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Die Naturlyrik ist eine Sammelbezeichnung für alle Formen der Poesie, in der die Natur als zentraler Gegenstand der Dichtung erscheint. Diese Gedichte beziehen sich auch Naturerscheinungen (Landschaft, Wetter, Tier und Pflanzenwelt) oder auf Erlebnisse mit oder in der Natur.

Inhalt

Beispiele

Eine kleine Auswahl der bedeutendsten Naturgedichte (u.a. aus der Epoche der deutschen Nachkriegsliteratur) von zeitgenössischen Dichtern.

Gelassene Natur

Was kümmert dich, Natur,
Des Menschen Los?
Du hegst und achtest nur
Die Frucht im Schoß.

Nicht störet deine Ruh
Der Lärm der Schlacht;
Nicht weinst und wachest du
Mit dem, der wacht.

Dein Ohr vernimmt es kaum
Das bittre Weh.
Es blüht dein Blütenbaum
So schön wie je.

Manch armer Leib verwest
Lebendig tot,
Indessen du begehst
Das Abendrot.

 

Dir kann es gleichviel sein,
Wer wen erschlug:
Wir gehen in dich ein,
Das ist genug.

Marie Luise Kaschnitz (geborene Marie Luise von Holzing-Berslett; 1901 - 1974) war eine deutsche Erzählerin, Romanautorin, Essayistin und Dichterin. Sie gilt als eine der führenden deutschen Dichterinnen der Nachkriegszeit.

Die heile Welt

Wisse, wenn in Schmerzensstunden
dir das Blut vom Herzen spritzt:
Niemand kann die Welt verwunden,
nur die Schale wird geritzt.

Tief im innersten der Ringe
ruht ihr Kern getrost und heil.
Und mit jedem Schöpfungsdinge
Hast du immer an ihm teil.

Ewig eine strenge Güte
wirket unverbrüchlich fort.
Ewig wechselt Frucht und Blüte,
Vogelzug nach Süd und Nord.

Felsen wachsen, Ströme gleiten,
und der Tau fällt unverletzt.
Und dir ist von Ewigkeiten
Rast und Wanderbahn gesetzt.

Neue Wolken glühn im Fernen,
neue Gipfel stehn gehäuft,
bis von nie erblickten Sternen
dir die süße Labung träuft.

Werner Bergengruen (1892 - 1964) war ein deutsch-baltischer Romancier und Dichter. Er wurde für den Nobelpreis für Literatur nominiert.
Seine bekannteste Novelle "Die drei Falken" (1936) lehnt sich in seinen Strukturen an die Falkennovelle im Decamerone (neunte Novelle des fünften Tages) von Giovanni Boccaccio an.

Selektion

Welche Unordnung die Rosenblätter
Sind aus den Angeln gefallen der Wind
Blies sie ums Haus auf die Gemüsebeete.
Streng getrennt wachsen hier in den Gärten
Magen- und Augenpflanzen, der Schönheit
Bleibt ein einziges Beet
Während den ausgerichteten Reihen
Früher Kartoffeln Möhren Endivien Kohl
Ein Exerzierplatz eingeräumt wird.

Die Wirrnis des Gartens verwirrt
Auch den Gärtner, jetzt muss
Richtet euch Teltower Rüben Rapunzel
Auf den Abfallhaufen Franzosenkraut
Wucherblume falsche Kamille und Quecke
Es ist verboten die nackten Füße
Wieder ins Erdreich zu stecken.

Sarah Kirsch (1935 - 2013, geborene Bernstein) war eine deutsche Schriftstellerin. Charakteristisch für ihre Metaphorik sind Bilder, die in Alltags-, Natur- oder Landschaftsbetrachtung ihren Ausgangspunkt nehmen, aber verfremdet werden oder eine überraschende Wendung erfahren.
Die Autorin kontrastiert dabei oft präzise Naturbeobachtung mit dem Gefühlsleben des lyrischen Ichs oder politischer Reflexion. Eines ihrer literarischen Vorbilder war Annette von Droste-Hülshoff, daneben ist ihr Werk durch Johannes Bobrowski und Wladimir Majakowski beeinflusst.

Damals

Damals ging noch am Abend der Wind
Mit starken Schultern rüttelnd ums Haus.
Das Laub der Linde sprach mit dem Kind,
Das Gras sandte seine Seele aus.
Sterne haben den Sommer bewacht
Am Rand der Hügel, wo ich gewohnt:
Mein war die katzenäugige Nacht,
Die Grille, die unter der Schwelle schrie.
Mein war im Ginster die heilige Schlange
Mit ihren Schläfen aus milchigem Mond.
Im Hoftor manchmal das Dunkel heulte,
Der Hund schlug an, ich lauschte lange
Den Stimmen im Sturm und lehnte am Knie
Der schweigsam hockenden Klettenmarie,
Die in der Küche Wolle knäulte.
Und wenn ihr grauer schläfernder Blick mich traf,
Durchwehte die Mauer des Hauses der Schlaf.

