: Hanser 1996
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Ziele und Ergebnisse:
|
|
Folie:
Interkultureller Vergleich |
|
|||||
|
zwei nationale |
|
Perspektiven |
|
||||
|
Rosa Montero: Geliebter Gebieter Roman |
|
Sperl/Enlen: Wer Kollegen hat,
braucht keine Feinde - TV-Film |
|
||||
|
|
▼ nationale
Phänomene |
|
|||||
|
spanisch |
|
deutsch |
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|
▪ |
different: Personen, Alltagsgewohnheiten und Ambiente,
historische Situation |
|
|
||||
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|
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|
|
eine
europäische / globale Perspektive: |
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|
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▼ |
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|
▪ |
gemeinsam: supranationale
Phänomene |
|
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|
|
▼ |
|
|||||
|
|
hochentwickelte Industriegesellschaften |
|
|||||
|
|
▼ |
|
|||||
|
|
Konkurrenz- und Leistungsprinzip im kapitalistischen
System |
|
|||||
|
|
▼ |
|
|||||
|
|
„Burnout“ und „Mobbing“ |
|
|||||
|
|
|
|
|||||
S. 88/89: „die Welt, ... eine Kette... aus zitternden Untergebenen..., die ihrerseits
die Chefs anderer zitternder Untergebener waren ... Das war sie, die
grundlegende Konstruktion der Welt....“
S. 92: „nach Francos Tod... betraten sie an der Hand ihrer neuen amerikanischen
Besitzer direkt die Ära des unbarmherzigen
Unternehmenskampfes, wobei ... man übergangslos vom rückständigsten
Feudalismus in den extremsten Kapitalismus geriet.“
S. 121: „Schließlich leben wir in einer mörderischen Welt. Die moderne Gesellschaft ... war im
Europa der industriellen Anfänge ausgebrütet worden... Aber es war in den
Vereinigten Staaten gewesen, wo sich im Laufe der letzten hundert Jahre Russen,
Iren, Italiener, Polen, Walliser und andere Menschenstämme eingefunden hatten,
um in dieser neuen Welt das vollkommene Modell einer gewalttätigen und alles
verschlingenden Gesellschaft zu errichten.“ (Clara)
(fett von mir)
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
-
Analyse der „starken Bilder“ - bildhafte
Szenen in der Leseerinnerung
-
Szenenanspiel „Im Aufzug“
Die Aufzugszene (Kapitel 4) - Variation
eines Motivs:
Basisszene: (S. 45)
[...] Das Schlimmste war die Art gewesen, in der er ihn angesehen hatte. Oder besser gesagt: die Tatsache, daß er ihn überhaupt nicht angesehen hatte. Cesar war zufällig im Aufzug mit Morton zusammengetroffen, und acht Stockwerke waren eine unendlich lange Zeit. Hallo Cesar, wie geht's, sagte Morton in diesem rhetorischen Ton, in dem man ausdrückt, daß man keine Antwort erwartet. Gut, antwortete Cesar, der vor aufgesetzter Freundlichkeit strahlte, während sich der Apparat in Bewegung setzte. Zwischen Erdgeschoß und Zwischengeschoß gab es den Bruchteil einer sehr beklemmenden Sekunde: Morton betrachtete seine Schuhspitzen und schwieg hartnäckig. Zwischen erstem und zweitem Stock dachte Cesar, daß er vielleicht nicht nett genug gewesen wäre, worauf er sein Lächeln verstärkte: ein verkrampfter Ausdruck, der ihm unter die Nase geheftet war wie die Fahne eines Waffenstillstands. Aber Morton war jetzt damit beschäftigt, sich die Flusen vom Revers zu entfernen. Zwischen zweitem und drittem Stock sagte Cesar: Ja, ja. Und Morton verlegte das Gewicht seines Körpers von einem Fuß auf den anderen. Zwischen drittem und viertem Stock fragte Cesar, wie fandest du es bei Nacho, obwohl er um nichts in der Welt das Thema hätte erwähnen wollen und ihn schon die Möglichkeit, davon sprechen zu müssen, mit Entsetzen erfüllte. Du hast ja eine schöne Show mit dem Hund abgezogen, antwortete Morton zwischen viertem und fünftem Stock. So lächelte Cesar zwischen sechstem und siebtem Stock gequält, daß seine Hände schweißnaß waren. Zwischen siebtem und achtem Stock gähnte Morton: Mensch, bin ich müde. Der Aufzug hielt an, die Türen öffneten sich, Morton stürzte heraus: Bis später, Cesar. [...]
1. Variante: (S. 47)
[...] Er trat außerordentlich bedrückt in sein Büro.
Weil nämlich, da bestand
kein Zweifel, Morton sehr komisch gewesen war. Trocken und kurz angebunden. Wie
verärgert. Oh, oh, wie schrecklich, Morton war böse auf ihn, soviel war
sicher. Hallo Cesar, hatte er zuerst gesagt. Eine übliche Begrüßung, in einem
distanzierten Ton ausgesprochen. Aber er hatte ihm ja nicht einmal ins Gesicht
gesehen! Und dann dieses quälende Schweigen, das sich zwischen ihnen
ausbreitete. Morton war verärgert. Er, der Cesar immer gegen die Angriffe
Quesadas und der anderen in Schutz genommen hatte. Morton war enttäuscht! Du
hast ja eine schöne Show mit dem Hund abgezogen, hatte er gesagt, als Cesar den
unseligen Einfall hatte, das Thema zu erwähnen. Eine schöne Show. Seit
Ewigkeiten rührst du schon keinen Finger mehr, hätte er in demselben,
mißbilligenden Ton sagen können. Eine schöne Show, du hast mich enttäuscht. Das
war die Botschaft seines Satzes. Und dann dieses verächtliche Gähnen; um der
Langeweile Ausdruck zu geben, die Cesar in ihm erweckte; vielleicht auch, um
ihn zu demütigen. Und diese Art, aus dem Aufzug zu stürzen, kaum waren sie im
achten Stock angekommen. Er hatte Morton enttäuscht. Cesar fühlte sich, als
wäre er beim Jüngsten Gericht durchgefallen. Du hast nicht genug gelernt,
donnerte ein Gott mit struppigen und dichten Augenbrauen. Faulpelz,
Nichtsnutz, Rumtreiber sangen dazu im Chor die verfluchten Cherubine. Cesar hob
den Blick von der Mappe mit Zeichnungen, die er zu studieren vorgab. [...]
2. Variante: (S.48)
[...] Aber mal sehen: Wenn man das Gespräch in Ruhe analysierte,
war es doch gar nicht so schrecklich gewesen. Hallo Cesar, wie geht's, hatte
Morton gesagt; das war zwar ein ganz gewöhnlicher, aber doch netter Gruß.
Eigentlich persönlich, ja man könnte fast sagen vertraut. Hallocesarwiegeht's,
tatsächlich war es gar nicht so schlecht, Morton hätte zum Beispiel ganz
einfach hallo sagen können. Oder auch: hallo Cesar. Und: hallo, wie geht's.
Oder sogar: wie geht's, Cesar. Oder nur: Wie geht's. Aber nein, Morton hatte
drei Dinge gesagt, hallo-Cesar-wie geht's, in Wirklichkeit klang das ziemlich
herzlich. Vor allem, wenn man in Betracht zog, daß es früh am Morgen war und es
sich um ein Gespräch im Aufzug handelte, das schließlich immer absurd und
nichtssagend ist. Du hast ja eine schöne Show mit dem Hund abgezogen. Dieser
Satz brauchte auch nicht unbedingt mißbilligend gemeint gewesen zu sein; schließlich
war Cesar ins Fettnäpfchen getreten, indem er das Thema der Party erwähnte;
und Morton hatte mit einer witzigen Bemerkung reagiert. Du hast ja eine schöne
Show mit dem Hund abgezogen. Das war eine Redewendung, klang mehr nach Komplize
als nach Tadel. Und es war offensichtlich, daß Morton müde war; deshalb gähnte
er und sagte: Mensch, wie müde ich bin. Dann war es doch ganz natürlich, daß er
sich ziemlich schweigend verhielt. Und außerdem: daß Morton so ungeniert vor
ihm gähnte, war das nicht ein Zeichen von Vertrauen? Sogar von Vertrautheit?
[...]
3. Variante: (S. 57)
[...] Lassen wir einmal Besonnenheit walten, sagte sich Cesar; die Agentur war kein Platz florentinischer Intrigen, wie es ihn seine Phantasie in den schlimmsten Momenten befürchten ließ. Zum Beispiel: Nichts war natürlicher als die Tatsache, daß Morton ihn heute morgen mit diesem Hallocesarwiegeht's begrüßt hatte. Es war ein Satz der Umgangssprache, freundlich, unwichtig; das genau war die Lösung, die Unwichtigkeit der Angelegenheit, daß nämlich für Morton die Strecke im Aufzug nichts weiter war als eben eine kurze Strecke im Aufzug. Während er, Cesar, das Offensichtliche mit Geheimnissen ausstaffieren wollte und aus dem Nichts auf Katastrophen schloß. Was für eine Besessenheit, was für eine Ruhelosigkeit, was für eine krankhafte Phantasie: Die Wirklichkeit war viel einfacher als dieses Labyrinth, das Produkt seiner Angst war. Es war lächerlich, man könnte fast sagen pathetisch, daß er geheime Absichten suchte. Und vor allem, wer war eigentlich Morton, daß er, Cesar, ein erwachsener Mensch, ein gestandener Mann, sich derartig um seine Meinung über ihn sorgte? [...]
4. Variante: (S. 60)
[...] Hallo Cesar, wie geht's, hatte Morton gesagt; und der Ton
seiner Stimme war weder gereizt, noch schläfrig, noch gleichgültig. Es war viel
schlimmer: Es war eine mitleidige Stimme. Morton wußte, daß Cesar keine Zukunft
mehr hatte; er hatte aufgehört, ihm zu vertrauen. Er, Cesar, hatte ihn
enttäuscht; und diese Enttäuschung stimmte ihn traurig, [...]
