FachdidaktikFachdidaktik

Eine Auswahl von Werken aus Literatur & Malerei (Kunst) bei denen das Fenster als Motiv eine zentrale Rolle einnimmt.

Das Fenster als Symbol kann folgendes bedeuten: Zukunft, Rückblick, Trennung hinter Glas, Verbindung zwischen Innenwelt und Außenwelt, Ferne, weiter Blick ohne Erreichbarkeit des Gegenübers (Sehnsucht), Augen - Fenster zur Seele, Versteck (hinterm Vorhang), Teilnahme (man sieht jemanden aus dem Fenster zusehen), Bedrohung nach außen (Schießscharten), Bedrohung nach innen (jemand kommt durchs Fenster), Transzendenz (durchs Fenster sieht man eine christliche Darstellung), Statussymbol (durchs Fenster sieht man die Ländereien des Porträtierten), Reichtum (je nach Zeit: Das Fenster hat Glas), Gefahr (Sturz) ...

Inhalt

John Irving: Das Hotel New Hampshire (1981)

Der Satz „Halte dich von offenen Fenstern fern!“ (Keep passing the open windows.), wird in dem Roman wie ein Refrain wiederholt (ohne direkte Erklärung). Es handelt sich um eine Art "Motto" der Familie Berry, deren Chronik in dem Buch erzählt wird. Er geht auf eine Geschichte zurück, die die Eltern der Berrys ihren Kindern über einen Straßenkünstler namens "König der Mäuse" erzählen. Er beging Selbstmord, indem er aus einem Fenster sprang. "Geht immer an den offenen Fenstern vorbei" ist die Art und Weise, wie die Familie sich gegenseitig sagt, dass sie weitermachen sollen, wenn es schwierig wird.

William Shakespeare: Romeo und Julia (1597)

Zweiter Aufzug; Zweite Szene: Capulets Garten

ROMEO

Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt.
Aber stille! was für ein Licht bricht aus jenem Fenster hervor?
Es ist der Osten, und Juliet ist die Sonne.

Julia erscheint oben an einem Fenster.

Geh auf, du holde Sonn'! Ertöte Lunen,
Die neidisch ist und schon vor Grame bleich,
Daß du viel schöner bist, obwohl ihr dienend.
Oh, da sie neidisch ist, so dien' ihr nicht!
Nur Toren gehn in ihrer blassen, kranken
Vestalentracht einher: wirf du sie ab!
Sie ist es, meine Göttin! meine Liebe!
O wüßte sie, daß sie es ist! –
Sie spricht, doch sagt sie nichts: was schadet das?
Ihr Auge red't, ich will ihm Antwort geben. –
Ich bin zu kühn, es redet nicht zu mir.
Ein Paar der schönsten Stern' am ganzen Himmel
Wird ausgesandt, und bittet Juliens Augen,
In ihren Kreisen unterdes zu funkeln.
Doch wären ihre Augen dort, die Sterne
In ihrem Antlitz? Würde nicht der Glanz
Von ihren Wangen jene so beschämen,
Wie Sonnenlicht die Lampe? Würd' ihr Aug'
Aus luft'gen Höh'n sich nicht so hell ergießen,
Daß Vögel sängen, froh den Tag zu grüßen?
Oh, wie sie auf die Hand die Wange lehnt!
Wär' ich der Handschuh doch auf dieser Hand,
Und küßte diese Wange!

JULIA

Weh mir!

ROMEO

Horch!
Sie spricht! Oh, sprich noch einmal, holder Engel!
Denn über meinem Haupt erscheinest du
Der Nacht so glorreich, wie ein Flügelbote
Des Himmels dem erstaunten, über sich
Gekehrten Aug' der Menschensöhne, die
Sich rücklings werfen, um ihm nachzuschaun,
Wenn er dahin fährt auf den trägen Wolken
Und auf der Luft gewölbtem Busen schwebt.

JULIA

O Romeo! Warum denn Romeo?
Verleugne deinen Vater, deinen Namen!
Willst du das nicht, schwör' dich zu meinem Liebsten,
Und ich bin länger keine Capulet!

ROMEO (zu sich selbst)

Soll ich länger zuhören, oder auf dieses antworten?

Romeo und Julia ist eine Tragödie von William Shakespeare. Das Werk schildert die Geschichte zweier junger Liebender, die verfeindeten Familien angehören und unter unglücklichen Umständen durch Selbstmord zu Tode kommen. Die Handlung des Stückes umfasst einen Zeitraum von fünf Tagen und spielt zur Sommerzeit in der norditalienischen Stadt Verona.

In der sogenannten Balkonszene erscheint Julia am Fenster. Romeo hört, wie sie von ihrer Liebe zu ihm spricht, tritt hervor und gesteht seinerseits auch ihr seine Liebe. Julia ist erschrocken, aber auch beglückt, und lässt sich von Romeo wiederholt beteuern, wie ernst er es mit ihr meint.