Wald, Bestand an Bäumen

Wald, Bestand an Bäumen, zählbar,
Schonungen, Abholzung, Holz- und Papierindustrie,
Mischwald ist am rentabelsten
Schädlinge, Vogelschutz
Wildbestand, Hege, Jagdgesetze
Beeren, Bucheckern, Pilze, Reisig
Waldboden, Wind, Jahreszeiten,
Zivilisationslandschaft

Zauberwald Merlins
Einhorn (das Tier, das es nicht gibt)
das uns bevorsteht,
das wir nicht wollten
die vergessene Zukunft.

Günter Eich (1907 - 1972) war ein Hörspielautor und Lyriker. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Nachkriegsgedichte "Inventur" und "Latrine", das Hörspiel "Träume" sowie die Prosasammlung "Maulwürfe".

Anziehung

Der Nebel zieht auf,
das Wetter schlägt um.
Der Mond versammelt
Wolken im Kreis.

Das Eis auf dem See
hat Risse und
reibt sich.
Komm über den See.

Sarah Kirsch (1935 - 2013, geborene Bernstein) war eine deutsche Schriftstellerin. Ihre Lyrik ist von der Form her offen, meist ohne Reim und in freiem Versmaß. Dennoch spielt der Rhythmus im Sinne des Atemtempos eine große Rolle, ebenso Zeilenumbrüche, durch die ein "Fließen" oder ein "Stocken" beim Rezitieren erzeugt wird.

Wilde Kastanie

Nicht essbar, doch voll braunem Knallen,
wenn sie die Magd ins Feuer drückt,
die liebste Beere wohl von allen,
nach der das Kind im Herbst sich bückt:
sie hängt in rauher Stachelschale
und unterm breiten Blättestern,
zun groß für eine Amselkralle
und für die kleine Hand zu fern.

Doch wenn der Sturm der roten Blätter
bis in die alten Wipfel stößt,
im raschelnden Oktoberwetter
die Spinne aus dem Netz sich löst,
dann springen braun Kastanienbälle
von allen Ästen der Allee,
sie rollen von des Windes Kelle
getrieben hin auf der Chaussee.

Peter Huchel (1903 - 1981) war ein deutscher Lyriker und Redakteur. In seinen Werken aus der Zeit nach 1925 zeigen sich auch die Kontraste zwischen Kindheitsidylle und Kriegs- und Fluchterfahrungen.

Der Baum

Dann war da dieser Baum.
Nichts weiter als grün,
wenn es soweit war,
mit einem Schatz von Blättern und Vögeln,
Schatten, je nach Tageszeit,
bei schönem Wetter,
ohne Umwelt, für sich,
mit Gewitter und Leuten,
die sich kurz unter ihm liebten,
den Kopf voll Sonne –
ein Gedicht wert wie dieses.
Dieser Baum. Ich warf
einen Stein nach ihm.
Er kam nicht zurück.
Ich bestieg ihn langsam
und verirrte mich
in einem fernen Land.

Karl Krolow (1915 - 1999) war ein deutscher Schriftsteller und Übersetzer.

Ziehende Landschaft

Man muß weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muß den Atem anhalten,
bis der Wind nachläßt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es an das Grab
unserer Mutter.

Hilde Domin (1909 - 2006) war eine deutsche Schriftstellerin jüdischen Glaubens. Sie war vor allem als Lyrikerin bekannt und eine bedeutende Vertreterin des „ungereimten Gedichts“.

Klassiker

Ein Klassiker ist ein herausragendes Beispiel eines bestimmten Stils; etwas von bleibendem Wert oder zeitloser Qualität; von erster oder höchster Qualität, Klasse oder Rang - etwas, das für seine Klasse beispielhaft ist.
Der Begriff "Klassiker" sollte nicht mit dem Begriff "Klassizismus" verwechselt werden, der sich auf bestimmte kulturelle Stile, insbesondere in der Musik, Literatur und der Architektur, bezieht: Stile, die im Allgemeinen von der klassischen Tradition inspiriert sind, daher der Begriff Klassizismus.

Geschichte

Bereits die ersten namhaften Dichter bedienten sich der Natur als Projektionsraum und sprachen ihr nicht selten menschliche oder auch göttliche Attribute zu.

Im Barock wurde die Natur religiös aufgeladen und heilsgeschichtlich gedeutet, während sie selbst eher im Hintergrund stand. Innerhalb der deutschen Lyrik erfolgte eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Natur im 18. Jahrhundert. Barthold Heinrich Brockes gilt mit seiner Gedichtsammlung "Irdisches Vergnügen in Gott" als erster eigenständiger Naturlyriker deutscher Sprache. Obwohl Brockes die Natur thematisierte, unterschied sich seine Lyrik wenig von den seiner Vorgänger. Die Natur ist weiterhin Mittlerin zwischen Mensch und Gott, somit Schöpfung.

Ihren Höhepunkt erreicht sie in der Dichtung des Sturm und Drang und der Romantik, die die Natur als Gegenwelt zur als mangelhaft empfundenen gesellschaftlichen Wirklichkeit zur Idylle verklärte.

In der deutschen Gegenwartsdichtung ist Naturlyrik unter anderem vertreten durch Günter Eich, Sarah Kirsch, Karl Krolow und Peter Huchel.