5. Variante: (S. 61)
[...] Du hast ja eine schöne Show mit dem Hund abgezogen, hatte
Morton gesagt, und in dem Satz schwang dieser Ton von vertrauter Erbitterung,
mit der die Ehefrau ihren Gatten tadelt, wenn sie glaubt, daß er auch sie bloßgestellt
habe. Morton hatte ihn doch immer unterstützt, o ja, ja immer. Und jetzt hatte
er, Cesar, auf diese Weise versagt und ihn gewissermaßen in eine verzwickte
Situation gebracht. Es war augenscheinlich, daß Morton über all die Kritiken,
die gegen Cesar vorgebracht worden waren, auf dem laufenden war, vielleicht
war sein Name schon auf mehreren Konferenzen gefallen, vielleicht hatten
Quesada und die anderen von Morton Cesars Kopf verlangt. Und Morton,
enttäuscht, hatte sich endlich von den einen und den anderen überzeugen lassen
und hatte aufgehört, ihn zu schützen. Deshalb hatte er sich nicht getraut, ihn
im Aufzug anzusehen: wegen der Verwirrung, die man spürt, wenn man sich
jemandem gegenüber sieht, den man einst geliebt hatte und den man jetzt
nüchtern betrachtet. Und deshalb hatte er gesagt: Mensch, bin ich müde, und
sogar so getan, als ob er gähnte; aus einer letzten Rücksichtnahme heraus,
einem nachträglichen Mitleid, damit er, Cesar, diese Müdigkeit als
Rechtfertigung für sein Schweigen nehmen könnte, wo doch Morton tatsächlich
schwieg, weil er ihn enttäuscht hatte. Morton schwieg, weil er ihn endlich so
gesehen hatte, wie er wirklich war, und er bereute, ihn jemals geschätzt zu
haben. [...]
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[Rosa Monteros Roman Geliebter Gebieter] Es ist ein schnelles, plakatives Buch, das mit dem
amerikanisierten spanischen Kapitalismus der achtziger Jahre oftmals
klischeehaft abrechnet. Erzählt wird aus der Perspektive des ehemals erfolgreichen
Werbedesigners Cesar, der sich in der hierarchischen, einem unerbittlichen
Leistungsprinzip folgenden Struktur einer Madrider Werbeagentur verfängt. Im
Spannungsverhältnis zwischen aggressiver Auflehnung und masochistischer
Unterwürfigkeit kapituliert er schließlich und liefert sich vollends dem
entfremdenden Machtapparat aus. Dieser Roman über das Wesen der Macht und die
Ichspaltung jener, die das Denken in Hierarchien verinnerlicht haben, erreichte
in Spanien eine noch größere Auflagenzahl als Ich werde dich behandeln wie eine Königin. Rosa Montero hatte es
endgültig geschafft, sich auf dem Literaturmarkt zu etablieren.
Die viel beschworene spezifisch weibliche
Imagination freilich ist dabei auf der Strecke geblieben. Die Autorin hat sich
in einem atemberaubenden Tempo zu einer routinierten, aber traditionellen
Erzählerin entwickelt, die ihr Handwerk versteht, es perfektionieren, aber
nicht revolutionieren will. Jetzt ist in erster Linie eine „Universalisierung
der Themen“ angesagt. Wer sich darunter wenig vorstellen kann, warte auf die
Übersetzung ihres neuesten, im Februar dieses Jahres in Spanien erschienenen
Romans (Zittern): ein in
Science-Fiction-Form gekleideter Bildungsroman, dessen Protagonistin auf der
Suche nach den Grundbedingungen menschlichen Seins und Zusammenlebens ist.-Andrea Rössler TAZ 1.9.90
In ihren ersten Romanen hat sie noch oberflächlich
geschrieben, vor allem beschrieben, was sie sah, weil sie noch nicht viel wußte
über das Leben, doch mit den Jahren, glaubt sie, geht sie den Dingen mehr auf
den Grund, bemüht sich, immer mehr in das Unterbewußtsein einzudringen, denn nur
so könne sie Erscheinungen nachgehen, die nicht nur persönlich, sondern
universell sind.
»Amado amo«
(»Geliebter Gebieter« 1985, deutsch 1989) war bereits der erste Schritt dazu.
Sie stellte sich der Herausforderung, in die Haut eines Mannes zu schlüpfen,
ihr eigentliches Ziel war es jedoch, in die Tiefen der menschlichen
Vorstellungswelt vorzudringen, und den Extrakt daraus, da ist sie sicher,
fühlen beide Geschlechter. Der geliebte Gebieter ist nicht etwa ein
diktatorischer Ehemann, sondern der omnipräsente Chef einer Werbeagentur, der
über Aufstieg und Fall seiner Mitarbeiter bestimmt.
Rosa Montero ging es nicht nur darum, dem Geheimnis
der Macht ein Stück weit näherzukommen (ein Thema, das sie immer wieder
umtreibt), sie wollte auch den absurden Konkurrenzkampf schildern, der die
Arbeit in den Industriegesellschaften bestimmt, den Menschen aber nur Unglück
beschert. Nicht daß sie eine Lösung hätte, wie man diesem Konkurrenzkampf
ausweichen könnte. Um Lösungen geht es ihr nicht, sie will keine Botschaft
vermitteln, sondern nur Dinge entwickeln, die sie beschäftigen, ja
schmerzen.
Eva Karnofsky Börsenblatt
78 / 1.10.1991
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Schülertext - Freies
Schreiben nach der Reise
Spanische
Landschaft
Das
Land - gelb und hart
eine
lange Trockenzeit
Risse
in der Erde
Hoffnung
auf einen Tropfen Regen
Die
Tiere - mager und dürr
suchen
nach letztem Grün
durstig
warten
Leben
mit jedem Tropfen Wasser
Die
Steine - ocker und heiß
staubig
der Weg
erstarrt
das Land
Alles
dürstet nach Regen
Der
Himmel - blau und grell
die
Sonne brennt
kein
Regen - dann
Endlich
Wolken, ersehntes Wasser
Die
Pflanzen - trocken und braun
fehlende
Blätter, traurig und grau
vertrocknete
Sonnenblumen
Endlich
wieder grün vom Regen
Freier Text: N.C.
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|
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|
|
Erfahrung: |
|
|
Leseerfahrungen: Medienerfahrung: Reiseerfahrungen: |
▪
deutsche und
spanische Literatur Jg. 12 - 13 ▪
spanischer
Roman: Rosa Montero, Geliebter Gebieter ▪
deutsches
Fernsehspiel: Gabriela Sperl (Buch) / Martin Enlen (Regie): Wer Kollegen hat,
braucht keine Feinde ▪
konkrete
Reise - Salamanca ▪
innere Reise
- Gedichte: „Wald - Bäume“, „Landschaft - Reisen“ |
|
|
|
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Analyse: |
|
|
Problemanalyse: Textanalyse: Medienanalyse: |
▪
nationale
Images: textbezogen - leserbezogen ▪
Berufs- und
Arbeitswelt: Burnout und Mobbing ▪
sozio-historische
Lage: Verspätung und Beschleunigung im modernen Spanien ▪
Reisen und
Tourismus: ins Innere vordringen ▪
Erzähltextanalyse
(Erzählsituationen, Redeformen, Sprache, Motive, Spiegelungen, Metaphorik) ▪
Kommunikationsanalyse
▪
literatursoziologischer
Zugriff: Text und Kontext ▪
entspr.
Klausur: Analyse eines fiktionalen Textes ▪
Medienvergleich:
Buch - Film ▪
Medienkritik:
Rezension - Buchempfehlung |
|
+ |
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Produktion: |
|
|
Reisevorbereitung: Reisebegleitung: Reisenachbereitung
/ freie Produktion: produktive
Textrezeption: |
▪
Referate zu
Spanien -Tagesplanung für Salamanca ▪
Reisetagebuch,
täglich verteilt auf die Teilnehmer ▪
Reiseeindrücke
- Schilderung: Landschaftsbilder - Essay: Der Deutsche im Urlaub -
Erörterung: Ausländische Literatur im Deutschunterricht ▪
Titelcluster
- Coverassoziationen - literarische Rollenspiele - Schaubild - Texte nach
Folienimpulsen |
|
|
|
|
Synthese: |
|
|
Vergleich: histor.
Relativierung: Intertextualität: Wertung: Transfer: |
▪
die nationalen
und supranationalen Phänomene ▪
ökonomische
Situation - Deutungsmuster ▪
Bezüge in der
Kursfolge ▪
kritische
Stellungnahme: Texte, Urteile ▪
mit eigenen
Erfahrungen verknüpfen |
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Kommunikationsanalyse - Jg. 9-13
Um das sprachliche Verhalten von
Dialogpartnern in Sprechsituationen zu verstehen, muss man beobachten, wie ihre
Kommunikation in größere Handlungszusammenhänge eingebettet ist, wie
sprachliche Handlungen zur Verständigung, zur Kooperation oder zum
Konkurrenzkampf eingesetzt werden und woran es liegt, dassdaß
Kommunikation gelingt oder misslingtmißlingt. Dabei
ist zu untersuchen, wie sich die spezifischen Umstände der Situation, die
Handlungen und die Rede- oder Gesprächsbeiträge gegenseitig beeinflussen. Dies
Analyseverfahren ist anwendbar auf szenische Texte, sowohl auf dialogische
Partien in Erzähltexten als auch auf Szenen in Schauspielen, Hörspielen etc.
1. Situationsanalyse:
·
Welche Faktoren der Situation bestimmen vor
allem die Art und das Zusammenspiel des Handelns und des Redens?
Äußere Einflüsse: Ort, Raum, Zeit, Gegenstände, Umstände,
Atmosphäre, Personenkonstellation, Rollenverteilung, persönliche Situation,
Gefühle, gesellschaftliche Bedingungen und Normen, wirtschaftliche Lage, etc.
2. Handlungsanalyse:
·
Welche Handlungen wirken vor allem auf die
Situation und das Gespräch ein oder gehen aus ihnen hervor?