Monika Maron: Ach Glück (2007)

Er fuhr ziellos in Richtung der östlichen Stadtmitte, unschlüssig, ob er die Ausstellung im Gropiusbau ansehen wollte, er hatte vergessen welche, oder ein bestimmtes Bild von Menzel, das ihn, obwohl er für Menzel nie eine besondere Vorliebe gehegt hatte, kürzlich zum ersten Mal berührt hat. Ein Balkonzimmer, in dessen Stille hinein ein sanfter Wind die leichten, weißen Vorhänge wehte. Natürlich hatte er das Bild auch früher schon gesehen, im Vorübergehen, auf dem Weg zu anderen Bildern. Vielleicht war er sogar stehengeblieben, ohne dass das Bild eine nachdrückliche Spur in seinem Gedächtnis hinterlassen hätte. Aber vor zwei Monaten, als er den Japaner, einen Kleist-Forscher aus Osaka, durch die Nationalgalerie begleitete, hatte der Blick in diesen Raum plötzlich ein unbestimmtes wehes Gefühl, dessen Ursprung er nicht hatte ergründen können, in ihm geweckt. Ein Zimmer, nicht groß, in dessen glänzendem Parkettboden die Sonne sich spiegelte; ein rätselhafter Fleck an der Wand, als hätte jemand die grünliche Farbe um einen Schrank herum aufgetragen, wogegen aber das gestrichene Rechteck innerhalb der Aussparung sprach, also eher ein seltsam geformtes Regal, das einmal da gestanden und seinen Schatten hinterlassen hat; an der geöffneten Balkontür ein Stuhl, auf dem vielleicht eben noch jemand gesessen hat, lesend oder vor sich hin sinnend. Vor allem die Gardine, diese lichte, zartgemusterte, nur von einem matten Luftstoß gebauschte Gardine, deren Bewegung sich fortsetzte als Lichtspiel auf dem Boden.

Quelle: Monika Maron: Ach Glück. Roman. 2007. Fischer TB 17672. 2009. S. 69-73; Anmerkung: "Er" = Achim, Ehemann der Johanna.

Der Roman von Monika Maron nimmt sich des Themas der in die Jahre gekommenen Liebe an. Beide Partner sind über 50, akademisch gebildet, eine erwachsene Tochter, ein Hund. Monika Maron beschreibt ohne moralische Wertung aber sehr sensibel die Lebenssituation von zwei Menschen, die nicht mehr viel miteinander gemein haben, aber nicht so recht ohne einander können. Dabei vermittelt sie ganz nebenbei einige kluge Lebensweisheiten.

Adolph von Menzel: Das Balkonzimmer (1845)

Das Balkonzimmer ist ein Gemälde von Adolph von Menzel aus dem Jahr 1845. Es ist das Hauptwerk seines frühen Schaffens und eins seiner bekanntesten Bilder. Seit 1903 gehört es zur Sammlung der Berliner Alten Nationalgalerie.

Das Balkonzimmer

Das Balkonzimmer: Öl auf Leinwand; 58 × 47 cm; Alte Nationalgalerie, Berlin


Adolph Friedrich Erdmann von Menzel (1815 - 1905) war ein deutscher Künstler der Epoche des Realismus, der durch Zeichnungen, Radierungen und Gemälde bekannt wurde. Er gilt neben Caspar David Friedrich als einer der beiden bedeutendsten deutschen Maler des 19. Jahrhunderts und war der erfolgreichste Künstler seiner Zeit in Deutschland. Zunächst als Adolph Menzel bekannt, wurde er 1898 zum Ritter geschlagen und änderte seinen Namen in Adolph von Menzel.

In seinem Heimatland war er vor allem wegen seiner Historienbilder so populär, dass nur wenige seiner großen Gemälde Deutschland verließen, da viele von ihnen schnell von Berliner Museen erworben wurden. Menzels grafisches Werk (und vor allem seine Zeichnungen) fanden eine größere Verbreitung; diese sowie informelle Gemälde, die ursprünglich nicht für Ausstellungen bestimmt waren, haben weitgehend zu seinem posthumen Ruf beigetragen.

Eichendorff: Ahnung und Gegenwart (1815)

Friedrich ließ sich sein Mittagsmahl ganz allein in einem Sommerhäuschen bereiten, das am Abhange des Berges stand. Er machte alle Fenster weit auf, so dass die Luft überall durchstrich und er von allen Seiten die Landschaft und den blauen Himmel sah. Kühler Wein und hell geschliffene Gläser blinkten von dem Tische. Er trank seinen fernen Freunden und seiner Rosa in Gedanken zu. Dann stellte er sich ans Fenster. Man sah von dort weit in das Gebirge. Ein Strom ging in der Tiefe, an welchem eine hell glänzende Landstraße hinablief. Die heißen Sonnenstrahlen schillerten über dem Tale, die ganze Gegend lag unten in schwüler Ruhe. Draußen vor der offenen Tür spielte und sang der Harfenist immerfort.
Friedrich sah den Wolken nach, die nach jenen Gegenden hinaussegelten, die er selber auch bald begrüßen sollte. »O Leben und Reisen, wie bist du schön!« rief er freudig, zog dann seinen Diamant vom Finger und zeichnete den Namen Rosa in die Fensterscheibe.

