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Die Hermeneutik (altgriechisch: "auslegen", "übersetzen") ist die Theorie des Lesens, Erklärens und Interpretierens von Texten. Sie umfasst die Kunst des Verstehens (auch Textanalyse) und der Kommunikation.

Inhalt

Etymologie

Der Begriff Hermeneutik (von griechisch hermeneutikè, Auslegungskunst; hermeneuein bedeutet zunächst "sprechen", "sich ausdrücken") wurde wahrscheinlich erstmals von dem griechischen Dichter Homer (um 800 v. Chr.) verwendet und bezeichnet die Auslegung und Übersetzung von Botschaften, die den Menschen von den Göttern der griechischen Mythologie gegeben werden. Homer ruft zu diesem Zweck den Gott Hermes an, der in der Mythologie als der Erfinder der Schrift und der Sprache gilt.

Die frühe Verwendung des Begriffs "Hermeneutik" verortet ihn innerhalb der Grenzen des Sakralen: Eine göttliche Botschaft muss mit einer impliziten Ungewissheit über ihre Wahrheit empfangen werden. So gab das Orakel von Delphi weder konkrete Anweisungen, noch verbarg es seinen Sinn völlig, vielmehr deutete es an. Diese Mehrdeutigkeit ist eine Irrationalität; sie ist eine Art Wahnsinn, der dem Empfänger der Botschaft zugefügt wird. Nur jemand, der über eine rationale Interpretationsmethode (d. h. eine Hermeneutik) verfügt, kann die Botschaft interpretieren.

Übersicht

Die antike Hermeneutik besteht aus zwei völlig unterschiedlichen Ansätzen: der Logik aristotelischen Ursprungs (ausgehend von Aristoteles' Peri hermeneia oder Über die Auslegung) einerseits und der Auslegung religiöser Texte (z. B. Orphismus oder biblische Hermeneutik) bzw. dem Hermetismus andererseits.
Die moderne Hermeneutik lässt sich in folgende Unterdisziplinen unterteilen:

"Jeder, der sich einem Dialog aussetzt und der kritisch zu vergleichen im Stande ist, kann nicht voraussagen, ob er als der selbe aus dieser Konfrontation herausgeht oder ob ihm durch sprachliche Vermittlung neue Sinnzusammenhänge bewußt werden."

"Sprache setzt Wirklichkeit um in einen abstrakten linearen Ablauf. Wenn wir - über unsere Sprache - der sprachgebundenen Wirklichkeit unsere eigene entgegensetzen können, haben wir die Möglichkeit, zu sagen, wo jene Wirklichkeit reduziert, wo sie übertrieben, verzerrt oder verkehrt dargestellt worden ist. Wir stellen fest, wo etwas fehlt, das das Wirklichkeitsbild beeinflussen würde, wenn es vorkäme; wir registrieren, wo etwas dazugetan worden ist, dessen Anspruch auf Wirklichkeit wir nicht anerkennen (= negative Kritik). Dieser Widerspruch bedeutet die Möglichkeit, uns einer Sprach-/ Wirklichkeitsmanipulation zu entziehen." - Franz Deubzer: Die hermeneutische Methode

 

Entwicklung

In der Antike und im Mittelalter diente die Hermeneutik als Wissenschaft und Kunst der Auslegung (Exegese) grundlegender Texte, besonders der Bibel und Gesetze. In der Neuzeit weitete sich ihr Anwendungsbereich aus. Sie entwickelte sich zu einer allgemeinen Lehre von den Voraussetzungen und Methoden sachgerechter Interpretation und zu einer Philosophie des Verstehens.

Mit der von Immanuel Kant entscheidend beförderten Einsicht in die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit stellte sich für die Hermeneutik seit dem 19. Jahrhundert unter anderem das Problem der geschichtlichen Gebundenheit menschlichen Denkens und Verstehens. Als einflussreichster Vertreter der philosophischen Hermeneutik im 20. Jahrhundert wendete Hans-Georg Gadamer diese Beschränkung ins Positive und stellte das Verstehen in den Zusammenhang eines prinzipiell nicht zu beendenden Gesprächs über die Deutung wichtiger Zeugnisse der geschichtlichen und kulturellen Überlieferung.

Schleiermacher

Es war Friedrich Schleiermacher (1768 - 1834), der die Grundlagen für die zeitgenössische Hermeneutik legte. Schleiermacher hob auch den hermeneutischen Zirkel hervor (der Begriff wurde erst später von Dilthey eingeführt). Um einen Text zu verstehen, muss man das Werk verstanden haben, aber um das Werk zu verstehen, muss man die Texte verstanden haben.

Dilthey

Wilhelm Dilthey (1833 - 1911) sieht in der Hermeneutik die Möglichkeit eines Fundaments für die Geisteswissenschaften. Die Naturwissenschaften versuchen nur, ihren Gegenstand zu "erklären", während die Geisteswissenschaften, insbesondere die Geschichtswissenschaft, auch nach einem "Verstehen" von innen heraus verlangen und daher das Erlebte berücksichtigen müssen.

Heidegger

Martin Heidegger erweitert Diltheys Konzept und versteht an einem bestimmten Punkt die Hermeneutik als die eigentliche Aufgabe der Philosophie, wenn die Existenz - der Gegenstand der Philosophie - nach Interpretation verlangt und wenn sie nichts anderes ist als ein Prozess der Interpretation, ein Selbstverständnis. Die Hermeneutik ist in diesem Sinne eine Überwindung der Phänomenologie, da sie sich auf das bezieht, was sich nicht zeigt, vielmehr ein Bewusstseinsverhältnis zu zerstören, das ein authentisches Verhältnis zum Sein verdeckt. Die Hermeneutik konstituiert somit die Ontologie.