Konkrete Handlungen: Art der Handlungen - alltäglich: aufstehen, Fenster
öffnen, Kaffee eingießen - beruflich: Formular reichen...- symbolisch: Blumen
überreichen...; Handlungsträger: Personen, Gruppen; Handlungsablauf:
Handlungsziel, Auslöser, Verlauf, Ergebnis, Folgehandlungen;
Handlungsspielraum, Handlungsalternativen; Handlungsebene: erinnerte, aktuelle,
geplante/erahnte Handlungen; Art der Steuerung: bewusst, unbewusst; emotional,
rational...
3. Rede‑/Gesprächsanalyse:
·
Welche Bedeutung haben Gesprächs‑ oder
Redeteile für die Situation und die konkreten Handlungen?
Sprachliche Handlungen: Verbalsprache, Körpersprache; Intentionen,
Konventionen, Rituale; Themenfolge; Redeorganisation: Initiativen,
Sprecherwechsel, Redeanteile, Dominanz; Inhalts‑ und Beziehungsaspekt;
Rederichtung: dialogisch, monologisch, innerer Monolog, öffentliche Rede;
„Sprachhandlungen“: Ankündigung, Bitte, Dank, Empfehlung, Forderung, Gruß,
Herabsetzung, Information, Kompliment, Lüge, Mutmaßung, Nötigung,
Problematisierung, Ratschlag, Schmeichelei, Tadel, Unterstellung, Vertröstung,
Widerspruch, Zurückweisung...; Redesequenzen, d.h. typische Abfolge der
Beiträge: „Interview“ mit Frage - Antwort - Gegenfrage..., „Argumentation“ mit These ‑ Zweifel ‑
Argument ‑ Gegenargument ‑ Argumentenwürdigung ‑
Schlussfolgerung, „Streitgespräch“ mit
Vorwurf ‑ Rechtfertigung/Gegenvorwurf ‑ Ausweichen ‑
Verstärken des Vorwurfs - Aggression ‑ Beschwichtigung...Abschluß;
Redemittel: rhetorische Mittel, bildliche Mittel, Redewendungen...
In: Einecke, Günther: Unterrichtsideen Textanalyse und
Grammatik. Vorschläge für den integrierten Grammatikunterricht. Klett:
Stuttgart (1993) 31995, 157 f.
Beispiel: Kommunikationsanalyse
Der Text:
Rosa Montero: Geliebter Gebieter (st 1879, S. 7-11)
1
/S.7/ Als er in das Parkhaus hineinfuhr,
hatte er sich fast in das Hinterteil eines roten Wagens verkeilt. Der andere
Fahrer streckte den Kopf zum Fenster raus: spärlicher Haarwuchs, blasse, jetzt
gerötete Wangen, geschwollene Augenlider. Entschuldige, Junge, aber irgendein
Schwachkopf hat sich auf meinen Platz gesetzt. Es war Matias. Cesar wich aus,
um ihm das Manövrieren zu erleichtern, das rote Auto setzte brummend zurück,
kam ins Schleudern und zerkratzte sich die Seite an einer der Betonsäulen.
Matias stürzte wutentbrannt aus dem Wagen: Verfluchte Scheiße, verdammt noch
mal, so ein Mist. Halb zu sich selbst, halb zu Cesar gewandt, murmelte er
Verwünschungen; sie galten auch dem zerquetschten Kotflügel seines Autos, vor
allem aber galten sie dem Parkhauswächter, der jetzt, eingehüllt in seinen
blauen, fettverschmierten Overall, auf sie zukam: langsam, sehr langsam, so
als wollte er Matias Zeit geben, seine Flüche loszuwerden; vielleicht aber
auch nur, um ihn zu ärgern. Wer ist eigentlich der Idiot gewesen, der sein Auto
auf meinen Platz gestellt hat? Der Mensch kratzte sich am Kinn, zuckte die
Schultern: Das sind Anordnungen, ich weiß von nichts. Anordnungen? Was für
Anordnungen? Mir hat man gesagt, daß dieser Platz ab heute Herrn Martinez
gehört, antwortete der andere wortkarg, dabei spuckte er ab und zu irgend
etwas Unsichtbares aus, ganz so, als hätte er eine Tabakfaser im Mund, die er
nicht völlig herausbekam.
Matias
klappte den Mund auf und wieder zu. Und Cesar dachte: Der ist erledigt. Wer hat
das angeordnet, fragte der Halbtote mit heiserer Stimme. Der Herr Pibu, sagte
der Wächter, ich weiß von nichts. Pittbourg, der stellvertretende
Verwaltungsdirektor. Matias blinzelte, schluckte geräuschvoll, vollführte eine
halbe Kehrtwendung und begann mit den Schritten eines Blinden dem Eingang
zuzustreben. Cesar übergab dem Parkhauswächter seine Wagenschlüssel und lief
hinter seinem Kollegen her. Unter seinen rosigen Wangen ließ Matias'
Gesichtsfarbe eine phosphoreszierende Blässe durchscheinen; die dunkelvioletten
kleinen Venen seiner Nase glichen einer hydrographischen Karte. Mach dir keine
Sorgen, Matias, begann er. Und im selben Moment wurde ihm klar, /S.8/ daß Matias derartig besorgt war,
daß der Satz fast brutal klingen mußte. Es war, als ob man einen Buckligen an
seinen Buckel erinnerte. Ärgere dich nicht, Matias, verbesserte er sich
deshalb, denn schließlich war der Ärger immer ein würdigeres Gefühl, die Wut
war eine göttliche Eigenschaft. Komm, Mensch, reg dich nicht auf, auch mir
haben sie vor einigen Monaten den Parkplatz weggenommen, das ist noch lange
kein Grund zur `Panik. Nein! murmelte Matias und warf ihm aus den Augenwinkeln
einen raschen Blick zu. Nein, Mensch, du weißt doch, daß es immer Probleme
wegen des Parkens gegeben hat, weil nicht genügend Plätze da sind. Ich gebe
jetzt immer dem Parkhauswächter den Schlüssel und damit hat sich die Sache. Das
ist viel bequemer. So sprach Cesar, verlogen und großmütig. Was er verschwieg,
war, daß sein Fall ganz anders lag, daß ihm in Wirklichkeit niemand diesen
verfluchten Platz weggenommen hatte. Cesar hatte keine feste Arbeitszeit, er
war einer der Stars des Hauses, er nahm eine Sonderstellung ein. Und es war
Morton selbst gewesen, der ihm eines Tages gesagt hatte: Es macht dir doch
sicher nichts aus, wenn jemand anderes deinen Platz im Parkhaus benutzt? Du
kommst ja so selten hierher, und es ist schade, Platz so sinnlos zu vergeuden
... Matias war neben der Ausgangstür stehengeblieben, wühlte ungeschickt in
seinen Taschen, zog ein völlig verknittertes Taschentuch heraus und trocknete
sich damit den kalten Schweiß ab. Mit einer kräftigen Handbewegung kämmte er
sein fettiges, spärliches Haar zurück. Dann drehte er sich zum Parkwächter um,
der sich im Hintergrund des Parkdecks, in einiger Entfernung, aufhielt. Ich werde
mit Pittbourg reden, hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen worden!
brüllte er, und spuckte dabei mit Geschossen aus Speichel und Fetzen aus Stolz
um sich. Und das Männchen im Overall zuckte verächtlich die Schultern.
Ich
sag' dir ganz ehrlich, ohne festen Platz ist es viel bequemer, du überläßt
einfach dem Parkhauswächter den Schlüssel, und am Ende des Monats gibst du ihm
ein anständiges Trinkgeld, beharrte Cesar, berauscht von seiner Großmütigkeit
und Stärke, während sie die Treppe hochgingen. Tatsächlich hatte man es kommen
sehen, dachte er bei sich: Wie hatte es ihm bisher nur entgehen können.
Zufällig wurde schon seit einer Woche über Matias hergezogen. Und Cesar hatte
begriffen, daß das Leben der Firmen voll war von Zufällen dieser Art. Eines
schönen Tages scheinen ein paar Leute plötzlich und zur gleichen Zeit die
furchtbar schweren /S.9/ Fehler des
Soundso zu entdecken; Fehler, die über Nacht zum Hauptgesprächsthema des Hauses
werden. Aber das Verblüffendste war, daß sich wenige Tage nach dem Ausbruch dieses
Geschwätzes herausstellte, daß der Soundso jetzt ganz sicher zurückgestuft, in
die Ecke abgeschoben oder sogar entlassen wurde. Oder er verlor den Parkplatz,
wie der arme Matias. Jetzt erinnerte sich Cesar, während der letzten Wochen von
mindestens zwei oder drei Leuten kritische Äußerungen über Matias gehört zu
haben, ohne daß er sich weitere Gedanken darüber gemacht hätte. Mal sehen.
Einer war natürlich Miguel. Wißt ihr eigentlich schon die letzte Story von
Matias? ließ er beim Aperitif verlauten, obwohl, soweit Cesar wußte, nie von
einer vorletzten, einer vorvorletzten, ja nicht einmal von einer ersten Story
die Rede gewesen war. Dann selbstverständlich Quesada, während einer Sitzung,
in der die Werbekampagne für Ford
vorbereitet wurde; und Cesar hatte sich schon gewundert, daß Matias nicht dabei
war. An diesem Tag, gegen Ende der Sitzung, erwähnte Quesada so ganz nebenbei
Matias' Alkoholismus und sprach von nicht zu übertretenden Grenzen, die Matias
augenscheinlich überschritten hatte. Morton nickte ernst und zeichnete mit
seinem Mont-Blanc-Füller Dreiecke auf ein Papier. Und dann Nacho, jetzt
erinnerte er sich, Nacho griff Quesadas Aussage auf und fügte ihr einen seiner
messerscharfen Kommentare bei. Reiner Stahl.