Quelle: Ahnung und Gegenwart. Dies ist der erste Roman von Joseph von Eichendorff. In seinem Vorwort zu diesem Zeitroman weist Friedrich de la Motte Fouqué auf die Handlungszeit des Textes – vor den Befreiungskriegen – hin.
Der junge Graf Friedrich unterliegt im Kampf gegen ausländische Okkupanten, geht seines Besitzes verlustig und findet hinter Klostermauern Frieden.

Das Werk ist der Epoche der Romantik zuzuordnen. In dem Satz „Das Abendrot draußen war ihm die Aurora eines künftigen, weiten, herrlichen Lebens und seine ganze Seele flog wie mit großen Flügeln in die wunderbarste Aussicht hinein.“ ist in Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“, das erst zwanzig Jahre später geschrieben wurde, bereits erkennbar vorgebildet.

Caspar David Friedrich: Frau am Fenster (1822)

Vier Jahre nach seiner Heirat malt Friedrich seine Frau Caroline am Fenster seines Ateliers. Fast meditierend schaut sie auf das gegenüberliegende Elbufer. Das Bild Fgilt heute als Motiv symbolisch für die romantische Sehnsuchtsperspektive von der Innen- auf die Außenwelt, vom Innenraum auf die Landschaft. Der Betrachter nimmt teil am Betrachten.

Frau am Fenster

Frau am Fenster: Öl auf Leinwand, 44,0 × 37,0 cm, Alte Nationalgalerie Berlin


Das Fenstermotiv in der Malerei wird oft mit der Rückenfigur verknüpft. Der von hinten aufgenommene, aus dem Fenster schauende Mensch vermittelt als Bildsubjekt die Fenstersymbolik für Sehnsucht, Grenzerfahrung zwischen Innen und Außen, Geborgenheit und Gefahr, Einsamkeit und Welt. Wobei das Gemälde selbst so etwas wie ein Fenster zu einer vom Maler erfundenen oder zugänglichen historischen Welt ist.

Salvador Dalí: Junges Mädchen, am Fenster stehend (1925)

Es handelt sich um ein realistisches Ölgemälde von Salvador Dalí, das in seiner Jugend entstand. Es zeigt die siebzehnjährige Schwester des Malers, Ana Maria, von hinten gesehen vor einem Fenster seines Ateliers im ersten Stock des Elternhauses in Cadaqués an der Costa Brava in Katalonien (Spanien).

Junges Mädchen, am Fenster stehend

Junges Mädchen, am Fenster stehend: Öl auf Papier, 105 × 74,5 cm, Museo Reina Sofía, Madrid


Dalí schuf ein Werk von großer chromatischer Einheitlichkeit und kompositorischer Einfachheit, in dem das Mädchen uns die Landschaft vorstellt, die es betrachtet. Der Blick wird durch das zentrale, offene Fenster in die Natur hinausgeleitet und zeigt die Bucht am Haus mit einem Segelschiff in der Ferne, sowie das jenseitige Ufer. Das dunkle Innere des Raumes steht im Gegensatz zu dem bläulichen Äußeren. Die ebenfalls blauen Gardinen bilden einen Übergang. Die Farbgebung erinnert an Picassos frühe Werke, die nur aus Blautönen bestehen.

Franz Kafka: Das Urteil (1913)

Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemann, ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer im ersten Stock eines der niedrigen, leichtgebauten Häuser, die entlang des Flusses in einer langen Reihe, fast nur in der Höhe und Färbung unterschieden, sich hinzogen. Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet, verschloß ihn in spielerischer Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, aus dem Fenster auf den Fluß, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün.

[…]

Mit diesem Brief in der Hand war Georg lange, das Gesicht dem Fenster zugekehrt, an seinem Schreibtisch gesessen. Einem Bekannten, der ihn im Vorübergehen von der Gasse aus gegrüßt hatte, hatte er kaum mit einem abwesenden Lächeln geantwortet.
Endlich steckte er den Brief in die Tasche und ging aus seinem Zimmer quer durch einen kleinen Gang in das Zimmer seines Vaters, in dem er schon seit Monaten nicht gewesen war.

Franz Kafka schrieb "Das Urteil" im Alter von 29 Jahren in der Nacht vom 22. zum 23. September in nur 8 Stunden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kafka sein Jurastudium an der Prager Karl-Ferdinands-Universität bereits 5 Jahre zuvor abgeschlossen und war in verschiedenen Berufen tätig, unter anderem bei einer Versicherungsgesellschaft und in einer Asbestfabrik, die er zusammen mit seinem Schwager Karl Hermann gegründet hatte.