Gadamer

Heideggers Schüler Hans-Georg Gadamer veröffentlichte 1960 das Werk, das noch immer als sein wichtigstes Buch gilt: Wahrheit und Methode.

In diesem Werk wird in Anfechtung der falschen Objektivität, die in den Geisteswissenschaften häufig anzutreffen ist, behauptet, dass "die Methode nicht ausreicht". Ein Werk kann nicht ausschließlich nach unserem eigenen Erwartungshorizont erklärt werden. Die Lektüre erfolgt in der Spannung, die zwischen dem Text der Vergangenheit und dem aktuellen Erwartungshorizont besteht.

Darüber hinaus behauptet Gadamer, dass "jeder Text eine Antwort auf eine Frage ist". Wenn der Text immer noch zu den gegenwärtigen Lesern spricht, bedeutet dies, dass er immer noch eine Antwort auf eine Frage gibt. Die Aufgabe des Historikers ist es, herauszufinden, auf welche Frage der Text in der Vergangenheit geantwortet hat und auf welche Frage er heute antwortet.

Hermeneutischer Imperativ

Der hermeneutische Imperativ nach Gadamer besagt, dass, wer einen Text verstehen will, bereit sein muss, sich von ihm etwas sagen zu lassen. Diese hermeneutische Regel lässt sich auch auf Gespräche (z.B. zwischen Klient und Analytiker) übertragen: "Es könnte sein, dass mein Gegenüber Recht hat."

Weder sachliche Neutralität noch Selbstauslöschung sind gefragt, sondern viel mehr das Sichbewusstmachen der eigenen Vormeinungen und Vor-Urteile. Der oder die Verstehende kann sich niemals neutral einem Text zuwenden. Gleichzeitig relativiert Gadamer den Begriff der absoluten Neutralität, dahingehend dass sie eine Fiktion sei, da es unmöglich sei, dass ein Subjekt sich von sich absolut distanziere. Viel mehr legt Gadamer mit diesem Imperativ nahe, dass Lesende sich ihre Voreingenommenheit bewusst machen sollen, um für die Andersheit des Textes empfänglich zu sein.

Lange Zeit galt der hermeneutische Imperativ des Verstehens innerhalb der historischen Geisteswissenschaften als eine Selbstverständlichkeit: So wie es der Theologie um die rechte Auslegung der Heiligen Schrift und der Jurisprudenz um die rechte Auslegung der Gesetze geht, so schien es der Literaturwissenschaft um die rechte Auslegung literarischer Texte zu gehen. Erst mit dem „linguistic turn“ kristallisierte sich auch die Gestalt einer neuen Literaturtheorie heraus, die sich von den Imperativen der Hermeneutik weitgehend emanzipiert.

Ricoeur

Paul Ricœur unternimmt eine Hermeneutik des Selbst, hermeneutisch insofern, als das Selbst sich nicht durch einfache Introspektion, sondern durch eine Reihe von Symbolen kennt. Es geht darum, den verborgenen Sinn im offensichtlichen Sinn zu entschlüsseln.

Für Ricoeur ist die Psychoanalyse eine Form der Hermeneutik (Interpretation der Symptome des Kranken).

Habermas

Jürgen Habermas kritisierte den Konservatismus früherer Hermeneutiker, insbesondere Gadamer, weil deren Fokus auf die Tradition die Möglichkeiten der Gesellschaftskritik und -transformation zu untergraben schien. Er kritisierte auch den Marxismus und frühere Mitglieder der Frankfurter Schule, weil sie die hermeneutische Dimension der kritischen Theorie vermissten.

Habermas nahm den Begriff der Lebenswelt auf und betonte die Bedeutung von Interaktion, Kommunikation, Arbeit und Produktion für die Gesellschaftstheorie. Er betrachtete die Hermeneutik als eine Dimension der kritischen Gesellschaftstheorie.

Bolten

Jürgen Bolten möchte den Begriff des Zirkels durch den Begriff „hermeneutische Spirale“ ersetzen. Der Vorgriff auf das Ganze des Textes werde durch ein genaueres Verständnis des Einzelnen laufend korrigiert. Der Verstehensprozess führt demnach zu einem ständigen Verstehenszuwachs und ist damit kein zirkuläres Zurückkehren zu seinem Ausgangspunkt:

„Einen Text verstehen heißt demzufolge, Merkmale der Textstruktur bzw. des -inhaltes und der Textproduktion unter Einbeziehung der Text- und Rezeptionsgeschichte sowie der Reflexion des eigenen Interpretationsstandpunktes im Sinne eines wechselseitigen Begründungsverhältnisses zu begreifen. Daß es dabei weder falsche noch richtige, sondern allenfalls mehr oder minder angemessene Interpretationen geben kann, folgt aus der […] Geschichtlichkeit der Verstehenskonstituenten und der damit zusammenhängenden Unabschließbarkeit der hermeneutischen Spirale. […] Der Spiralbewegung entsprechend, unterliegt die Interpretation hinsichtlich ihrer Hypothesenbildung diesbezüglich einem Mechanismus der Selbstkorrektur.“ – Jürgen Bolten: Die Hermeneutische Spirale.

Literatur