Sie
riefen den Aufzug. Matias neben ihm schnaufte und keuchte, vielleicht lag es an
der Anstrengung des Treppensteigens; er griff sich an die Brust, als ob er
Schmerzen hätte. Man sollte mit dem Rauchen aufhören, witzelte Cesar, und
steckte sich dabei eine Zigarette an. Und du sagst, daß du den Schlüssel dem
Parkwächter gibst? So ist es. Aber ich muß mit Pittbourg reden, beharrte
Matias eigensinnig. Armer Kerl, sagte sich Cesar. In gewisser Weise verdiente
er diesen Schlag. Da stand er, an seiner Seite, mit weit aufgerissenen Augen,
und er schwitzte wie ein Schüler, der vor dem Lehrer steht und auf seine Frage
keine Antwort weiß. Er war kein übler Typ; oder anders ausgedrückt, er war
derartig durchschnittlich, daß es ihm gar nicht möglich war, sehr schlecht zu
sein. Matias gehörte zu der Sorte Leuten, die aus ihrer Firma eine
Herzensangelegenheit machten und die mit größerer Zärtlichkeit von den
jährlichen Bilanzen ihres Unternehmens als von den Schulnoten ihrer Kinder
redeten.
Matias
war schon genauso lang in der Firma wie er, er kam vor /S.10/ zwanzig Jahren, als die Firma noch Richtung hieß und ein kleines und vollständig spanisches
Unternehmen war. Später hatte er sich, im Gleichschritt mit dem zunehmenden
Erfolg der Firma, heraufgearbeitet, und als die Agentur dann von der Golden Line aufgekauft wurde, bewegte
er sich schon auf Direktionsebene. Er war einer von diesen Typen, die, mit
wenig Mut und noch weniger Stolz ausgestattet, vom Erfolg in unterwürfigste
Sklaven verwandelt wurden. Und so war Matias ein treuer Zerberus, ein loyaler
Denunziant: nur daß er nicht denunzierte, um persönlich davon zu profitieren,
sondern zum größeren Ruhm der Agentur. Kurz und gut, schloß Cesar
erbarmungslos, während er Matias nachsah, der sich, zusammengefallen und mit
hängendem Kopf, im Gang entfernte: Kurz und gut, soll er doch zum Teufel gehen.
Außerdem
gab es nicht den geringsten Zweifel daran, daß die ganze Angelegenheit
lächerlich war. Eine solche Tragödie wegen so einer Kleinigkeit, wegen ein paar
Quadratmeter Parkplatz. Natürlich hatte er, Cesar, sich nicht so aufgeführt. Na
ja, sein Fall lag ja auch anders. Du kommst ja so selten hierher, es ist
schade, den Platz so zu vergeuden, sagte Morton zu ihm. Lächelnd. Aber es war
da etwas in seinem Ton, das ihm in den Ohren klingelte. Daß ich so selten
komme, soll das ein Vorwurf sein? antwortete Cesar mit erzwungener Heiterkeit.
Morton klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter; eines Tages wirst du dir
Lungenkrebs einfangen vom vielen Rauchen, bemerkte er leutselig, dabei rümpfte
er vor der Zigarette die Nase, und fügte hinzu: Ich habe gehört, daß du eine
Ausstellung vorbereitest. Was meinst du? hatte Cesar da etwas zu heftig
gefragt. Was meinst du damit? und glücklicherweise unterdrückte er das
Folgende: Ist das vielleicht eine Anspielung darauf, daß ich, statt in der
Agentur zu arbeiten, male? Aber selbst so, auf die Hälfte reduziert, war es
eine zu emotionsgeladene Frage gewesen. Wie, was ich damit meine? Du bist aber
empfindlich, Cesar; und Mortons Augen waren ein dunkelblaues Loch. Verzeih,
mußte er sich entschuldigen; also nein, ich bereite keine Ausstellung vor,
nein, ich male nicht, ich male schon seit Jahren nicht mehr, blockiert, es
sieht so aus, als habe mich die Inspiration verlassen. Mortons Augen wurden
jetzt fast schwarz, und er sagte lediglich: Ich verstehe. Und es war, als ob er
gesagt hätte: Seit vier Jahren gewinnst du keinen Preis mehr, seit drei Jahren
führst du keine Werbekampagne mehr anständig durch, seit zwei Jahren habe ich
keine originelle Idee mehr von dir gehört, seit einem Jahr /S.11/ fragen mich die Kunden nicht mehr nach dir, sie verlangen
nicht nach dir, sie erinnern sich nicht an dich, sie haben dich vergessen. Aber
vielleicht wollte auch Morton nichts von all dem andeuten, und Cesars
Verdächtigungen waren nichts anderes als das Produkt eines Verfolgungswahns.
In letzter Zeit nämlich, das mußte er sich eingestehen, war er nicht auf der
Höhe. Er fühlte sich unsicher. Bedrückt. Eine Sache der Nerven. [...]
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Die Textanalyse und Interpretation
(G. Einecke)
Rosa Montero: Geliebter
Gebieter Kapitel I, Anfang
(st 1879, S. 7 „Als er in das Parkhaus hineinfuhr...“ - S. 11 „... Eine
Sache der Nerven.“)
1. Gesamteindruck und Hypothese zur Textaussage:
Phase der „bornierten Subjektivität“
(Kreft) - der Konkretisation (Frommer) -
Wirkungen und Interpretationsbedarf
2. Textanalyse - Phase der „Objektivierung“, der Rückbindung an den
Text - z.B. als:
Kommunikationsanalyse:
Situations-, Handlungs- und Redeanalyse
Der Roman beginnt mit einer Situation in einem Parkhaus, einer
betonierten urbanen Umgebung, die assoziativ Gefühle des Bedrohtseins, des
Weg-von-hier, der Konkurrenz um einen Platz ... auslöst; ein unheimliches
Gefühl, das sich nicht mit der Einführung von Überwachungskameras und Frauenparkplätzen
erledigt hat. Diese Szenerie wird auf den ersten fünf Seiten zu einem Szenario
tatsächlichen Bedrohtseins entwickelt: Mit der Situation wird in den
Verdrängungswettbewerb zwischen den Mitarbeitern der Firma Golden Line
eingeführt. Aus der Perspektive von unten, also derer, die sich um einen festen
Firmenparkplatz im Parkhaus wie auch um eine feste Position in der Firma
bemühen müssen, werden mit den Vorgängen im Parkhaus zugleich die Vorgänge in
der Firma gespiegelt. Der Wirklichkeitsausschnitt
des Romans erfaßt eine soziale
Grundsituation im Lebensbereich der Arbeitswelt. Das sächliche Inventar der konkreten Situation besteht aus Parkhaus,
Parkdeck, Betonsäulen, zwei Autos, Autoschlüsseln, Treppen, Aufzug, Zigaretten,
hinzu kommen in vorgestellten Situationen Papier und Füller während einer
Sitzung; wirklich keine exotischen Details. Das Interesse muß also aus der
Handlung und der Rede erregt werden.
Als Protagonisten treten real auf:
- Matias, dem auf Weisung der
Firma der gewohnte Parkplatz genommen wurde und der in Wut darüber seinen Wagen
beim Manövrieren beschädigt. Er wird in seiner völligen Erregung und
Hilflosigkeit charakterisiert: als
„Halbtoter“ mit der Physiognomie eines völlig Gestreßten: „spärlicher
Haarwuchs, blasse, jetzt gerötete Wangen, geschwollene Augenlider“, die
„Gesichtsfarbe [zeigt] eine phosphoriszierende Blässe...; die dunkelvioletten
Venen seiner Nase glichen einer hydrographischen Karte“ (7); als einer, der
„mit den Schritten eines Blinden“ geht und „erledigt“ ist (7). Matias'
Überreaktion mag überraschen, sie wird jedoch verständlich, wenn man Cesars
Gedanken über ihn auf ihn selbst bezieht: er steht in einem Existenzkampf auf
verlorenem Posten, versteht die Wegnahme des Parkplatzes als Kampfsignal und
gerät in Panik.
- Cesar Miranda, der die Situation
von außen betrachtet, in dessen kommentierende Innensicht der Leser durch
Formen des personalen Erzählens aber sogleich einbezogen wird. Er führt in
seinen Reflexionen über die aktuelle Parkhausszene hinaus in die
dahinterliegenden Konflikte der Firma und in ihre Geschichte ein, weil er
selber - ehemals ein „Star des Hauses“ - plötzlich auf eine unheimliche Weise
Matias' Abstieg ahnend auf sich bezieht.
- der Parkwächter, der - obwohl
einer der untersten - in aller Ruhe an diesem Ort die Hierarchie der Firma
vertritt, indem er nur die Anordnungen von oben vollzieht.
In Cesars Gedanken, in dem
Kommentar des Parkwächters und in Dialogteilen mit Matias tritt also durch
Figurenrede mittelbar das Personal
der Mächtigen und der Konkurrenten hinzu:
- Herr Martinez, dem Matias den
Parkplatz abtreten muß
- Herr Pittbourg, der
stellvertretende Verwaltungsdirektor, der die Anordnung gab
- Morton, Cesars Vorgesetzter und
Förderer, der dem Grafiker Cesar bereits in freundschaftlicher Form dessen
Parkplatz abgehandelt hatte, weil er wie ein freier Mitarbeiter ihn nur selten
benutze
- Miguel, Quesada und Nacho, die
in der letzten Zeit verbal und durch Handeln den Abstieg von Matias vorbereitet
haben.
Die konkrete Situation im Parkhaus wird von Cesar ergänzt um Situationen in der Erinnerung:
- wie Morton „eines Tages“ mit
Cesar über dessen Parkplatz verhandelte,
- wie „schon seit einer Woche
über Matias hergezogen“ wurde
- wie ganz allgemein und
scheinbar zufällig in der Firma „eines schönen Tages ... ein paar Leute
plötzlich und zur gleichen Zeit die furchtbar schweren Fehler des Soundso ...
entdecken; Fehler, die über Nacht zum Hauptgesprächsthema des Hauses werden.“
Diese Erinnerung wird konkretisiert an dem Abgeschobenwerden von Matias, an
einer Kette von Einzelsituationen der letzten Wochen (9) - Mit dieser
Erinnerung macht Cesar das „Mobbing“ zum Thema der gesamten Eingangsszene; er
führt geradezu die Strategien des Mobbens im Detail vor Augen. Diese
Konfliktlage wird aber in verallgemeinernder Form vermittelt: „das Leben in der
Firma“ (8), sie erhält so auch einen futurischen Aspekt: „eines schönen Tages
scheinen ein paar Leute plötzlich...“; kann natürlich auch erst noch eintreten.