Heinrich von Kleist: Brief an Caroline von Schlieben (1801)

Wenn ich das Fenster öffne, so sehe ich nichts, als die blasse, matte, fade Stadt, mit ihren hohen, grauen Schieferdächern und ihren ungestalteten Schornsteinen, ein wenig von den Tuillerien, und lauter Menschen, die man vergisst, wenn sie um die Ecke sind. Noch kenne ich wenige von ihnen, ich liebe noch keinen, und weiß nicht, ob ich einen lieben werde. Denn in den Hauptstädten sind die Menschen zu gewitzigt, um offen, zu zierlich, um wahr zu sein. Schauspieler sind sie, die einander wechselseitig betrügen und dabei tun, als ob sie es nicht merkten. Man geht kalt an einander vorüber; man windet sich in den Straßen durch einen Haufen von Menschen, denen nichts gleichgültiger ist, als ihres Gleichen; ehe man eine Erscheinung erfasst hat, ist sie schon von zehn anderen verdrängt; dabei knüpft man sich an keinen, keiner knüpft sich an uns; man grüßt einander höflich, aber das Herz ist hier so unbrauchbar, wir eine Lunge unter der luftleeren Campane, und wenn ihm einmal ein Gefühl entschlüpft, so verhallt es, wie ein Flötenton im Orkan.

Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist (1777 - 1811) war ein deutscher Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Publizist. Er stand war ein Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit, jenseits der Literaturepochen der Weimarer Klassik und der Romantik. Bekannt ist er vor allem für das historische Ritterschauspiel "Das Käthchen von Heilbronn", seine Lustspiele "Der zerbrochne Krug" und "Amphitryon", das Trauerspiel "Penthesilea" sowie für seine Novellen "Michael Kohlhaas" und "Die Marquise von O...".

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe am Fenster seiner römischen Wohnung (1787)

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, genannt Goethe-Tischbein (1751 - 1829) war ein deutscher Maler aus der hessischen Malerfamilie Tischbein. Sein bekanntestes Werk ist "Goethe in der römischen Campagna". Das großformatige Bild im klassizistischen Stil zeigt den Dichter Johann Wolfgang von Goethe, den der Maler auf dessen Italienreise 1786/87 porträtierte.

Goethe am Fenster

Goethe am Fenster: Aquarell, Kreide und Feder über Bleistift auf Papier, 41,5 ×  26,6 cm, Goethe-Museum, Frankfurt am Main

:

Otto Scholderer: Der Geiger am Fenster (1861)

Franz Otto Scholderer (1834 - 1902) war ein deutscher Maler. Sein Werk ist in der Romantik verwurzelt, mit Einflüssen des Impressionismus.

Der Geiger am Fenster

Der Geiger am Fenster: Öl auf Leinwand, 150 ×  103 cm, Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie, Frankfurt am Main


Henrik Nordenberg: Blick aus dem Fenster (ca. 1880)

Carl Henrik Nordenberg (1857 - 1928) war ein deutsch-schwedischer Künstler der Düsseldorfer Schule. Zu seinen malerischen Vorlieben zählte es, Innenräume mit Öffnungen und Tiefenperspektiven in den Außenraum abzubilden, etwa über geöffnete Fenster, Türen und Balkonbrüstungen.

Blick aus dem Fenster

Blick aus dem Fenster (Interior with a boy at a window): Öl auf Leinwand, 80,5 ×  61 cm


Fritz von Uhde: Näherin am Fenster (1890)

Fritz von Uhde (1848 - 1911) war ein deutscher Maler von Genre- und religiösen Motiven. Sein Stil lag zwischen Realismus und Impressionismus, er wurde einst als "Deutschlands herausragender Impressionist" bezeichnet und war einer der ersten Maler, die die Freilichtmalerei in seinem Land einführten.

Der Großteil seines künstlerischen Werkes wurde von der offiziellen Kunstkritik wie auch vom Publikum wegen Darstellungen des „Gewöhnlichen und Hässlichen“ oft abgelehnt. Wegen ihres strengen Anschlusses an die Natur und ihrer Nähe zu Rembrandt fand Uhde aber auch zahlreiche Bewunderer.

Näherin am Fenster

Näherin am Fenster: Öl auf Leinwand, 80,5 ×  65,5 cm; Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie, Frankfurt am Main


Wilhelm Raabe: Die Chronik der Sperlingsgasse (1855)

Die Sperlingsgasse ist ein kurzer, enger Durchgang, der die Kronenstraße mit einem Ufer des Flusses verknüpft, welcher in vielen Armen und Kanälen die große Stadt durchwindet. Sie ist bevölkert und lebendig genug, einen mit nervösem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause enden zu lassen; mir aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare Bühne des Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und Glück, Hunger und Überfluss, alle Antinomien des Daseins sich widerspiegeln.

»In der Natur liegt alles ins Unendliche auseinander, im Geist konzentriert sich das Universum in einem Punkt«, dozierte einst mein alter Professor der Logik. Ich schrieb das damals zwar gewissenhaft nach in meinem Heft, bekümmerte mich aber nicht viel um die Wahrheit dieses Satzes. Damals war ich jung, und Marie, die niedliche kleine Putzmacherin, wohnte mir gegenüber und nähte gewöhnlich am Fenster, während ich, Kants »Kritik der reinen Vernunft« vor der Nase, die Augen nur bei ihr hatte. Sehr kurzsichtig und zu arm, mir für diese Fensterstudien eine Brille, ein Fernglas oder einen Operngucker zuzulegen, war ich in Verzweiflung. Ich begriff, was es heißt: Alles liegt ins Unendliche auseinander.

Da stand ich eines schönen Nachmittags, wie gewöhnlich, am Fenster, die Nase gegen die Scheibe drückend, und drüben unter Blumen, in einem lustigen, hellen Sonnenstrahl, saß meine in Wahrheit ombra adorata. Was hätte ich darum gegeben, zu wissen, ob sie herüberlächele!

Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Bläschen, die sich oft in den Glasscheiben finden. Zufällig schaute ich hindurch nach meiner kleinen Putzmacherin, und – ich begriff, dass das Universum sich in einem Punkt konzentrieren könne.
So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse. Die Bühne ist klein, der darauf Erscheinenden sind wenig, und doch können sie eine Welt von Interesse in sich begreifen für den Schreiber und eine Welt von Langeweile für den Fremden, den Unberufenen, dem einmal diese Blätter in die Hände fallen sollten.

Wilhelm Karl Raabe (1831 - 1910) war ein deutscher Schriftsteller (Erzähler). Er war ein Vertreter des poetischen Realismus, bekannt für seine gesellschaftskritischen Erzählungen, Novellen und Romane.

Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen. (1887)

Kaum aber, dass sie den hier immer bereitstehenden Schemel bis an die Schwelle vorgerückt hatte, so hörte sie, wie schräg gegenüber in dem von der Frau Nimptsch bewohnten dreifenstrigen Häuschen ein Hinterfens-ter mit einem kräftigen Ruck aufgestoßen und gleich darauf eingehakt wurde. Zugleich sah sie Lene, die, mit einer weiten, lila gemusterten Jacke über den Friesrock und einem Häubchen auf dem aschblonden Haar, freundlich zu ihr hinübergrüßte.

Frau Dörr erwiderte den Gruß mit gleicher Freundlichkeit und sagte dann: »Immer Fenster auf; das ist recht, Lenechen. Und fängt auch schon an, heiß zu werden. Es gibt heute noch was.«
»Ja. Und Mutter hat von der Hitze schon ihr Kopfweh, und da will ich doch lieber in der Hinterstube plätten. Is auch hübscher hier; vorne sieht man ja keinen Menschen.«
»Hast recht«, antwortete die Dörr. »Na, da werd ich man ein bisschen ans Fenster rücken. Wenn man so spricht, geht einen alles besser von der Hand.«
»Ach, das is lieb und gut von Ihnen, Frau Dörr. Aber hier am Fenster is ja grade die pralle Sonne.«
»Schadt nichts, Lene. Da bring ich meinen Marchtschirm mit, altes Ding und lauter Flicken. Aber tut immer noch seine Schuldigkeit.«

Und ehe fünf Minuten um waren, hatte die gute Frau Dörr ihren Schemel bis an das Fenster geschleppt und saß nun unter ihrer Schirmstellage so behaglich und selbstbewusst, als ob es auf dem Gensdarmenmarkt gewesen wäre. Drinnen aber hatte Lene das Plättbrett auf zwei dicht ans Fenster gerückte Stühle gelegt und stand nun so nah, dass man sich mit Leichtigkeit die Hand reichen konnte. Dabei ging das Plätteisen emsig hin und her. Und auch Frau Dörr war fleißig beim Aussuchen und Zusammenbinden, und wenn sie dann und wann von ihrer Arbeit auf- und ins Fenster hineinsah, sah sie, wie nach hinten zu der kleine Plättofen glühte, der für neue heiße Bolzen zu sorgen hatte.

»Du könntest mir mal 'nen Teller geben, Lene, Teller oder Schüssel.« Und als Lene gleich danach brachte, was Frau Dörr gewünscht hatte, tat diese den Bruchspargel hinein, den sie während des Sortierens in ihrer Schürze behalten hatte. »Da, Lene, das gibt 'ne Spargelsuppe. Un is so gut wie das andre. Denn dass es immer die Köppe sein müssen, is ja dummes Zeug. Ebenso wie mit 'n Blumenkohl; immer Blume, Blume, die reine Einbildung. Der Strunk is eigentlich das Beste, da sitzt die Kraft drin. Und die Kraft is immer die Hauptsache.«

Heinrich Theodor Fontane (1819 - 1898) war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Kritiker. Er gilt als bedeutender Vertreter des Realismus.