Und dies - so wird es an Cesars Gefühlslage gegen Ende der Szene deutlich -
kann natürlich auch Cesar zustoßen: „Er fühlte sich unsicher. Bedrückt.“ (11)
Die konkrete, aktuelle Situation
wird somit durch Cesar ergänzt um diffuse Vorstellungen zukünftiger Situationen, aber auch durch Matias ergänzt um seine
Vorstellungen von konkreten Handlungsmöglichkeiten in nächster Zukunft: „ich
muß mit Pittbourg reden“ (9).
Die Personenkonstellation in der Situation könnte eigentlich zum einen
kollegial sein: Matias und Cesar sind Kollegen aus der „Direktionsebene“ (10)
der Firma, die nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Allerdings fällt Cesar
ein sehr negatives Urteil über Matias; er als Star mit einer „Sonderstellung“
in der Firma findet Matias „durchschnittlich“ (9) und sieht ihn als einen jener
„Typen, die [...] in unterwürfigste Sklaven verwandelt wurden“ (10). Die
Konstellation zeigt zum anderen einen Kontrast zwischen der Seite Matias und
Cesar sowie der Seite der Mächtigen und der Karrieristen, die in Cesars
Phantasie eine gemeinsame Phalanx der Mobber gegen Matias und womöglich gegen
ihn selbst bilden, wie er in seinen „Verdächtigungen“ (11) summiert.
Die Handlungen in der Situation erscheinen z. T. banal, sind aber
anfangs durch Redeteile höchst dramatisiert und verlieren sich dann völlig im
Bewußtseinsstrom Cesars.
Die ersten Handlungen nonverbaler
Art sind durch das Ambiente mitbestimmt und bestehen - auch typisch für die
urbane Umgebung - im Einsatz von Apparaten: Verkeilen, Manövrieren und
Schrammen der Autos. Darin drückt sich die Konfliktlage schon aus; sie wird
unterstützt durch Verhaltensweisen von Matias und dem Parkwächter: der eine
stürzt „wutentbrannt aus dem Wagen“, der andere kommt „langsam, sehr langsam“
hinzu, kratzt sich, zuckt die Schultern, denn er ist nicht der eigentliche
Gegenpart für Matias. Matias' Mimik und
Gestik zeigen seine Schwäche: er
„klappte den Mund auf und wieder zu“, „blinzelte, schluckte geräuschvoll,
vollführte eine halbe Kehrtwendung...“(7), „wühlte ungeschickt in den Taschen,
zog ein völlig zerknittertes Taschentuch - schon selbst ein Zeichen des
nervösen Menschen - heraus und trocknete sich damit den kalten Schweiß
ab“(8). Cesar seziert sorgfältig das
Bild des Opfers. Während der Parkwächter anfangs ganz lässig spuckt, „als hätte
er eine Tabakfaser im Mund“ (7), schimpft Matias und „spuckte dabei mit Geschossen
aus Speichel und Fetzen aus Stolz um sich“(8). Dieser Kontrast dramatisiert,
auch in der martialischen Übertreibung und der bildlichen Überhöhung von
Matias' Verhalten. Die Wirkungslosigkeit der Aggression wird vom Parkwächter
mit einem verächtlichen Schulterzucken (8) verdeutlicht; die Aggression ist an
den falschen Adressaten gerichtet.
Cesar vermittelt Matias aus
überlegener Position als Zuschauer heraus ein Bild von souveräner nonverbaler
Reaktion: Man „überläßt einfach dem Parkwächter den Schlüssel und [... gibt]
ihm ein anständiges Trinkgeld“ (8). Das folgende Treppensteigen führt bei
Matias zu einer körperlichen Handlung wie vor einem drohenden Infarkt: „er
griff sich an die Brust“ und zu einer körperlichen Reaktion: Matias „schwitzte
wie ein Schüler, der vor dem Lehrer steht“. Cesar, der mit dem Vergleich
Matias' Unterlegenheit betont, betrachtet im Aufzug seinen Nebenmann genau, er
nimmt also wieder die Beobachterrolle
ein. So schaut er auch Matias hinterher, „der sich, zusammengefallen und mit
hängendem Kopf, im Gang entfernte“(10). Vor allem die Körpersignale
verdeutlichen, daß Matias „erledigt“ ist und sich bereits mit seinen
psychosomatischen Erscheinungsformen in einer späten Phase des
Mobbing-Verlaufs befindet. - Cesars Handeln besteht vor allem im Zuschauen,
zunächst in der kalten Perspektive des noch überlegenen Beobachters, der ein
Opfer betrachtet, das er dazu nicht mag. In ironischem Kontrast zu Matias'
Atemnot entzündet sich Cesar vor dem Aufzug dann eine Zigarette. Das einzige
gemeinsame Interesse drückt sich im gemeinsamen Rufen des Aufzugs aus (sie
riefen...,9). - Viel wichtiger sind bei Cesar alle assoziierten Handlungen, die er sich vor das innere Auge holt: Zum
einen verbindet er mit dem erlebten Vorfall die geschickte Wegnahme seines
eigenen Parkplatzes durch Morton, immerhin entschuldbar mit der geringen
Benutzung. Zum andern aber stellt er einige Handlungen von Kollegen zusammen,
die deutlich als komplexe 'Psychokriegshandlungen' nonverbale und verbale
Handlungen kombinieren und wie Mobbing-Strategien einzustufen sind; und auch
Cesar hat sie als solche „begriffen“ (8):
- bei einem Kollegen einen Fehler
entdecken und zum Hauptgesprächsthema machen;
- Mitarbeiter zurückstufen, in
eine Ecke abschieben, entlassen;
- dem Betroffenen den Parkplatz
nehmen;
- den Betroffenen kritisieren;
- von ihm die „letzte Story“
erzählen;
- ihn von wichtigen Sitzungen
ausschließen;
- auf seinen Alkoholkonsum
anspielen. (9)
Die Redebeiträge der Szene sind aufzuteilen in einen Teil der
interpersonellen Rede: die direkte Rede in Dialogteilen zwischen Matias und
Cesar sowie Matias und dem Parkwächter, sowie in einen Teil der intrapersonellen
Rede mit erinnerten Gesprächen zwischen Cesar und Morton sowie mit Cesars
Bewußtsseinsstrom in personalem Erzählgestus, in monologischen Formen und
erlebter Rede.
Die Szene beginnt mit einer
Entschuldigung von Matias gegenüber Cesar in eher freundlichem Ton, steigert
sich dann aber zu Sprachhandlungen
des Schimpfens (Schwachkopf, Idiot, 7), mit dem sich Matias allgemein Luft
macht und den Parkwächter verwünscht. Mit einer sachlichen Feststellung „Das
sind Anordnungen“ kann sich der Wächter entlasten. Da Matias aber nichts von
Anordnungen weiß, merkt man, daß an ihm eine Kommunikation vorbeigelaufen ist,
obwohl sie ihn unmittelbar betrifft. Hier liegt also schon zu Anfang eine
betriebliche Kommunikationsstörung
vor. Durch Nachfragen erfährt Matias den Verantwortlichen, Pittbourg, den der
Wächter in vertraulichem Ton Pibu bezeichnet.
Cesar beginnt nun mit doppelgleisigem Kommunikationsverhalten:
intrapersonal gibt er ein krasses Urteil ab: „Der ist erledigt.“ - er wendet
sich aber im Dialog scheinbar fürsorglich an Matias und beruhigt ihn mit dem
imperativischen Appell: „Mach dir keine Sorgen.“(7) In einer Selbstkorrektur
variiert er die Aufforderung in: „Ärgere dich nicht.“(8) In der Form der
erlebten Rede erfährt der Leser Cesars Motiv für diese Änderung in der
Argumentation: „denn schließlich war der Ärger immer ein würdigeres Gefühl, die
Wut war eine göttliche Eigenschaft [dachte Cesar].“(8) Vor allem das Adverb
zeigt die Unmittelbarkeit der personalen Perspektive. Die inneren und
geäußerten Redeteile Cesars umfassen hier ein Wortfeld von Gefühlsbegriffen, das Matias' emotionale Lage umkreist:
Sorgen, Ärger, Würde, Wut, Aufregung, Panik. Cesar versucht Matias zu beschwichtigen,
indem er dessen Problem mit dem Parkplatz mit einem eigenen Erlebnis abtut und
dann verallgemeinert: „immer Probleme wegen des Parkens“. Mit einem Bericht von
seiner Lösung des Problems (Abgabe des Schlüssels) will er Matias Mut machen;
er betrachtet aber seine eigenen Wort und verurteilt sie als „verlogen“.
In Gedanken rekonstruiert er, wie
es zu seinem eigenen Parkplatzverlust kam, und meint zunächst noch mit der
Sprachhandlung der eigenen Beruhigung, „daß sein Fall ganz anders lag“. (8)
Später (10) entwickelt sich sein Fall in seinem Bewußtseinsstrom jedoch zu
einem deutlich parallelen Ereignis, auch wenn Cesar durch fast wörtliche
Wiederholung noch einmal bestärkt, daß „sein Fall ja auch ganz anders lag“.
Indem er die Gesprächssituation mit
Morton genauer ausführt und seziert, wächst seine Ahnung, daß womöglich ein
Zusammenhang zwischen seiner mangelnden Leistung für die Firma und dem Verlust
seines Parkplatzes besteht. Cesar vergegenwärtigt sich das Gespräch mit Morton
und bewertet Mortons Reden und Handeln zunächst positiv: lächelnd,
freundschaftlich, leutselig, dann aber auch schon nachdenklicher, indem er
mehrdeutiges Verhalten anführt und uminterpretiert: „Ich verstehe. Und es war
als ob er gesagt hätte...“ (10) Fragen und Rückfragen sowie Redekommentierungen kennzeichnen die
Unsicherheiten im Dialog: „Wie, was ich damit meine?“ Aus eigenen Versagensängsten
heraus, weil ihn seine „Inspiration verlassen“ hat, schlußfolgert er in
subjektiver Argumentation, daß
Mortons scheinbar harmlose Frage, ob er eine Ausstellung vorbereitet, eine
Attacke gegen seinen z.Zt. erfolglosen Mitarbeiter sei. Cesar verschärft
seinerseits das Gespräch, indem er Morton einen Vorwurf unterstellt und als
Beweggrund für Mortons Handeln selber seinen Verlust an Kreativität ansieht. So
interpretiert Cesar Mortons Äußerungen und kommt zu den „Verdächtigungen“ (11),
daß Morton mit seiner Leistung nicht zufrieden sei. Das Burnout-Thema wird in diesem Gespräch
unmittelbar eröffnet.