Hauptthema des Romans ist die nicht standesgemäße Liebe zwischen dem Baron und Offizier Botho von Rienäcker und der kleinbürgerlichen Schneidermamsell Magdalene (Lene) Nimptsch. Beide können und wollen ihre Standesgrenzen nicht überwinden und heiraten schließlich einen anderen Partner, mit dem sie ein mäßig glückliches Leben bestreiten werden, denn: „Die Sitte gilt und muß gelten, aber daß sie’s muß, ist mitunter hart.“

Henri Matisse: Offenes Fenster in Collioure (1905)

Das Gemälde ist ein Beispiel für den fauvistischen Malstil, für den Matisse berühmt wurde. Es zeigt den Blick aus dem Fenster seiner Wohnung in Collioure an der südfranzösischen Küste. Mit Blick auf den Hafen sieht der Betrachter u.a. Segelboote auf dem Wasser.

Offenes Fenster in Collioure

Offenes Fenster in Collioure: Öl auf Leinwand, 55,3 ×  46 cm; National Gallery of Art, Washington, D.C.


Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932)

Ich sehe - mich in Spiegeln von Fenstern, und dann finde ich mich hübsch, und dann gucke ich die Männer an, und die gucken auch - und schwarze Mäntel und dunkelblau und im Gesicht viel Verachtung - das ist so bedeutend - und sehe - da ist die Gedächtniskirche und mit Türmen so grau wie Austernschalen - ich kann Austern essen hochfein - der Himmel hat ein rosa Gold im Nebel - es treibt mich drauf zu - man kann nichran wegen der Autos - ein roter Teppich liegt im Betrieb, weil am Nachmittag eine blödsinnige Hochzeit wa- der Gloriapalast schillert - ein Schloss, ein Schloss - es ist aber Kino und Kaffee und Berlin W - um die Kirche sind schwarze eiserne Ketten - und drüben das Romanische Café mit den längeren Haaren von Männern! Und da verkehrte ich einmal Abend für Abend mit einer geistigen Elite, was eine Auswahl ist, was jedegebildete Individualität aus Kreuzworträtseln weiß. Und wir bildeten alle einen Kreis. Und das Romanische Café ist eigentlich nicht anzuerkennen. Und jeder sagt Gott, dieses Lokal, wo diese herabgekommenen Literaten sitzen, man sollte da nicht mehr hingehn. Und gehe dann doch hin. Ich bildete mich ungeheuer, und es war, als wenn ich eine fremde Sprache lerne.

Und viel Geld haben sie alle nicht, aber sie leben, und Teile der Elite spielen anstatt von Geld Haben Schach, was ein kariertes Brett ist mit schwarzen und blonden Feldern. Könige sind auch dabei. Und Damen. Und es dauert lange, das ist der Witz bei der Sache, aber nicht bei den Kellnern, weil eine Tasse Kaffee nur fünf Pfennig Trinkgeld in sich birgt, und das ist sehr wenig auf einen schachigen Gast von sieben Stunden. Aber es ist die billigste Beschäftigung der Elite, da sie nicht arbeitet und sich darum beschäftigt.

Irmgard Keun (1905 - 1982) war eine deutsche Schriftstellerin. In obigen Zeitroman schreibt die Protagonistin Doris darüber, wie sie sich zuerst in ihrer Heimatstadt und dann in Berlin über Wasser hält.

Umberto Boccioni: Die Straße dringt ins Haus (1911)

Umberto Boccioni (1882 - 1916) war ein italienischer Maler und Bildhauer des Futurismus. Die Hauptperson (Frau), farblich in verschiedenen Blauabstufungen dargestellt, wird in Rückenansicht gezeigt und überblickt von einem erhöhten Standpunkt aus, dem Balkon, das Treiben auf der Straße.
Der vorherrschende Eindruck des Bildes: Wenn ein Fenster geöffnet wird, tritt das ganze Getöse der Straße, die Bewegungen und die Gegenständlichkeit der Dinge draußen plötzlich in das Zimmer.

Die Straße dringt ins Haus

Die Straße dringt ins Haus: Öl auf Leinwand, 100 ×  100 cm; Sprengel Museum Hannover


Gedichte

Du liebes, wohlbekanntes Fenster,
An dem ich oft mit Sehnsucht hing,
Als noch das Haus, des Aug' du bildest,
Mein liebstes Kleinod mir umfing!
Ich steh' dir wieder gegenüber,
Gedenke manches Traumgesichts,
Und sehe deine Scheiben wieder,
Doch hinter deinen Scheiben nichts.

Weiter: Das Liebe Fenster von Johann Gabriel Seidl (1804 - 1875; Epoche der Romantik sowie des Biedermeier).


 

Über den Dächern das Himmelsblau,
Und Wolken, die vorüberziehn,
Vorm Fenster ein Baum im Frühlingstau,

Weiter: An einem Fenster von Georg Trakl (1887 - 1914; Epoche des Expressionismus und des Symbolismus).


 

Riss jetzt das Fenster auf, und herein stolziert’ – o Wunder!
Ein gewalt’ger, hochbejahrter Rabe schwirrend zu mir her;
Flog mit mächt’gen Flügelstreichen, ohne Gruß und Dankeszeichen,
Stolz und stattlich sonder Gleichen, nach der Türe hoch und her –
Flog nach einer Pallasbüste ob der Türe hoch und her –
Setzte sich und sonst Nichts mehr.