Cesars Reaktionen weisen zwei für
ihn typische Arten der Sprachhandlungen
der intrapersonalen Rede auf: zum einen arbeitet er mit Unterstellungen und
bald auch Schuldzuweisungen, zum anderen sind seine Interpretationen fremder
Rede Ausdruck seiner Selbstvorwürfe und Symptom für seine Ängste.
In der Parkhaussituation
entwickelt Cesar somit nach der direkten Rede mit Matias ein inneres Bild einer
früheren Gesprächssituation, in das er dialogische Passagen einbaut und in dem
er zusätzlich eine zweite innere Ebene der Selbstreflexion
und eine Metaebene des Gesprächs
aufbaut. Dies durchschaut Cesar und führt es auf eine Art „Verfolgungswahn“(11)
zurück. Indem er sich „eingestehen“ kann, daß „er nicht auf der Höhe“ ist, sich
„unsicher“ fühlt und „bedrückt“, wird durch diese Selbstkommentierung zum einen deutlich, daß er ein Problem in dem
angerührten Thema hat, und zum anderen, daß er noch nicht so weit ist wie
Matias. Ihn hatte er in dem vorhergehenden inneren Monolog „erbarmungslos“ (10)
nach einem kurzen Report seiner Karriere als einen 'loyalen Denunzianten'
verurteilt und „zum Teufel“ gewünscht. Seine Einstufung, daß der Vorgang im
Parkhaus keine „Tragödie“ sei, sollte zunächst den Vorfall erledigen; durch
seine Rekonstruktion des Morton-Gesprächs gerät aber die tief darunterliegende
Thematik schließlich auf die Spur einer sich anbahnenden Tragödie, nämlich
seiner eigenen.
Als Kommunikationssituation weist die Parkhausszene somit viele
Störungen auf. Sie hängen zum einen mit dem sich vollziehenden Untergang von
Matias zusammen. Andererseits stellen sich Störungen ein, die in Cesars
Befürchtungen und in dem betrieblichen Klima liegen.
So ist Cesar auch nicht in der
Lage, seinem Kollegen Matias zu helfen, der dann Selbstmord begehen wird. Er
ist viel zu sehr mit der auf ihn selbst zukommenden Bedrohung befaßt. Insofern
ist der Beinahe-Crash zwischen Cesar und Matias von deutlichem Zeichencharakter:
Jedem kann jederzeit etwas zustoßen! Die Anfangsseiten des Romans führen
sowohl in die Mobbing- wie in die Burnout-Situation des ausgebrannten Künstlers
und Werbegrafikers Cesar Miranda ein, der im weiteren Verlauf der „Tragödie“ in
selbstzerfleischenden und schuldzuweisenden Reaktionen immer
handlungsunfähiger wird und damit seinen erahnten Untergang erst recht
heraufbeschwört.
Die berufliche Grundsituation und
die aktuelle Konfliktsituation im Parkhaus bedingen gleichermaßen zum einen Matias'
jämmerliches Handeln und Reden und zum andern Cesars Handeln und Reden, äußerlich scheinbar sicher, aber sehr unsicher
im Innern. Beide Protagonisten können und wollen nicht als Kollegen
kommunikativ aufeinander zugehen und ggf. die innerbetrieblichen
Kommunikationsprobleme handelnd anpacken, die sich deutlich an der plötzlichen
„Anordnung“ von oben am Anfang des Romans kundtun. Andererseits ist diese Lage
der Ungewißheit, der latenten Bedrohung und der Unsicherheit in der beruflichen
Position, bedingt durch unterlassene Kommunikation auch ein Machtinstrument der
betrieblichen Hierarchie bei einem „kapitalistischen“ Unternehmen ohne
fortentwickelten Führungsstil, ohne professionelles Konfliktmanagement und
ohne eine entsprechende „betriebliche Ethik“(Leymann, 175 ff.).
3. Interpretation und
Phase der „Aneignung“ (Kreft):
▪
den Sinn des Textes deuten
▪
die Bedeutung des ganzen Textes und seiner Teile
abschließend erklären
▪
im Rückgriff auf Schritt 1 die Hypothese begründen,
vertiefen, präzisieren, einschränken, erweitern, korrigieren, falsifizieren
▪
die Absicht des Autors erschließen
▪
den Text in Zusammenhänge stellen: Gesamtwerk;
historischer, biografischer, literarischer ... Kontext
▪
die Bedeutung für damals - heute - immer, für mich
erklären
▪
den Text und seine Wirkung beurteilen.
(Günther Einecke - zur
Methode vgl.: Ders.: Unterrichtsideen Textanalyse und Grammatik. Vorschläge für
den integrierten Grammatikunterricht. 5. - 10. Schuljahr. (Hauptbd. u.
Materialien). Stuttgart: Klett (1993) 21994)
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Jg. 13.1 - Deutsch LK - / 6 Unterrichtsstunden
Analyse eines
fiktionalen Textes / Rosa Montero: Geliebter Gebieter
Ausschnitt: S.
13, oben „Beim Öffnen...“ - S. 15, knapp unter Mitte „... und fühlte sich klein
und unglücklich.“
Aufgabenstellung:
1. Analysiere den
Text (denkbare Analyseverfahren:
Struktur/Aufbau, Inhaltsanalyse, Erzählmittel und Redeformen, semantische
Mittel, Situations-, Handlungs- und Redeanalyse)
2. Weiterführender Auftrag: Interpretiere den
Text unter den Interpretationsaspekten: Bedeutung der Szene in sich, für
die Zeichnung des Protagonisten, für die Entfaltung der Problematik, für die
Entwicklung der Erzählung - Wirkung und Bedeutung für mich
Text:
Beim
Öffnen der Augen beobachtete er, daß das Licht sich von außen gegen die
heruntergelassenen Jalousien drängte, sie anstieß, sie sozusagen aufblähte, sie
mit dieser Sonne, die kraftvoll durch die Ritzen drängte, fast zum Bersten
brachte. Es war also ganz sicher schon sehr spät, der Tag war wahrscheinlich
schon auf seinem Höhepunkt angelangt, und die Pflicht schlug mit anklagendem
Licht auf sein Fenster ein. Aufstehen, Faulpelz, Faultier, Nichtsnutz. Cesar
schloß die Augenlider und drehte sich in dem zerwühlten Bett auf die andere
Seite. Morgens war sein Bett ein gemütlicher Platz, eine weiße Rüstung gegen
die Welt, die letzte Zuflucht. Nachts dagegen verwandelte es sich in eine
Startbahn zu weiß Gott was für entlegenen und ungastlichen Orten. Er schlief
schon seit einer Ewigkeit nicht mehr richtig. Um die Augen über all seine
Ängste schließen zu können, mußte er sich mit Pillen vollstopfen, und selbst
dann vergingen noch Stunden, bevor er es fertigbrachte, einzuschlafen. Deshalb
stand er auch morgens so spät auf; deshalb und weil er es nicht schaffte, einen
ausreichenden Grund zu finden, um sich zu erheben. Cesar griff nach der Uhr,
die auf dem Nachttisch lag, und hielt das Zifferblatt unter einen dieser
dichten und staubigen Sonnenstrahlen: Viertel nach zwölf. Er ließ sich wieder
ins Bett fallen. Der Morgen zerrann ihm unter den Händen. Er hatte so viele
Dinge zu erledigen, daß ihm schon bei dem Gedanken daran übel wurde. Der graue
Anzug mußte aus der Reinigung abgeholt werden, falls ihn die Angestellten
inzwischen nicht unter sich verlost hatten, denn schließlich hing er schon ein
halbes Jahr dort; die Handwerker mußten benachrichtigt werden, um den
tropfenden Wasserhahn in der Küche zu reparieren; der Wagen mußte in die
Werkstatt gebracht werden, bevor er endgültig zusammenbrach; er mußte seinen
Steuerberater anrufen, Papiere und Rechnungen ordnen, seinen Paß verlängern
lassen, und eine endlose Reihe von ähnlichen Besorgungen waren zu erledigen.
Und ganz zu schweigen von der sich seit Monaten anhäufenden Post, den
Telefonanrufen, die sein automatischer Anrufbeantworter punktpünktlich
aufzeichnete, und von denen er nichts wußte, den Freunden, die er nicht mehr
sah, weil er keine Zeit fand, sie anzurufen. Alles Verpflichtungen, die jede
für sich schon lästig genug waren, die aber, aufgebläht durch die enorme
Verspätung ihrer Ausführung, schließlich die Dimension eines Alptraumes
angenommen hatten. Und dann war da noch die Last der Arbeit, oder besser gesagt
der Nichtarbeit; sein Bedürfnis, in der Agentur etwas zu tun, was der Mühe wert
wäre, und seine Unfähigkeit, dies in die Tat umzusetzen; und diese makellos
weißen Leinwände, auf denen es ihm nicht möglich war, auch nur eine Linie zu
ziehen. Oje, oje, oje. Cesar kam sich vor wie eine Raupe, und das Bett war sein
gemütlicher Kokon. Er sah nach der Uhr. Fünf nach eins. Sein Problem war nur,
daß er sich mit der Zeit nicht in einen Schmetterling verwandeln würde.
Er schloß die Augen, müde
von soviel Nichtstun. Wenn er nur eine feste Arbeitszeit hätte, irgendeine
konkrete Verantwortung; könnte er nur an die Notwendigkeit glauben, sich an
einer bestimmten Verpflichtung festhalten zu müssen, dann wäre es ihm ein
leichtes, morgens aus dem Bett zu springen und die Tage schwungvoll und
unternehmungslustig zu beginnen. Aber Cesar hatte den Glauben an die kleinen
Routinen verloren; die kleinen alltäglichen Gesten, die für die anderen den
Halt im Leben bildeten, kamen ihm absurd vor. Deshalb wuchte er immer so spät
auf und verbrachte dann, was noch schlimmer war, Stunden bei dem Versuch, sich
von der Notwendigkeit zu überzeugen, aufzustehen; sich aus diesen warmen und
ein wenig verschwitzten Bettlaken zu schälen, die ihn umarmt hielten wie eine
eifersüchtige Geliebte: süß, aber erstickend. Ein Kaffee, ein Kaffee und eine
Zigarette. Fünf vor halb zwei. Vielleicht würde es sich lohnen, aufzustehen, um
einen Kaffee zu trinken und die erste Zigarette zu rauchen. Im Halbdunkel des
Zimmers hallten die nur allzu bekannten tagtäglichen Geräusche der Nachbarn
wider; das Absatzgeklapper der über ihm wohnenden Frau, die vom Einkauf
zurückkam; das gewaltsame Türenschlagen der Nachbarskinder, die hungrig und
streitsüchtig aus der Schule kamen; das ohrenbetäubende laute Radio des tauben
Rentners. Er hatte sich nie ernsthaft damit auseinandergesetzt, aber
sicherlich bedauerte er jetzt manchmal, keine Kinder zu haben. Er sah sich um
acht Uhr morgens beherzt aus dem Bett springen, um die Kinder in die Schule zu
bringen: es war ein wohltuendes und freundliches Bild. Natürlich würde diese
Vater-Kinder-Idylle auch andere, weniger angenehme Verpflichtungen mit sich
bringen: das eingefahrene Familienleben, jede Nacht der Fernseher; und am
Samstag, wenn der Babysitter käme, würde man mit einem anderen Paar zum
Abendessen in ein Restaurant gehen. Wenn irgend möglich mit einem
Arbeitskollegen, der dazu noch innerhalb der Firma in Aufsteigerposition war.
Vielleicht sogar mit Quesada und seiner Frau, ein nettes Ehepaaressen mit
Quesadas. Mit der Zeit, und nach dem Besuch mehrerer Moderestaurants, könnte er
dann Quesada zu sich nach Hause einladen. Der stellvertretende Direktor würde
mit einer Flasche Rioja eintreffen und das blonde Köpfchen seines Sohnes,
Cesars Sohnes, streicheln; Quesada würde mit seinen Menschenfresserhänden, noch
fettig von den Erdnüssen des Aperitifs, dem Kind die Wangen tätscheln, und
alles wäre höchst anständig und wie es sich gehört.
Aber schließlich würden
Kinder mangelnde Bewegungsfreiheit mit sich bringen; um zu kommen und zu gehen,
wann immer man wollte; um zu reisen; um Frauen aufzureißen; sogar um zu
arbeiten, zu schaffen, zu malen, wenn er das Bedürfnis dazu hätte. Aber halt:
seit Jahren hatte er keinen Strich mehr gezogen, keine einzige, und sei es auch
noch so elende Idee zustande gebracht. Wozu nutzte ihm also eine derartig
sterile Freiheit. Ebensogut hätte er sich in der Zwischenzeit der Aufzucht von
anderthalb Dutzend Rabauken widmen können. Aber das war ebenfalls eine absurde
Überlegung: Woher kam bloß dieses Nachdenken darüber, ob es nicht besser
gewesen wäre, ein Kind zu haben? Als ob die Entscheidung von ihm abhängig
gewesen wäre. Keine Frau wollte sich je von seinem Samen schwängern lassen. Zumindestens
soviel er wußte. Cesar kuschelte sich in die Bettlaken ein und fühlte sich
klein und unglücklich. [...]
(Ausschnitt aus: Rosa Montero, Geliebter Gebieter. Kap.
2 Anfang. st 1879, S. 13 - 15)
Erwartungshorizont:
Zu erwartende Schülerleistungen unter Verweis auf die
unterrichtlichen Voraussetzungen:
Die Analyse- und Interpretationsaufgaben setzen generell
einen Bestand an Verfahren voraus,
die in 12/13 explizit eingeführt wurden. Aus diesem methodischen Repertoire
können die Schülerinnen und Schüler generell frei auswählen und Methoden
einsetzen, die der Textlage gerecht werden.
Die Analyse von Erzähltexten war Gegenstand in 12.1, 12.2,
13.1 und 13.2. Dabei wurden als Verfahren vor allem eingeführt: Analyse der
Erzähltechniken (Erzählsituation, Redeformen, Struktur und finale Gestaltung,
stilistische Mittel) sowie textinterne Kommunikationsanalyse (Situations-,
Handlungs- und Redeanalyse). Die Schüler haben den Roman im Unterricht als
Beispiel moderner Romantechnik (verunsicherter Held, personale Sicht etc.) und
als Beispiel übernational-europäischer Problematik (Verknüpfung der Probleme im
Berufs- und Privatleben) kennengelernt. Neben anderen Teilen wurde auch Kap. 7
nicht behandelt.
Bei der Analyse können die Schüler erarbeiten:
-
enge, alltägliche Situation des Wartens beim Arzt als
Spannungsgrundlage
-
Spannungssteigerung über Gefühlsdetails mit Zeitdehnung
-
Körpersprache mit Anzeichen von Nervosität -
Minimalhandlungen
-
Innensicht der Textfigur mit erlebter Rede, Appellen,
Hypothesen und Infragestellungen, geprägt von Erwartungs- und Versagensängsten
-
kritische Sicht der Firma durch parallelisierende
Rückblende auf Militärdienst und knappe Theorieentwicklung
-
Schuldzuweisungen an Quesada im Rahmen des Themas
„Mobbing“
-
Thematisierung seiner Unangepasstheit als Kontrast zur
Unterwerfungstechnik der Firma
-
Symbolische Überhöhung des Fluchtmotivs
ggf. Einbettung der Szene in den Textzusammenhang mit
Überlegungen zur Konkurrenzgesellschaft
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s. auch: Klausuraufgabe und Klausur zu einem anderen Textausschnitt
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„Der Begriff Mobbing beschreibt negative kommunikative
Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder mehreren
anderen) und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und
damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen.“
Die 45 Handlungen - was die «Mobber» tun
Hier folgt nun eine
Auflistung der 45 Handlungen, von denen uns in jenen 300 eingangs erwähnten
Interviews berichtet wurde.
1. Angriffe auf
die Möglichkeiten, sich mitzuteilen:
- Der Vorgesetzte schränkt die Möglichkeiten
ein, sich zu äußern.
- Man wird ständig
unterbrochen.
- Kollegen
schränken die Möglichkeiten ein, sich zu äußern.
- Anschreien oder
lautes Schimpfen.
- Ständige Kritik
an der Arbeit.
- Ständige Kritik
am Privatleben.
- Telefonterror.
- Mündliche
Drohungen.
- Schriftliche
Drohungen.
-
Kontaktverweigerung durch abwertende Blicke oder Gesten.
-
Kontaktverweigerung durch Andeutungen, ohne daß man etwas direkt ausspricht.
2. Angriffe auf
die sozialen Beziehungen:
- Man spricht nicht mehr mit dem/der
Betroffenen.
- Man läßt sich
nicht ansprechen.
- Versetzung in
einen Raum weitab von den Kollegen.
- Den
Arbeitskollegen/innen wird verboten, den/die Betroffene/n anzusprechen.
- Man wird «wie
Luft» behandelt.
3. Auswirkungen
auf das soziale Ansehen:
- Hinter dem Rücken des Betroffenen wird
schlecht über ihn gesprochen.
- Man verbreitet
Gerüchte.
- Man macht
jemanden lächerlich.
- Man verdächtigt
jemanden, psychisch krank zu sein.
- Man will
jemanden zu einer psychiatrischen Untersuchung zwingen.
- Man macht sich über eine Behinderung lustig.
- Man imitiert den Gang, die Stimme oder Gesten, um jemanden lächerlich zu machen.
- Man greift die politische oder religiöse Einstellung an.
- Man macht sich über das Privatleben lustig.
- Man macht sich über die Nationalität lustig.
- Man zwingt jemanden, Arbeiten auszuführen, die das Selbstbewußtsein verletzen.
- Man beurteilt den Arbeitseinsatz in falscher und kränkender Weise.
- Man stellt die Entscheidungen des/der Betroffenen in Frage.
- Man ruft ihm/ihr obszöne Schimpfworte oder andere entwürdigende Ausdrücke nach.
- Sexuelle Annäherungen oder verbale sexuelle Angebote.
4. Angriffe auf
die Qualität der Berufs- und Lebenssituation:
- Man weist dem Betroffenen keine Arbeitsaufgaben zu.
- Man nimmt ihm jede Beschäftigung am Arbeitsplatz, so daß er sich nicht einmal selbst Aufgaben ausdenken kann.
- Man gibt ihm sinnlose Arbeitsaufgaben.
- Man gibt ihm Aufgaben weit unter seinem eigentlichen Können.
- Man gibt ihm ständig neue Aufgaben.
- Man gibt ihm «kränkende» Arbeitsaufgaben.
- Man gibt dem Betroffenen Arbeitsaufgaben, die seine Qualifikation übersteigen, um ihn zu diskreditieren.
5. Angriffe auf die Gesundheit:
- Zwang zu gesundheitsschädlichen Arbeiten.
- Androhung körperlicher Gewalt.
- Anwendung leichter Gewalt, zum Beispiel um jemandem einen «Denkzettel» zu verpassen.
- Körperliche Mißhandlung.
- Man verursacht Kosten für den/die Betroffene, um ihm/ihr zu schaden.
- Man richtet physischen Schaden im Heim oder am Arbeitsplatz des/der Betroffenen an.