Weiter: Der Rabe von Edgar Allan Poe (1809 - 1849; Epoche des Symbolismus).

Im Zimmer

Das Zimmer behütet mich
da ich es hüten muss
Kommt stückweis die Welt
an mein Fenster
Pappeln Sperlinge Wolken
Briefe von alten und fremden Freunden
besuchen mich täglich
Die Zeit
ein Gespräch
Wirklichkeit
sagst du
ich sage
Traum.

Rose Ausländer (1901 - 1988) war eine aus der Bukowina (Westukraine) stammende deutsch- und englischsprachige Lyrikerin.

Clementina Hawarden: Mädchen am Fenster (frühe 1860er)

Diese lichtdurchflutete Studie ist eher impressionistisch als prä-raffaelitisch. Doch die Kombination aus einfacher Pose und offenem Appell an die Vorstellungskraft ist auch für die intimeren Aspekte des Prä-Raffaelismus charakteristisch: Die Zeichnungen der Elizabeth Siddal von Dante Gabriel Rossetti sind ein offensichtliches Beispiel dafür.

Mädchen am Fenster

Mädchen am Fenster: Portraitfotografie; Victoria and Albert Museum


Lady Clementina Hawarden (1822 - 1865) war eine Pionierin der Fotografie im viktorianischen England. Sie fertigte über 800 Fotografien an, meist von ihren heranwachsenden Töchtern.

Erich Kästner: Fabian (1931)

„Es geht vielen Frauen so. Wir jungen Männer haben Sorgen. Und die Zeit, die übrigbleibt, reicht fürs Vergnügen, nicht für die Liebe. Die Familie liegt im Sterben. Zwei Möglichkeiten gibt es ja doch nur für uns, Verantwortung zu zeigen. Entweder der Mann verantwortet die Zukunft einer Frau, und wenn er in der nächsten Woche die Stellung verliert, wird er einsehen, dass er verantwortungslos handelte. Oder er wagt es, aus Verantwortungsgefühl, nicht, einem zweiten Menschen die Zukunft zu versauen, und wenn die Fraudarüber ins Unglück gerät, wird er sehen, dass auch diese Entscheidung verantwortungslos war. Das ist eine Antinomie, die es früher nicht gab.“

Fabian setzte sich aufs Fensterbrett. Gegenüber war ein Fenster erleuchtet. Er blickte in ein mäßig möbliertes Zimmer. Eine Frau saß am Tisch und stützte den Kopf in die Hand. Und ein Mann stand davor, gestikulierte mit den Armen, bewegte schimpfend den Mund, riss den Hut von einem Haken und verließ den Raum. Die Frau nahm die Hände vom Gesicht und starrte auf die Tür. Dann legte sie den Kopf auf den Tisch, ganz langsam und ganz ruhig, als warte sie auf ein niederfallendes Beil.

Fabian wandte sich ab und betrachtete das Mädchen, das neben ihm im Lehnstuhl saß. Auch sie hatte die Szene drüben im anderen Haus beobachtet und sah ihn traurig an.

[…]

Am selben Abend fuhr er mit der Untergrundbahn in den Norden hinauf. Er stand am Fenster des Wagens und blickte unverwandt in den schwarzen Schacht, in dem manchmal kleine Lampen vorbeizogen. Er starrte auf die belebten Bahnsteige der unterirdischen Bahnhöfe.
Er starrte, wenn sich der Zug aus dem Schacht emporhob, auf die grauen Häuserzeilen, in düstere Querstraßen und erleuchtete Zimmer hinein, wo fremde Menschen rund um den Tisch saßen und auf ihr Schicksal warteten. Er starrte auf das glitzernde Gewirr der Eisenbahngleise hinunter, über denen er dahinfuhr; auf die Fernbahnhöfe, in denen die roten Schlafwagenzüge ächzend an die weite Reise dachten; auf die stumme Spree, auf die von grellem Leuchtschriften belebten Theatergiebel und auf den sternlosen violetten Himmel über der Stadt.
Fabian sah das alles, als führen nur seine Augen und Ohren durch Berlin, und er selber sei weit, weit weg. Sein Blick war gespannt, aber das Herz war besinnungslos. Er hatte lange in seinem möblierten Zimmer gesessen. Irgendwo in dieser unabsehbaren Stadt lag jetzt Cornelia mit einem fünfzigjährigen Mann im Bett und schloss ergeben die Augen. Wo war sie? Er hätte die Wände von allen Häusern reißen mögen, bis er die zwei fand. Wo war Cornelia? Warum verdammte sie ihn zur Untätigkeit?

"Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" ist ein Großstadtroman von Erich Kästner (1899 - 1974) mit autobiografischen Zügen, der noch der Neuen Sachlichkeit zugerechnet werden kann. Der 1931 bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienene Roman entwirft ein Gesellschaftsbild Berlins am ‚Vorabend‘ der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers.

Edward Hopper

Eine Auswahl von 4 Bildern von Edward Hopper bei denen das Fenster als Motiv eine zentrale Rolle spielt (Büro in New York (1962), Nachtfenster (1928), Raum in New York (1932), Cape Cod Morning (1950)).

Fenster in der Gemälden von Edward Hopper

Collage: Fenster in den Gemälden von Edward Hopper


Edward Hopper (1882 - 1967) war ein amerikanischer Maler des Amerikanischen Realismus. Hoppers in kühler Farbgebung gehaltene realistische Bilder weisen auf die Einsamkeit des modernen Menschen und Leere des modernen Lebens hin. Er gilt als Chronist der US-amerikanischen Zivilisation.

Ilse Aichinger: Das Fenstertheater (1949 / veröffentlicht 1953)

Die Frau lehnte am Fenster und sah hinüber. Der Wind trieb in leichten Stößen vom Fluss herauf und brachte nichts Neues. Die Frau hatte den starren Blick neugieriger Leute, die unersättlich sind. Es hatte ihr noch niemand den Gefallen getan, vor ihrem Haus niedergefahren zu werden. ...
Außerdem wohnte sie im vorletzten Stock, die Straße lag zu tief unten. Der Lärm rauschte nur mehr leicht herauf. Alles lag zu tief unten. Als sie sich eben vom Fenster abwenden wollte, bemerkte sie, dass der Alte gegenüber Licht angedreht hatte. Da es noch ganz hell war, blieb dieses Licht für sich und machte den merkwürdigen Eindruck, den aufflammende Straßenlaternen unter der Sonne machen. Als hätte einer an seinen Fenstern die Kerzen angesteckt, noch ehe die Prozession die Kirche verlassen hat. Die Frau blieb am Fenster.

Der Alte öffnete und nickte herüber. Meint er mich? dachte die Frau. Die Wohnung über ihr stand leer und unterhalb lag eine Werkstatt, die um diese Zeit schon geschlossen war. Sie bewegte leicht den Kopf. Der Alte nickte wieder. Er griff sich an die Stirne, entdeckte, dass er keinen Hut aufhatte, und verschwand im Inneren des Zimmers.

Gleich darauf kam er in Hut und Mantel wieder. Er zog den Hut und lächelte. Dann nahm er ein weißes Tuch aus der Tasche und begann zu winken. Erst leicht und dann immer eifriger. Er hing über die Brüstung, dass man Angst bekam, er würde vornüberfallen. Die Frau trat einen Schritt zurück, aber das schien ihn zu bestärken. Er ließ das Tuch fallen, löste seinen Schal vom Hals - einen großen bunten Schal - und ließ ihn aus dem Fenster wehen. Dazu lächelte er. Und als sie noch einen weiteren Schritt zurücktrat, warf er den Hut mit einer heftigen Bewegung ab und wand den Schal wie einen Turban um seinen Kopf. Dann kreuzte er die Arme über der Brust und verneigte sich. Sooft er aufsah, kniff er das linke Auge zu, als herrsche zwischen ihnen ein geheimes Einverständnis. Das bereitete ihr so lange Vergnügen, bis sie plötzlich nur mehr seine Beine in dünnen, geflickten Samthosen in die Luft ragen sah. Er stand auf dem Kopf. Als sein Gesicht gerötet, erhitzt und freundlich wieder auftauchte, hatte sie schon die Polizei verständigt.

Die Kurzgeschichte aus der Sammlung "Der Gefesselte. Erzählungen." schildert eine einsame und von Sensationslust bestimmte Frau, die in einem Fenster gegenüber ihrer Wohnung einen alten Mann beobachtet, der aus ihrer Sicht durch lustige Gesten und kleine Vorführungen mit ihr Kontakt aufzunehmen versucht. Nach anfänglichem Interesse ändert sie plötzlich ihre Haltung und ruft die Polizei. Als sie mit den Beamten in die Wohnung des Alten eindringt, stellt sie fest, dass die „Theateraufführung“ einem kleinen Jungen gegolten hat, der mit seinen Eltern in die vermeintlich leere Wohnung über ihr eingezogen ist.

Ilse Aichinger (1921 - 2016) war eine österreichische Schriftstellerin. Sie gilt als bedeutende Repräsentantin der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

Alfred Hitchcock: Das Fenster zum Hof (1954)

Der Krimi zeigt James Stewart in der Rolle eines Fotografen, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt und seine Zeit damit verbringt, seine Nachbarn zu beobachten, von denen er einen des Mordes zu verdächtigen beginnt. Grace Kelly spielt Stewarts Freundin, Thelma Ritter seine Krankenschwester, Wendell Corey einen Detektiv und Raymond Burr den verdächtigen Nachbarn.

Szenenfoto: Fenster zum Hof

Das Fenster zum Hof: Foto während der Dreharbeiten mit James Stewart, Grace Kelly & Alfred Hitchcock.


Der Film wird von vielen Zuschauern, Kritikern und Filmwissenschaftlern als einer von Hitchcocks besten Filmen angesehen. Er wurde auch für vier Oscars nominiert - erhielt aber keinen.