- Sexuelle
Handgreiflichkeiten
(Leymann, Heinz:
Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz... Reinbek: Rowohlt 1993)
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Stellt
mögliche Ursachen und Motive für das Mobben zusammen. Unterscheidet dabei
a)
nach Privatunternehmen und Behörden sowie
b)
nach Mobben von unten und Mobben von oben sowie
c)
nach männlichen und weiblichen Tätern und Opfern.
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Ursachen für Mobbing:
Zunehmender Leistungsdruck
Konkurrenzdenken
Angst vor Arbeitsplatzverlust
Persönliche Egoismen
Mangelnde Konfliktfähigkeit
Mangel in der Organisation
Mangel in den Produktionsablaufen
Fehlende Freiraume bei der Gestaltung der Arbeit
Fehlende Mitarbeiterorientierung
Schlechte Arbeitsbedingungen
Mangel an Toleranz
Niederes ethisches Firmenniveau
Mobbing-Situationen
können nur deshalb entstehen, well
alle es
zulassen,
niemand
sich kümmert,
keiner
etwas dagegen tut,
die Täter
ungehindert ihre Opfer quälen können,
die Opfer
Angst haben,
jeder
zuerst an sich selbst denkt,
Egoismus
vor Mitmenschlichkeit steht.
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|
Madrid 1988 |
Deutsche Erstausgabe
1989 |
|
Deutsch Taschenbuchausgabe 1991 |
Taschenbuch-Neuauflage 1993 |
|
|
Georg Meier (Heino Ferch) kann auf einige Erfolge in seiner Informatikerkarriere zurückblicken ‑ aber eben nur zurück. Zur Zeit machen ihm familiäre Probleme zu schaffen. Auf eine solche Situation hat sein smarter Vorgesetzter Mark Heller (Hans Werner Meyer) nur gewartet. Er will nämlich Georgs ganze Abteilung loswerden und setzt seine Ex-Freundin Sylvie (Martina Gedeck) auf den Kollegen an. Die attraktive Controllerin soll nachweisen, daß Georg ausgepowert ist. Allerdings laufen die Dinge anders, als Mark es sich vorgestellt hat. Der Kreative und die Schöne verstehen sich besser, als ihm lieb ist, mit seinem Intrigenspiel treibt er sich selbst immer mehr in die Enge.
Regisseur Martin Enlen studierte an der Münchner Filmhochschule. Sein Kurzfilm »Aus gutem Grund« wurde für den HochschulfilmOscar nominiert.
Fazit: Fröhliches Massenmobbing ‑ hart am, Puls der Zeit, drastisch, satirisch und lehrreich für den Arbeitsalltag. 89 Min.
Action Spannung Humor Erotik
*** * *
D1995 R: Martin Enlen D: Heino Ferch, Martina Gedeck, Hans Werner Meyer, Udo Schenk, Bettina Kupfer FSK: -
***
[1] Rosa Montero, Geliebter Gebieter. 1988. Wuppertal: Hammer 1989. als suhrkamp-taschenbuch Nr. 1879 (1991), hiernach zitiert - seitenidentisch mit st Nr 2245 (1993)
[2] vgl. z.B. Kuttenkeuler, Wolfgang (Hrsg.): Poesie und Politik. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 1973
[3] aktuelle Zeitungsausschnitte zur Biographie und zu den Werken ausländischer Autoren, Rezensionen etc. erhältlich bei: Internationale Autorendokumentation (IAD), Königswall 21 (Harenberg-City-Center), 44122 Dortmund
[4] Nieke, Wolfgang: Interkulturelles Lernen und Interkulturelle Erziehung. In: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hrsg.): Lernen für Europa-Informationen. Heft 2. Soest 1992
[5] Wittenberg, Hildegard (Hrsg.): Europäische Nachbarn. Stuttgart: Klett 1991
[6] Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hrsg.) - Holzbrecher, Alfred / Krüger-Knobloch, Uli: WeltBilder. Lese- und Arbeitsbuch. Soest 1993
[7] Lauer, Jürgen: Die Region als Identifikationsraum in der interkulturellen Erziehung. In: Landesinstitit für Schule und Weiterbildung (Hrsg.): - Informationen zu Projekten des sprachlichen und interkulturellen Lernens. Heft 3. Soest 1992, S. 59 ff.
[8] s. Lindemann, Klaus (Hrsg.): "Heimat". Arbeitstexte für den Unterricht. Stuttgart: Reclam 1992 - Prahl, H.-W. / Steinecke, A. (Hrsg.): Tourismus. ebd. 1981 - Waldherr, Franz / Weiß, Norbert: Reisen - Das Ich in der Fremde suchen. In: deutsch betrifft uns 1/1994. Aachen: Bergmoser und Höller
[9] EU-Informationen 1/1994, S. 7
[10] Bredella, Lothar / Christ, Herbert (Hrsg.): Zugänge zum Fremden. Gießen: Ferber 1993 - vgl. "Fremdes Verstehen." Themenheft DU 4/1989
[11] Eggert, Hartmut / Scharf, Kurt (Hrsg): Literatur fremder Kulturen. DU 1/1992, S. 7
[12] Quandt, Siegfried: Zur Wahrnehmung der Deutschen im Ausland. In: Völker und Nationen im Spiegel der Medien. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 1989, 36 ff.
[13] Hoffmann, Rolf: Mit den Augen der anderen. Bonn: Alexander von Humboldt-Stiftung 1988
[14] Oomen- Welke, Ingelore: Umrisse einer interkulturellen Didaktik für den gegenwärtigen Deutschunterricht. In: DU 2/1991, 16
[15] Kultusminister NW: Richtlinien Deutsch - Gymnasiale Oberstufe. Frechen: Ritterbach (Köln: Greven 1982), S.26, 29
[16] Högy, Tatjana (Hrsg.): Weltliteratur. Frankfurt: Diesterweg 1979
[17] Richtlinien Deutsch, s. Anm. 15, 70 f.
[18] ebd. 65 - 67
[19] Pichois, Cl / Rousseau, A.-M.: Vergleichende Literaturwissenschaft. Düsseldorf: Schwann 1971
[20] Nünning, Ansgar: Das Image der (häßlichen?) Deutschen. Die Neueren Sprachen 93. 2/1994, S. 160-184
[21] ebd. 162 f.
[22] Wilke, Jürgen: Imagebildung durch Massenmedien. In: s. Anm.12, S. 12 f.
[23] ebd. 20
[24] Decke-Cornill, Helene: Intertextualität als literaturdidaktische Dimension. In: Die Neueren Sprachen 93, 3/1994, 272-287 - auch: Broich, U./Pfister,M. (Hrsg.): Intertextualität. Tübingen: Niemeyer 1985
[25] Brenner, Peter J.: Die Lügen der Dichter und die Illusion der Literaturwissenschaft. Probleme und Funktion literaturwissenschaftlicher Stereotypenforschung. In: Mitt. d. dt. Germ.verbandes 1/1995, 11
[26] ebd., 15
[27] Consejería de Educación / Embajada de España (Ed.): Trayectoria de la novela española en las últimas décadas. Bonn 1990, 6 (aus dem Span.)
[28] ebd. 7 f.
[29] Karnofsky, Eva: In ihren Büchern teilt sie etwas über ihre Welt mit. In: Börsenblatt 78/1.10.1991, S.3482
[30] Müller-Michaels, Harro: Kanon der Denkbilder - Streit für das Recht auf Lektüre. In: LV NW im Dt. Germ.vb. (Hrsg.): Arbeit am Kanon - Arbeit ohne Kanon. 1993, 5 ff.
[31] ebd. S. 18 ff.
[32] Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung. Heidelberg: Springer 1989
[33] Bönsch, Manfred: Die alltägliche Tretmühle. In: Neue Deutsche Schule 16/1990, 10 ff.
[34] Goleman, Daniel: Emotionale Intelligenz. München: Hanser 1996
[35] vgl. Quoirin, Marianne: Die modernen Einzelgänger. In: Kölner Stadt-Anzeiger 8.1.1996, S. 3
[36] Burisch, s. Anm. 32, S. 12
[37] Kindler, Wolfgang / Linneborn, Ludger: SchülerInnen engagieren sich. In: PD SH "Schüler 1995". Velber: Friedrich 1995, S. 106
[38] Leymann, Heinz: Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz... Reinbek: Rowohlt 1993 - vgl.: Huber, Brigitte: Mobbing. Niedernhausen: Falken 1993 - Hesse, Jürgen / Schrader, Hans Christian: Krieg im Büro. Frankfurt: Fischer 1995 - Brommer, Ulrike: Mobbing. München: Heyne 1995 - Berg, Wolfhart: Mit den Wölfen heulen. Mn.: mvg 1996
[39] ebd. 21
[40] Fritsch, Sybille: Hitparade der Hysterien. In: profil Nr. 46, Nov. 1994, S. 78 f.
[41] Fleck, Ludwig: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. (1935). Frankfurt: Suhrkamp 1980, 130 f.
[42] vgl. Grzesik, J.: Textverstehen lernen und lehren. Stuttgart: Klett 1990, 186-346
[43] Einecke, Günther: Unterrichtsideen Textanalyse und Grammatik. Vorschläge für den integrierten Grammatikunterricht. Stuttgart: Klett 1993 (21995), S. 157 - 161
[44] neben der in der Sequenz enthaltenen Charakterisierung nach nationalen Images kann hier zur Differenzierung eine "Soziale Kategorisierung" als ein verwandter Umgang mit Images und Stereotypen erfolgen; vgl. Hausendorf, Heiko: Selbst- und Fremdbilder im Gespräch: Linguistische Aspekte der sozialen Charakterisierung. In: Mitt. d. Dt. Germ.verbandes 1/1995, S. 16 ff.
[45] vgl. Ingendahl, Werner: Umgangsformen. Produktive Methoden zum Erschließen poetischer Literatur. Frankfurt: Diesterweg 1991 - Eggert, Hartmut / Rutschky, Michael: Literarisches Rollenspiel in der Schule. Heidelberg: Quelle & Meyer
[46]
Wertheimer, Max:
Produktives Denken. Frankfurt: Kramer (2) 1964, 46-49